Aus dem Publikum kamen viele Fragen – und Angebote. Fotos: Martin Rölen

Die Einführung bei der Gesprächsrunde „Flüchtlinge als Nachbarn” ist noch nicht beendet, da meldet sich in der vollbesetzten Kirche St. Severin in Hand der erste Fragesteller:

„Wie können wir helfen?”

Ausgelöst hat diese Frage die anrührende Schilderung des Alltags in der Flüchtlingsunterkunft in Sand durch DRK-Chefin Ingeborg Schmidt. Sie berichtet von der Dankbarkeit der 78 Menschen für die Sicherheit und (vorübergehende) Ruhe, die sie in Bergisch Gladbach gefunden haben. Wie in der engen Halle ein Gemeinschaftsgefühl entsteht, wie sich gegenseitig geholfen wird.

Bürgermeister Lutz Urbach findet für die Hilfsbereitschaft der Nachbarn in Sand, aber auch in ganz Bergisch Gladbach, „nur ein Wort: großartig”. Und auch jetzt in der Kirche kommen von allen Seiten Anfragen und Angebote. Die ausführliche Fragerunde bei der Veranstaltung des Bürgerportals in Sand zeigt aber auch, dass es manchmal gar nicht so einfach ist, mit der Hilfe: Was wird gebraucht? Wen spreche ich an? Wer koordiniert das ganze?

Und dann bringt Ingeborg Schmidt noch eine ganz andere Frage auf, die die mehr als 300 Teilnehmer zunächst sprachlos machte, später aber eine kreative Welle auslöst. Dazu unten mehr.

Ingeborg Schmidt (DRK) wird von den Flüchtlingen „Mum” genannt. Hier mit Lutz Urbach und Georg Watzlawek

Hinweis der Redaktion: Ein weiterer Beitrag zur Gesprächsrunde beantwortet die Fragen, was weiter in Sand geschieht und wo die nächsten Flüchtlinge konkret untergebracht werden sollen – bzw. welche Immobilien nicht in Frage kommen.

Im Prinzip ist die Unterkunft in Sand, vom DRK in einer Blitzaktion eingerichtet und betrieben, gut ausgestattet. Die einfachen Pritschen sind durch Betten mit richtigen Matratzen ausgetauscht worden; Stadtpressespecher Martin Rölen hat in einer weiteren Blitzaktion bei Ikea 80 Unterbettcontainer besorgt und damit auch das Schrankproblem gelöst. Und die Flüchtlinge sind in der mit Spenden gut gefüllten DRK-Kleiderkammer eingekleidet worden.

Basketball löst Tränen aus, jetzt fehlen Fußballschuhe

Informelle Gespräche am Rand der Veranstaltung in St. Severin

Dennoch gibt es ein paar ganz konkrete Dinge, die sich die Flüchtlinge nach den Worten von Ingeborg Schmidt wünschen – und die oft einen sehr großen Unterschied machen: „Einer unserer Jungs hat in Ghanas Nationalmannschaft Basketball gespielt. Nachdem er jetzt einen Ball geschenkt bekam habe ich ihn weinend auf seinem Bett gefunden. Vor Freude.”

Zum Beispiel fehlen Fußballschuhe. Die jungen Flüchtlinge kicken auf dem Sportplatz – und flugs organisiert die Führung des DJK SSV Ommerborn Sand ein Spiel der 1. Mannschaft – „gegen/mit den Flüchtlingen”, am 11. August um 19:30 Uhr. Dafür werden jetzt gebrauchte Fußballstiefel der Größen 37 bis 43 gesucht; eine entsprechende Facebook-Aktion läuft bereits rund. (Alle Ansprechpartner finden Sie unten.)

Teilnehmer der Gesprächsrunde fragen nach Kinderspielzeug. Auch damit ist das DRK versorgt – mit einer Ausnahme: Spielzeug und Sportgeräte für draußen. Immerhin 22 Kinder, darunter zwei Kleinkinder, leben in der Unterkunft. Der Bewegungsdrang ist groß – aber bislang steht nur ein Bobbycar zur Verfügung.

Außerdem wünscht sich das DRK, zur Entlastung der eigenen ehrenamtlichen Kräfte, Hilfe bei der Essensausgabe, von 8 bis 10 Uhr oder von 17 bis 19 Uhr. Zwar übernähmen die Flüchtlinge viele Aufgaben in der Halle selbst, die Essensausgabe sei ihnen jedoch aufgrund der hohen Hygienestandards des DRK verwehrt (mehr Infos dazu hier).

