Das droht auch in Moitzfeld: geschlossene Kaiser’s-Filiale in Hohenlimburg. Foto: Frank Kladeck

Es ist erst wenige Tage her, da traf sich ein großer Teil der Polit-Elite der Stadt im Gemeindezentrum der Gnadenkirche zum wohlwollenden Zukunftsplausch der Marke „Weiter so! Kurs halten für eine lebendige Stadt“. Es ging um Stadt- und Verkehrsentwicklung, wie sie sich maßgelbliche Parteienvertreter und „Experten“ so vorstellen: mit gnadenlosem Positivbezug zur Globalisierung und darum, wie die Stadt auf dem Trittbrett der Weltenfahrt irrer Finanzjongleure sich optimieren könne.

In der Debatte wurde von der übergroßen Mehrheit der Diskutanten, wie es in Bergisch Gladbach weitgehend üblich ist, die Rechnung ohne eine tieferes Verständnis wirtschaftlicher Rahmenbedingungen und politischer Folgen des eigenen Tuns gemacht. Mahnende Stimmen gingen letztendlich unter. Kriegskurs der Bundesregierung? Spielt bei uns in Gladbach keine Rolle. Wir wollen es nett haben, kuschelig, „gemeinsam“.

Die vom Ex-BM-Kandidaten Michael Schubek (SPD) nebst Coaching-Kollegin Münch aus seiner Beratungsfirma „SolidarConsult“ moderierte Veranstaltung war daher kaum mehr als ein „Wünsch-Dir-Was“-Event im unverbindlichen TV- oder Radio-Style. Schade um die vertrödelte Zeit, möchte man sagen und könnte die Sache eigentlich abhaken. Immerhin: wenigstens war diese Propaganda-Veranstaltung der Gefahrenverleugnung umsonst. Gebührenfrei. Da will man eigentlich in Zeiten, wo man für alles und jedes abkassiert oder gar bestohlen wird von Mächtigeren, nicht meckern.

Realitätsschock

Doch nun, nur wenige Tage später, der Realitätsschock, zu lesen auf Seite 1 der Lokalseite! Der „Stadtanzeiger“ meldet in der Samstagsausgabe Schreckliches und Reales von der Zukunft: Im Ortsteil Moitzfeld schließt nach „Schlecker“ nun auch die „Kaiser’s“-Lebensmittelfiliale die Pforten. Die letzte relevante Einkaufsmöglichkeit: futschikato.

Ein weiterer Schritt der Verödung dürfte das sein und vielleicht sogar der Beginn einer Hinrichtung eines kommunaler Lebensraums – durch die Macht des Marktes, nur knapp 150 Stunden nach der kommunalen Neuerfindung der „Zukunft“ im Schatten der Kirche im Stadtzentrum.

Ich finde: Der anstehende Zusammenbruch der Lokalversorgung mit Lebensmitteln im Ortsteil Moitzfeld sollte uns alle rebellisch und solidarisch werden lassen mit den Moitzfeldern – und nicht nur nachdenklich.

Stadtrat lässt Marktversagen zu – und versagt selbst

Ein Stadtrat, der die Versorgung der wachsenden Zahl älterer Bewohner und der übrigen Bevölkerung vor Ort nicht mehr sicherstellen kann, hat auf der ganzen Linie politisch versagt. Er hat ein offenkundiges Marktversagen zugelassen, das ja nicht in einem Eifel-Weiler mit 30 Einwohnern verheerende Konsequenzen nach sich zieht, nicht in einem „Dorf“ Moitzfeld, wie der KStA die Lage völlig unangemessen klein textete, sondern in einem eigentlich prosperierenden Stadtgebiet unweit der Metropole Köln.

Was für eine groteske Entwicklung! Da wird im Technologiepark nebenan fleißig Handel mit China und der Welt betrieben, man lässt Scharen von Arbeitssklaven in entfernten Winkeln der Erde für sich rackern, man kann aber vor der Tür nicht einmal mehr ein paar Äpfel kaufen, oder Gemüse, Kartoffeln etc. für das private Abendessen nach Arbeitsschluss.

Wer diesen Knall nicht hören will, dem ist nicht zu helfen. Der hat nicht verstanden, was „Globalisierung“ eigentlich ist. Ein Todesstoß für lokale Selbstversorgungsfähigkeiten und echte Demokratie.

