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Tagebuch: DRK RheinBerg kämpft gegen die Flut

Geschafft, aber glücklich. Die Helfer sind aus Magdeburg zurück. Foto: Axel Müller

Geschafft, aber glücklich. Die Helfer sind aus Magdeburg zurück. Foto: Axel Müller

Text: Christian Schulz, Anna Nicolai

Am 7. Juni 2013 um 15:27 Uhr erhielten wir, die ehrenamtlichen Helfer des Deutschen Roten Kreuzes aus dem Rheinisch-Bergischen Kreis, die Alarmierung zum Hochwassereinsatz in das Krisengebiet Magdeburg.

Unser Einsatzauftrag lautete: „Versorgt den mobilen Führungsstab Rheinland“.

Zum Zeitpunkt der Alarmierung hatten wir zum Glück schon zum Großteil unsere Taschen gepackt, da ein entsprechender Voralarm bereits seit Dienstag existierte. Seit Tagen  erfolgten wir immer wieder die aktuellen Nachrichten zur Hochwassersituation in Sachsen-Anhalt und auch uns entging es nicht, dass sich die Situation immer weiter zuspitzte. Der Verdacht wir könnten auch alarmiert werden verstärkte sich immer weiter bis die Alarmierung schließlich eintrat.

Gegen 17:30 Uhr trafen wir mit einer Menge weiterer Helfer an der Einsatzzentrale des DRK- Kreisverbandes des Rheinisch-Bergischen-Kreises ein. Es herrschte ein reges

Das Einsatzkommando in Magdeburg. Foto: WSA

Treiben. So wurden Autos mit letzten Materialen beladen, Helfer registriert, Absprachen getroffen und neu eintreffende Helfer freudig begrüßt. Bereits nach kurzer Zeit war es soweit: die Abfahrt nahte und eine Vorfreude, aber auch eine gewisse Anspannung vor den bevorstehenden, noch ungewissen Aufgaben verbreitete sich unter uns. Aber ein „Zurück“ kam für keinen von uns in Frage.

Wir alle haben uns irgendwann mal dazu entschieden in genau solchen Krisensituationen zu helfen. Wir haben bei Arbeitgebern Absprachen getroffen und Pläne ausgearbeitet, falls die Situation eintreffen sollte, dass wir von unserer Arbeit fern bleiben würden. Und genau dies war nun der Fall: eine Woche Magdeburg – wir kommen um zu helfen!

Um 19 Uhr geht es dann endlich los. In Kolonne, das heißt wir fahren alle zusammen! Erst einmal nur bis zur Feuerwehr nach Leverkusen um dort weitere Kameraden und Kameradinnen abzuholen. Dann geht es anschließend gemeinsam weiter in Richtung Magdeburg. Über das Radio erreichen uns immer wieder die aktuellsten Informationen zur Hochwasserlage in Magdeburg. Nach kurzem Zwischenstopp in Bielefeld kommen wir schließlich gegen 6 Uhr des nächsten Tages in Magdeburg an.

Wir sind alle sichtlich erschöpft, aber sich nun schlafen zu legen kommt für keinen von uns in Frage!Und so geht das bunte Treiben weiter: die Küchenzelte mit den Feldküchen und weiteren Materialien müssen dringend aufgebaut werden, da der Führungsstab, der bereits in Magdeburg vor Ort war, schon lange keine warmes Essen mehr zu sich nehmen konnte. Schlafmöglichkeiten mit Feldbetten werden aufgebaut. Strom wird verlegt und Zelte ausgeleuchtet.

Unsere Materialien werden von den entsprechenden Autos abgeladen und in die entsprechenden Aufgabenbereiche verteilt. Alle Helfer werden in verschiedene Bereiche eingeteilt: Küche, Essensausgabe, Logistik, Technik und Sicherheit, Sanitätseinheit, Helferbetreuung etc. Jeder kann nun seinen Aufgaben nachgehen und so vergeht auch dieser Tag wie im Flug. Ein Großteil von uns fällt nach diesen anstrengenden Stunden abends erschöpft ins Bett, doch einige leisten sogar noch eine Nachtschicht, damit am nächsten Morgen schon wieder das Frühstück bereit steht… .

Die Bergischen DRK-Helfer versorgten die Helfer von THW und Feuerwehr mit warmen Malzeiten. Foto: WSA

Die Bergischen DRK-Helfer versorgten die Helfer von THW und Feuerwehr mit warmen Malzeiten. Foto: WSA

Inzwischen ist Sonntag und heute soll die Scheitelwelle Magdeburg erreichen. Unter uns Helfern ist die Stimmung sehr angespannt. Es gehört fast schon zur Gewohnheit dass wir ständig Sirenen hören. Auch die Feuerwehr, das DLRG und das THW haben aufgerüstet: Tausende von Sandsäcken müssen noch vor dem Eintreffen der Scheitelwelle zu einem Damm aufgebaut werden um weitere Stadtteile vor der Überflutung zu schützen. Hunderte von freiwilligen zivilen Helfern der Stadt Magdeburg und Umgebung haben sich verabredet um uns zu unterstützten.

