Die Fahrrad- und Umweltstation in Bergisch Gladbach

Der Verein Fahrrad-Umwelt e.V. hat angekündigt, die neue Radstation am S-Bahnhof in der kommenden Woche zu bestreiken. Damit will der Betreiberverein öffentlichen Druck auf die Stadt ausüben, die ihren Pflichten nicht nachkomme und damit einen Erfolg der Radstation verhindere, sagt Sven Bersch, Ex-Vorsitzender und bis vor kurzem einzige Angesteller des Vereins.

Die Stadtverkehrsgesellschaft Bergisch Gladbach (SVB) hatte die Radstation für 830.000 Euro gebaut und im Juni 2015 dem Verein Fahrrad-Umwelt zum Betrieb übergeben. Der Verein bezahlt keine Miete, erhält aber auch keinerlei finanzielle Unterstützung. Statt dessen finanziert er seine Personal- und Betriebskosten ausschließlich über Mitgliedsbeiträge, Spenden, Dienstleistungen und vor allem Parkgebühren.

Geschäftsgrundlage entzogen

Diese Geschäftsgrundlage sei jedoch, so argumentiert Bersch, von der SVG beeinträchtigt worden. Die teure Radstation weise erhebliche Bau- und Konstruktionsmängel auf: durch das offenen Drahtgeflecht der Außenseite dringe Regen und Staub fast ungehindert ein. „Wer hier morgens sein teures Pedelec abstellt bekommt es abends entweder nass oder mit dick verstaubt zurück”, berichtet Bersch, daher hätten die ersten Dauermieter ihre Verträge bereits gekündigt.

Hinweis für Kunden der Radstation: Die Anlage ist für Dauermieter mit ihrer Chipkarte auch während des Streiks voll nutzbar. Lediglich das Büro bleibt geschlossen, auch werden keine Tageskarten ausgegeben. Im Zweifel können sich Kunden direkt an die SVB wenden: info@svb-gl.de, Tel.: 02202 141252.

2014 hatten Sven Bersch, damals als Vorsitzender des ADFC, und Stephan Schmickler gemeinsam für Radfahren geworben

Der Verein habe den Geschäftsführer der SVB, Baurat Stephan Schmickler, mehrfach auf die Missstände hingewiesen, doch sei seit einem halben Jahr so gut wie nichts geschehen. Nach der letzten ergebnislosen Gesprächsrunde habe der Vereinsvorstand daher beschlossen, die Gespräche abzubrechen und mit dem Streik an die Öffentlichkeit zu gehen.

Die SVB reagierte „sehr verwundert” auf die Streikdrohung. Die Radstation sei mit dem Betreiber von Anfang an gemeinsam geplant worden; seither habe man alle Fragen zu Bau und Betrieb „laufend erörtert”. Die Streikdrohung verstoße gegen den Betreibervertrag; daher werde die SVB „die weitere Entwicklung sorgfältig beobachten und alle notwendigen Schritte zeitnah einleiten, um den wichtigen Service” für die Radfahrer aufrecht zu erhalten.

Im Klartext: Wenn der Verein seinen Auftrag nicht erfüllt wird man sich einen anderen Betreiber suchen (müssen).

So schön kann die Radstation aussehen. Die Realität sieht düsterer aus

Konzept kann aufgehen – aber nur mit langem Atem

Eine Option, die auch Sven Bersch für wahrscheinlich hält. Er sei nach wie vor davon überzeugt, dass das Konzept einer Radstation auch in Bergisch Gladbach aufgehen kann – wenn man eine dreijährige Durststrecke durchhalten könne und einen allmählichen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung erreichen könne.

Eine dicke Staubschicht überzieht die Räder, die schon etwas länger hier stehen

Dazu sei sein Verein ohne die volle Unterstützung der Stadt aber nicht in der Lage. Daher hat Bersch den Vorsitz des Vereins niedergelegt und seinen Anstellungsvertrag als „Mädchen für alles” in der Radstation aufgelöst; aktuell sucht er nach einem neuen Job und arbeitet in der Radstation (wieder) ehrenamtlich. Den Vorsitz des ADFC RheinBerg hatte er bereits zuvor aufgegeben.

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Die Mindereinnahmen des Vereins gegenüber der Planung beliefen sich zwar nur auf „wenige Tausend Euro”, doch ist die finanzielle Basis offenbar sehr schwach. Die Station hat (auch durch den Winter bedingt) derzeit nur 20 Dauermieter; Tagestickets werden so gut wie keine verkauft.

Die Auslastung liegt bei kaum mehr als zehn Prozent. Aber es ist ja auch Winter

Fördermitglieder bleiben aus

Obwohl der Verein günstige Fördermitgliedschaften (18 Euro im Jahr) anbietet hat er nur rund 40 Mitglieder. Und auch die Einnahmen durch den Verkauf von Informationsamterial hält sich in Grenzen, Reparaturen kann der Verein vor Ort (noch) nicht durchführen und muss sie nach Köln weiter vergeben. 50.000 Euro, die als jährliche Betriebsausgaben kalkuliert sind, kommen so nicht zusammen.

Die Fassade besteht aus Drahtgeflecht – und steht vor dem Gebäude

Dass die Lage so kritisch ist, führt der Verein zu einem Teil auf die Stadt zurück – die die Mängel am Gebäude nicht abstelle. Dabei handelt es sich offenbar sowohl um Planungs- als auch Konstruktions- und Baufehler:

  • Die Fassade besteht der eigentlichen Radstation besteht aus einem Drahtgeflecht; es gibt weder einen Dachüberhang noch einer schützende Glaswand, die Regen oder Staub abhalten würde. Bei Minustemperaturen wird der Boden zur Eisfläche.
  • Im glasverkleideten Büro- und Arbeitsraum der Radstation besteht der Fußpoden aus normalen Bürgersteig-Pflaster, unverfugt, nicht isoliert und voller gefährlicher Stolperkanten.
  • Die mit Strom gespeiste Umluftheizung schafft es nur bei starker Sonneneinstrahlung, den Raum auf Arbeitstemperaturen zu bringen, vormittags liegt die Temperatur im Winter deutlich unter zehn Grad.
  • Ein geplanter Fahrradwaschplatz besteht einzig und allein aus einem Abfluss.
  • Trotz mehrfacher Mahnung fehlt eine Beschriftung der Anlage als Radstation.

Werbung für „Mobile Mitte GL” und Belkaw, aber kein Hinweis auf die Radstation

Der letzte Punkt zeigt nach Ansicht von Bersch das ganze Dilemma. Der Verein müsse alle Ausgaben alleine tragen, aufgrund der Außenwerbung würde die Bevölkerung aber denken, er würde von der Belkaw oder der Stadt finanziert.

Das ist jedoch nicht der Fall. Noch nicht einmal der Strom der städtischen Solarstromanlage auf dem Dach kommt der Radstation zu gute; er wird vollständig ins Netz eingespeist, der Verein musste den Strom für seine Heizung bei der Belkaw kaufen, hat sich inzwischen aber einen günstigeren Anbieter gesucht.

Die E-Bike-Tankstelle ist außer Betrieb, wird aber ohnehin kaum genutzt.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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