Flüchtling in einer Notunterkunft. Archivbild: Wikipedia/Andreas Bohnenstengel

Das Interesse ist sehr groß: Mehr als 100 BürgerInnen kamen am Montag in den Gladbacher Ratsaal, um sich über Möglichkeiten zu informieren, Pflegefamilie für eines der unbegleiteten Flüchtlingskinder in Bergisch Gladbach zu werden.

Der Bedarf wird immer größer: Rund 30 offiziell jetzt „unbegleitete minderjährige Ausländer” (UMA) genannte Flüchtlinge im Alter von 15 bis 18 Jahren hat die Stadt bereits in ihre Obhut genommen. Die Zahl nahm zuletzt sehr stark zu; viele weitere werden wahrscheinlich kommen.

Doch wie weit passen Angebot und Nachfrage zusammen? Das Jugendamt präsentierte am Montag alle Informationen und beantwortete Dutzende Fragen; jetzt können potenzielle Pflegeeltern in sich gehen und prüfen, ob sie sich dieser Herausforderung stellen wollen.

Ein Abenteuer, das viel fordert – und vielleicht belohnt wird

Dass es eine Herausforderung ist, die ebenso viel fordern wie auch bringen kann, machten die Experten der Stadt rasch klar. Die Unterbringung in einer Familie statt in einer Einrichtung  biete vor allem den Jugendlichen selbst viel, stellt der stellvertretende Jugendamtsleiter Jürgen Haas klar: die Chance auf Integration in einer Familie und in die Stadtgesellschaft, auf ein wenig Geborgenheit und Sicherheit.

Hintergrund: Bislang sprach der Gesetzgeber von „unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen” (UMF); zum 1.11. tritt das „Gesetz zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher” in Kraft, das die Bezeichnung zu UMA ändert. U.a. bekommen auch 16- und 17-Jährige für das Asylverfahren einen gesetzlichen Vertreter und werden nicht länger wie Erwachsene behandelt. Zudem werden sie den inländischen Kindern in allen Belangen gleich gestellt.

Derzeit leben in Bergisch Gladbach 30 UMA aus vielen Ländern, vor allem aber aus Syrien, Irak und Afghanistan; darunter ist nur ein Mädchen. Eigentlich sollen sie in Einrichtungen der Jugendhilfe untergebracht werden – doch inzwischen ist dort kaum noch Platz, einige leben in den Zeltunterkünften in Katterbach, mit einer besonderen Betreuung und unter der Aufsicht eines Vormunds.

Viele Fragen, das betont Haas, könnten derzeit gar nicht beantwortet werden; fast immer komme es sehr auf den konkreten Einzelfall ab. Und daher sei auch sehr vieles möglich.

Die Jugendlichen suchen keine neue Eltern – sondern Sicherheit

Karsten Johr, einer von zwei Mitarbeitern des städtischen Pflegekinderdienstes, schildert die besondere Verfassung der Jugendlichen – um so auch vor falschen Vorstellungen zu warnen. Die 14- bis 18-Jährigen seien oft seit vielen Monaten auf der Flucht, auf sich allein gestellt – aber dennoch nicht allein.

Die Allermeisten stehen mit der Familie im engen Kontakt, sind häufig voraus geschickt worden. Was auch erklärt, warum es meistens junge Männer sind, aber keine Kinder oder Mädchen.

Die Jugendlichen, so Johr, kommen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern, mit den unterschiedlichsten kulturellen und religiösen Hintergründen. Viele seien von ihren Erlebnissen traumatisiert, manche könnten ganz gut englisch, einige aber auch nur einen lokalen Dialekt.

Im Alltag gehe es dann oft um „anstrengende kulturelle Aushandlungsprozesse”, auch sei das Verhalten nicht immer nachvollziehbar.

Unter dem Strich, so die Botschaft, erfordere „das Abenteuer” Aufnahme und Betreuung der Jugendlichen viel Einsatz. Zu viel Bindung und Nähe dürfe man von ihnen gleichzeitig nicht erwarten: „Sie suchen keine neuen Eltern, es geht auch nicht um Erziehung, sondern um Begleitung und Unterstützung”, sagt Johr.

Zeit, Geduld und Belastbarkeit sind notwendig

Hinzu komme eine unklare zeitliche Perspektive: unter Umständen kommen die Eltern rasch nach und nehmen den Jugendlichen wieder zu sich; unter Umstände kann die Begleitung aber auch über das 18 Lebensjahr hinaus andauern.

Daher müssen die Gasteltern einiges mitbringen: Zeit für die Begleitung zu Ämtern und Einrichtungen, emotionale Belastbarkeit und vielleicht auch Krisenerfahrung, kommunikative Fähigkeiten und nicht zuletzt Rückendeckung von der ganzen Familie: die Entscheidung müsse von allen Familienmitgliedern mit getragen werden, betont Johr.

