Harald Mohr und Susanne Rosenbaum im Stück „Bitte (nicht) einsteigen“ im THEAS Theater. Fotos: Philipp J. Bösel

Das THEAS-Ensemble verwandelt in „Bitte (nicht) einsteigen!“ eine Bushaltestelle in einen Ort voller Geschichten. Hier wird geschubst, gestritten, geliebt und gestorben. Und manchmal reicht ein Lied, um aus einer schmuddeligen Haltestelle eine kleine Kathedrale zu machen. Die Audiodeskription für Menschen mit Sehbehinderung ist Teil der Inszenierung – und verändert dabei auch den Blick des Publikums. 

Auf der Bühne stehen ein Kiosk, eine Bank, ein Mülleimer und – im Mittelpunkt – ein Haltestellenschild. Noch ist es früh am Morgen, doch schon herrscht reger Verkehr: Eine Joggerin läuft ihre Runde, Berufstätige eilen zur Arbeit, die Müllabfuhr räumt auf. Alle sind unterwegs. Nur der Kioskbesitzer hat die Ruhe weg.

Dabei trägt der Abend ausgerechnet den Titel „Bitte (nicht) einsteigen!“. Was geschieht, wenn man einmal nicht weiterfährt? Wenn man bleibt, innehält und den Menschen zuschaut, die hier vorüberkommen?

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Einen Tag lang wird die Haltestelle zum Treffpunkt für Menschen, die einander sonst vermutlich nie begegnen würden. Wir erleben Episoden aus einem Ehealltag, die Träume zweier Müllfrauen, die Kampfansage einer Animierdame und die letzten Stunden einer obdachlosen Frau.

Die philosophische Haltestelle spricht

Auch die Haltestelle selbst meldet sich immer wieder zu Wort. Sie wundert sich über all die Menschen, die sich bei ihr niederlassen, streiten, warten und wieder verschwinden. Sie ist nicht nur Kulisse, sondern eine stille Beobachterin des menschlichen Kommens und Gehens.

Dazu spielt Leonard Cohens „Waiting for the miracle to come“. Doch das Wunder kommt nicht unbedingt mit dem nächsten Bus. So kommentiert die Haltestelle, dass manche Menschen so lange auf den richtigen Zeitpunkt warten, bis sie beinahe ihr ganzes Leben verpasst haben.

Udo Passon. Foto: Philipp J. Bösel

Sehen, was sonst übersehen wird

Mit dem Kioskbesitzer, gespielt von Udo Passon, kommt ein ungewöhnliches Element in die Inszenierung: Er beschreibt, was auf der Bühne geschieht.  Diese Audiodeskription macht die Aufführung für Menschen mit Sehbehinderung zugänglich. 

Zur Sache: Audiodeskription

Die Audiodeskription ist eine Tonspur. Auf ihr werden die Handlung, die Kostüme und Gesichtsausdrücke der Schauspieler:innen beschrieben. So können Menschen mit Sehbehinderung dem Geschehen besser folgen. Im Theater werden diese Informationen normalerweise den sehbehinderten Menschen über Kopfhörer vermittelt.

In dieser Inszenierung trägt Udo Passon als Kioskbesitzer die Beschreibungen jedoch live vor; sie sind also für das gesamte Publikum hörbar.

Damit wird die Audiodeskription selbst zu einem Bestandteil der Aufführung. Das war auch für das Ensemble eine Herausforderung, denn sie mussten sich in ihren Bewegungen und Einsätzen daran anpassen.

Anfangs ist es ungewohnt, etwas gleichzeitig zu sehen und noch einmal in Worten beschrieben zu bekommen. Doch dann verändert sich die eigene Wahrnehmung. Man schaut genauer hin: Wie steht ein Mensch da? Was verrät seine Kleidung? Wie bewegt er sich?

Plötzlich sieht man nicht weniger, sondern mehr.

Wie schwierig es sein kann, sich als blinder Mensch durch Bergisch Gladbach zu bewegen, zeigt Johannes Willenberg. Ein Stück weit gehen wir mit ihm durch die Stadt. Straßen mit blindenfreundlichen Querungen zu finden, ist keineswegs selbstverständlich. Die Haltestelle wird damit auch zu einem Ort, an dem sich entscheidet, wer teilhaben kann – und wer draußen bleibt.

