„Es ist die Frage, ob es für den Autor oder für den Leser bedeutsamer ist, wenn sich dieser mit einer der fiktiven Figuren in einer Erzählung besonders identifizieren kann.“

Herr Beeskow war ein lebendes Beispiel dafür, dass es tatsächlich Chefs gibt, die genau wissen, welcher Mann an welchem Ort eingesetzt werden sollte. Nicht, dass er dieser Chef gewesen wäre. Solche Ambitionen lagen ihm so fern, wie ihm seine Arbeitsstelle nahe lag. Er liebte diese Arbeitsstelle, den vorwiegenden Ort seiner Tätigkeit, die Fußgängerzone der Stadt und besonders den Marktplatz und seine Umgebung.

Eifersüchtig beobachtete er jede Veränderung, als habe jemand unerlaubter- und schamloserweise sich an seine Angebetete herangemacht. Was ihm mit seiner alten Heimat und dann mit seiner Frau passiert war, das sollte ihm nie wieder geschehen. Gut, die Unwägbarkeiten der Politik konnte er nicht beeinflussen, aber unerlaubte Veränderungen, die seinen Arbeitsbereich betrafen, ahndete er mit Unnachgiebigkeit – und mit Erfolg.

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So war es letztlich ihm zu verdanken, dass die Versuche der Mafia, sich in der Stadt mit Schutzgelderpressungen breit zu machen, scheiterten. Und die Attacken der großen Drogenhändlerringe aus der nahen Millionenstadt waren ebenso wenig von Erfolg gekrönt. Weil er seine Pappenheimer kannte und sie ihn schätzten. Er ließ sie nämlich in Ruhe, solange sie die Auflagen der örtlichen Behörden und seine Vorschriften beachteten. So wurde er sowohl von seinen Vorgesetzten als auch von den Marktbeschickern und den Leuten im Rondellchen, wie sie sich selber nannten, geschätzt und geachtet.

Seit zwei Jahren führte ihn Mittwochs und Samstags sein erster Gang immer zu dem Obststand in einer Seitengasse des Markts. Er erfreute sich an den sorgfältig aufgetürmten Äpfeln, apfelgrün die einen und rotwangig die anderen, mit den Kilopreisen auf sauberen weißen Kartons, die mittendrin steckten.

Aber mehr noch waren es die roten Wangen dahinter, mit den blonden Haaren zu beiden Seiten, die ihn manchmal bis in seinen Schlaf verfolgten. Dann bildeten das Rot der Äpfel, eine orangerote Jacke und das dunklere Rot des Rathausdachs eine magische Kombination, die ihn unwiderstehlich anzog, seine Motivation für einen oder sogar mehrere Tage bildete, weil ihm klar war, dass dazu die frischen Augen gehörten, auf die er nicht mehr verzichten konnte, und die ihm Zukunftsträume bescherten, von denen er selber wusste, dass sie sinnlos waren.

Selten kam es vor, dass an den Markttagen nur ihre Mutter hinter den Kästen mit Obst und Gemüse stand, diese Mutter, die ihm ein Schaudern den Rücken hinunterlaufen ließ, weil der Gedanke in ihm hochstieg, Elsbeth könnte irgendetwas irgendwann in ihrem Aussehen oder in ihren Bewegungen von der Schroffheit der Mutter erben oder imitieren. Sah er sie nebeneinander, hielt er dies für absurd.

Aber an den Tagen, an denen die Mutter alleine da war, überkam ihn dieser Gedanke immer mal wieder wie eine kalte Dusche. So erschrak er geradezu, als auch heute die Frau mit den herben Zügen alleine neben der Waage unter der grün-weiß gestreiften Plane stand.

„Tag, Frau Paffrath, heute ganz alleine?“

Die Frau mit der Duttfrisur von einer undefinierbaren aschblonden Farbe warf nur einen kurzen Blick auf ihn, als kenne sie ihn kaum, als sei er ein Kunde, der noch nicht an der Reihe war. Bei aller Schroffheit, die sie manchmal an den Tag legte, hatte sie das noch nie gemacht. Sofort sprang der Motor seiner Aufmerksamkeit an, sein dienstliches Misstrauen. Was steckte hier dahinter?

Sie widmete sich dem Neubau der Apfelpyramide, als handele es sich um eine heilige Verpflichtung, bei der sie nicht unterbrochen werden durfte.

„Hat Elsbeth eine Klausur oder eine mündliche Prüfung?“

Der Polizist ließ nicht locker.

Abrupt wandte sie sich einer Kundin zu, die eine Handvoll Weintrauben abgepflückt hatte und sie ihr zum Abwiegen gab. Als Frau Paffrath ihr die Papiertüte mit dem gewünschten Obst überreichte und den Preis nannte, meinte die Kundin:

„Die sind aber teuer.“

Als sei das eine persönliche Beleidigung gewesen, erwiderte die Marktfrau barsch:

„Ja, müssen Se nit nehmen. Ich kann se och widder wegdunn. Der Preis steht aber dran. Saren dat och, wenn Se Brötche koufe?“

Die Kundin murmelte verlegen etwas und trollte sich von dannen.

Nun winkte die Marktfrau mit der Duttfrisur Beeskow zu der Spargelschälmaschine hinter dem Stand und eröffnete ihm mit bitterem, vorwurfsvollem Ton:

„Elsbeth ist veschwunden.“

„Wie verschwunden?“

„Ja, wie? Das wüsste ich auch gern.“

Und dann:

„Seit Montag ist sie verschwunden. Sie kam von der Uni nicht nach Hause. Und sie kommt von den Klausuren sonst immer sofort nach Hause.“

Einen Moment lang war Beeskow ratlos. Hatte sie einen Freund oder Geliebten? Das würde ihn nicht überraschen, aber enttäuschen. Aber der Mutter keinen Bescheid geben? Das war nicht sehr wahrscheinlich, wenn man bedachte, wie sehr die Mutter ihre Tochter im Griff hatte. Aber vielleicht gerade deswegen? Oder konnte es einen anderen Grund geben? Die Polizei? Sollte Frau Paffrath sich nicht an die Polizei wenden, wenn sie etwas Außergewöhnliches fürchtete?

„Haben Sie sich denn schon an die Polizei gewandt?“

“Ja, gestern. Als sie schon mehr als einen Tag und eine Nacht verschwunden war.“

„Und?“

Sie verzog das Gesicht.

„Sie können nichts machen, sagen Ihre Kollegen, weil Elsbeth erwachsen ist und keine Gefahr im Verzuge.“

„Ihre Kollegen“ hörte sich wie ein Vorwurf ihm gegenüber an.

Sie schnaubte verächtlich.

„Ich hatte den Eindruck, als wollten sie mir sagen, dass meine Tochter von mir die Schnauze voll hätte. Unverschämt, so was!“

„Naja, Frau Paffrath, die Rechtslage ist da auch nicht ganz einfach.“

„Rechtslage, Rechtslage, von sowas haben Ihre Kollegen auch gefaselt. Das bringt mir meine Tochter aber nicht zurück.“

„Wissen Sie was, Frau Paffrath? Eigentlich gehört das nicht in meinen Bereich. Aber ich werde mich mal umhören. Vielleicht kann ich doch noch etwas in Erfahrung bringen.“

Als halte sie sein Angebot für dummes Geschwätz, sprang sie ohne Übergang wieder hinter ihren Stand, rief laut:

„3 kg Spargel jetzt für 9 €, Sie haben zwei Kilo gespart, und dazu ist er noch geschält! Was kann man mehr anbieten!“

Alles klang zugleich werbend und aggressiv.

