Eigentlich sollte dieser Bericht den Titel „Der Augenblick der Entscheidung“ tragen. Ich hatte an einen bestimmten Moment gedacht, ein bestimmtes Zimmer, eine bestimmte Situation. Deshalb hatte ich einen umfangreichen Fragebogen vorbereitet, ihn ins Englische übersetzt und Khalil genug Zeit gegeben, ihn mit Khalid als Übersetzer durchzugehen, um erst einmal sein Einverständnis zu erlangen.

Ich wusste ja, dass es sich um sensible und sehr ins Persönliche gehende Fragen handelte. Schließlich war ich froh, dass Khalil sein Einverständnis mit diesem zweiten Interview gab.

Hinweis der Redaktion: Khalil wurde in diesem Beitrag vorgestellt

Als ich in Khalils Zimmer mit den zwei Etagenbetten trat, wurde ich wieder freundlich begrüßt und dem heutigen Dolmetscher vorgestellt. Unerwarteterweise war es dieses Mal nicht der Finanzmanager Khalid aus Damaskus und auch nicht dessen Bruder, der Informatiker, die vorher vom Englischen ins Arabische übersetzt hatten, sondern Massoud, der sich als Kurde vorstellte.

„Ah, dann sprechen Sie Deutsch, Türkisch und Arabisch?“

„Nein, ich spreche nicht Türkisch, sondern nur Kurdisch. Und Arabisch und Deutsch.“

„Aber als Kurde sprechen Sie doch auch Türkisch, oder?“

„Nein, ich bin nicht türkischer Nationalität, sondern syrischer. Ich komme aus dem Norden von Syrien, etwa 300 km von Aleppo entfernt.“

Er nannte mir den Namen einer Stadt, den ich noch nie gehört hatte. So hatten wir also dieses Mal nicht den Umweg über das Englische nötig.

Zuerst hatte er sich als Neffe von Khalid vorgestellt. Später zeigte sich, dass „Neffe“ nur eine Umschreibung für „weitläufiger Verwandter“ war.

Meine erste Frage bezog sich auf den genauen Zeitpunkt der Entscheidung zur Flucht. Es zeigte sich dann, dass es sich mehr um einen länger andauernden Prozess gehandelt hatte.

Khalil berichtete:

„Wir hatten zuerst gehofft, dass der Krieg irgendwann zu Ende sei. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Kämpfe kamen immer näher. Unsere Nachbarn waren auch schon in andere Städte oder die Umgebung gezogen. Meine Frau und ich kamen aber immer mehr zu der Überzeugung, dass wir lieber gleich nach Ägypten auswandern sollten. Sonst hätten wir irgendwann womöglich noch einmal umziehen müssen.“

Alle Entscheidungen traf er mit seiner 20 Jahre jüngeren Frau zusammen.

„Es kam immer öfter vor, dass meine Frau und meine Kinder weinten, als sie Schüsse und Detonationen näher kommen hörten.“

Als Khalil das sagte, tauchte in meiner Erinnerung vage der Luftschutzkeller während der Kölner Bombennächte 1943 auf, die ich als 3-Jähriger erlebte. Und die Tatsache, dass mir noch bis zu meinem 26. Lebensjahr die Tränen in die Augen traten, wenn ich eine Sirene hörte.

Khalil und seine Familie sahen und hörten Flugzeuge über ihrem Haus und über ihrem Viertel. Noch lagen allerdings in unmittelbarer Nähe keine Häuser in Trümmern. Die Kinder gingen längst nicht mehr zur Schule, da diese schon von den Lehrern verlassen worden war.

„Bedrohlich waren auch die Nachrichten in anderen arabischsprachigen Fernsehsendern, während die syrischen Sender uns zu beruhigen und abzuwiegeln versuchten.“

Als ihre Kinder, die damals 12-jährige Sarah und der 9-jährige Mohamed, immer häufiger drängten „Wir wollen weg von hier“, entschieden sie sich eines Tages, ihre wichtigsten Sachen in vier Taschen zu packen und zum Flughafen zu fahren. Dort warteten schon viele andere Menschen auf einen Flug nach Kairo.

