Herr B. hat sich in einem Alter selbstständig gemacht, in dem andere in Rente gehen. Nebenbei kümmert er sich ehrenamtlich um Menschen, die nicht mehr so fit sind wie er. Helfen ist für ihn selbstverständlich – als Flüchtlinge waren auch er und seine Familie nach dem Krieg auf Hilfe angewiesen. Ein Portrait.

[responsivevoice_button voice=”Deutsch Female” buttontext=”BITTE VORLESEN”] Ende des Jahres geht Herr B. in Rente. Er komme langsam in ein Alter, in dem es mal gut sei, sagt er, nippt an seinem Espresso und grinst. Mitte Januar wird er 80.

Herr B. wohnt sein 50 Jahren in Schildgen. Genauso lange ist er ehrenamtlich in der Kirche aktiv, war 15 Jahre im Vorstand. Er ist bekannt im Ort, aber seinen vollen Namen möchte er dann doch lieber nicht im Internet sehen: Wer weiß, wer das liest!.  „Nicht, dass mir die Leute das Haus einrennen“, sagt er. 

Auch wir treffen uns erstmal auf neutralem Grund. Im Begegnungscafé Himmel un Ääd. Herr B. sitzt schon da, als ich komme. Graue Hose, grauer Rollkragenpullover, graues Sakko, ganz aufrecht, ein bisschen angespannt.

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Er nimmt mich mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Reuden in Sachsen, Ende 1944. Die Familie war aus Aachen hierher evakuiert worden. In ihrer Heimatstadt war alles kaputt. Als die Amerikaner aus Aachen abzogen, wollten die Eltern mit den fünf Kindern zurück nach Hause. Doch sie konnten den Osten nicht einfach so verlassen. Der Vater und der älteste Bruder, damals 15 Jahre alt, versuchten es zunächst alleine. Erfolgreich.

Die Tischlerei des Vaters in Aachen war ganz geblieben. Also zogen sie wieder los, zurück in Richtung Sachsen, um die Familie nachzuholen. Aber am Übergang zum russischen Gebiet hielten Soldaten den Vater auf. Nur der Junge darf rein, sagten sie.

Also schlug sich der Bruder alleine bis nach Reuden durch. Mit einem Handkarren machte sich die Familie auf den Weg Richtung Westen. In einem Ort nahe der Grenze nahmen sie ein Zimmer in einem Hotel. Die Mutter half in der Küche, damit die Kinder etwas zu essen bekamen. Wie sollten sie rüberkommen?

Über Kontakte erfuhren sie von einem Lokführer, der Menschen aus der russischen in die britische Zone schmuggelte. Zwischen Kohlekübeln.

In dem Ort wurde Braunkohle abgebaut und in riesigen, konischen Behältern über die Grenze transportiert – B. richtet sich auf und breitet die Hände weit vor der Brust aus. Unten, zwischen den schmalen Enden der Kübel, mussten er und seine Familie sich verstecken.

Herr B. hebt die Füße in die Luft und sagt: „So saß man dann, mit dem Po auf dem einen Träger und den Füßen auf dem anderen.“

Er selbst saß auf dem Schoß der Mutter. Er war der Jüngste. Etwa eine halbe Stunde dauerte die Fahrt. Dann hatten sie es geschafft. „Ich war eigentlich ziemlich nüchtern“, sagt B. „aber da habe ich zu meiner Mutter gesagt: Das müssen wir nicht nochmal erleben.“

Herr B. zeigt auf ein Foto von sich als Vierjährigem im Kreis der Familie.

Zurück in Aachen schliefen sie zunächst in der Werkstatt des Vaters auf Spänen, dann bei einer Tante. Schließlich bekamen sie eine Wohnung zugeteilt. Das Haus war ziemlich kaputt, die Heizung auch, aber der Ofen hielt die Räume warm.