Beeskow beginnt im Rondellchen

Während Beeskow einen kurzen Blick auf den Tapeziertisch mit den Uhrenreihen warf, der neben dem Obst- und Gemüsestand von Elsbeth aufgebaut war, stellte er bei sich selber fest, dass er auf der Suche nach Verdächtigen war. Aber wieso überhaupt? Meinte er, dass Elsbeth hier von jemandem versteckt wurde? Vielleicht von diesem Kunden mit der Ledermütze, der angeblich nach einer Uhr mit Zifferblatt suchte und den Verkäufer fragte:

„Kosten die Uhren nichts?“

„Wieso?“

antwortete der Verkäufer mit seiner langen grünen Schürze verblüfft.

„Es steht ja kein Preis dran“, meinte der mit der Ledermütze und setzte eine unergründliche Miene auf.

„Doch, die Preise stehen immer unter den Uhren. Die mit dem Schildchen 30 € kriegen Sie jetzt für 15.“

„Na, meine ist im Moment noch in Ordnung. Nur die Kupferfarbe, die sich da immer mehr zeigt, was bedeutet die eigentlich?“

„Ja, alles rostet irgendwann. Nur Gold nicht. Silber wird schwarz.“

„Das kann man aber abreiben.“

„Das stimmt.“

Solche Leute, weiß Beeskow, sind auf dem Wochenmarkt eine Ausnahme. Auf die muss man achten. Sie haben nicht den zielgerichteten Blick des wirklichen Käufers, sind entweder reine Nichtstuer, Spaßvögel oder tatsächlich verdächtige Individuen. Doch wie soll er weitermachen? Was soll das mit Elsbeth zu tun haben? Denn er ist entschlossen, nach ihr zu forschen. Vielleicht erst einmal zum Rondellchen.

Während er sich auf den Weg zu dem Treffpunkt hinter der Villa macht, fasst er nur kurz die nächsten Stände ins Auge, den Mann in dem Oldtimer mit Brot von der Mühle, der nichts zu tun hat und Zeitung liest, am Kartoffelstand vorbei mit seinen vielen unterschiedlichen Sorten. In der Nase den Hyazinthengeruch vom Blumenstand, einen undefinierbaren Gemüseduft und den Geruch nach Käse oder Milch, an drei Frauen vor der Kirche vorbei, die miteinander tuscheln, eine mit Rollator, eine hagere mit düsterem Gesicht, eine Alte, die wie süchtig an ihrer Zigarette zieht. „In diesem Alter!“ denkt Beeskow, der seit langer Zeit Nichtraucher ist.

Am Reibekuchenstand ersteht er noch schnell 6 kleine Reibekuchen mit Apfelmus und schaut sich die Leute an, hier an den Biertischen im Karree und in der langen Schlange, die sich jetzt vor dem Stand gebildet hat. Aus einem kleinen, dezenten Lautsprecher auf dem Boden ertönt die Black-Fööss-Musik von der Rievkoochebud.

Mit dem Reibekuchenduft in der Nase und dem Glockenspiel vom Bürgerhaus um Punkt halb eins in den Ohren sitzt Beeskow wie in einer Opernaufführung, in der nun eine Marktfrau gutgelaunt das Lied „Sonne Sommer Sonne Afrika“ mitsingt, dabei die Kollegin mit einem Augenzwinkern anschaut, Kaffeduft mischt sich vom Nachbarstand mit den Keksen herein. Hier ist er nun zu Hause, mit Haut und Haaren, nachdem er seine Jugendheimat in Brandenburg mit seinen Eltern verlassen musste. Fast vierzig Jahre ist das nun her.

Nun liebt er diese Stadt, so, wie sie ist. Er ist allergisch gegen die sogenannte Stadterneuerung, er will keine Veränderungen, besonders, seitdem ihn vor 15 Jahren seine Frau verlassen hat, die sich bei ihm langweilte. Sie wollte immer etwas Neues, Reisen, die ihn nicht interessierten. Er hatte nur Augen für sie. Und für die Details dieser Stadt. Deshalb beobachtete er auch wie kein anderer die Veränderungen.

Und liebt alles, was ihm immer wieder begegnet, den Orgeldreher in der Fußgängerzone, die Klofrau im Einkaufszentrum, Hermann und Dorothee, die er Samstags meistens auf dem Markt trifft, die Marktleute, die er kennt und mittendrin Elsbeth.

Die nun angeblich verschwunden ist. Ob Atze bei den Leuten im Rondellchen vielleicht etwas weiß, etwas Beunruhigendes zu berichten hat? Er weiß ja über vieles Bescheid, dieser ehemalige Obdachlose und Drogenabhängige, der sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hat.

Es war ein friedliches Bild, das sich ihm da bot, als er unter der riesigen Platane her das Rondellchen am Strundeufer betrat. Auf einer halbrunden Bank aus stabilem grünen Draht saß ein halbes Dutzend Frauen und Männer mittleren Alters und unterhielt sich in kleinen Gruppen. Vier Männer standen an einem runden Tischchen davor und spielten Karten.

Beeskow setzte sich zu zwei Frauen, die über Wohnungsangebote sprachen und dabei rauchten. Sie kannten ihn, und für sie war es selbstverständlich, dass er sich neben sie setzte. Nun löste sich einer der Männer an dem festen Stehtisch von den anderen Kartenspielern und setzte sich auf der anderen Seite neben Beeskow.

Es war Atze mit seinen festen Haaren im Topfschnitt. Er galt bei den anderen als Sozialarbeiter, weil er ihre Trinkgelage nicht mitmachte, sich aber trotzdem bei ihnen aufhielt, aus alter Anhänglichkeit, aus der Zeit, in der er selber noch Alkoholiker war, aber auch wirklich aus so etwas wie sozialer Verantwortung. Wenn einer wollte, war er immer bereit zu helfen, bei der Wohnungssuche, bei der Vermittlung von Therapien. Er bestand aber darauf, dass sie den ersten Schritt taten.

„Sonst sind am nächsten Tag alle guten Vorsätze wieder flötengegangen“, meinte er einmal zu Beeskow und grinste dazu sein skeptisches Lachen. Die anderen akzeptierten auch, dass er ab und an Beeskow über „neue Entwicklungen“ informierte. Und auch Beeskow akzeptierten sie, weil sie wussten, dass er schon mehrmals geholfen hatte, dass Vertreibungsversuche durch gewisse gutbürgerliche Kreise in der Stadt scheiterten, denen diese Gruppe am Rande der Gesellschaft ein Dorn im Auge war.

Sogar der Bürgermeister hatte ihre Anwesenheit im Rondellchen akzeptiert, solange sie sich an die vorgegebenen Regeln hielten: keine Belästigungen der Passanten, kein Gegröle, keine Abfälle in ihrer Umgebung. Sie achteten alle zusammen auf die Einhaltung dieser Regeln.

Atze kam gleich zur Sache:

„Die Kölner versuchen wieder, hier Fuß zu fassen. Es wäre gut, wenn Sie Ihnen mal die Zähne zeigen würden. Sie tauchen meistens gegen Abend im Forumpark auf.“

Mit den Kölnern waren Drogendealer gemeint, die Beeskow schon zweimal mit Erfolg vertrieben hatte, mit ein, zwei Kollegen zusammen. Nicht dass nun Drogen keine Rolle spielten, aber es ging um eine neue Dimension der Dealerei, bei der auch Erpressung und handfeste Bedrohung ihren Platz hatten. Und darum, Leute, die in Metadonprogrammen waren, wieder zurück in den unbegrenzten Konsum zu drängen.

Am Ende des Halbkreises der grünen Drahtbank sah Beeskow Lisbeth, die Älteste in der Runde. Im Gegensatz zu den anderen hatte sie nicht das Bestreben, aus ihrer Situation wieder herauszukommen, aus Arbeitslosigkeit oder Alkoholkonsum, oder beidem zusammen. Zum Arbeiten war sie mittlerweile zu alt, und sie hätte jeden für verrückt erklärt, der versucht hätte, sie vom Alkohol abzubringen. Sie bettelte oft in der Fußgängerzone, vor allem wenn sie wieder einmal völlig betrunken war, wie heute.