Die vielen Möglichkeiten der konkreten Hilfe

Weitere Fragen aus dem Publikum beziehen sich auf Kleider- und Sachspenden, auf die Übernahme von Patenschaften, Dolmetscherdienste oder Sprachunterricht. Alles das wird von den bestehenden Hilfsorganisationen und Initiativen (Kontakte siehe unten) bereits organisiert und bereit gestellt, wenn auch weitere Hilfe gerne angenommen wird.

Allerdings gießt Lutz Urbach „etwas Wasser in den Wein”: bei den 78 Flüchtlingen in Sand ist völlig unklar, ob und wie lange sie in Bergisch Gladbach bleiben können. Die Stadtverwaltung würde sie zwar gerne nach den ersten Wochen der Erstaufnahme in andere Unterkünfte in der Stadt übernehmen, aber angesichts des formalen Asyl- und Zuweisungsverfahren stehen die Chancen dafür schlecht.

Allerdings, und das gilt für Hilfen aller Art: Neben den 78 Menschen in Sand hat die Stadt bereits jetzt mehr als 700 Flüchtlinge untergebracht; es werden Monat für Monat mehr, und auch sie können eine persönliche Betreuung gut gebrauchen.

Die größte Hilfe: Privater Wohnraum

Die Anerkennungsquote im Asylverfahren ist bei den Bergisch Gladbacher Flüchtlingen genau wie bei allen Flüchtlingen in Deutschland sehr unterschiedlich: Menschen aus dem West-Balkan haben so gut wie keine Chance, diejenigen aus Syrien, Eritrea und vielen anderen Konfliktländern dagegen sehr gute. Die sogenannte bereinigte Schutzquote (Anteil der Menschen, die zum Schluss des Verfahrens bleiben dürfen, liegt bei 48 Prozent (mehr Info dazu im Faktencheck.)

Die ganz große Bitte von Bürgermeister Urbach bezieht sich auf das aktuell größte Problem der Verwaltung: die immer neuen Flüchtlinge angemessen unterzubringen. Inzwischen denkt die Stadt auch über Container und viele andere Optionen nach (mehr dazu in diesem Beitrag), aber die optimale Lösung, so Urbach, sei die dezentrale Unterbringung in privaten Wohnungen. Wer immer über freien Wohnraum verfüge, möge sich melden! (Ansprechpartner: siehe unten).

Bei Wortbeiträge aus dem Publikum wird deutlich, dass einige Bergisch Gladbacher Haushalte genau das schon gemacht haben, und zum Teil eine enge Bindung zu „ihren Flüchtlingen” aufgebaut haben. In 30 Fällen, berichtet Beate Schlich (Fachbereichsleiterin Jugend und Soziales) sei das bereits gelungen, in aller Regel funktioniere das reibungslos. Zwar sei nicht jedes Angebot geeignet, aber jedes werde geprüft.

Die Frage des Abends

Ingeborg Schmidt überbringt eine Frage „ihrer Flüchtlinge”. Und löst Ratlosigkeit aus. Zunächst.

An dieser Stelle meldet sich wieder die Frau mit dem engen Draht zu den Flüchtlingen zu Wort, Ingeborg Schmidt, und drehte die Debatte in eine ganz unerwartete Richtung:

„Ich habe von meinen Flüchtlinge auch ein Anliegen mitgebracht: Sie fragen, wie sie den Bergisch Gladbachern helfen können.”

Den Flüchtlingen in der Turnhalle, so die DRK-Chefin, sei durchaus bewusst, dass sie einen hohen Aufwand, Kosten und auch Einschränkungen der Vereine verursachen. Und sie würden wenigstens ein wenig versuchen wollen, dafür etwas zurückzugeben.

Eine Frage, die das Publikum zunächst sprach- und ratlos macht. Aber nach einem Weilchen kommen dann doch ein paar sehr konkrete Vorschläge. Und die meisten haben zudem noch den Charme, ganz nebenbei zu einem besseren gegenseitigen Verständnis von Flüchtlingen und Nachbarn zu führen.

Muslime – aber weder Islamisten noch Terroristen

Die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge in Sand, berichtet Schmidt weiter, seien Muslime. Und ihnen sei es sehr, sehr wichtig, klar zu machen, dass sie keine Islamisten, keine Gewalttäter oder Terroristen seien. Im Gegenteil, viele von ihnen sind vor dem Terror in ihrer Heimat geflohen.

