Warum Sie diesen Artikel lesen sollten? Weil Sie erfahren
+ wie es in Sand konkret weiter geht
+ wo die Stadt weitere Flüchtlinge unterbringen will
+ was für/gegen Zanders, Schloss Lerbach, Eissporthalle oder BASt spricht
+ an wen Sie sich wenden können

In St. Severin informierten Lutz Urbach, Ingeborg Schmidt (DRK); Moderation Georg Watzlawek.

„Mittwoch um 15 Uhr 30 kam die Anweisung, am Donnerstag müssten wir 150 Flüchtlinge unterbringen.” Eindringlich schildert Bürgermeister Lutz Urbach bei der Gesprächsrunde des Bürgerportals in der Kirche St. Severin in Sand, unter welchem Zeitdruck die Stadt eine Unterkunft für dann immer noch 78 Flüchtlinge herbei zaubern musste. Elf Tage später ist diese Herausforderung mit Hilfe des DRK gemeistert, die Flüchtlinge sind in der Turnhalle der KGS Sand gut versorgt.

Jetzt kann die Stadt Schritt für Schritt einen Plan entwickeln, wie die Turnhalle für Schule und Vereine wieder nutzbar gemacht werden soll.

So geht es in Sand weiter

Volle Kirche, aufmerksame Zuhörer: St. Severin in Sand. Fotos: Martin Rölen

In der mit über 300 Zuhörern gut gefüllten Kirche in Sand trägt Urbach diese Punkte vor:

  • Zunächst werden am Sportplatz Zelte als Umkleidekabinen und ein Toilettenwagen aufgestellt, damit der DJK SSV Ommerborn Sand wieder auf dem Platz spielen kann.
  • Für den regulären Spielbetrieb des Fußballvereins werden Ausweichmöglichkeiten auf anderen Plätzen in der Stadt gesucht.
  • Für den Schulsport werden Ausweichmöglichkeiten in anderen Turnhallen und ein Fahrdienst organisiert.
  • Der Hallensport kann vorerst nicht wieder aufgenommen werden; hier wird einiges ausfallen, bestimmte Aktivitäten sollen zum Beispiel in den Gemeindesaal verlegt werden.

Urbach macht klar, dass die Turnhalle nicht wie zunächst angekündigt zum Ferienende wieder frei wird, sondern auf unbekannte Dauer für die Flüchtlinge benötigt wird.

Die für 2015 geplante Sanierung der Turnhalle komme auf jeden Fall, das Geld sei fest eingeplant, legt sich der Bürgermeister eindeutig fest.

Hinweis der Redaktion: Die Gesprächsrunde in Sand diskutierte intensiv, wie die Bürger den Flüchtlingen und den Hilfsorganisationen helfen können. Dazu folgt ein eigener Beitrag.

Engagierte Fragen und Anregungen aus dem Publikum.

Auf Fragen aus dem Publikum beantwortet Urbach, warum ausgerechnet die Sander Sporthalle ausgewählt wurde: weil sie nur mit sechs Wochenstunden durch den Schulsport belegt ist, weil sie sich nicht auf dem Schulgelände befindet und weil genung Platz für Untersuchung- und Versorgungscontainer vorhanden ist.

Das war nötig, weil es sich ja nicht um eine normale Unterkunft handelt, sondern um eine Erstaufnahme, in der die Menschen untersucht und registriert werden müssen. (Mehr Infos dazu: BGL steht für Flüchtlinge bereit, Stadt und DRK ziehen 1. Bilanz)

Was wird aus den 78 „Sander Flüchtlingen”?

Viele Fragen bezogen sich auf die Menschen in der Turnhalle in Sand.

Ein großes Fragezeichen schwebt über dem Schicksal der 78 Flüchtlinge, darunter 22 Kinder, die jetzt in der Turnhalle leben. Eigentlich müssen sie nach Düsseldorf oder Dortmund gebracht werden, um dort den Asylantrag zu stellen; eigentlich werden sie anschließend in eine andere Landesunterkunft oder in eine andere städtische Unterkunft gebracht, wo auch immer.