In Moitzfeld scheitert die Zentralerzählung des Kapitalismus

In Moitzfeld scheitert nicht nur „Kaiser´s“, sondern auch der Kapitalismus mit seiner märchenartigen Zentralerzählung, die da lautet: „Der Markt passt sich den Menschen an!“ In Wirklichkeit passen sich die inzwischen übergroß gewordenen Handelsketten dem Konkurrenzkampf untereinander an, dem aggressiven Ringen um Maximalprofit und Börsenperformance und dem Ausschaltungszwang von Wettbewerbern.

Ja – in dieser Logik muss dann einfach mal wieder eine Filiale abgeschaltet werden. Dafür wird eventuell woanders eine neue aufgemacht. Profitabler möglichst. Was hier greift, ist die Logik von Finanzinvestoren, die ihre Gelddruckmaschinen optimieren möchten – nicht aber das Leben der Menschen!

Die Moitzfelder Bürger sind nun die Dummen, weil sie allzu lange an die Ideologie der Regelungskräfte des Marktes geglaubt haben, an genau das, was ihnen der „Kölner Stadtanzeiger“ und andere Mainstreammedien täglich erzählen. Gegen Gebühr. Nur leider war der Kurs recht falsch. Mal wieder. Und jetzt sogar vor der eigenen Hautür. – Gut, dass man das nun erkennen kann in Moitzfeld.

Für eine neue Lokale Bürgerdemokratie

Man muss kein Prophet sein, um zu sagen, dass es wohl auch in anderen Stadtteilen mit der Nahversorgung mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs demnächst zu Ende gehen dürfte. Zum Bespiel in Hand, wo ich wohne. Auch hier gibt es ja einen Wackel-„Kaiser’s“. Auch hier ist auf „Schlecker“ bislang kein Drogeriemarkt mehr gefolgt. Und das, obwohl hier massenhaft Steuern gezahlt werden! Steuern indes, über deren Verbleib oder Teilverbleib im Ortsteil wir, die Bürger – auch nach 60 Jahren Bundesrepublik – immer noch nicht entscheiden dürfen. Was ist das für eine Demokratie?

Ich frage mich: Warum sollen denn aus unserem sicherlich beträchtlichen lokalen Steueraufkommen in den Ortsteilen nicht zuallererst die lebensnotwendigen lokalen Infrastrukturen erhalten werden? Wäre das nicht „Zukunft“? Ein wenig lernen von der Schweiz? Von ihrer relativ transparenten Kantonaldemokratie und –wirtschaft? Von ihrem dezentralisierungsfreundlichen Steuersystem?

Handelskettenfreie Zonen

Den betroffenen Bewohnern von Moitzfeld ist nur zu empfehlen, die Sache der Lebensmittel-Nahversorgung selbst in die Hand zu nehmen, nachhaltig und möglichst autonom. „Befreiung von der Macht megazentralistischer Handelsketten“ – das ist die politische Aufgabe, die sich nun stellt. Nicht nur in Moitzfeld. Das müssen wir anpacken, wenn uns unser Leben und das unserer Kinder lieb ist.

Die Mega-Handelsketten hatten ihre Chance. Jetzt sind wir dran! Wir müssen es nur wollen!

Peter Schran

ist langjähriger Fernsehjournalist und Dokumentarfilm-Produzent für ARD und ZDF, seit 12 Jahren wohnhaft in Bergisch Gladbach; nicht parteipolitisch gebunden.

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5 Kommentare

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  1. Was hat die Globalisierung oder die “Sklavenarbeit” anderswo mit dem Schließen des Supermarktes in Moitzfeld zu tun ?

    wurden im Kaisers keine Produkte aus China oder Marokko verkauft ? war das ein “Dritte welt ” laden oder was ?

    Was solll denn genau die Politik machen um einen Supermarkt in Moitzfeld halten ? Subventionen zahlen ? soll die Stadt den Markt verstaatlichen oder was ?

    wer hindert die Bürger daran einen eigenen Laden aufzumachen ?

    ist der Laden geschlossen worden weil er zuviele Kunden hatte ?

    Das einzige was richtig ist: die Bürger haben es mit ihrem Einkaufsverhalten selber in der Hand , ob sich ein laden hält !