Viele kannten sie, wenn sie singend und mit hochrotem Gesicht dort umherzog, als gehöre die Stadtmitte eigentlich ihr persönlich. Heute zeigte ihre blaurote Gesichtsfarbe einen bedenklichen Grad von Betrunkenheit an. Trotzdem grüßte Beeskow sie, weil er wusste, dass sie das erwartete:

„Wie geht’s, Lisbeth?“

Erstaunlicherweise stand sie torkelnd auf und setzte sich neben ihn. In fast vertraulichem Ton meinte sie:

„Ich muss dir ens jet verzälle. Ich hatt doch dä Trolley, weeß de, die Täsch op Rädder. Die hat ech met om Esbahnhoff, und do wor dä janze Trolley op einmol fott, met mingem Pochmonnee und däm janze Jeld.“

Beeskow ahnte schon, was jetzt kommen würde. Sie wollte ihn anbetteln, was sie noch nie getan hatte, vielleicht aus Achtung vor seiner Uniform. Aber heute schien sie nicht so richtig zu wissen, wer er war. Und so ging es dann tatsächlich weiter:

„Jetz muss ich he dä eene noch ener Zijarett froge und dä andere no ener Fläsch Bier.“

„Ich habe aber keine Zigaretten und auch keine Flasche Bier.“

„Ich weeß. Bes de eijentlich Pastuur?“

„Nein. Du weißt doch, wer ich bin.“ Und dann fügte er lachend hinzu:

„Ich war aber früher einmal Messdiener.“

„Dat kammo rüche.“

„Wieso kann man das riechen?“

„Do rüchs noh Weihrauch.“

Beeskow musste wieder lachen. Er roch also nach Weihrauch. Was auch immer das heißen mochte. Auf jeden Fall fasste er es als Kompliment auf. Wie damals bei dem anderen Treffen in der Fußgängerzone. Damals hatte es auch dort noch Rundbänke gegeben, auf denen sich die Menschen besser begegnen konnten, als auf den neuen, aus edlem Metall, die im Sommer zu heiß waren und im Winter zu kalt. Und ohne den Schatten der alten Bäume, die man alle gefällt und durch gleichförmige junge ersetzt hatte, die noch viele Jahre brauchen würden, bis sie einen ernsthaften Sonnenschutz gäben.

Er hatte sich neben das andere stadtbekannte Original gesetzt, die alte Frau, der viele Gladbacher eine zweifelhafte oder eindeutige Vergangenheit nachsagten, mit ihrem aufgetakelten Gesicht, ihrem nicht altersgemäßen Ausschnitt und ihrem knallrot geschminkten Mund und der Papierblume im Haar. Sie hatte wohl etwas dagegen, dass Beeskow sich in ihre Runde gesetzt hatte und machte Lisbeth gegenüber eine verächtliche oder jedenfalls negative Bemerkung über den Polizisten. Lisbeth aber hatte nur gemeint:

„Loss der in Rau. Der hätt selver Probleme.“

Schon damals hatte Beeskow zweierlei an Lisbeth gemerkt: Sie verfügte offensichtlich über eine unvermutete Sensibilität und brachte ihm eine gewisse Sympathie oder Achtung entgegen. Jaja, et Lisbeth! dachte er.

Beeskow wandte sich wieder an Atze:

„Kennen Sie eigentlich Elsbeth? Die vom Obst- und Gemüsestand?“

„Klar kenne ich die. Warum?“

„Sie ist angeblich verschwunden. Sagt ihre Mutter.“

„Ach!“

Überraschung und ein Anflug von Sorge malten sich auf Atzes sonst so ironischem Gesicht. Beeskow wusste aber, dass die Ironie nur eine Maske über der Trauer um den vor einem Jahr an Drogen gestorbenen Bruder war.

Zögernd meinte nun Atze:

„Sie hatte ja auch mal was mit Drogen. Aber sie ist seit längerer Zeit clean. Hat sie mir selber gesagt.“

Elsbeth hatte etwas mit Drogen zu tun gehabt? Davon hatte Beeskow noch nie etwas gehört. Er war erstaunt und erschrocken.

„Hältst du es denn für möglich, dass ihr Verschwinden irgendwie etwas mit den Kölnern zu tun haben könnte?“

Atze schüttelte den Kopf.

„Eigentlich nicht. Aber …man weiß nie. Ich werde mich mal umhören.“

„Danke.“

Plötzlich fühlte sich Beeskow beim Nachdenken über Elsbeths Verschwinden in ein tiefes Loch gestürzt. Was war bloß mit ihr? Er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass er sie womöglich nicht mehr sehen könnte. Er brauchte die Unbeschwertheit in ihrem Blick und in ihren Gebärden zum Überleben. Als Kontrast zu seiner eigenen Schwere und Verhaftetheit im Alltäglichen. Nie war ihm das so deutlich geworden wie damals, als sie sich vor dem Bergischen Löwen am Markt beim Mittagessen trafen.

Rückblende

So frisch wie der Wind damals die Blätter der riesigen Kastanie rauschen ließ, so hatte ihn der junge griechische Kellner begrüßt, als Beeskow seine Bestellung aufgab. Schmunzelnd schaute er dem Kellner hinterher, als der tänzelnd in dem Eingang zum Restaurant verschwand.

Beeskows Blick fiel dabei auf das Gesicht mit den roten Wangen und den blonden Haaren zwei Tische weiter. Es war Elsbeth, die saß und ebenfalls hinter dem Kellner hergeschaut hatte, und als ihre lächelnden Blicke sich trafen, wurde ihnen klar, dass der Kellner in ihnen das gleiche Gefühl ausgelöst hatte, eine heitere Zufriedenheit.

Ein wenig klopfte Beeskow das Herz, als Elsbeth daraufhin aufstand, sich spontan zu seinem Tisch bewegte und ihn fragte:

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“

Ansehens kannten sie sich seit langem. Er hatte an ihrem Stand schon einmal etwas gekauft und ein paar Worte mit ihr oder –anstandshalber- mit ihrer Mutter gewechselt. Sie waren sich aber eher als zwei Rollen als zwei Personen begegnet. Deshalb war ihre Annäherung nicht so völlig überraschend. Er wusste natürlich nicht, ob sie ebenso geheime Wünsche mit seiner Person verband, wie er mit ihr. Eher schien ihm das unwahrscheinlich. Umso erfreulicher ihre Frage und ihr Näherkommen.

Statt einer Antwort, die ihm im Moment im Munde stecken blieb, rückte er den Stuhl an der Schmalseite des Tischs für sie zurecht. Er selber saß an der Breitseite.

„Ist der Kellner nicht herrlich? Er begrüßt mich zwar nicht ganz so überschwänglich wie Sie. Aber freundlich ist er immer. Und witzig. Macht immer seine Späßchen. Leider sind nicht viele Menschen in unserem Lande so.“

Beeskow staunte über sich selber und seine spontane Offenheit, als er sich erwidern hörte:

„Das suchte und fand meine Frau in Griechenland, auf ihren zahlreichen Reisen. Eine spontane, naive menschliche Zuwendung, wie sie meinte.“

„Fuhren Sie denn nicht mit bei diesen Reisen?“ fragte sie erstaunt.

„Sie sehen doch, ich finde das auch hier vor meiner Nase. Wieso muss ich dann verreisen?“

„Fühlen Sie sich denn nie hier etwas eingesperrt, wie in einem Hamsterrad?“

„Mein Beruf bietet mir genug Abwechslung. Und wie ist das mit Ihnen?“

„Mein Fenster zur Welt ist mein Studium.“

Er hatte von der Mutter schon gehört, dass ihre Tochter Kunstgeschichte studierte.

