Frau Jasper arbeitet als Klofrau im Löwencenter

„Wo die Liebe hinfällt.“

Das ist einer der ersten Sätze, die ich von der Klofrau im Löwencenter zu hören bekomme.

Sie sitzt im Vorraum der Toilettenanlage und löst Kreuzworträtsel, als ich sie frage, ob sie mit einem Interview einverstanden sei. Sie sagt spontan zu und hat auch kein Problem mit der Bezeichnung Klofrau. Als ich ihren Mut bewundere, meint sie:

“Warum soll ich mich schämen? Ob Klofrau oder nicht, egal, welcher Name es ist, die Arbeit ist immer die gleiche. Und meine Arbeit wird von vielen Leuten geschätzt. Viele kennen mich ja und sagen, wenn sie kommen: ‘Hallo, Marie-Luise, wie gut, dass du heute da bist.’“

Als sie mir erklärt, sie wohne im rechtsrheinischen Köln, stamme aber nicht von dort, will ich wissen, wie sie denn nach Köln kam, und seit wann sie dort lebe.

„Seit 1990.”

Vorher hat sie in Wuppertal gewohnt.

„Und warum zogen Sie nach Köln um?“ ist meine nächste Frage.

Dann dieser irreführende Satz:

„Wo die Liebe hinfällt.“

Sie habe sich in einen Menschen verliebt, der in Köln wohnte, oder mit ihr nach Köln zog, dachte ich. Erst später wird mir bewusst, wie sich ihr Mund bei dem Satz in Ironie und Bitterkeit verzieht.

Leider war nämlich die Wirklichkeit anders – und schmerzlich. Ihr Mann, mit dem sie schon 14 Jahre verheiratet war, und mit dem sie drei Kinder hat, die mittlerweile längst erwachsen sind, betrog sie mit einer anderen, jüngeren Frau.

Als ihr Mann nach einiger Zeit zu ihr zurückkehren wollte, habe sie ihm gesagt:

„Weißt du was, ich haue ab!“

„Sie können ihn wiederhaben“, meinte sogar die junge Frau, deren Ehe mittlerweile natürlich auch kaputt war.

Doch nun wollte Frau Jaspers (Name von der Redaktion geändert) nicht mehr. Die Enttäuschung war einfach zu groß. Sie zog nach Köln, um dort ein neues Leben anzufangen. Leicht war das nicht für sie. Mittlerweile hat sie eine schwere Darm-Operation hinter sich und ist stark gehbehindert. Deshalb hatte sie es auch schwer, Arbeit zu finden.

„Haben Sie denn einen neuen Lebenspartner gefunden?“

„Nein, die wollen einen doch alle nur ausnutzen. Ich habe die Nase voll von Alkoholikern und Rauchern.“

Sie lebt nun alleine in Köln, nur mit einem Hund, einem Pudel.

„Und was macht Ihr Hund, während Sie hier arbeiten?“

„Dann ist der bei einer Nachbarin.“

Wenn sie zu Hause in ihrer 55 qm-Wohnung ist, führt sie den Hund Gassi am Bahndamm in der Nähe. Sie betont, dass sie immer Papier mitnimmt, um die Umgebung von den Geschäften ihres Lieblings zu säubern.

„So komme ich wenigstens regelmäßig an die frische Luft.“

In ihrer Freizeit geht sie viel spazieren. Manchmal fährt sie auch Fahrrad. Obwohl sie dieses Jahr schon 70 geworden ist. Ihr Exmann ist schon gestorben.

„An Alkohol und Nikotin.“

Sie schaut nicht viel Fernsehen. Nur ab und an einen Heimatfilm. Allerdings jeden Tag die Tagesschau.

„Man muss doch wissen, was alles so passiert. Und die Wetterkarte ist auch wichtig.“

Auf ihrem Laptop spielt sie manchmal Skat.

Ab und zu wird sie von ihren Kindern besucht. Sie hat eine Tochter und zwei Söhne, dazu fünf Enkelkinder. Allzu häufig sind diese Besuche aber nicht, da alle nicht ganz in der Nähe wohnen. Mit den Enkeln, die im Alter von 18 bis 6 sind, telefoniert sie manchmal. Zuerst waren sie alle von der Schule begeistert, mittlerweile wissen sie, dass man dafür immer früh aufstehen muss. Das setzte der Begeisterung Grenzen.

Heiligabend feiert sie immer mit der Familie ihres jüngsten Sohns, der immerhin schon 38 ist. Vor kurzem noch hat sie ihrem Sohn einen Tapeziertisch geliehen, der bei ihr immer im Keller steht.

Frau Jasper, eine Kundin – und deren Hund.

Unser Gespräch wird unterbrochen, als eine Kundin, die sie kennt, ihr ihren Hund zur Aufbewahrung übergibt. Für beide ist das wie selbstverständlich, offensichtlich auch für den grazilen Hund.

„Ich bin durch Bekannte auf diese Arbeitsmöglichkeit hier aufmerksam gemacht worden“, sagt sie, während wieder eine Münze von einem Kunden auf ihrem Tellerchen klingelt.

Sie arbeitet zweimal in der Woche hier. Mit dem Geld, das sie hier verdient, und ihrer Rente zusammen kommt sie finanziell einigermaßen über die Runden, wie sie sagt.

Manchmal aber hat sie auch unangenehme Erlebnisse.

„Wenn Kunden nicht wissen, wie man eine Toilette benutzt. Da habe ich schon Sachen erlebt, die können Sie sich gar nicht vorstellen.“

Hinter Frau Jaspers steht ein Tischchen, das mit künstlichen Blumen geschmückt ist. Daneben befinden sich auch eine Sprühflasche mit Sagrotan und eine Bürste. Damit reinigt sie ständig die Toiletten, je nach Bedarf. Am Ende des Tages muss sie natürlich alles gründlich putzen.

Der liebevoll geschmückte Werkzeugtisch

Sie arbeitet gerne hier.

„Bergisch Gladbach war aber einmal schöner, mit den vielen Bäumen. Auf dem neuen Pflaster kann man zwar besser gehen. Aber was sie jetzt machen, finde ich nicht schön. Wo sind zum Beispiel die Bronze-Schafe geblieben? Und dann die ganzen Bäume!“

„Aber es sollen doch neue Bäume gepflanzt werden.“

Daran glaubt sie nicht.

Einen besonderen Wunsch für ihr Leben hat Frau Jaspers nicht. Nur Gesundheit, und dass alles einigermaßen so bleibt ,wie es ist.

Ich bedanke mich bei ihr für ihre Bereitschaft zu dem Interview und beglückwünsche sie noch einmal zu dem Mut, uns ihre persönliche Geschichte zu erzählen.

Sie beugt sich wieder über ihr Heft mit Kreuzwort-Rätseln und erwartet die nächsten Kunden.

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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