An dieser Stelle sei ganz klar gesagt: ohne euch freiwillige Helfer wäre die Situation wahrscheinlich ganz anders ausgegangen! Danke für eure Hilfe!
Sehr positiv überraschte uns immer wieder die große Dankbarkeit der Magdeburger.

Wir wurden von Anfang an freudig empfangen. Wir wurden mit Essen und Getränken versorgt und uns wurde unendlich viel Dank entgegengebracht! Kinder brachten selbstgebastelte Orden für die Helfer vorbei und verabredeten sich zum Kuchen backen. Bewundernswert fanden wir, dass so viele Menschen ihr ganzes Hab und Gut verloren haben, aber genau diese Menschen waren es, die uns so gut versorgt haben!

Auch wir mussten uns der neu entstandenen Lage anpassen und aufrüsten: von unserem Führungsstab wurde eine Versorgung für nun 3400 Helfer angefordert.

So wurden zwei weitere Einsatzeinheiten nachalarmiert: der Rhein-Erft-Kreis und Aachen rückten aus um uns ab Montag bei unserer Arbeit unterstützen zu können.

An diesem Sonntag standen wir vor einer logistischen Meisterleistung: Paletten an Wasser und Lebensmitteln wurden von uns heran geschaffen um alle Helfer adäquat versorgen zu können. Schnell waren die ersten großen Lebensmittelgeschäfte leer gekauft, sodass von weit weg Lebensmittel nachgeordert werden mussten. Die Versorgungssituation in Magdeburg war mehr als kompliziert! Das Einkaufen alleine reichte natürlich nicht.

Die Küche kam vor Versorgungsaufträgen für Helfer kaum hinterher. 5 ½ Stunden spülen nach einer einzigen Mahlzeit?! Keine Seltenheit! So packten sogar Ärzte und  Leitungskräfte mit an um diese Meisterleistung vollbringen zu können! Es wurden literweise Suppen und andere Mahlzeiten zu den verschiedenen Sammelplätzen ausgefahren, es wurde der Führungsstab vor Ort versorgt und die eigenen DRK-Helfer durften natürlich auch nicht zu kurz kommen! War eine Mahlzeit endlich abgearbeitet, stand schon die Vorbereitung der nächsten an! Da war es nur zu gut, dass wir in 12 Stunden Schichtsystemen arbeiteten, so dass jeder Zeit zum ausruhen hatte.

Neben der Betreuungslage übernahmen wir an diesem Tag die medizinische und rettungsdienstliche Versorgung der eingesetzten Einsatzkräfte von Feuerwehr, THW, DLRG und weiteren Organisationen. Medikamente wurden durch unsere Ärztin verabreicht und Verletzungen der Einsatzkräfte vor Ort behandelt.

Montag Morgen: die Scheitelwelle hat schon gestern Magdeburg erreicht.

Die zwei Einsatzeinheiten Aachen und der Rhein-Erft-Kreis trafen über Nacht endlich ein um uns zu unterstützen. Schon jetzt sind alle unsere Helfer reichlich geschafft.

Die ersten zwei langen Tage und die durchgemachte Nacht, sowie die Wärme haben doch sichtbare Erschöpfung hervorgerufen. Aufgaben wurden neu verteilt und endlich kehrte etwas mehr Ruhe ein. Zwischenzeitlich blieb für den ein oder anderen Helfer sogar etwas Zeit um die Magdeburger Innenstadt zu erkunden. Auch hier fiel uns die große Dankbarkeit der Magdeburger immer wieder auf. So wurden wir in Einkaufszentren von wildfremden Menschen angesprochen und für unseren Einsatz gedankt.

Auch am Dienstag und Mittwoch entspannte sich die Lage weiter. Die Müdigkeit der Helfer stieg hingegen. Noch immer mussten zahlreiche Feuerwehrmänner und –frauen, THW’ler und DLRG’ler mit Essen und Getränken in ihren Einsatzgebieten vor Ort versorgt werden. So konnte der ein oder andere DRK’ler mit den Lebensmitteln in die überschwemmten Einsatzgebiete ausrücken und sich einen eigenen Einblick der Lage vor Ort verschaffen.

Wege und Straßen die noch gestern überschwemmt waren, waren zum Teil wieder frei oder nur noch teilweise überschwemmt. Es bot sich jetzt ein ganz neuer Anblick der Lage: die Straßen waren jetzt nicht mehr voller Wasser, sondern voller Dreck. An einigen Stellen fanden wir sogar kleine tote Fischchen. Erst jetzt wurde uns das Ausmaß der Verwüstung endgültig bewusst. Selbst nach unserem Abrücken würde für die Betroffenen der Überschwemmungen die Arbeit erst richtig losgehen. Einige Einheiten von Feuerwehr und DLRG rückten bereits ab um in anderen Gebieten weiter Hilfe leisten zu können. Für uns bedeutete dies endlich eine Reduktion unserer Versorgungsarbeit und so verließ uns an diesem Mittwoch die Einsatzeinheit des Rhein-Erft-Kreises.