„Wie sind Sie eigentlich auf dieses Fach gekommen? Führt das nicht zu einer brotlosen Kunst?“

„Das ist es ja, was meine Mutter mir vorwirft. Aber mir geht es im Moment nur um das Studium. Alles andere interessiert mich noch nicht.“

„Und wie sind Sie darauf gekommen?“

„Hier!“ Dabei zeigte sie auf die Villa schräg gegenüber.

„Durch die Villa Zanders?“

„Ich hörte nach dem Markt einmal einer Führung zu, bei der die verschiedenen Baustile der Gebäude rings um den Markt erklärt wurden, und ich war erstaunt, als ich von Neogotik am Rathaus, von Neorennaissance an der Villa und von Neobarock am Hotel zum Bock und am Bergischen Löwen hörte. Und da wurde mir erst bewusst, was für einen bedeutenden Bau der Moderne wir in Gottfried Böhms Bürgerhaus besitzen. Von da an besuchte ich auch ab und an eine Ausstellung in der Villa, wo mir Welten begegneten, die mir bis dahin völlig unbekannt waren. Ausstellungen mit moderner Kunst, die mich teilweise sehr befremdeten oder ratlos zurückließen, aber auch Ausstellungen mit Grafiken von alten Meistern wie Rembrandt oder Dürer oder Klassikern der Moderne wie Picasso. Und es erfasste mich der Wunsch, das alles besser zu verstehen. Heute blicke ich dadurch wie durch ein Fenster in eine Welt, die mir bisher verschlossen war.“

„Ach, hier hat sich ja ein schönes Pärchen zusammengefunden“,unterbrach sie der Kellner, als er ihnen die Suppe zu ihrem Menü auf den Tisch stellte. Beeskow spürte, wie sich in die Munterkeite seiner Stimme etwas ungewohntes Anderes hineinmischte. Und auch der Blick, mit dem er Elsbeth bedachte, war nicht so unbeschwert wie seine sonstige Art.

Als das Essen seinen Fortgang nahm, stand er auffällig in ihrer Nähe, als wenn er insgeheim lauschen wolle. Gleich darauf vergaß Beeskow das, während er Elsbeths Fragen nach seiner Vergangenheit beantwortete. Als er aufstand, hatte er das Gefühl, als hätte er eine längst fällige Pflicht erledigt, aber eine, die überhaupt nicht lästig war, sondern eine Plattform legte, die er sich schon lange vorgenommen hatte.

Die Bibliothekarin

Beeskow hatte damals nicht ganz Elsbeths Begeisterung über die Architektur des Marktplatzes nachvollziehen können. Trotzdem war ihm dunkel ein Unterschied bewusst zwischen dem hellen bearbeiteten Kalksteintrog des Löwenbrunnens mit seinem klaren Wasser und der ochsenblutfarbenen Fassade des Bürgerhauses auf der einen Seite und der hässlichen Langeweile der Textilstände, in die der Markt hier ausbröselte, auf der anderen Seite.

Heute wollte er sich nur zu einer Apfelschorle noch ein paar Minuten an einen der Tische vor dem Bergischen Löwen setzen. Schon von Weitem sah er plötzlich eine Gestalt, die mit den zwei Leinen kämpfte, die von ihren Hunden in unterschiedliche Richtungen gezerrt wurden, als folge jeder der beiden einem völlig anderen Kompass. Das freundliche Gesicht mit dem dunklen Pferdeschwanz der Frau stand ganz im Gegensatz zu den energischen Bemühungen, ihre Hunde in eine allen gemeinsame Richtung zu lenken.

Beeskow kannte diese Gestalt gut. Die Angestellte der Stadtbücherei gab ihm immer wieder gute Tipps, wenn er sich alle drei Wochen neue Bücher auslieh. Sie wusste, dass er sich hauptsächlich für Liebesromane interessierte. Als er an dem Tisch vorbeikam, an dem sie sich niedergelassen hatte, setzte er sich wie selbstverständlich neben sie.

„Heute hätte ich eine ganz andere Frage an Sie“, begann er gleich ohne Einleitung.

„Sagen Sie nur, Sie wollen mit Krimis anfangen.“

Er stutzte einen Moment. Doch woher sollte sie wissen …..?

„Nein, Frau Sommerfeld, ich wollte Sie nach einer Leserin fragen. Und was die in der letzten Zeit ausgeliehen hat.“

„Sie wissen doch, dass ich das nicht darf, Herr Beeskow. Oder haben Sie jetzt mit offiziellen Ermittlungen zu tun?“

Er ging gar nicht auf ihre Frage ein.

„Es handelt sich um Elsbeth Paffrath. Sie kennen sie sicher, die Marktfrau von dem Obststand dort drüben.“

Sie schaute ihn fragend an.

„Sie ist nämlich verschwunden.“

Er rückte näher an sie heran.

„Aber das sage ich Ihnen im Vertrauen. Bitte, könnten Sie einmal nachschauen, was sie in der letzten Zeit gelesen hat?“

„Herr Beeskow. Sie sind ja ein ganz gewiefter. Aber in Ordnung. Ich werde mich mal informieren.“

Herrmann und Dorothee

Herrmann und Dorothee trennte seit vielen Jahren ihre unterschiedliche Auffassung von Lebensqualität und Sparen, und es einte sie die erstaunliche Fähigkeit, nach allen Auseinandersetzungen einen gemeinsamen Modus Vivendi zu finden. In dem sie sich sehr wohl zu fühlen schienen. So wohl, dass Beeskow sie schon in einem stillen Winkel hinter dem Rathaus erwischt hatte, wo sie sich küssten, obwohl sie kaum jünger waren als er.

Regelmäßig traf er sie Samstags auf dem Markt, oft schon um neun am Kaffeestand, wo er dann ihre neusten Ehegeschichten erfuhr. So damals, als Dorothee erzählte, wie sie sich gewundert hatte, dass Herrmanns teures Parfüm, welches sie ihm gegen seinen Willen zum Geburtstag geschenkt hatte, einfach nicht zur Neige ging. Bis sie entrüstet feststellte, dass er es seit langem ständig mit Wasser verdünnte.

Ein anderes Mal erzählten sie ihm, wieso sie nun die sündhaft teure sogenannte Funktionskleidung trugen, in der sie bei Regen immer auf dem Markt erschienen. Dorothee hatte eines Tages gemeint, sie sollten nun an Regentagen doch lieber mit dem Bus von Refrath, wo sie wohnten, zum Markt im Zentrum fahren. Sofort hatte Herrmann wie ein Teufel die hohen Kosten beim Benutzen der öffentlichen Verkehrsmittel angeprangert. Bis sie sich schließlich darauf einigten, sich mit einer entsprechenden Kleidung gegen Wind und Wetter zu schützen.

Hier kam nun eine zweite Eigenschaft von Herrmann ins Spiel, sein Perfektionismus. Wenn schon Regenkleidung, dann musste es auch das Nonplusultra sein. Mit dem Geld für diese Kleidung hätten sie für Jahre die anfallenden Buskosten bezahlen können.

Heute, drei Tage nach seinem letzten Marktgang, suchte Beeskow seine Freunde am Kaffeestand. Dort saß auch tatsächlich schon Herrmann mit seinem Bürstenschnitt und seinem geröteten Gesicht, das vom jahrelangen Rauchen gezeichnet war. Aber Dorothee mit ihren sanften Augen und den schulterlangen Haaren fehlte.

„Heute ohne Dorothee?“,

fragte Beeskow und klopfte Herrman auf die Schulter.