Details zum Asylverfahren und den Zuweisungen: Faktencheck Flüchtlinge, Sand ist nur eine kleine Station im großen Verteilungsplan, Alle Beiträge zum Thema

Die Stadt Bergisch Gladbach würde diese Menschen aber gerne in der Stadt behalten, betont Urbach. Daher habe er den zuständigen Staatssekretär gebeten, zu prüfen, ob Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF)  nach Sand kommen können, um die Asylgesuche vor Ort aufzunehmen.

Zudem macht sich Urbach dafür stark, dass die 78 Neu-Sander eben nicht in eine andere Stadt, sondern in andere Unterkünfte in Bergisch Gladbach eingewiesen werden. Ob er damit erfolgreich sein wird, ist völlig offen.

Eine Sisyphos-Aufgabe: Unterkünfte, immer mehr Unterkünfte

Die Stadtverwaltung berichtet zudem sehr offen, dass Bergisch Gladbach in den kommenden Monaten weitere und womöglich noch sehr viele Flüchtlinge unterbringen muss. Spätestens im September werden die normalen Regelzuweisungen wieder aufgenommen, mit womöglich 70 oder noch mehr Menschen pro Monat. Zum Jahresende werden wahrscheinlich mehr als 1000 Flüchtlinge in Bergisch Gladbach unterzubringen sein, derzeit sind es rund 780.

Daher ist die Stadt permanent auf der Suche nach weiteren Unterkünften – in eigenen Immobilien, in Gebäuden von Land oder Bund auf Bergisch Gladbacher Gebiet und nicht zuletzt in Privathäusern.

Urbach zählt auf, wo über die ohnehin vorhandenen städtischen Unterkünfte hinaus Platz geschaffen oder angemietet wurde: unter anderem im umgebauten Lübbe-Gebäude, im Hotel Hamm, in Pavillons auf dem Schulgelände in Herkenrath und in knapp 30 Fällen in angemieteten Privatwohnungen.

Warum nicht Schloss Lerbach?

Aber das alles reicht nicht aus, räumt auch Urbach ein. Einige mögliche Projekte spricht er an, viele weitere Vorschläge  aus dem Publikum in der Kirche werden der Reihe nach abgeklopft:

  • Stadtbauart Stephan Schmickler prüft derzeit alle Abrissanträge, ob man diese Häuser nicht zwischenzeitlich für Flüchtlinge nutzen kann.
  • Das Forsthaus Broichen, in Besitz des Landes NRW, steht seit einigen Jahre leer und sollte eigentlich zu einer Kindertagesstätte umgebaut werden; das wird aufgeschoben, zwischenzeitlich sollen hier Flüchtlinge einziehen.
  • Auf dem Gelände einer Schule im Stadtgebiet sollen sechs Container für bis zu 90 Flüchtlinge aufgestellt werden; da der Direktor noch im Urlaub und nicht informiert ist, wird der Name der Schule vorerst nicht genannt.
  • Die Stadt verhandelt mit dem Rheinischen Turnerbund, ob man deren Gelände und Hallen an der Pfaffrather Straße umfunktionieren kann.
  • Die Halle des Olympiastützpunktes, ebenfalls an der Paffrather Straße, kommt aus bautechnischen Gründen nicht in Frage.
  • Gebäude auf dem Gelände von Zanders kommen aus ordnungsrechtlichen Gründen nicht in Frage, noch nicht einmal die Bürogebäude könne man nutzen.
  • Den zweiten Flügel des Lübbe-Gebäudes, in denen Teile der Verwaltung einziehen sollen, habe man verwaltungsintern diskutiert, aber abgelehnt, weil man nicht mehr als 100 Flüchtlinge an einem Ort wohnen lassen möchte.
  • Die Eissporthalle sei geprüft worden, langfristige Verträge würden jedoch einer Nutzung von Gelände und Halle entgegen stehen.
  • Das Forsthaus Hardt ist von der Stadtverwaltung nicht geprüft worden, kommt laut Urbach aber wegen der abgelegenen Lage kaum in Frage.
  • Schloss Lerbach könne durchaus eine „Belebung vertragen”, lautet ein Vorschlag aus dem Saal, der großes Gelächter hervorruft. Urbach kontert: „Sie können lachen, aber ich habe mit der Besitzerfamilie gesprochen, leider ist das Hotel derzeit eine riesige Baustelle.”
  • Das alte Löwencenter in Bensberg, dessen Abriss und Neubau als Marktgalerie sich immer wieder verzögert, wurde diskutiert, aber auch hier stimmten die Faktoren offensichtlich nicht, beispielsweise fehlen Sanitäranlagen und es gibt wenig Tageslicht. Das wurde im Nachgang der Gesprächsrunde geklärt.

