Stoffproduktion in der Textilfabrik Arja

Ein kurzer Blick in den Hinterhof eines auf den ersten Anschein unauffällig wirkenden Hauses in Beit Jala verrät, dass dort geschäftiges Treiben herrscht. Wir besuchen in Bergisch Gladbachs Partnerstadt die Textilfabrik Arja, die seit Gründung in den 1960er Jahren in Familienbesitz steht.

Geschäftsführerin Tamara Alarja, eine moderne junge Palästinenserin von 29 Jahren, mit Smartwatch am Handgelenk, führt uns durch die alte Fabrik, die ihre Großeltern gegründet haben. Sie leben noch heute auf dem Gelände der ehemals größten Textilfabrik Palästinas. Das Unternehmen hat sich auf die Herstellung von Kleidung für Frauen für den palästinensischen Markt spezialisiert – eine Marktlücke bisher. Die Baumwolle zur Produktion des Stoffes kommt vornehmlich aus der Türkei aufgrund der geografischen Nähe, aber auch aus Indien und China wird geliefert.

Beit Jala: Stand der Dinge in einer eingeschnürten Stadt

Alarja berichtet uns davon, wie es ist, ein großes Textilunternehmen unter Besatzung zu führen: „Es gibt viele Restriktionen“, sagt sie, „wir können nicht einfach neue Maschinen kaufen. Alle großen Maschinen unten in der Produktion sind älter als 25 Jahre. Es ist unvorstellbar, wenn sie kaputt gehen. Israel erlaubt uns nicht, gewisse Maschinen und Maschinenteile zu importieren.“

Das Unternehmen schafft den Spagat im Israelisch-Palästinensischen Konflikt, indem es beide Wirtschaften mit Ware beliefert. Es sähe wirtschaftlich ganz passabel aus, doch die Situation könne besser sein, wünscht sich Alarja. Ursprünglich arbeiteten 120 Menschen für das Unternehmen, heute sind es etwa 70, 50 davon sind Frauen; auch eine Besonderheit. Tamara Alarja liegen „die Mädchen“, wie sie ihre Arbeiterinnen nennt, sehr am Herzen.

Die Mauer im Cemisan-Tan

Nach dem Besuch in der Textilfabrik fahren wir ins Cremisan-Tal, um uns die israelische Mauer aus der Nähe anzuschauen.

Dazu nachfolgende dieser kleine Film:

„Kommt und seht. Dann geht hinaus und erzählt.“

Pater Jamal Khader zeigt in die Ferne. Man kann die Trennmauer erkennen, einige Kirchturmspitzen, vor uns liegt ein kleines Tälchen, unter uns ein kleiner Bolzplatz. Das Lateinische Patriarchat, in dem wir zu Besuch sind, existiert seit 1852 und ist das einzige seiner Art im gesamten Nahen Osten. Es umfasst die vier Länder Zypern, Jordanien, Israel und das Westjordanland.

Pater Khader erzählt von seiner Arbeit als Leiter des örtlichen Priesterseminars. Er berichtet von Problemen aufgrund der Besatzung; fast schon selbstverständlich erwarten wir einen emotional aufgeladenen Vortrag.

Verkündigungskirche des einzigen Priesterseminar im Nahen Osten

Khader ist eine beeindruckende Persönlichkeit, seine raumfüllende Stimme verleiht ihm angenehme Autorität, sein Englisch ist brillant, er steht in seiner Priesterkleidung vor uns und gestikuliert eindrucksvoll. Er scherzt ab und zu, bleibt aber dennoch beim ernsten Thema. „Seit dem Beginn des Friedensprozesses leben wir unter erheblich schlechteren Bedingungen“, konstatiert er.

„Frieden findet man auf dem Friedhof – aber diese Art Frieden wollen wir natürlich nicht. Wir wollen in Würde und Freiheit leben. Wir wollen die menschliche Würde bei jedem Menschen gewahrt sehen, auch beim israelischen Soldaten am Checkpoint. Daher ist der Verzicht auf Gewalt auf beiden Seiten ein absolutes Muss.“

Banalisierung des Bösen

Khader macht klar, dass die Normalisierung der Besatzung („normalising the occupation“) der falsche Weg sei, die Menschen zusammenzubringen und das angespannte politische Klima zu entschärfen. Man müsse versuchen, trotz aller Widrigkeiten ein soweit wie möglich normales Leben zu führen. „Wenn wir alle auswandern, machen wir es denen“, wie er sagt, „ja nur noch einfacher, sich das rechtmäßige Land der Palästinenser zu nehmen.

Im Übrigen“, fügt er hinzu und hält den Zeigefinger anmerkend vor sich, „sind alle Menschen, die zwischen Mittelmeer und Jordanien, zwischen Syrien und Ägypten leben, Palästinenser. Egal ob Jude, Christ oder Araber. Die Israelis sind ebenso Palästinenser. Man kann dies auch als geografischen Begriff betrachten.“

Im Laufe des weiteren Gespräches wird deutlich, dass Kader ein Mann ist, der über den Tellerrand hinaus schaut, der differenziert, der selbstkritisch mit sich und auch dem Thema Religion ist: „Religiöse Spinner und Fanatiker gibt es in allen Religionen: bei Juden, Christen und Muslimen. Wir Palästinenser werden in den Medien häufig als die bösen Jungs dargestellt. Oft wird Terrorismus mit den Palästinensern verbunden. Ich muss mir ja nur anschauen, was derzeit in den USA vor sich geht. Religion ist oftmals die Quelle vielen Übels. Letztlich glauben wir jedoch alle an denselben Gott. Und darauf kommt es an.“

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