„Ich weiß noch nicht, wo das endet. Wir haben uns mal wieder gestritten. Sie wollte unbedingt in einem teuren Cafe ihren Kaffee trinken. Ich sehe das nicht ein. Hier war es doch immer gut, und wir wollten ja auch mit dir zusammentreffen.“

Einer der gewöhnlichen Tiefpunkte in einer ansonsten eher harmonischen Ehe, dachte Beeskow. Sie erzählten ihm oft von ihren Kanufahrten auf der Spree, bei denen sie ihn an ihre gemeinsame ehemalige Heimat erinnerten. Dabei versuchten sie ihn immer wieder dazu zu animieren, doch auch einmal wieder dorthin zu fahren. Er aber wollte nicht.

Er wollte nicht an seine glückliche Kindheit erinnert werden, auch nicht an die Zeit, als seine Eltern die politische Schikane als immer unausstehlicher empfanden, auch nicht an seinen eigenen Kummer über die gemeinsame Republikflucht, nicht an den Neubeginn, als er hier seine Frau kennenlernte und daran, dass alles wieder in ihm zusammenbrach, als diese sich von ihm trennte.

Bevor er zum Kaffeestand ging, hatte er heute gleich mit einem Blick festgestellt, dass Elsbeths Mutter immer noch alleine an ihrem Stand war. Das musste er erst einmal verkraften.

„Hallo, da seid ihr ja! Schaut mal, was ich euch mitgebracht habe!“

Es war Dorothee, die plötzlich neben ihnen stand, als wäre nichts gewesen. Sie schwenkte eine prall gefüllte Tüte, die sie auf den Stehtisch legte und öffnete, so dass gleich ein paar Stücke edles Gebäck herauspurzelten, die Beeskow das Wasser im Munde zusammenlaufen ließen.

„Was du da zusammengekauft hast, ist ja teurer, als wenn wir im Theater-Cafe gefrühstückt hätten“ meinte Herrmann mit einem fassungslosen Blick auf das Gebäck.

„Da wolltest du ja nicht hin“,

kam es aus dem schönen Mund zwischen den langen dunklen Haaren.

„Aber jetzt lasst uns doch einfach diese Leckereien genießen.“

Sie holte von der Theke drei Tellerchen, bestellte für sich einen Cappuccino, und bald bewirkte ihr Gespräch, dass sie sich alle im Geiste unter den romantisch überhängenden Weidenzweigen eines Spreeabschnitts befanden, für den sich nun beide begeisterten, als hätten sie nie einen Streit gehabt.

Es war wie damals, als sie sich hier an der gleichen Stelle kennengelernt hatten und Beeskow der brandenburgische Akzent aufgefallen war, den sowohl sie als auch er selber sprachen. Ein wenig wurde Beeskow eingelullt von dieser friedlichen Atmosphäre, bis er plötzlich hellwach wurde, als Herrmann von Schutzgelderpressungen auf dem Refrather Markt erzählte.

Es waren Vermutungen, die in der Bevölkerung und unter den Marktbeschickern herumgingen. Er selber hatte bei der Polizei davon noch nichts gehört. Hatte die Mafia einen neuen Versuch gestartet? Er musste unbedingt mit seinem Refrather Kollegen darüber reden.

Der Imker und sein Verdacht

Noch scheut er sich, zu Frau Paffrath hinüberzugehen. Als er langsam an dem kleinen Stand des Imkers vorbeikommt, winkt ihn der Mann mit dem gezwirbelten Schnurrbart heran.

„Ich habe gehört, dass die Tochter von Frau Paffrath verschwunden ist. Kennen Sie eigentlich den Journalisten, der sich seit längerer Zeit an sie herangemacht hat?“

Beeskow schüttelt den Kopf.

„Was heißt herangemacht?“

Das Wort klingt ihm unangenehm in den Ohren.

Der Imker tritt nun aus seinem Stand mit den Honiggläsern und den unterschiedlich großen Fläschchen mit Bärenfang, dem Honiglikör nach ostpreußischem Rezept, heraus und nähert sich Beeskows Ohren, als wolle er ihm ein Geheimnis zuraunen, obwohl seine Stimme ziemlich laut ist.

„Also, ich beobachte seit längerer Zeit, dass ein Mensch, nicht viel älter als Elsbeth, immer mal wieder mit einem Aufnahmegerät und einem Fotoapparat hier auftaucht und Elsbeth zu einem Interview überreden will. Sie fühlt sich offensichtlich geschmeichelt. Vielleicht gefällt ihr der Mann ja auch. Und Fotos hat er auch schon gemacht. Zu einem Interview ist es aber noch nicht gekommen. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, vertröstet sie ihn immer wieder. Auch setzt ihre Mutter immer ein ganz böses Gesicht auf, wenn er eintrudelt. Aber wann hat die kein mieses Gesicht? Einmal hatten Sie Äpfel von Chile im Verkauf, da hat er besonders lange auf sie eingeredet. Und ihr Studium schien ihn zu interessieren. Sie studiert ja nebenbei Kunstgeschichte, wissen Sie?“

„Ich weiß.“

„Ach, das wissen Sie? Also, ich dachte, es wäre gut, wenn ich Ihnen das mit dem Reporter sagen würde. Schließlich ist sie spurlos verschwunden. Und Sie verfolgen sicher alle Spuren, oder?“

„Nein, nein. Ich bin damit nicht beauftragt. Aber trotzdem vielen Dank.“

Beeskow wendet sich zum Weitergehen, entscheidet sich nun aber doch, Frau Paffrath kurz zu begrüßen.

Ohne sich lange mit Smalltalk aufzuhalten, winkt sie ihn gleich hinter die Spargelschälmaschine. Ihr Gesicht ist wieder ein einziger Vorwurf, als wolle sie sich darüber beschweren, dass er ihr ihre Tochter noch nicht herbeigeschafft hat. Aufgeregt berichtet sie sodann von einem Typen mit Ledermütze, der gestern bei ihr aufgetaucht sei.

„Ich habe gehört, dass Ihre Tochter verschwunden ist“, hatte er lauernd das Gespräch begonnen.

„Von wem haben Sie das gehört?“ hatte sie unwirsch geantwortet.

Und nun gibt sie den kompletten Dialog wieder:

„Sie kommt bestimmt bald wieder.“

„Wie wollen Sie das wissen?“

„Aber die Zukunft. Denken Sie auch an die Zukunft?“

„Was soll der Quatsch?“

„Naja, wie wollen Sie verhindern, dass Ihre Tochter in Zukunft noch einmal verschwindet?“

„Blödsinn!“

„Sie finden das jetzt blösinnig. Aber wir würden Ihnen dabei helfen, dass das in Zukunft nicht mehr passiert.“

„Wer sind Sie?“ schrie sie. „Machen Sie, dass Sie wegkommen!“

„Da stimmt doch was nicht! Oder was meinen Sie?“ wandte sie sich wieder wütend an Beeskow.

„Der wollte doch was von mir. Und das klingt doch so, als hätte er was mit Elsbeths Verschwinden zu tun. Sie müssen unbedingt was unternehmen. Sie und Ihre Kollegen.“

Nach ein paar Fragen nach dem Aussehen des Mannes mit der Ledermütze und einer halbherzigen beschwichtigenden Bemerkung wendet sich Beeskow zum Weitergehen. Als litte er selber nicht schon genug unter Elsbeths Verschwinden!

Lisbeth und die Bibliothekarin

Manchmal sitzt die Stadtstreicherin Lisbeth wie eine ganz gewöhnliche Passantin in einem der Cafes in der Fußgängerzone, hat ein Eis vor sich in dem italienischen Eissalon neben der Sparkasse, sitzt vor einem Tortenstück im Theatercafe. Dann ist es, als hätte sie ihren Plastikbeutel mit der Schnapsflasche zu Hause gelassen und dann hat sie auch nicht das vom Alkohol gerötete Gesicht, bettelt keinen Nachbarn um 2 € an, das Mindeste, was sie sonst von ihren Mitmenschen verlangt. Es geht sogar das Gerücht um, sie sei gar nicht so mittellos. Heute sitzt sie auf einem der Klappstühle vor dem Bergischen Löwen und isst das preiswerte Mittagsmenü, das dort jeden Wochentag auf einer großen Schiefertafel angeboten wird.

