Anne Kathrin Kötter und Ludger Nohr behandeln Patient:innen im Praxisbus ehrenamtlich. Fotos: Redaktion

Der Caya-Praxisbus ist seit drei Monaten in Bergisch Gladbach im Einsatz. Er ist wie eine Hausarztpraxis ausgestattet und bietet Menschen ohne festen Wohnsitz oder ohne Krankenversicherung eine kostenlose medizinische Versorgung an. Auch wenn das Angebot anfangs noch zögerlich angenommen wurde: Der Bedarf ist da.

Nicht alle Menschen gehen gern zum Arzt. Es gibt aber auch Menschen, die gern zum Arzt gehen würden, die medizinische Hilfe benötigen, aber nicht bekommen. Etwa weil sie nicht krankenversichert sind, keinen festen Wohnsitz haben, sich schämen, schlechte Erfahrungen gemacht haben. Menschen am Rande der Gesellschaft. An diese Menschen richtet sich der Caya-Praxisbus.

Seit etwas über drei Monaten ist er in Bergisch Gladbach im Einsatz, um Obdachlose und sozial benachteiligte Menschen kostenlos medizinisch zu versorgen. Der schwarze Transporter mit der Aufschrift „Mobile Medizin für Menschen“ ist innen wie eine Hausarztpraxis ausgestattet. 

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Rollende Praxis mit verschiedenen Fachgebieten

Allerdings ist es eine besondere Praxis: Feste Termine werden nicht vergeben und alle Ärzt:innen arbeiten ehrenamtlich. Sie decken ein breites Spektrum von Fachrichtungen ab – von der Allgemeinmedizin (also dem typischen Hausarzt) über Chirurgie, innere Medizin, Urologie bis hin zur psychologischen Beratung. 

Fest zum Team gehört Ludger Nohr: Der 75-Jährige ist Kinderarzt und Psychotherapeut und seit 2018 offiziell im Ruhestand. „Ich finde die Idee sehr gut“, sagt Nohr. Auch wenn das Angebot anfangs erst zögerlich angenommen worden sei, zeigten die bisherigen Kontakte, dass es einen Bedarf gebe. 

„Häufig haben Patient:innen die Erfahrung gemacht, dass sie in Arztpraxen nicht erwünscht sind“, berichtet Nohr. Vor kurzem habe ein Patient zu ihm gesagt: „Das ist das erste Mal, dass ich von einem Arzt wertschätzend behandelt werde.“ Diese Rückmeldung zeige, wie notwendig das Angebot sei. 

Die Sache mit der Scham

„Viele obdachlose Menschen schämen sich, zum Arzt zu gehen, weil sie sich im Hinblick auf ihr Äußeres und ihren Geruch als nicht wartezimmerfähig fühlen“, erklärte Andreas Teipel beim Start des Angebots in Bergisch Gladbach.

Teipel gehört zu den Caya-Gründungsmitgliedern und arbeitet als Arzt in einer Praxis am Marien-Krankenhaus. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Wohnungslosen betrage 47 Jahre. „Das ist erschreckend, das wollen wir verbessern.“

Zur Sache: Das Projekt und seine Finanzierung

Der Caya-Verein trägt sämtliche Kosten rund um den Betrieb des Praxisbusses – einschließlich medizinischer Ausstattung, kostenloser Medikamentenabgabe, Fahrtkosten, Reinigung und Unterstellmöglichkeiten.

Die Stadt Bergisch Gladbach beteiligt sich symbolisch an den Kosten mit einem Zuschuss von 100 Euro pro Einsatz, was rund 400 Euro monatlich entspricht. Verschiedene Unternehmen und Institutionen unterstützen das Angebot Spenden.

Nach Schätzungen von Diakonie und Platte e.V. gibt es in Bergisch Gladbach einen Kreis von 200 bis 250 Menschen, die das Hilfsangebot in Anspruch nehmen. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet, um Wirksamkeit und Bedarf zu analysieren. 

Der Caya-Bus ist neben Bergisch Gladbach auch in Gummersbach, Köln und Opladen im Einsatz.

Jeden Mittwoch von 13 bis 16 Uhr steht Bus vor der Suppenküche der Gemeinde St. Laurentius (Laurentiusstraße 12) in der Innenstadt. Betrieben wird die mobile Praxis vom gemeinnützigen Verein Caya e.V. („Come as you are“) aus Köln-Mülheim. Ziel ist es, medizinische Versorgung unkompliziert, respektvoll und ohne bürokratische Hürden dorthin zu bringen, wo sie benötigt wird.

Was der Praxisbus bietet

Der Praxisbus bietet alle medizinischen Leistungen wie eine Hausarztpraxis an –Wundversorgung, Blutabnahme, Impfungen, Ultraschall und EKG. Neben akuten Infektionen behandeln die Ärzt:innen chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes, verschreiben Schmerzmittel, Antibiotika oder andere Medikamente. 

