Frank Stein ist im Oktober als Finanzchef von Leverkusen nach Bergisch Gladbach gekommen. Ein trockener Sanierer aber ist er nicht. Seine Leidenschaft gilt der Sozialpolitik, sein Herz hängt am Rheinland. Und er scheint ungern im Vordergrund zu stehen. Ein Porträt.

Menschen in Schubladen zu stecken ist blöd. Das ist meine Überzeugung, und doch passiert es mir immer wieder. Anders kann ich mir nicht erklären, dass ich überrascht bin, als ich Frank Stein kennenlerne.

Offen und warm wirkt der 54-Jährige, als er kurz vor Beginn des Stammtischs des Bürgerportals im Bock die Hand schüttelt und wir ein paar Sätze wechseln. So ein Kämmerer, müsste der nicht eher kühl und spröde sein? Da ist sie, die Schublade. Schnell zuschubsen und mal gucken, wie so ein Frank Stein ist.

Viele Zuhörer findet er an diesem Abend nicht. Offenbar habe nicht nur ich Vorurteile zum Thema Finanzpolitik. Ich habe aber den Verdacht, dass Stein das gar nicht so unrecht ist.

Er scheint kein Mensch zu sein, der die Bühne liebt. Ja, seine Erscheinung schreit geradezu danach, im Hintergrund zu verschwinden: graubraunes Sakko, dunkelblaue Hose, graubraune Schuhe, randlose Brille mit dünnen Bügeln. Stünde er nicht mit Moderator Georg Watzlawek vor dem Tisch, an dem das Publikum Platz genommen hat, er würde nicht auffallen.

Dann fängt er im kühlen großen Saal an zu reden und zeigt wieder ganz viel Wärme. „Total klasse“ findet er es, heute Abend hier zu sein. Gleich im zweiten Satz versucht er, sich mit dem Publikum auf eine Ebene zu bringen: Jedes Treffen sei für ihn wichtig, weil er dabei ganz viel lerne. Am Ende wird er das so formulieren: „Ich bin noch für lange Zeit Auszubildender dieser Stadt.“

Ein bisschen schief steht er da, während er spricht, ein Knie durchgedrückt, das andere locker. Die Hände unterstreichen zwischendurch, was er sagt, fahren durch die Luft, zählen auf. Dann führt er sie vor der Brust zusammen, hält sie fest, solange, bis wieder eine Hand ausreißt.

Frank Stein mit Georg Watzlawek (rechts) beim Stammtisch im Bock.

Karrieretechnisch war der Wechsel von Leverkusen nach Bergisch Gladbach eher atypisch. Immer mehr, immer größer, immer wichtiger, das scheint Stein nicht besonders zu interessieren. Er sagt nur: „Wenn man sich weiterentwickeln will, ist es sinnvoll, das Herz über die Hürde zu werfen und sich zu verändern.“

Dass ihn die Veränderung nun in eine kleinere Stadt geführt hat, dass er finanzielle Einbußen in Kauf nimmt – kein Thema für ihn. Wichtig war es ihm, im Rheinland zu bleiben.

Und er freut sich sehr, neben seiner Aufgabe als Kämmerer wieder für den Sozialbereich verantwortlich zu sein. In Leverkusen hatte der Sozialdemokrat das Amt des Sozialdezernenten 13 Jahre lang inne, bevor er 2013 Kämmerer wurde.

Zum ersten Mal fällt jetzt der Fachbereich Jugend in seine Hände. Aber da kennt er sich aus. Offen erzählt Stein von Tochter, 17, und Sohn, 15 Jahre alt, und sagt verschmitzt: „Die Wunderwelt der Pubertät, das ist gerade unser Leben.“

Als eine Frage aus dem Publikum kommt, hört Stein aufmerksam zu. Schließt die Augen, die linke Hand am Kinn, die rechte auf dem linken Oberarm, nickt.

Bevor er antwortet, überlegt er einige Sekunden lang. Was er dann sagt, ist sehr präzise formuliert, nur manchmal ein bisschen verschachtelt. Vielleicht ein Relikt aus dem Jura-Studium. Vielleicht ist das aber auch nur wieder eine Schublade.

Stein spricht langsam, nicht laut, aber auch nicht leise. Er schaut dabei viel nach unten. Zwischendurch hebt er den Kopf und sucht Augenkontakt mit den Gästen. Sein Blick ist dann fest und ruhig, bis er den Kopf wieder ein Stück senkt, als wäre es ihm unangenehm, über den Zuschauern zu stehen.

Als eine Diskussion entsteht, meldet sich Stein vorsichtig zu Wort: „Wenn ich darf, möchte ich was dazu sagen. Ich will das hier ja nicht dominieren.“

Und als er eine Frage nicht beantworten kann, sagt er: „Das weiß ich nicht, aber ich werde mir das notieren.“

Dann hat Stein selbst eine Frage. Er möchte von den Zuschauern wissen, was ihre wichtigsten Erwartungen an die Stadt sind. Schnell kommt das Gespräch auf das Thema Sicherheit.

Ein Fachbereich, für den Stein in Bergisch Gladbach ebenfalls zuständig ist – und bei dem er sich als Sozialpolitiker outet: Prävention hält er für „zehnmal wertvoller“ als Repression. „Das bewirkt mehr, und das entspricht auch meinem Menschenbild.“

Wenn er einen Sack voll Geld hätte, würde er ihn deshalb in die Schulsozialarbeit investieren.

Seine Leidenschaft für die Sozialpolitik mache es ihm leicht und schwer zugleich, sagt er nach dem Stammtisch. „Das Bild des Finanzpolitikers ist ja der knochenharte, trockene Sanierer, der Sozialpolitik als natürlichen Feind betrachtet.“

Das sei aber viel zu eindimensional. Wenn man einen Bereich absolut setze, kippe das ganze System, sagt Stein. Deswegen sei er von morgens bis abends damit beschäftigt abzuwägen.

Meine Schublade mit der Aufschrift „Kämmerer“ habe ich rausgeworfen. So ein Frank Stein passt da nicht rein.

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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