Beeskow grüßt sie kopfnickend, setzt sich an den Nebentisch und bestellt sich eine Apfelschorle bei dem Kellner mit den kurzgeschnittenen Haaren, der ihn wieder herzlich mit seinen schelmischen Augen begrüßt. Es ist aber nicht nur der Schelm, der aus diesen Augen blitzt, sondern ein tiefes Einverständnis mit allen Menschen, die guten Willens sind und Humor besitzen. Und heute ist noch etwas anderes in seinen Augen, fast so etwas wie Sorge, was Beeskow nie bei ihm vermutet hätte. Das Rätsel löst sich ihm aber gleich, als er sich neben Beeskow an den Tisch setzt und ihn unvermittelt fragt:

„Wissen Sie etwas über Elsbeth? Ich habe gehört, sie ist verschwunden. Aber was heißt das?“

Plötzlich wird Beeskow klar, dass sie beide an der gleichen Krankheit leiden. Kostas’ Frage zeugt von mehr als reiner Neugierde.

„Auch das noch!“ denkt Beeskow.

„Ich kann Ihnen nicht viel sagen, Kostas. Aber ich habe eine Frage an Sie. Kennen Sie zufällig einen Mann mit einer Ledermütze?“

„Einen Mann mit einer Ledermütze? Ja, klar. Heute hat er hier noch ein Glas Bier getrunken. Ich habe ihn schon mehrmals gesehen, und ich muss Ihnen sagen, dass er mir gleich unsympathisch war. Das passiert mir wirlich nicht oft.“

„Kann ich mir vorstellen. Aber ist Ihnen bei diesem Mann irgendetwas aufgefallen? Eine Veränderung in seinem Aussehen oder seinem Verhalten?“

„Nicht dass ich wüsste. Oder doch: Er gab mir heute ein ziemlich üppiges Trinkgeld. Das hat er sonst noch nie gemacht. Aber ist das wichtig?“

Und- nach einer Pause:

„Aber was ist jetzt mit Elsbeth?“

Beeskow zog die Schultern hoch.

Kostas wurde von seinem Kollegen ins Restaurant gewunken, und Beeskow saß alleine vor seiner Apfelschorle. Normalerweise hätte er diesen Moment genossen, im Anblick der bunten Marktstände, der Giebelzacken des historischen Rathauses und der Schatten der großen Bäume. Seine Nase hätte sich noch mehr mit dem Duft der blühenden Linde vor dem Bergischen Löwen vollgesogen, und er hätte sich über die Blüte gefreut, die in diesem Moment aus der Höhe in sein Glas fiel. So fischte er sie nur mit spitzen Fingern aus der Apfelschorle und versank wieder in Gedanken über das Verschwinden von Elsbeth.

In diesem Moment sah er eine Frau auf sich zukommen, die von ihren Hunden in zwei entgegengesetzte Richtungen gezerrrt wurde: Frau Sommerfeld. Er winkte sie an seinen Tisch, wo sie sich niederließ und ihre Hunde an einem Stuhl anband.

„Und? Haben Sie was für mich gefunden, Frau Sommerfeld?“

Die Frau mit dem dunklen Pferdeschwanz wartete einen Moment, bis sich Kostas ins Restaurant verzogen hatte. Dann begann sie:

„Sagt Ihnen der Name Skarmeta was?“

Beeskow schüttelte den Kopf.

„Nie gehört. Was ist das?“

„Ein chilenischer Schriftsteller. Der bekannteste chilenische Schriftsteller der Gegenwart. War mal chilenischer Botschafter in Deutschland.“

„Hm.“

„Von dem hat sie sich einen Roman ausgeliehen. Aber jetzt kommt es. Zusätzlich hat sie zwei Reiseführer über Chile mitgenommen. Wir haben nur zwei. Die hat sie beide ausgeliehen.“

„Chile?“ kam es gedehnt aus Beeskows Mund, und seine Stirn legte sich in tiefe Falten.

Plötzlich schaute Frau Sommerfeld erschrocken auf ihre Uhr.

„Ich muss gehen. Meine Mittagspause ist zu Ende.“

Während sie mit den widerstrebenden Hunden um die Ecke bog, sah Beeskow den Kellner mit einem kleinen Metalltablett auf sich zukommen und wunderte sich. Kostas wusste doch, dass er im Dienst keinen Alkohol trank! Doch dann wurde ihm gleich klar: Der Ouzo war für Lisbeth, die ihn nahm und mit einem Schluck hinunterkippte.

Die Karte

Am nächsten Mittwoch warf Beeskow zuerst einen Blick von ferne auf den Stand von Frau Paffrath. Er sah gleich, dass sie nach wie vor alleine da war. Wieder gab es ihm einen Stich ins Herz. Dann ging er hinter der Villa vorbei zum Rondellchen. Atze saß auf der halbrunden Drahtbank neben einer jungen Frau, die seit einem Jahr verzweifelt versuchte, eine Unterkunft zu finden. Der Polizist hörte eine Zeitlang zu, ohne etwas zu sagen.

Plötzlich wandte sich Atze an ihn:

„Herr Beeskow. Ich habe mich umgehört. Und wissen Sie was? Mittlerweile wurde zweimal Tönnes, der Kölner Drogenhändler, am Abend im Rosengarten gesehen. Kennen Sie ihn?“

„Den Namen habe ich schon einmal gehört. Aber Genaueres weiß ich nicht.“

„Er ist in Köln stadtbekannt. Und wird immer mit Zuhälterei in Verbindung gebracht. Zwangsprostitution. Man konnte ihm aber noch nie etwas nachweisen.“

„Ach ja, jetzt erinnere ich mich.“

Nun lief es Beeskow kalt den Rücken herunter. Seine Kollegen waren auf seinen Tipp hin mehrmals am Abend im Forumspark und im Rondellchen gewesen, hatten aber nichts Verdächtiges entdeckt. An den Rosengarten hatten sie vielleicht nicht gedacht.

Lisbeth war heute nicht im Rondellchen zu sehen. Beeskow traf sie später auf der Bank vor der Laurentiuskirche. Als sie ihn sah, winkte sie ihn zu sich:

„Ich hann jät fö dich.“

„Was denn, Lisbeth?“

„Ävver dat koss 2 €.“

„Wie soll ich denn wissen, ob das 2€ wert ist?“

„Ich sare nur eins: Schiele. Poss us Schiele.“

„Chile? Wie kommst du denn auf Chile?“

Nun wurde Beeskow doch neugierig. Dann wurde er aufgeregt.

Er griff sich sein Portemonnaie aus der Hosentasche und fingerte ein Zweieurostück heraus. Als Lisbeth es in der Hand hielt, ließ sie es in den Plastikbeutel fallen, der neben ihr auf dem Boden stand, angelte eine Karte heraus und gab sie dem Polizisten.

Als erstes fiel Beeskow eine Briefmarke mit dem Wort Chile auf. Die Karte war an Frau Paffrath gerichtet. Sie enthielt nicht viele Zeilen. Nur Grüße von Elsbeth aus Chile und das Versprechen, bald würde ein Brief folgen. Ungläubig schaute Beeskow die Stadtstreicherin an, deren Gesicht schon wieder eine verdächtige Rotfärbung aufwies.

„Wo hast du die denn her?“

„He!“

Lisbeth zeigte auf den städtischen Mülleimer, der sich neben der Drahtbank befand.

„Aus dem Mülleimer? Das glaubst du doch selbst nicht.“

„Wenn ich et dir sare.“

„Seit wann fischst du denn Postkarten aus dem Mülleimer?“

Beeskow wusste, dass Lisbeth ständig Mülleimer nach leeren Flaschen oder Dosen durchsuchte, die sie anschließend im Supermarkt in Geld beziehungsweise Bier oder Schnaps umwandelte.