Norbert Bonn, Kornelia Eng-Huniar, Harald Mohr, Susanne Rosenbaum, Udo Passon, Ann-Kathrin Schläger, Claudia Timpner, Johannes Willenberg. Foto: Philipp J. Bösel

Klug, komisch und unsichtbar

Melancholisch wird der Abend mit dem Auftritt einer obdachlosen Frau, großartig gespielt von Susanne Rosenbaum. Die anderen möchten sie am liebsten übersehen. Doch ausgerechnet sie beobachtet genau.

Als ein Paar sich streitet, hört sie zu und berät die beiden so klug und einfühlsam, dass man sie am liebsten umarmen möchte. Die Frau, die niemand sehen will, erkennt mehr als alle anderen.

Kornelia Eng-Huniar, Susanne Rosenbaum. Foto: Philipp J. Bösel

Kornelia Eng-Huniar singt „Somewhere over the Rainbow“. Das Lied verspricht einen Ort jenseits der alltäglichen Sorgen. Einen Ort, an dem Träume wahr werden könnten. Vorausgesetzt man nimmt den richtigen Bus oder die S11 verspätet sich nicht schon wieder. 

Ihre Sopranstimme erhebt sich über Bank, Mülleimer und Haltestellenschild. Für einen Moment wird aus diesem schmuddeligen Ort eine kleine Kathedrale. 

Schiller an der Haltestelle

Neben den stillen Momenten gibt es viel Situationskomik. Eine wohlhabende, aber ungebildete Dame trifft auf einen Professor, gespielt von Harald Mohr. Der Professor versucht sich an einer Einführung in die deutsche Literatur und wirft mit Zitaten nur so um sich. Bildungsbürger trifft Bildungsnotstand – ausgerechnet an einer Haltestelle.

„Bitte (nicht) einsteigen! – Ein Szenenersatzverkehr“

Inklusiv für Menschen mit Sehbehinderung

Samstag, 19. September, 20 Uhr
Sonntag, 20. September, 18 Uhr

Es spielen: Frank Albrecht, Norbert Bonn, Kornelia Eng-Huniar, Harald Mohr, Susanne Rosenbaum, Udo Passon, Ann-Kathrin Schläger, Claudia Timpner und Johannes Willenberg

Regie: Stephan Grösche

THEAS Theater
Jakobstraße 103, Bergisch Gladbach

Eintritt: 19 Euro, ermäßigt 12 Euro

Das ist die Lieblingsszene von Jeremy Prison und Noël Berberich. Die beiden Oberstufenschüler der Gesamtschule Kürten sind bei den Aufführungen für Licht und Ton verantwortlich. Konzentriert verfolgen sie die Szenen und sorgen dafür, dass Sprache, Musik und Licht im richtigen Augenblick zusammenkommen.

Ann-Kathrin Schläger, Claudia Timpner. Foto: Philipp J. Bösel

Die Musik erzählt die Geschichte

Irgendwie hat man die Figuren auf der Bühne alle schon einmal in Bergisch Gladbach gesehen: die Eiligen, die Besserwisser, die Übersehenen und jene Menschen, die ungefragt ihre ganze Lebensgeschichte erzählen. 

Regisseur Stephan Grösche hat Texte unter anderem von Erich Kästner, Kurt Tucholsky und Raoul Biltgen zu einem episodischen Stadtpanorama verbunden. Dabei entstehen Figuren, die freiwillig oder unfreiwillig einiges an Lebensklugheit preisgeben.

Udo Passon, Norbert Bonn, Johannes Willenberg, Ann-Kathrin Schläger, Claudia Timpner, Susanne Rosenbaum, Kornelia Eng-Huniar, Harald Mohr. Foto: Philipp J. Bösel

Die Musik gibt den einzelnen Geschichten ihren emotionalen Tiefgang. Kornelia Eng-Huniar, die neue Intendantin des THEAS, ist ausgebildete Opernsängerin. Begleitet vom Gitarristen und Schauspieler Frank Albrecht verbindet sie die Episoden miteinander.

Es gibt noch wenige Karten für die zwei Aufführungen am kommenden Samstag und Sonntag.

die Diplom-Betriebswirtin ist Journalistin und Theaterpädagogin.

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