Doch so viele Unterkünfte die Stadt auch ausfindig macht, sie wird wahrscheinlich immer wieder von der Realität eingeholt werden. „Erinnern Sie sich an den Lübbe-Kauf?”, fragt Urbach? „Da hatten wir noch gedacht, das wäre der große Wurf, jetzt hätten die 100 Plätze nicht mal für einen Tag gereicht.”

Die BASt als Standort für eine richtig große Landesunterkunft?

Lutz Urbach mit Ingeborg Schmidt (DRK) und Georg Watzlawek (Bürgerportal)

Daher musste die Stadt ihre bisherige Vorstellung, auf Unterkünfte in Turnhallen, auf Containerlösungen oder gar Zelte verzichten zu können, aufgeben. Turnhallen werden genutzt, Container (sofern sie angesichts der übergroßen Nachfrage überhaupt zu bekommen sind) werden aufgebaut. Und wie sieht es mit Zeltstädten aus? Eine Option, die Urbach jetzt auch nicht mehr völlig ausschließen kann.

Ungefragt bringt der Bürgermeister eine weitere Option auf den Tisch. Da das Land ja auf der Suche nach wirklich großen Gebäuden für die Einrichtung von Erstaufnahme- und Zwischeneinrichtungen in der Größenordnung von 500 bis 1500 Menschen sind, könne man sich ja mal das „unglaublich große Gelände” der Bundesanstalt für Straßenverkehr (BASt) anschauen.

Das Areal und Gebäude zwischen Refrath und Bensberg an der A4  gehören dem Bund, dort könne das Land ganz nach den eigenen Vorstellungen arbeiten. Ein mutiger Vorstoß, der in der Gesprächsrunde in Sand aber nicht weiter diskutiert wird.

Ein Appell zum Schluss

Was bleibt? Der Appell, privaten Wohnraum zu melden, über weitere fantasievolle Möglichkeiten nachzudenken. „Wer eine Wohnung zur Verfügung stellt, hilft am schnellsten und unkompliziertesten,” betont Urbach.

Kontaktperson bei der Stadtverwaltung ist Friederike Hennig (02202 14 142 868, F.Hennig@stadt-gl.deHenning). Urbach betont aber, dass man sich auch direkt an ihn wenden kann, per Mail (l.urbach@stadt-gl.de) oder Telefon: „Meine Nummer steht ganz normal im Telefonbuch, melden Sie sich.”

Weitere Kontakte/Koordinierung

Claudia Kruse (links) ist die Flüchtlingskoordinatorin RheinBerg des Bistums Köln

  • DRK Geschäftsstelle: 02202  936410
    Annahme von Sachspenden: Hauptstraße 260, gegenüber der Gnadenkirche
  • Ingeborg Schmidt (DRK, Leiterin der Unterkunft in Sand): 0173 5483756
  • Claudia Kruse, Flüchtlingskoordinatorin Rhein-Berg des Erzbistums Köln, 02202 2515774,   claudia.kruse@laurentius-gl.de
  • Neue Heimat Bergisch Gladbach, Facebook-Gruppe

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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3 Kommentare

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  1. Spitzfindigkeiten?
    Hier mal eine andere Spitzfindigkeit.