Mit diesem Video des MDR bedanken sich die Menschen in Sachsen-Anhalt für die Hilfe

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Donnerstag: der mobile Führungsstab Rheinland entschied sich endgültig dazu am Freitag den zuvor geführten Abschnitt im Krisengebiet wieder an die Stadt Magdeburg abzutreten und am Freitag das Gebiet zu verlassen um die Heimreise anzutreten. Die Hochwasserlage hatte sich deutlich entspannt. Für uns bedeutete dies ebenfalls aufräumen. Neben der Tatsache, dass noch Essen gekocht werden musste, wurde versucht so viel aufzuräumen und abzubauen wie möglich. Trotz unserer inzwischen recht großen Erschöpfung packten alle mit an: Zelte abbauen, Feldküchen aufprotzen, die Sanitätsstation wieder aufräumen und erste Autos beladen.

Gegen 19 Uhr hieß es endlich Ende für alle Helfer. Und so kamen der mobile Führungsstab Rheinland und alle DRK’ler zusammen um gemeinsam den Erfolg der Lage zu feiern. Es wurde gegrillt, Musik gehört und zum ersten Mal seit Beginn des Einsatzes das ein oder andere Gläschen Bier getrunken. Zum ersten Mal spürten wir eine Flut der Erleichterung unter uns Helfern aufkommen, dass unser Einsatz tatsächlich gelungen ist, dass wir schlimmeres für die Bevölkerung abwenden konnten, dass wir die Meisterleistung vollbracht haben über 3500 Menschen zu versorgen (wir sind auf 500 Personen ausgelegt). Wir alle waren mächtig stolz auf uns und so saßen wir noch lange in der Nacht zusammen.

Am Freitag morgen gegen 6 Uhr klingelte für uns Helfer der Wecker. Es hieß Aufbruch! Noch schnell frühstücken, Betten einpacken, Klamotten zusammensammeln, die Autos beladen und um kurz vor neun Uhr pünktlich zu einer Versammlung erscheinen.

Der Bürgermeister von Magdeburg dankte uns für unseren Einsatz, der mobile Führungsstab Rheinland sprach ein paar abschließende Worte und dann endlich: ab in die Autos und auf in Richtung Rheinland! Wenn das mal so schnell gegangen wäre, wie wir alle gehofft hatten.

Mit einer Kolonne von 65 Autos machten wir uns auf in Richtung Autobahn. Die Polizei sperrte sämtliche Kreuzungen für uns. Und wie sagte ein Helfer so schön: „Hier war vorher kein Stau, wir sind der Stau!“

Ein beeindruckendes Bild bot sich uns und auch erfahrende Helfer waren erstaunt: wir boten eine Gesamtkolonnenlänge von über sechs Kilometern! Eine absolute Sondergenehmigung, denn normalerweise darf eine Kolonne in Deutschland nicht mehr als 30 Autos umfassen. Und so tuckerten wir mit Spitzengeschwindigkeiten von 70 km/h in Richtung Heimat.

19 Uhr: Ankunft beim THW in Leverkusen. Wir wurden empfangen von zahlreichen Politikern, Presse und- für uns gerade viel wichtiger- leckerem Essen. Nach einigen Reden und einer guten Stärkung teilten sich die einzelnen Organisationen und traten den Heimweg zu ihren entsprechenden Einsatzzentren an. Wir, die Einsatzeinheiten des DRK’s Rhein-Berg, trafen gegen 21 Uhr endlich wieder in Bergisch Gladbach ein.

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Schon total geschafft von der langen Fahrt wurden wir auch hier überrascht: Familien, Freunde und andere Helfer, die zu Hause geblieben waren, die Vorstände von einigen Ortsvereinen und des Kreisverbandes, hauptamtliche Mitarbeiter der Kreisgeschäftsstelle, unser Bürgermeister Lutz Urbach, die Feuerwehr der Stadt Bergisch Gladbach, sowie die Presse waren gekommen um uns zu Hause Willkommen zu heißen und uns beim Entladen der Materialien zu helfen, da wir durch den anstrengenden Einsatz körperlich ziemlich erschöpft waren. Und so konnten wir gegen 23 Uhr endlich alle nach Hause aufbrechen und endlich wieder im langersehenten, heimischen und gemütlichen Bett zur Ruhe kommen.

Rückblickend stellen wir alle fest: es war ein toller Einsatz, mit vielen Eindrücken. Wir alle haben viel an Erfahrung gewinnen dürfen und sind als Team zusammengewachsen und das Wichtigste: der mobile Führungsstab Rheinland war mehr als zufrieden mit unserer Arbeit! Wir sind stolz, durch unseren Einsatz den Bürgern der Stadt Magdeburg geholfen zu haben.

Aber wer meint nun sei alles vorbei hat sich getäuscht: schon am Sonntag treffen wir uns wieder um den Einsatz nachzubereiten, sowie alle Materialien wieder aufzuräumen.

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