Auch Anne Kathrin Kötter ist ehrenamtlich im Praxisbus im Einsatz – nach ihrer eigentlichen Arbeit in ihrer Hausarztpraxis in Paffrath. „Der Austausch im Team ist toll. Wir haben alle die gleiche Motivation, warum wir uns engagieren“, so Kötter. „Wir arbeiten auf einem sehr hohen medizinischen Niveau. Unser Vorteil ist, dass wir verschiedene Fachärzte im Team haben.“ Genau wie Nohr ist auch Kötter beim Kältebus des Vereins „Die Platte“ ebenfalls im Einsatz.

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Die meisten Patient:innen kommen mit Wundinfektionen und Hautkrankheiten, viele haben Leberprobleme aufgrund von Drogen- oder Alkoholkonsum. „Mir ist es wichtig, dass ich die Patienten nicht belehre oder kritisiere. Ich beantworte Fragen und kläre sachlich über mögliche Folgen auf“, betont Nohr.

Auch mit psychischen Anliegen seien Patienten schon gekommen. „Ich habe als Psychoanalytiker natürlich früher ganz anders gearbeitet: Statt 300 Therapiestunden auf der Couch kann ich in diesem Rahmen nur eine kurze Beratung anbieten“, erklärt Nohr.

Anamnese und Dokumentation

Obwohl die Patient:innen das Angebot niederschwellig, ohne Termin und ohne Versichertenkarte nutzen können: Wie in einer regulären Arztpraxis finden eine gründliche Anamnese und eine Dokumentation statt. Neben Daten wie Name, Alter und (früherer) Wohnort werden Vorerkrankungen, die Krankengeschichte sowie möglicher Drogen- und Alkoholkonsum abgefragt. 

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Das Ärzte-Team möchte den Patient:innen des Praxisbusses vermitteln, „dass wir sie so annehmen, wie sie sind. Wir hören ihnen zu und nehmen sie ernst“. Nur so könne eine Vertrauensbasis entstehen.

Und die ist wichtig, um den Patient:innen langfristig und nachhaltig zu helfen. Damit sie wiederkommen, um beispielsweise nicht nur eine erste Impfdosis zu erhalten, sondern auch die Folgetermine für eine vollständige Immunisierung wahrnehmen. Bisher erlebt Ludger Nohr die Patient:innen als „sehr freundliche und interessante Menschen, die mitunter heftige Abstürze und Schicksalsschläge erlebt haben“.


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ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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  1. Das ist eine wirklich positive Nachricht in diesen Zeiten. Soviel Engagement was diese Menschen im Ehrenamt leisten wäre mal eine Würdigung wert und generiert hoffentlich viele Spenden aber
    z. B. nicht ein Bundesverdienstkreuz für einen Kirmes-Organisator! Das ist billig und inflationär!

    1. #FrankSiefen #Verdienste gegenzurechnen ist zwar nicht inflationär, jedoch billig… MfG Dieter Richter

  2. Seit über 30 Jahren bin ich in einer Obdachlosenküche in Leverkusen aktiv. Alle 10 Jahre flammt das Politversprechen auf, dass es in 10 Jahren keine Obdachlosigkeit mehr geben wird.

    Wer gestern Abend den amerikanisch/französischen Beitrag “Tax Me” auf Arte-TV, (https://www.youtube.com/watch?v=vU5C7FjuHuE) verfolgt hat, weiß dass auch unsere deutsche Gesellschaft mit Beschwichtigungen abgefunden wird.

    Auszug aus dem Ankündigungstext, Zitatanfang

    “Die Superreichen stehen im Visier von Politik und Öffentlichkeit. In Kanada, Großbritannien, Spanien, Frankreich und Deutschland wird über Reichensteuern diskutiert. Dabei stellt sich überall dasselbe heraus: Die Vermögendsten zahlen nicht ihren gerechten Anteil. Sie senken seit rund 40 Jahren Schritt für Schritt ihre Steuern und machen sich alle Lücken im System zunutze.
    Überdies etablierten sie ein Narrativ, demzufolge eine Reichensteuer eine Gefahr für die Wirtschaft darstelle – eine Theorie, die in den USA unter Präsident Ronald Reagan entstand und seitdem von Politikern, Politikerinnen und Medienhäusern im Besitz von Milliardären verbreitet wird. Das Ergebnis: Innerhalb von 20 Jahren versechsfachte sich das Vermögen der Superreichen, während ihr Steuersatz gleichzeitig in den Keller ging. Damit stellt sich heute zwangsläufig die Frage: Wer kontrolliert die Einhaltung der Spielregeln?”

    Zitatende.

    Es geht nicht um marxistische Ideologien, sondern darum, dass einige Superreiche (darunter Disney-Tochter) eine Initiative gegründet hatten, in der sie ihren Staat (USA) aufforderten, gerechte Steuern auch für Milliardäre einzufordern…

    Ein Paradigmenwechsel jenseits der gängigen Ideologien wird aufgezeigt, wenn wir uns die Zielsetzung der “Tax Me”-Bewegung genauer anschauen: “Marxistische Ideologien liegen uns selbstredend fern. Aber, wir wollen nicht nur ein komfortables Leben führen. Wir wollen auch, dass es dem Land, in dem wir leben und dem wir alles zu verdanken haben – mit den anderen Menschen darin -, gut geht. Das funktioniert allerdings nur, wenn auch wir Vermögenden unseren Beitrag leisten!”.