    Die renommierte “Washington Post” zitiert 2008 den Chef des amerikanischen Geheimdienstes CIA, Hayden, mit folgenden Worten, dass Deutschland spätestens im Jahre 2020 nicht mehr regierbar sei. Der Werteverfall, die Islamisierung, die Massenarbeitslosigkeit und der fehlende Integrationswille einiger Zuwanderer, die sich “rechtsfreie ethnisch weitgehend homogene Räume” selbst mit Waffengewalt erkämpfen würden, sowie viele andere deutsche Probleme werden sich nach dieser Studie in einem Bürgerkrieg entladen.

    Spitzfindigkeit ? Ich wünschte es wär so !

  2. Ein Kommentar von Lothar Sütterlin:
    Der Flüchtlingsstrom war lange absehbar, aber keine Vorsorge wurde getroffen. Alle Initiativen wurden blockiert durch Einwände juristischer oder wirtschaftlicher Art. Es wurde nur diskutiert, erörtert, verworfen und neu diskutiert. Und plötzlich war es soweit: Die Flüchtlinge rollten an. Und dann hat unser Bürgermeister die gesamte Diskussion schlagartig beendet und entschieden – diskutieren können wir immer noch, prioritär muss Menschen in Not geholfen werden! Meinen Respekt hat er dafür!
    Die Botschaft kam klar und deutlich an. Sie hat m.E. eine andere Seite als die Spitzfindigkeiten in uns anklingen lassen, wie die Hilfsbereitschaft in Sand zeigt.
    Ich meine, wir können aus dieser Situation viel lernen und andere absehbare Ereignisse im Sinne der Bürger und nicht nur im Sinne des Stadtsäckels meistern.

  3. „Ein Appell zum Schluss; Was bleibt? Der Appell, privaten Wohnraum zu melden, über weitere fantasievolle Möglichkeiten nachzudenken.“
    Ja und auch mal über die Kosten bzw. die anstehenden Steuer und Abgabenerhöhungen zu sprechen die dass alles so mit sich bringt.

    Weltweit sind derzeit wohl mehr als 100Millionen Menschen auf der Flucht.
    Beschäftigt sich hierzulande auch IRGENDWER mit der Frage wie lang das noch so weiter gehen kann bzw. soll? Wann es genug ist?
    Oder hört das erst auf wenn Deutschland im Chaos versinkt?!!
    Warum wohl sperren sich Britten und andere EU Staaten gegen diesen Irrsinn?
    Weil dort alles Nazis sind?
    Nun ich denke nicht.
    50. 50 Menschen gehörte einst zum harten Kern der RAF. Diese fünfzig haben gereicht um das Land am Rand des Ausnahmezustandes zu halten. Was erst werden 500 eingesickerte Extremisten hierzulande anrichten?
    Ich denk die Antwort auf diese Frage werden wir alle innerhalb der nächsten 3 Jahre bekommen. Bis dahin können wir ja für weiter 50 Millionen Platz schaffen um am Ende selbst Vertriebene zu sein. Verrückt würd ich meinen aber nun ja. Wer damit beschäftigt ist immer neue Plätze zu suchen und zu schaffen, also Symptome zu bekämpfen, hat wenig Zeit über Ursachen zu Sinnieren um dem Problem wirklich erfolgreich bei zu kommen.

    Nun ja sei es drum. Lasst rein was rein will und baut euren Sozialismus auf. Nur wenn es dann soweit ist und die Sozialsysteme Kollabiert weil nicht mehr Finanzierbar, verkneift euch das Rumgeheulen von wegen die Neoliberalen seien dran schuld.
    Das wirkt zunehmend unglaubwürdig.

    In diesem Sinne, schönen Tag und weiterhin schöne Krisengipfel allseits.