Nun hieß es auch für Khalil und seine Familie: warten, warten, warten. Drei Nächte schliefen sie auf dem Boden des Flughafens. Schließlich machten sie alle zusammen eine Demonstration, in der sie forderten, dass sie Tickets bekämen.

„Und Die Polizei? Wurdet ihr von der schikaniert oder zurechtgewiesen?“ (Ich benutzte in meiner Frage die „ihr-Form“, weil wir uns gegenseitig duzten, seit ich die Syrer in ihrer Unterkunft in der Jakobstraße kennengelernt hatte.)

„Nein“, antwortete Khalil, „die Polizisten verhielten sich völlig normal.“

Am 12. August 2012 kam Khalil in Kairo an. Mit seiner Frau, seinen beiden Kindern und 3 Taschen. Die vierte Tasche war unterwegs verlorengegangen.

„Hattet ihr eigentlich zu diesem Zeitpunkt Verwandte oder Bekannte in Deutschland?“ fragte ich ihn.

„Ja, wir hatten drei oder vier Bekannte in Deutschland. Aber wir hatten keinen Kontakt zu ihnen“, meinte Khalil und zupfte an einer langen Gebetskette, die er in den Händen hielt.

Die Kette, die mich an einen Rosenkranz erinnerte, mit dem ich in meiner Kindheit als guter Katholik gebetet hatte, sah anders aus als die Gebetsschnüre, wie ich sie von manchen Türken oder Griechen kannte. Sie war länger und hatte mehr und kleinere Perlen. Sie war nicht in fünf Abschnitte unterteilt wie der katholische Rosenkranz.

Diese Gebetsketten – das wusste ich – dienten vielen Türken oder Griechen aber einfach zur Entspannung oder zur Ableitung von Nervosität. War das bei Khalil auch so? Musste er sie in diesem Augenblick benutzen, um sich vor den unangenehmen Erinnerungen an seine Flucht zu beschützen?

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In Kairo wurden sie dann von einem ägyptischen Freund mit dem Auto vom Flughafen abgeholt. Khalil kannte ihn von früheren Reisen nach Ägypten. Dreimal war er schon mit seiner Frau dort gewesen. Als Touristen. Einmal hatten sie sogar das Tal der Könige bei Luxor besucht. Er kannte also die geheimnisvollen und prunkvoll bemalten Pharaonengräber.

Den ägyptischen Freund hatten sie auf einer dieser Reisen kennengelernt und hatten ihn auch schon in seinem Haus in Alexandria besucht. Sie hatten ja den Vorteil, dass beide Familien Arabisch sprachen.

Der Freund brachte sie nun nach Alexandria. Dort besaß er ein fünfstöckiges Haus, in dem er mit seiner Familie im Parterre wohnte. Die Stockwerke darüber bewohnten die Familien seiner drei Kinder, und Khalil konnte mit seiner Familie vorläufig das oberste Stockwerk beziehen, das zu diesem Zeitpunkt leerstand.

Einen Monat lang wohnte Khalil mit seiner Familie im Haus des ägyptischen Freundes. Dann zogen sie in eine andere Wohnung um. Mittlerweile hatte Khalil eine Arbeitsstelle in einer Cafeteria gefunden.

Doch reichte das, was er dort verdiente, kaum zum Lebensunterhalt. Die 2000 Ägyptischen Pfund entsprachen knapp 250 Dollar, und 600 Ägyptische Pfund gingen allein für die Miete drauf. Auch für die Schule der Kinder hatten sie zu zahlen, immerhin noch einmal 150 Ägyptische Pfund. Zu allem Überfluss wurde nun auch noch ihr drittes Kind geboren.

„Das heißt also, euer drittes Kind ist ein kleiner Ägypter?“ fragte ich ihn lächelnd.