    Wer diese Aspekte nun noch in den aktuelle Wahlerfolgsdiskurs der AfD mit einbezieht, kommt der zweifelhaften Rolle neoliberaler “Volksparteien” sogar ein gutes Stück näher.

    Wann endlich kommt ein gleichartiger Bericht über Deutschland von unserern Fernsehmachern – oder habe ich mal wieder was verpasst?

    MfG Dieter Richter

  3. Caya : Come as you are!
    Danke für diese kleine mobile Arztpraxis für Obdachlose und Menschen ohne Krankenversicherung.
    Danke für euer Engagement

  4. Eine sehr gute und wichtige private Einrichtung. Der Caya e.V. finanziert sich ausschließlich aus privaten Spenden. Der Anspruch auf medizinische Versorgung ist ein Menschenrecht. Man fragt sich, wieso es für diese Menschen keinen Platz im staatlichen bzw. quasistaatlichen Gesundheitswesen gibt, wo Milliardenbeträge von einer Ecke in die andere geschoben werden.

    1. Hallo Herr Jorberg, mir ist eher nicht klar, warum ein Mensch in Deutschland nicht krankenversichert ist – obwohl es doch eine Versicherungspflicht gibt.

      1. Das habe ich mich auch gefragt. Die Pflicht gibt es, aber sie sorgt nicht automatisch dafür, dass jemand versorgt wird. Wer Beiträge selbst zahlen muss und damit in Rückstand gerät, etwa nach einer gescheiterten Selbstständigkeit, bekommt irgendwann nur noch Notfallbehandlung. Und EU-Bürgerinnen und -Bürger ohne Arbeit fallen oft ganz durchs Raster, weil sie weder unter die Versicherungspflicht fallen noch Bürgergeld bekommen. Dazu kommt, dass man Leistungen erst beantragen muss, was ohne Papiere und Adresse schwer ist. Genau in diese Lücken gehen Angebote wie der CAYA-Bus.

      2. Erstmals in der deutschen Sozialgeschichte besteht seit 1. Januar 2009 für alle Bürgerinnen und Bürger die Pflicht, eine Krankenversicherung abzuschließen. Dies gilt auch für Beamte. Im Zeitraum vom 1. April 2007 bis 31. Dezember 2008 galt die Versicherungspflicht (noch) nicht für Personen, die einen anderweitigen Anspruch auf Absicherung im Krankheitsfall nachweisen konnten, wie etwa die Beihilfe oder Heilfürsorge.

        Mit dem Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung wurden alle Bürgerinnen und Bürger verpflichtet, sich in einer Krankenversicherung zu versichern. Die geschätzten 200.000 bis 300.000 Bürgerinnen und Bürger, die zu diesem Zeitpunkt keinen Versicherungsschutz besaßen, erhielten somit die Möglichkeit, in die Solidargemeinschaft zurückzukehren und sich durch Mitgliedschaft in einer Krankenversicherung gegen das finanzielle Risiko einer Krankheit abzusichern. Niemandem kann künftig der Versicherungsschutz – zum Beispiel wegen Beitragsrückstand – vollständig entzogen werden. Wer sich zu spät versichert, zum Beispiel erst, wenn er erkrankt ist, musste nicht bezahlte Beiträge nachzahlen.

        Leider haben sich nicht alle, die damals das Recht hatten, sich zu versichern (ohne Nachzahlung) diese Möglichkeit genutzt. Des Weiteren gab es Zuzug aus dem Ausland, Personen, die kein Aufenthalts- oder Bleiberecht haben und sich an keiner Stelle im deutschen Sozialsystem angemeldet haben. Damit besteht auch für diese kein Versicherungsschutz in GKV oder PKV. Und auch viele Personen, die aus der z.B. kostenfreien Familienversicherung herausfallen, wegen Überschreitens der Altersgrenze, sich dann nicht um ihren Versicherungsschutz kümmern.

        Grundsätzlich sind diese bei ihrer für sie zuletzt zuständigen Krankenkasse weiterversichert, aber vielen ist das einfach nicht bekannt. Manche können sich auch nicht mehr an ihre Krankenkasse erinnern (z.B. alte Menschen, Drogenabhängige).

        Prominente Beispiele gibt es auch siehe Heinz Hönig, der sich jahrelang offensichtlich nicht um die Zahlung seiner Beiträge bei der PKV kümmerte, nun erst seit dem 01.04.2026 wieder versichert ist im Basistarif- mit offenen Beitragsforderungen für die vergangenen Jahre.

  5. Ein großes herzliches Dankeschön an Anne-Kathrin Kötter und Ludger Nohr für diese so besonders wichtige Arbeit.