Herr B. erinnert sich, wie er mit seinen Geschwistern im Schnee spielte, bis ihre Kleidung völlig durchnässt war. Zu Hause wurden die Sachen übers Ofenrohr gehängt, bis sie trocken waren, und geknetet, damit sie wieder weich wurden. „Vor allem die Socken“, sagt B. und lacht übers ganze Gesicht. „Und dann sind wir wieder rodeln gegangen.“

Mit 15 schloss er die Schule ab und ging in einem Eisenwaren-Fachgeschäft in die Lehre. Schrauben, Nägel, Gartengeräte – dort gab es alles, was Handwerker brauchten. Er lernte viel, er war zufrieden. Bis er bald nach der Ausbildung merkte: Er wollte mehr, und hier kam er nicht weiter.

Er ging, gerade 18, nach Olpe, zwei Jahre später nach Düsseldorf. Seine Augen leuchten, wenn er davon erzählt: Die „Kö“, die Altstadt.

Doch der junge B. war wissensdurstig. Er bewarb sich auf eine Vertriebsstelle. Die Lücken im kaufmännischen Bereich hatte er bald geschlossen. „Wenn man ein bisschen Intelligenz und Willen hat, kann man viel lernen“, sagt er.

Einziges Problem: das Gehalt. 700 Mark verdiente er damals. Genug für einen Junggesellen. Aber er hatte in Aachen eine Frau kennengelernt. Sie passten gut zueinander, er wollte sie heiraten. Also suchte er wieder einen neuen Job. Diesmal im Außendienst.

Für einen Bosch-Vertreter verkaufte er Geräte. „Ich will nicht angeben, aber ich war erfolgreich“, sagt er, lehnt sich zurück und grinst. Nach drei Monaten verdiente er 2000 Mark. Dem jungen Ehepaar ging es hervorragend. Bald kam die Tochter auf die Welt, später der Sohn.

Herr B. sollte in der Zwischenzeit noch ein paar Mal den Job wechseln, bis er schließlich in Köln landete. Und blieb. Hier baute er den Bereich Kommunikationstechnik auf. Er plante Funksysteme für den Tagebau Hambach, für Bayer, für die Kölner Museen.

Bis ihm eine Krankheit einen Strich durch die Rechnung machte. Blasenkrebs. Er hatte Glück im Unglück. Nach sechs Monaten war er kuriert. Doch seine Firma wollte ihn nicht zurücknehmen. Er sagte zu seinem Chef: „Das werden Sie bereuen.“

B. war 61 Jahre alt. Durch seine Krankheit hatte er vollen Rentenanspruch. Aber zu Hause bleiben?

Dafür fühlte er sich viel zu jung. Also machte er sich selbstständig. Und plante weiter Funksysteme. Die Kunden kannten ihn, seinen Nachfolger in der Firma nicht. Herr B. behielt recht. Sein Geschäft lief gut, die Firma ging pleite. Er sagt das sehr nüchtern. Er hatte den Chef schließlich gewarnt.

Den Spaß an der Arbeit hat er noch lange nicht verloren. Nebenbei engagierte er sich nicht nur in der Kirche, sondern auch noch im Altenpflegeheim.

Schon vor ein paar Jahren hatten er und seine Frau beschlossen, sich im Haus Blegge anzumelden. Vor Ort fragte Herr B. spontan, ob er helfen könne. Und so begann er, mit Demenzkranken Karten zu spielen, zu singen oder zu backen. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig sei das schon gewesen, sagt er. Er habe erst lernen müssen, mit den Menschen umzugehen.

Inzwischen hilft er einmal die Woche in der Cafeteria.

Dass er auch zu Hause kocht und backt, erzählt Herr B. erst am Schluss. Jeden Tag macht er das Mittagessen. Von Tafelspitz bis zu Endiviensalat. „Ich koche aus der Lamäng“, sagt er. Hin und wieder gucke er aber auch ins Kochbuch. Oder ins Internet.

Da sind wir wieder, beim Internet.

Ganz am Ende unseres Gesprächs frage ich ihn, ob ich Fotos von ihm machen darf. Das will er erst mit seiner Frau besprechen, sagt er, ruft mich wenig später an und lädt mich zu sich nach Hause ein. Wo er gerade dabei ist, das Mittagessen zu kochen. 

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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