Dabke-Tanz zum Empfang im Abrahams Zelt

Dabke-Tanz zum Empfang im Abrahams Zelt

Eine Reisegruppe aus Bergisch Gladbach ist in der palästinensischen Partnerstadt Beit Jala zu Besuch und in der Region unterwegs. Unser Autor Fabian Felder berichtet fortlaufend, unten finden Sie alle Beiträge. Die Redaktion

Ein Zelt im Heiligen Land

Unser Bus hält am „Abrahams Zelt“ in der kleinen muslimischen Stadt al-Ubaidiyeh an. Genau wie Abrahams Herberge, unsere Bleibe, ist das „Zelt“ eine pädagogische Einrichtung, die von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Palästina getragen wird.

Diese Einrichtung ist eine Art Hort, in dem die palästinensischen Kinder aus Stadt und Umgebung nach der Schule Hausaufgabenbetreuung, Spiel, Spaß und Sport geboten bekommen. Auch erhalten die etwa 60 Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 6 und 18 Jahren dort etwas zu essen.

Die Idee ist, Kinder aus sozialschwachem Milieu gleichwertige Chancen auf Bildung und Betreuung zu geben, und ihnen eine sinnvolle Beschäftigung zu bieten. Seit 2011 ist Abrahams Zelt fest in al-Ubaidiyeh angesiedelt, davor wanderte die Einrichtung von Gemeinde zu Gemeinde für jeweils ein Jahr.

Blick von al-Ubaidiyeh nach Jordanien

Wir werden herzlich empfangen von Ruqqaya Radaydeh, der lehrtechnischen Leiterin der Einrichtung. Ich kenne Ruqqaya bereits von meinem letzten Besuch; das Wiedersehen nach langer Zeit löst bei uns beiden große Freude aus. Unsere Gruppe hat Gastgeschenke für die Kinder dabei.

Es folgt ein gemeinsames Mittagessen in aufgeteilten Kleingruppen mit Kindern und Lehrern, kommuniziert wird in einer Mixtur aus Deutsch, Arabisch und Englisch, einige Kinder sprechen bereits sehr gutes Englisch.

Wir lachen, spielen und spaßen mit den Kindern, sie bieten uns eine beeindruckende Vorführung des Dabke zum Besten, des traditionell folkloristischen Nationaltanzes Palästinas.

Von den Räumen des Abrahams Zeltes aus – die Stadt kümmert sich um feste Räumlichkeiten – hat man einen guten Blick Richtung Jordantal. In der Ferne erkennt man die Berge von Madaba in Jordanien. Wollen die Jugendlichen ins Ausland reisen, so müssen sie den weiten Umweg über die jordanische König-Hussain-Brücke (oder: Allenby-Brücke) und den Flughafen Amman nehmen, da ihnen die Nutzung des Tel-Aviver-Flughafens untersagt ist.

Das Dheheishe-Flüchtlingscamp

Dheheishe-Flüchtlingscamp: Willkür an der Tagesordnung

Anschließend begaben wir uns zum Flüchtlingslager Dheheishe südlich von Bethlehem, das jedoch mittlerweile eher eine Stadt denn ein Lager ist: 13.000 Menschen leben hier auf nur einem Quadratkilometer. Das Gelände besteht nicht auf Zelten oder Containern, nein, es befinden sich Betongebäude dort, im Grunde ist es eine eigene Stadt.

Auch ist Dheheishe offen zugänglich, auch die israelische Armee macht davon Gebrauch: Anwohner berichten uns von nächtlichen „Raids”, also dem Einrücken der Soldaten und Störung der Bewohner, oft ohne Grund. Viele junge Männer sind verhaftet oder erschossen worden.

„Die Armee braucht keinen Grund, hier einzurücken um Menschen zu verhaften oder zu erschießen. Sie tun es einfach, und das immer. Wir wissen jedoch nie wann”, berichtet uns Ali, 24 Jahre alt, Bewohner des Camps. Er führt uns durch die Straßen, es ist nachmittag.