Notwendig ist zudem ein freies Zimmer; von einer Unterbringung der Pflegekinder mit den eigenen Kindern in einem Zimmer rät der Pflegedienst dringend ab.

Auch Einzelpersonen oder Alleinerziehende können Pflegekinder aufnehmen.

Der Zeitbedarf bedeute aber nicht, dass zwingend ein Elternteil nicht berufstätig sein muss. Je nach individuellem Fall sei wenigstens eine Teilzeitarbeit mit der Pflege vereinbar: „Wichtiger ist die Verlässlichkeit.” Wie in vielen Fällen gebe es hier keine pauschale Antwort, alles das müsse man im Einzelfall klären.

Formale Voraussetzungen sind ein polizeiliches Führungszeugnis, die gesundheitliche Eignung, eine unabhängige wirtschaftliche Situation und die Bereitschaft zur engen Kooperation mit dem Jugendamt.

Es gibt auch Gegenleistungen – nicht nur materieller Art

Auf der anderen Seite können die Gasteltern auch mit einigen Gegen-„Leistungen” rechnen: eine Bereicherung der eigenen Lebenserfahrungen – denn die Aufgabe führe „zwangsläufig zu vielen neuen Kontakten”; vielleicht auch neue Perspektiven für das eigene Leben.

Materiell ist die Pflegetätigkeit gut ausgestattet. Die Gasteltern erhalten eine Anerkennungspauschale in Höhe von 269 Euro als Beitrag für die Altersvorsorge; für den Jugendliche selbst wird in Altersstufen gezahlt, für den Unterhalt von 12- bis 18-Järhigen stehen 676 Euro zur Verfügung; hinzu kommen Mittel für die Erstausstattung, Urlaubsbeihilfen und einiges mehr.

Auch für die gesundheitliche Versorgung steht die Stadt Bergisch Gladbach gerade, unter Umständen werden die Jugendlichen auch in die Familienversicherung aufgenommen.

Darüber hinaus steht das Jugendamt den Gasteltern unterstützend zur Seite. Mindestens zweimal im Jahr werden sogenannte Hilfeplangespräche an, im Notfall gibt es auch zusätzliche erzieherische Hilfe. In Zukunft sollen auch Fortbildungen für Pflegeeltern angeboten werden. Allerdings, das wird auch an diesem Abend klar, mit derzeit nur 1,5 Stellen ist der Kinderpflegedienst sehr knapp besetzt; er betreut ja auch die inländischen Pflegekinder.

Um die formalen und vor allem rechtlichen Aufgaben kümmert sich die Amtsvormünderin Danielle Fieberg.

Die Jugendlichen sind wie ihre einheimischen Altersgenossen schulpflichtig; nach dem Erlernen der deutschen Sprache werden Plätze zunächst in Integrationsklassen und später in ganz normalen Klassen zugewiesen. Zuständig ist das kommunale Integrationszentrum der Caritas. Bei der Suche nach Ausbildungsplätzen setzen sich alle Beteiligten an einen Tisch.

Gründlicher Anbahnungsprozess

Bevor die Jugendlichen in die Familien kommen sorgt das Jugendamt für einen gründlichen Anbahnungsprozess. Die Fachleute versuchen, sowohl die Jugendlichen als auch die potenziellen Gasteltern gründlich kennen zu lernen und machen dann Vorschläge, was passen können. Nach einem ersten Kennenlernen von Gasteltern und -kind müsse dann jeder für sich entscheiden, ob er das wolle. Und auch für den Fall, dass sich bald herausstellt, dass es nicht funktioniert, gibt es Lösungen.

Konkret, so die Fachleute, sollen sich die Interessierten nun darüber klar werden, ob sie sich eine solche Aufgabe zutrauen – und Kontakt mit dem Kinderpflegedienst aufnehmen (Kontakt siehe unten). Möglichst rasch sollen dann erste Termine ausgemacht werden – allerdings bittet Johr um Verständnis, dass seine Kapazitäten und die seiner Kollegin Chrsitiane Wittschier begrenzt sind. Es kann dann unter Umständen doch etwas dauern. „Aber wir wissen, dass lange Wartezeiten nicht drin sind, weder für Sie noch für die Jugendlichen”, betont Johr.

Kontakte:

Jugendamt der Stadt Bergisch Gladbach
Leiter: Jürgen Haas, j.haas@stadt-gl.de

Pflegekinderdienst im Jugendamt
Zimmer 128, An der Gohrsmühle 18
Karsten Johr, 02202 14 28 23, k.johr@stadt-gl.de
Christiane Wittschier, 02202 14 28 13, c.wittschier@stadt-gl.de

Amtsvormund:
Danielle Fieberg, d.fieberg@stadt-gl.de

Alle Kontakte und Initiativen im Bereich der Flüchtlingshilfe in Bergisch Gladbach

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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