Foto: Dominique Sohn

Seit vielen Jahren steht im Hof der Bäckerei Müller in Refrath ein Kirschbaum – der zwar zuverlässig blüht, aber nie Früchte trug. Doch in diesem Jahr geschah etwas, womit niemand mehr gerechnet hatte – der Baum hängt voller Kirschen.

Viele Refrather kennen die Bäckerei Müller neben der Refrather Mühle. Wer dort freitags Brot kauft, gelangt über den Zugang an der Straße Niedenhof auf den Hof. Genau dort steht dieser Kirschbaum.

Die Geschichte des Baumes begann vor vielen Jahren. Gepflanzt wurde die Süßkirsche einst vom Vater von Marita, der langjährigen Wirtin der Refrather Mühle. Als Petra und Jochen Müller vor rund zwanzig Jahren in das Haus der Großeltern einzogen, versetzten sie den Baum an seinen heutigen Standort.

Seitdem gehörte er fest zum Hofbild. Jahr für Jahr blühte er zuverlässig, doch Früchte trug er keine. Mehr als zwanzig Jahre lang. Doch in diesem Frühjahr geschah etwas, womit niemand mehr gerechnet hatte: Zum ersten Mal hing der Baum voller Kirschen.

Warum? Ganz genau wird man das vermutlich nie erfahren. Die Natur liefert dafür gleich mehrere mögliche Erklärungen.

Viele Süßkirschsorten sind nicht selbstfruchtbar. Schätzungen zufolge benötigen etwa 80 bis 90 Prozent aller Süßkirschsorten den Pollen einer anderen passenden Kirschsorte, damit Früchte entstehen können. Ohne einen geeigneten Partnerbaum blühen sie zwar üppig, bilden jedoch nur wenige oder gar keine Kirschen.

Anders sieht es bei vielen Sauerkirschen aus. Diese sind häufig selbstfruchtbar und können sich mit ihrem eigenen Pollen bestäuben. Deshalb tragen sie oft auch dann Früchte, wenn kein weiterer Kirschbaum in der Nähe steht.

Damit die Bestäubung gelingt, braucht es jedoch nicht nur den passenden Pollen, sondern auch die richtigen Helfer. Neben Honigbienen spielen Wildbienen und Hummeln eine wichtige Rolle. Gerade bei früh blühenden Kulturen wie Süßkirschen gelten Mauerbienen und Hummeln als besonders wertvolle Bestäuber, da sie bereits bei niedrigeren Temperaturen unterwegs sind.

Eine einzige Biene kann an einem Tag mehrere tausend Blüten besuchen. Dabei kennt sie keine Grundstücksgrenzen. Für sie ist ganz Refrath ein einziger Lebensraum.

Vielleicht liegt genau hier die Erklärung für den Kirschbaum am Niedenhof. Möglicherweise steht inzwischen ein passender Kirschbaum in der Nachbarschaft. Vielleicht hat sich auch die Zahl der Bestäuber erhöht. Ebenso denkbar ist, dass Wetter, Blüte und Insektenflug in diesem Frühjahr einfach perfekt zusammengepasst haben.

Ganz genau wird man es wohl nie erfahren. Es sei denn, ein Nachbar meldet sich auf diesen Artikel und verrät, dass bei ihm wahrscheinlich der passende Kirschbaum gepflanzt wurde.

Ein ausgewachsener Kirschbaum kann je nach Sorte, Standort und Alter zwischen 20 und 100 Kilogramm Früchte tragen. Doch jede einzelne Kirsche beginnt als Blüte. Nur wenn sie erfolgreich bestäubt wird, kann daraus eine Frucht entstehen. Obwohl ein großer Baum zehntausende Blüten trägt, entwickelt sich nur ein Teil davon tatsächlich zu Kirschen.

Der Kirschbaum am Niedenhof zeigt eindrucksvoll, wie sehr Obstbäume auf passende Partnerbäume, fleißige Bestäuber und gute Bedingungen angewiesen sind.

Fest steht: Obstbäume sind Teamplayer.

Wer also beim nächsten Brotkauf in den Niedenhof kommt, sollte ruhig einmal nach oben schauen.

Dort hängen nicht nur Kirschen. Dort hängen auch die Früchte einer guten Nachbarschaft. Denn ohne einen passenden Partnerbaum und die Hilfe vieler fleißiger Bestäuber hätte es diese Ernte vermutlich nie gegeben.

Manchmal helfen wir uns in Refrath, ohne es überhaupt zu wissen.

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