Viel Ruhe und so etwas wie Friedfertigkeit strahlt Khalils Gesicht aus. Vielleicht ist das der Tatsache zu verdanken, dass er einen großen Teil seiner Zeit im Norden von Syrien auf seiner Ölbaum-Plantage verbringt. Verbrachte!

Afrin heißt das Dorf, wo seine Bäume standen. Oder muss ich „stehen“ sagen? Denn die Bäume sind ja noch da. Afrim liegt etwa 55 km nördlich von Aleppo und etwa 12 km von der türkischen Grenze entfernt. Oliven von Afrin sind im ganzen Land berühmt wegen ihrer Qualität.

Khalil, der jetzt 51 Jahre alt ist, arbeitete auf seiner sieben Hektar großen Olivenplantage. Seine fünf Brüder haben ebensolche Plantagen. Aber dort arbeitete Khalil nur saisonweise. Sonst wohnte er zusammen mit seiner Familie in Aleppo.

Dort betrieb er in der Stadt einen kleinen Supermarkt. Als Mini-Supermarkt bezeichnete ihn der Übersetzer Khalid. Getränke wie Coca-Cola, Süßigkeiten für Kinder und einige Esswaren verkauften sie dort. Von seiner Frau hat Khalil zwei Töchter und einen Sohn, die fünfzehnjährige Sarah, den elfjährigen Mohamed und die 1½jährige Sally.

„Meine Bäume”

So richtig stolz scheint Khalil aber auf seine Bäume zu sein. Zur Erntezeit werden auch Saisonarbeiter eingesetzt. Die kommen meist auch aus Aleppo. Das Land wird zwar –vorwiegend in der Regenzeit- von Regen bedacht, doch muss auch künstlich bewässert werden.

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Khalid, der Übersetzer, der in Damaskus als Finanzmanager arbeitete, macht mich an dieser Stelle noch einmal darauf aufmerksam, dass der Ort Afrin im ganzen Land berühmt ist wegen seiner Oliven. Aber auch die Feigen, sagt er, seien köstlich und brächten viel Geld. Khalil besitzt nämlich auch noch 75 Feigenbäume.

„Meine Olivenbäume“, erzählt Khalil, „sind um die 35 Jahre alt. Teilweise wurden sie schon von meinem Vater gepflanzt. Olivenbäume sind sehr teuer, sie kosten 500 bis 600 Dollar. Der Boden muss gepflügt werden, das Land muss bewässert werden, und dann kommt die Erntezeit. Dann arbeiten wir aber zusammen mit Saisonarbeitern, die meistens aus Aleppo anreisen.

Nach der Ernte werden die Oliven in Säcke abgefüllt und zu einer der drei oder vier Ölmühlen gebracht. Die befinden sich auch in Afrin. In jeder Ölmühle arbeiten etwa 30 Leute.

Zwischen den Fronten

Khalil betont, dass es ihm und seiner Familie recht gut ging, bevor sie durch den Krieg vertrieben wurden. Als in dem Stadtviertel, in dem sie in Aleppo lebten, die Bombardierung begann, „rannten wir weg“, wie er sich ausdrückte. Sie waren zwischen die Fronten von Regierungs- und Rebellentruppen geraten.

Als ich Khalil nach dem Wohin fragte, zeigte sich, dass sie schon im Juli/August 2012 nach Ägypten flohen, in die Küstenstadt Skendriya. Zu Hause fand ich heraus, dass es sich da wohl um Alexandria an der Mittelmeerküste handelte. Es ist schwer, an dieser Stelle des Interviews mehr Einzelheiten zu erfahren. Der Schock und die Verletzungen, die Khalil und seine Familie erfahren haben, scheinen sich hinter eine nüchterne Sachlichkeit zurückzuziehen.

Ein ehemaliger Nachbar von Khalil zeigt auf seinem Smartphone dieses Foto. Im fünfstöckigen Haus im Hintergrund befand sich der kleine Supermarkt von Khalil

Aufbruch nach Deutschland

Im Dezember 2014 machte sich Khalil dann auf den Weg nach Deutschland. Aber wieder, wie auch bei den anderen Flüchtlingen, nicht auf direktem Weg. Zuerst ging es in die Türkei. Von dort weiter mit dem Schiff, zusammen mit sieben weiteren Personen, nach Griechenland, zur Insel Chios.

Von Chios nach Athen, und von Athen mit dem Flugzeug nach Deutschland, direkt zum Flughafen Düsseldorf. Dieser Flug aber war für Khalil nur möglich, weil er einen gefälschten Pass benutzte, wie er freimütig bekannte. Jemand verkaufte ihm in Athen einen bulgarischen Pass, und nur damit konnte er die Flugreise antreten. Das war im März 2015. Nach Bergisch Gladbach gelangte er am 7. April.

Auf der Suche nach einer Arbeit

Zu meinem Erstaunen zeigte mir Khalil einen blauen deutschen Pass, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. „Reisepass“ stand groß auf der Vorderseite. Zusätzlich besitzt er eine Art Personalausweis. Aus dem geht hervor, dass er eine Aufenthaltsgenehmigung bis November 2018 hat. Und –besonders wichtig für ihn: Er darf in Deutschland arbeiten!

Auf die Frage, als was er denn gerne arbeiten würde, meinte Khalil:

Ich habe Erfahrungen als Bäckereiverkäufer und überhaupt mit allem, was mit Verkaufen zusammenhängt. Eine Tätigkeit in einem Supermarkt wäre nicht schlecht.“

Khalil ist begierig darauf, die Gelegenheit zu einer solchen Arbeit zu erhalten. Im Zweifelsfall würde er sogar ohne Lohn arbeiten, nur um wieder mit Arbeit in Berührung zu kommen, und um Erfahrungen, auch mit der deutschen Sprache, zu sammeln.

Khalil wartet nun sehnsüchtig darauf, dass seine Familie nachkommen kann. Aber da gibt es diese unsäglichen Schwierigkeiten mit der deutschen Botschaft in Ägypten. Es dauert sehr lange, bis man überhaupt einen Gesprächstermin bekommt. Und dann hat man noch lange keine Einreiserlaubnis.

Aber seit ein paar Tagen sieht es nun so aus, als könne seine Familie bald nachkommen. Umso dringender ist es nun für ihn, eine Arbeitsstelle zu finden oder zumindest eine Praktikumsstelle, damit er seine Deutschkenntnisse verbessern kann.

Alle anwesenden Syrer loben die deutsche Bevölkerung, weil sie sehr freundlich sei und an vielen Stellen hilft. Sie scheinen sich über jeglichen Kontakt zu Deutschen zu freuen.

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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