Zwei Stunden intensive Debatte in Sand

Ein paar Vorschläge:

  • Sand feiert übernächste Woche das Rochus-Fest; da müssen Zelte, Bänke und Tische aufgebaut werden, kräftige Hilfe ist willkommen. Frau Schmidt sagt sofort zu: Machen wir.
  • Eine Jugendliche schlägt Patenschaften vor. Und zwar nicht von Nachbarn für Flüchtlinge, sondern umgekehrt: „Die Flüchtlinge können sich doch um alleinstehende Rentner kümmern, mit ihnen spazieren gehen, sich unterhalten, ein Spielchen spielen.” Das geht vielleicht nicht mit den Menschen in der Turnhalle in Sand, aber sicherlich mit denjenigen, die bereits einen gefestigteren Aufenthaltsstatus haben.
  • Flüchtlinge mit einem gesicherten Status könnten als Dolmetscher tätig werden, bekräftigt eine Vertreterin des Caritas-Integrationsdienstes (Kontakt s.u.)
  • Einige Flüchtlinge könnten in die Schulen gehen und von sich, ihrer Geschichte und ihren Erfahrungen in Deutschland berichten. Nebenan in der Grundschule in Sand – oder auch in den anderen Schulen der Stadt. Hildegard Hetzenegger, Rektorin der KGS Sand, und Dettlef Rockenberg, der neue Schulamtsleiter, nehmen sich der Sache an. Lesen Sie dazu auch: NCG-Schüler übernehmen Patenschaften

Der Tipp des Bankers: Spende an das DRK überweisen. Jetzt.

Diese Vorschläge belegen, in was für einer konstruktiven Stimmung die gesamte Gesprächsrunde verlief. Der Bürgermeister und sein ganzes Team bekamen viel Lob und Beifall, regelrecht gefeiert wurden Frau Schmidt und die DRK-Helfer. Ein weiterer Vorschlag aus dem Publikum, wie man helfen kann, bringt es auf den Punkt:

“Für mich ist ganz klar, was ich machen kann: Mich im Online-Banking einloggen und eine Spende an das Rote Kreuz überweisen.”

Kontakte:

  • Deutsches Rotes Kreuz
    Geschäftsstelle: 02202  936410
    Annahme von Sachspenden: Hauptstraße 260, gegenüber der Gnadenkirche
    Ingeborg Schmidt (u.a. Leiterin der Unterkunft in Sand): 0173 5483756
    Spendenkonto: Kreissparkasse Köln, Konto: 311 001 659, BLZ: 370 502 99
    Stichwort: Spende Flüchtlingshilfe
  • DJK SSV Ommerborn Sand,
    Website, Facebook, Helga Rappenhöner, 02202 -2809526
  • Stadt Bergisch Gladbach
    in Sachen Wohnraum, Patenschaften, Betreuung, Dozenten und Räume für Sprachkurse
    Erstansprechpartnerin: Friederike Hennig, 02202 142868, F.Hennig@stadt-gl.de
    Netzwerk-Koordinator Uwe Tillmann, 02202 14 2321, U.Tillmann@stadt-gl.de
    Bürgermeister Lutz Urbach, l.urbach@stadt-gl.de
  • Koordinatorin für pfarrgemeindliche Flüchtlingsarbeit RheinBerg
    Claudia Kruse, Kreisdekanat Rheinisch-Bergischer Kreis, mehr Info
    Telefon  02202/2515774, E-Mail  claudia.kruse@laurentius-gl.de
  • Arbeitskreis Flüchtlinge
    Szymon Bartoszewicz: 02202 9 31 01 36
    Jens Dettmann: Tel.: 02202 14 2345, j.dettmann@stadt-gl.de
  • Caritas-Fachdienst für Integration und Migration
    Raphaela Hänsch, 02202 1008-601, Website
  • Mikibu: Migrantenkinder bekommen Unterstützung
    Dirk Cromme, 02204  665 32, info@mikibu.de
  • Neue Heimat Bergisch Gladbach, Facebook-Gruppe
  • Kleider- und Sachspenden:
    Deutscher Kinderschutzbund: 02202 3 99 24
    Deutsche Rote Kreuz 02202 936 41 0
    Gronauer Fenster 02202 445 12
    Kleiderstube 02204 587 70
    Kleiderschrank 02202 3 80 37
  • Spenden von Möbeln und Haushaltsgegenständen
    Skarabäus Novo e.V.  02202 70 86 08
    Sozialkaufhaus Emmaus 0152 28 54 03 06
  • Lebensmittelspenden
    Die Tafel e.V, 02202 95 72 20 40
  • Freiwilligenbörse Rhein-Berg
    Website,  02202 1882717

Wen/was haben wir vergessen? Melden Sie sich bitte per Mail: info@in-gl.de

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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