„Nein“, meinte Khalil, „wir konnten Sally, unser drittes Kind, in unseren syrischen Pass eintragen lassen.“

Diesen Pass besitzt er heute noch.

„Und warum kamt ihr nun auf die Idee, nach Deutschland weiterzureisen?“

Als ich das Wort „reisen“ ausgesprochen hatte, stockte ich. Konnte man hier überhaupt den Ausdruck „reisen“ benutzen? Oder müsste man „auswandern“ sagen oder doch „fliehen“?

„Ich sprach mit meiner Frau oft über unsere Situation, vor allem auch über die Zukunft der Kinder.“

Und so war die Zukunft der Kinder der Hauptgrund, warum sie sich entschieden, nach Deutschland zu fliegen. Um die Kinder weiter zur Schule schicken zu können, hätten sie in Ägypten viel Geld benötigt, mehr als Khalil mit seiner Arbeit verdienen konnte. Und mehr zu arbeiten, sich vielleicht noch andere zusätzliche Arbeitsstellen zu verschaffen, wie es viele Ägypter taten, das hätte er nicht geschafft. Schließlich war er nicht mehr der Jüngste.

„Wo habt ihr euch denn über Deutschland informiert?“ fragte ich.

„Im arabischsprachigen Fernsehen. Und im Internet. Es gibt viele Seiten im Internet, wo man Informationen über Deutschland erhält. Und diese Informationen sind zumeist positiv.“

Drei Gründe nannte Khalil sodann für ihren Entschluss, nach Deutschland zu reisen:

„Deutschland ist ein friedliches Land. Frankreich weniger. Dort gibt es doch viele Probleme. Dann, wie gesagt, die schulische Zukunft der Kinder. Und drittens, dass in Deutschland alles viel einfacher ist. Es ist leichter, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Und man erhält mancherlei Hilfen. Das alles bewirkte unseren Entschluss.“

Hinweis der Redaktion: Wie Khalil nach Deutschland gelangte lesen Sie hier

Jetzt sucht Khalil eine Wohnung, die ihm und seiner Familie ausreichend Platz bietet, wenn diese im März aus Ägypten kommt. Über die Bezahlung macht er sich nicht viele Sorgen, da ihm das Jobcenter wohl bis zu 800 oder 900 Euro erstattet.

Er ist allerdings weiter auf der Suche nach Arbeit. Eine Möglichkeit, in einem Supermarkt zu arbeiten, hat sich leider vor kurzem zerschlagen, da der ansonsten sehr entgegenkommende Besitzer schon vier oder fünf  Leute aus sozialen Gründen angestellt hat. Und bei der Arbeit in einem Pferdestall ist ihm im letzten Augenblick ein anderer zuvorgekommen.

Zum Schluss sprachen wir noch ein wenig über seine religiösen Einstellungen. Dann wollte er aber doch lieber nicht, dass darüber geschrieben würde.

„Viele Moslems befürchten, dass sie für Islamisten oder sogar Terroristen gehalten werden, wenn sie über ihre Religon reden. Deshalb sind sie da lieber vorsichtig“, erklärte Massoud, der kurdische Dolmetscher.

Schade, dachte ich. Ich hätte seine Einstellungen gerne mit meinen früheren katholischen verglichen. Als ich ihm erzählte, dass meine Großmutter und auch meine Mutter Kopftuch getragen hätten, allerdings nicht aus religiösen Gründen, trat ein leichtes Erstaunen in sein Gesicht. Und er hätte sicher das Gespräch darüber weiter fortgesetzt. Doch wollte er lieber keinen Bericht über seine religiösen Einstellungen und seine religiöse Praxis.

Ich konnte das verstehen, hätte es aber gut gefunden, wenn die deutsche Öffentlichkeit mehr davon erfahren hätte. Denn nur genaue Kenntnisse über den anderen können ein Verstehen und ein friedliches Miteinander fördern. Vielleicht ergibt sich hierzu ja mal eine andere Gelegenheit in der Zukunft.

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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