„Die Kaat fehl mir op, wäjen der Freimark. Weil do Schiele dropstund. Un Ühr hat jo dauernd vun Schiele jeschwaat.“

Nun war Beeskow alles klar. Sie hatte seinem Gespräch mit Frau Sommerfeld am Mittwoch gelauscht.

„Lisbeth, ich danke dir. Du hast mir bestimmt geholfen.“

„Ess ald joot. Ess ald joot.“

Nun griff sie wieder in ihren Plastikbeutel, nahm einen Schluck aus einer Schnapsflasche und zog leise singend über den Markt Richtung Fußgängerzone davon.

Wie kam diese Karte in den Papierkorb? Beeskow ahnte schon etwas. Aber das musste er gleich klären. In einer Nebengasse des Markts befand sich der Gemüsestand von Frau Paffrath. Als er in diese Gasse einbog, sah sie ihn schon kommen und hatte wieder ihr abweisendes Gesicht aufgesetzt.

Er hielt ihr die Ansichtskarte entgegen.

„Frau Paffrath, kennen Sie diese Karte?“

Die Marktfrau stutzte, als sie die Karte sah. Dann machte sie sich brummend an ihrer Spargelschälmaschine zu schaffen.

„Frau Paffrath, das ist eine Karte von Ihrer Tochter. Aus Chile.“

„Ich weiß“, brummte sie.

„Lisbeth hat sie mir gegeben.“

„Elsbeth? Quatsch! Die ist doch nicht hier!“

„Die Stadtstreicherin Lisbeth, nicht Elsbeth.“

Nun winkte sie ihn wieder hinter die Spargelschälmaschine. Erklärte ihm missmutig, dass sie die Karte heute erhalten hatte. Und sie voller Wut gleich in den Papierkorb geworfen hatte.

„Haut einfach ab und schickt mir dann eine Ansichtskarte! Jetzt spinnt sie doch endgültig.“

„Aber Frau Paffrath, seien Sie doch froh, dass ihr nichts passiert ist. Ich hatte mir schon alles mögliche Schlimme ausgemalt.“

„Meinen Sie, ich nicht? So etwas von Undankbarkeit!“

„Sie verspricht Ihnen auf der Karte doch noch einen Brief. Warten Sie doch einmal ab. Auf jeden Fall können wir zuerst einmal aufatmen.“

Hatte er „wir“ gesagt? Und was hieß hier „aufatmen“? Sie war auf jeden Fall weg. Und wieso? Mit wem womöglich? Als er Frau Paffrath verließ, hatte er das Gefühl, dass er sie getröstet hatte, er selber aber wieder in dieses tiefe Loch zu fallen drohte.

Der Brief

Drei Tage später, am Samstag, kommt Beeskow an einem anderen Gemüsestand vorbei. Seine Augen schweifen über Neuseeland- Kiwis, französische Artischocken, belgische Tomaten und bleiben auf China-Ingwer hängen. China erinnert ihn an Chile. Manchmal wurden Äpfel aus Chile angeboten. Das Wort schlägt ihm auf den Magen. Was macht sie nur in Chile?

Zwei dicke Frauen unterhalten sich vor einem Stand mit Seidenschals. Er hört die eine patzig sagen:

„Ich kuck ja da nicht aufs Geld. Wofür hab ich denn gearbeitet mein Leben lang?“

Neben ihnen stehen ein paar Leute, die von jemandem reden, der eine Arthoskopie hatte durchführen lassen.

„Das bringt aber nicht viel“, hörte er noch. Dann:

„Ich bin ja von Natur aus neugierig. Wenn ich alles weiß, dann es et joot.“

„Jooh?“ die erstaunte Antwort.

Am Stand mit Eiern und Nudeln bediente eine freundliche Oma:

„Ja, selbstverständlich.“ „Bitteschön. Bitteschön.“

Ganz anders als Frau Paffrath, dachte er.

Er sah noch einen Dicken, der mit einer Serviette den Biertisch vor sich abwischte, hörte einen anderen „Schönes Wochenende!“ wünschen, als er Frau Paffrath erblickte, mit einem anderen Gesicht als sonst. Sie wedelte ihm mit einem Brief zu, den sie in der Hand hielt.

„Post von Elsbeth!“ rief sie ihm zu, als sei sie die Freundlichkeit und Zuversicht in Person.

„Hier, den können Sie mal in Ruhe lesen. Wenn Sie fertig sind, bringen Sie ihn wieder zurück.“

Beeskow nahm den Brief und begab sich zu der Bank vor der Laurentiuskirche. Hastig öffnete er den Umschlag. Ein merkwürdiges Gefühl, auf einmal einen Brief von Elsbeth in der Hand zu halten. Als befände er sich plötzlich in Ihrem Zimmer oder als seien sie zusammen irgendwo unterwegs. Er las:

„Liebe Mama

sei bitte nicht böse, dass ich einfach so verschwunden bin. Aber es ging nicht anders. Du hättest mich nicht gehen lassen. Und ich musste gehen, wegen Marco und wegen des Abendlichts in Vicunja. Beides wirst du zunächst nicht verstehen. Deshalb möchte ich es dir ausführlich erklären.“

Marco, es gab also einen Marco. Wieder spürte Beeskow diese Stiche in der Herzgegend. Ein leichter, erfrischender Wind spielte in der großen Kastanie gegenüber und in der Linde, um die sich seine Bank zog. Warum saß sie nicht neben ihm hier auf der Bank und ließ ihn ihre Hand halten?

Er zwang sich weiterzulesen:

„Du kennst Marco, wenn auch nicht seinen Namen. Ja, es ist der Journalist, der uns schon öfter „belästigt“ hat wegen eines Interviews, welches er mit mir machen wollte. Beide haben wir ihn abgelehnt, du, weil du –leider- fast immer alles Ungewohnte ablehnst. Sei bitte nicht böse über diese Bemerkung, aber es ist leider so. Ich lehnte die Interviews aus einem anderen Grunde ab. Es war mein Gefühl, das ich sofort hatte, als er zum ersten Mal auftauchte. Ich wusste, dass er mein Leben entscheidend verändern würde, wenn ich mich nicht von ihm fernhalten würde. Und nun hat er es verändert, aber so, wie ich es mir immer gewünscht habe.

Du weißt selber, dass ich gerne mit dir als Marktfrau arbeitete, vor allem auf dem Gladbacher Markt, den ich immer als sehr schön und als meine Heimat empfand. Du hast aber auch meine Versuche miterlebt, über diesen gewohnten und geliebten Rahmen hinauszuschauen. Einen Menschen, mit dem ich das gemeinsam konnte, hatte ich aber bisher nicht gefunden. Und es gab einen Versuch, den ich im Nachhinein genauso verurteile wie du. Ich meine, meine Kontakte zur Kölner Drogenszene. Ich bin heilfroh, dass ich damals den Absprung geschafft habe. Wahrscheinlich habe ich das zu einem großen Teil auch dir zu verdanken, Mama.