„Normalerweise kommen sie tagsüber nie”, scherzt er in unsere Gruppe hinein. Die Menschen, die dort leben, ertragen das Unerträgliche, nämlich in einem Grundzustand der Nervosität zu leben, mit erstaunlicher Gefasstheit. Es ist letztlich auch dieser fatalistische Optimismus der Palästinenser, der unsere Gruppe immer wieder beeindruckend sprachlos macht.

Wanderung durch das Wadi Makhrour

Wanderung zum Unesco-Weltkulturerbe Battir

Im Jahre 2012 wurde das kleine Dorf Battir, das direkt auf der Grünen Linie liegt, der Waffenstillstandslinie von 1949 zwischen Israel und Jordanien, in das Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen. Das Schicksal des Dorfes mit heute 6.000 Einwohnern hing am seidenen Faden: Die israelische Regierung hatte beschlossen, die Trennmauer entlang der Grünen Linie zu bauen; diese verläuft jedoch mitten durch Battir hindurch, zwischen den wunderschönen Gartenterrassen der örtlichen Landschaft.

Ein erster Versuch, das Gebiet auf die Liste der geschützten Kulturstätten zu setzen, scheiterte an Formalfehlern im Antrag. Keine Seltenheit in Angelegenheiten palästinensischen Naturells.

Wir wandern durch das Wadi Makhrour, nur wenige Minuten von Abrahams Herberge entfernt. Wir befinden uns auf C-Gebiet, das heißt, hier hat die israelische Armee die volle Kontrolle. Im Wadi ist es jedoch herrlich ruhig, die Sonne brennt von oben, ab und an ein kühler Wind; wir machen unseren Weg entlang der Route Richtung Battir.

Unterwegs entwickeln sich gute und tiefe Gespräche, es wird gelacht trotz der großen Hitze, man kommt sich näher. Wir beobachten palästinensische Bauern bei der Olivenernte: Das ist ein harter Job und erfordert viel Kraft und Hilfe. Ein interessant zu beschauender Arbeitsvorgang.

Nach gefühlten etlichen Stunden erreichen wir unser Ziel, es liegt vor uns wie eine Offenbarung: Battir.

Terrassenanlagen von Battir

Die Terrassenanlagen des kleinen Dorfes, obwohl es offiziell den Status einer Stadt besitzt, sind wunderschön anzuschauen. Es gibt eine Besonderheit: Im Norden Battirs liegt eine israelische Eisenbahnlinie, Route Jerusalem — Tel Aviv. Dieser Zug fährt also auch durch palästinensisches Land, wie kann das gehen?

Es gibt eine spezielle Vereinbarung zwischen Israel und den Bewohnern des Dorfes. Diese sieht vor, dass die Palästinenser die ungehinderte Querung des Zuges sicherstellen, während im Gegenzug die Bauern freien Zugang zu ihren Felder auf der israelischen Seite des Dorfes erhalten. Etwa 30 Prozent des Dorfgebietes liegt im israelischen Staat.

Später untersagte das Oberste Gericht Israels sogar den Bau der Trennbauer in Battir aufgrund der Nicht-Notwendigkeit dieses Vorhabens an diesem Ort. Battiris sind damit die einzigen Palästinenser überhaupt, die zwischen palästinensischem und israelischen Gebiet hin und her wechseln können, ohne Grenzkontrollen.

Uns erwartet ein herrliches kleines Restaurant, von dem aus wir einen guten Blick auf die Terrassen haben. Nach einer großzügigen Pause zur Stärkung der Kräfte und atemberaubenden Landschaftseindrücken, bereitet der lange Rückweg durch das Wadi Makhrour anschließend doppelt so viel Vergnügen.

Den Abend ließen wir mit der Betrachtung eines unvergesslichen Sonnenuntergangs bei einem kühlem Getränk im Restaurant „Host Jasmin” mit Blick auf das Wadi Makhrour ausklingen.

Beit Jala: „Kommt und seht. Dann geht und erzählt.”

Beit Jala: Stand der Dinge in einer eingeschnürten Stadt

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.