  2. Alle gehen einkaufen, wo Alle einkaufen gehen und meckern anschliessend, dass der Laden dicht macht, wo keiner einkaufen geht. Seltsam.

  3. Wo bitte hat denn hier der Globale Markt versagt??

    Der Bürger kauft dort wo es am Preiswertesten ist, er das beste Preis Leistungsverhältnis sieht oder die bessere Dienstleistung für sein Geld bekommt.
    Dieser Wettbewerb führt gelegentlich zu Verdrängung, Schließung oder gar Insolvenz von Marktteilnehmern die ausscheiden weil der Verbraucher sich gegen sie, für einen anderen, entschieden hat.
    Nachdem also der Verbraucher, übrigens einer der drei globalen Marktteilnehmer(neben Anbieter und Staat), durch sein Kaufverhalten hier eine Entscheidung gegen Kaisers getroffen hat soll nun der Staat, bzw. die Kommune, prompt eingreifen und die Entscheidung des Verbrauchers ins Gegenteil verkehren?!

    Die Irrsinnige Argumentation nach mehr Staat nimmt immer groteskere Formen an!

    Warum auch nicht. Wir haben Banken gerettet. Wir haben Staaten gerettet. So lasst uns nun also Supermärkte retten, KFZ Betriebe, Friseure, Bäcker etc. Alles was wir machen müssen ist nach dem Staat rufen und Geld drucken.

    Kommunismus und Planwirtschaft führt zu Diktatur und Mangelwirtschaft!

    Hier hat kein globalisierter Markt versagt, hier hat sich lediglich der Verbraucher dazu entschlossen anders wo einzukaufen weil‘s vermutlich billiger oder das Angebot besser war/ist.
    Besser wär‘s vom Schlafstadtmodus in den prosperierenden Kleinstadtmodus um zu schalten und sich verstärkt um Gewerbe zu bemühen. Der zieht den Handel nach sich und die alle zusammen die Gewerbesteuereinnahmen.
    Sind freilich alles Liberale Überzeugungen und die sind ja im Augenblick bekanntlich nicht sonderlich beliebt. Ändert aber nichts an deren Richtigkeit.

    Noch nen schönen Tag allseits.

  4. Oh ja, vom dezentralisierungsfreundlichen Steuersystem in der Schweiz können wir definitiv sehr viel lernen in punkto Steuergerechtigkeit…..

    In Wahrheit erlaubt dieses System noch viel mehr Schlupflöcher für Besser- und Bestverdienende, als wir schon im unserem Land zähneknirschend hinnehmen müssen. Vielleicht sollte Herr Schran sich mal dieses Themas in Form einer Dokumentation annehmen, anstatt mit dem doch recht angestaubten Vokabular aus den alten Zeiten des Klassenkampfes zu polemisieren.

    Was hat beispielsweise die Tatsache, dass in Hand “massenhaft Steuern gezahlt werden” mit der (Nicht)Existenz von Drogerie- und/oder Lebenmittelmärkten zu tun? Sollen sich der Staat/die Kommunen demzufolge wirklich als Unternehmer betätigen? Ein solches System gab es dich bereit einmal in Teilen unseres Landes (Stichwort HO), allerdings konnte ich schon damals nicht erkennen, dass dort die ultima ratio erfunden wurde.

  5. 1. Man sollte nicht alles glauben, was in schlecht recherchierten Zeitungsartikeln steht! Besser recherchiert hätte der Zeitungsartikel wohl ein klein wenig anders ausgesehen und z. B. inzwischen monatelangen Bemühungen auch der Politik(er) nicht unerwähnt gelassen, eine Lösung zu finden!
    2. Sind wir Verbraucher vielleicht auch nicht ganz schuldlos daran, wenn kleinere Geschäfte schließen müssen? Wo kaufen wir denn ein? Doch meist da, wo es am günstigsten für uns ist – im großen Supermarkt auf der grünen Wiese oder da, wo es all die schönen Sachen gibt. Und dann beklagen wir uns, wenn die kleinen Läden sich nicht halten können.
    3. Ist doch schön für den frisch gebackenen Unternehmensberater, wenn viele Leute die Werbeveranstaltung besuchen – unter dem Mäntelchen “für die Bürger” wird sehr preiswerte Werbung betrieben. Sollte man vielleicht auch mal drüber nachdenken.