Mein Studium hast du fast in gleicher Weise verurteilt. Das finde ich nicht fair. Man kann im Leben nicht immer nur auf das unmittelbar Nützliche schauen. Dann schließt man sich selber in ein Gefängnis ein. Und zusätzlich hat deine Ablehnung unsere Beziehung zueinander sehr gestört. Nun studiere ich- zumindest im Moment- gar nicht. Etwas anderes ist an die Stelle des Studiums getreten, meine Liebe zu Marco und –halte mich nicht für verrückt!- das Abendlicht auf den Bergen der Anden. Dazu muss ich aber ein wenig ausholen.“

Beeskow las nun –fast atemlos- weiter:

„Marco kam mit seinen Eltern aus Chile, weil die wegen ihrer politischen Überzeugung Schwierigkeiten in der Pinochet-Diktatur hatten. Als er vor ein paar Jahren den Versuch machte, in seiner alten Heimat als Journalist Fuß zu fassen, musste er feststellen, dass die Schatten der Diktatur immer noch über dem Land lagen. In unseren Gesprächen hier nach dem Ende des Markts und einige Male auch in der Uni, wo er mich abpasste, wenn ich dort war, überzeugte er mich schließlich davon, dass ein Neuanfang in Chile für uns beide das Richtige sein würde. Natürlich kam etwas hinzu, was ich dir sicher nicht zu erklären brauche: Wir verliebten uns beide Hals über Kopf ineinander. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was Marco für ein wunderbarer Mensch ist. Ich hoffe ja, dass du uns bald einmal hier in Vicunja besuchen wirst. Dann wirst du es selber sehen, wenn du deinen eigenen Starrsinn besiegen kannst. Entschuldige diesen Ausdruck. Aber du bist ja auch immer für Ehrlichkeit gewesen, und darin stimmen wir auf jeden Fall überein.

Was ist Vicunja? Ein kleine Stadt mit vielen alten bunten Häusern, teilweise aus Holz, eine Busstunde nördlich der Hauptstadt Santiago. Ein Teil von Marcos Familie stammt von hier, so trifft er dort auf etliche Bekannte und Verwandte. Das ist einerseits angenehm, andererseits können sie einem auch ganz schön auf den Wecker gehen. Bisher schaffen wir es aber, unser eigenes Leben zu führen. Marco hat eine kleine Onlinezeitung gegründet, die sofort Anklang gefunden hat, und wir arbeiten gemeinsam auf dem Markt von Vicunja.

Wir haben schon damit begonnen, die Produkte von kleinen Bauern aus dem Elqui-Tal zu vermarkten, einem schönen langgezogenen Tal, das unmittelbar hinter Vicunja in die Anden führt. Für mich aber ist das Schönste neben unserer Liebe, wenn ich am Abend auf das Licht auf den Bergen schaue. Du siehst sozusagen Silber und Gold übereinander, das silberne Glitzern auf dem Schnee der hohen Gipfel und das warme Gold, in dem die kahlen Berge weiter unten leuchten. Unser Stand gibt mir den Blick nach Osten frei, so dass ich manchmal von meinem Arbeitsplatz aus diese herrliche Ansicht genießen kann.

Ich muss dir ehrlich sagen, das fehlte mir auf dem Gladbacher Markt, obwohl ich es ja früher gar nicht kannte. Aber da leuchtet über dem Wohlbekannten so etwas wie Hoffnung, Freiheit und Offenheit auf, was meinem Leben einen Sinn gibt. Natürlich neben dem Sinn, den mir Marcos Liebe gibt. Wie die beiden miteinander zusammenhängen, kann ich gar nicht sagen. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, wie es wäre, wenn eines von beiden fehlte. So auf jeden Fall bin ich glücklich, wie ich es nie war. Und das möchte ich dir gerne zeigen, liebe Mama. Gib dir zuerst einfach einen Ruck, und schreibe mir. Dein Brief braucht ja nicht so lang zu sein wie meiner.

Deine Elsbeth

P.S. Viele Grüße auch von Marco“

Als Beeskow von seiner Lektüre aufschaute, spürte er zuerst so etwas wie eine große Leere in seinem Inneren. Wie aus Trotz schien aber sein Blick nach außen umso geschärfter zu sein. Er sah, wie ein leichter Wind die Fahnen vor dem Rathaus blähte. Vor ihm landete eine Taube zwischen den Versorgungsleitungen, als gehöre der Marktplatz ihr alleine. Lindenblüten mit ihren Flugblättern segelten in einem plötzlichen Wirbel. Dann wieder Ruhe. Vier Männer standen zwischen ihm und den nächsten Marktbuden und unterhielten sich auf Türkisch. Einer sprach mit ausholenden Gebärden. Auf der Rathaustreppe ließ ein Fotograf eine Hochzeitsgesellschaft posieren. Kinder trällerten den Hochzeitsmarsch, taa-tatataa.

Beeskow fiel ein, dass er den Marktplatz auch mochte, wenn er ganz leer war, seine Weite, in der man sich verlieren konnte, die aufgepflasterten Wellen aus Porphyrstein. Er spürte dann ein eigenartiges Zusammenfallen von Verlorensein, Aufgehobensein und Besitzen. Vielleicht genügte den Menschen das in ihrer Kindheit, vielleicht auch im Alter. Nur in ihrem Mittelalter brauchten die meisten vielleicht noch etwas anderes, etwas, was von vielen als Perspektive bezeichnet wurde, Hektik, Betriebsamkeit.

War also alles nur eine Altersfrage? Waren er und seine Frau damals einfach unterschiedlich alt gewesen, er immer noch ein Kind, oder schon ein weiser Alter, sie in einer Lebensmitte, in der er nie angekommen war? Und nun war es mit Elsbeth und ihm wieder dasselbe. Das konnte man nicht ändern. Immerhin blieb ihm der Markt, die ganze Innenstadt und sein Beruf. Der Markt blieb ihm sogar noch, wenn sein Beruf einmal zu Ende wäre.

Vielleicht säße er dann auch hier alleine auf der Rundbank, und es wäre zwölf Uhr, und hinter sich hörte er wie jetzt die Glocke der Laurentiuskirche. Und kurz danach würden sich wie heute die Rathausglocken beeilen, hinterherzukommen. Eine Sirene meldete die Ansprüche der Industrie an. Die Lindenblüten zu seinen Füßen würden von einer plötzlichen Bö im Kreis gewirbelt, er erinnerte sich an die Lindenalleen seiner Kindheit im Osten. Die geistlich-weltliche Glockenzeremonie klänge in dem ausdauernden Läuten von Laurentius aus. Noch ein Glockenschlag. Noch einer. Stille. Sollte hier angedeutet werden, wo die eigentliche Macht in diesem Lande lag, oder war das lediglich eine nostalgische Erinnerung?

Ein Mann mit einem Bürstenschnitt und einem geröteten Gesicht und eine Frau mit sanften Augen und schulterlangen Haaren tauchen plötzlich neben den vier türkischen Männern auf. Beeskow erkennt sie zuerst nicht wegen ihrer ungewohnt vornehmen Kleidung. Es sind Herrmann und Dorothee.

„Wir haben dich schon gesucht. Heute ist unser Hochzeitstag. Wir wollten dich zum Essen einladen. In den Bergischen Löwen.“

Wie benommen folgt ihnen Beeskow zu den Tischen und Stühlen am Rande des Markts. Als sie Platz genommen haben und der frohgelaunte griechische Kellner ihnen den bestellten Aperitiv hingestellt hat, sie sich zuprosten wollen, bemerken seine Freunde, dass Beeskow immer noch den Brief in der einen Hand hält. Dorothee fragt ihn:

„Was hast du denn da für einen Brief?“

„Von Elsbeth.“

„Von Elsbeth?“

Beider Augen weiten sich.

In diesem Moment beginnt das Glockenspiel vom Bürgerhaus. In ungelenkem Rhythmus ertönt die Melodie des Volkslieds „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.“

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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1 Kommentar

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  1. Mit aufmerksamem Blick streift der Autor durch unsere Stadt, beobachtet
    mit liebevollem Augenzwinkern auch die Menschen, die nicht ganz in der
    gesellschaftlichen Norm leben, zeichnet ein Bild eines jungen Mädchens,
    das aus dem gewohnten Leben plötzlich aussteigt, um auch die weiteren
    Farben des Weltbildes zu erfahren. Werden die Leser für diesen Schritt
    Verständnis zeigen, diesen Schritt sogar als Impuls für sie selbst begreifen?