In der oberen Hauptstraße versteckt sich ein vielen Gladbachern unbekanntes Geschäft: Die Genussecke ist Café, Feinkost- und Dekoladen in einem. Anita und Karl-Heinz Moersch füllen den Laden mit Herz, familiärer Stimmung und einer liebevoll improvisierten Einrichtung. Geheimtipp: die kleine Oase im Hinterhof.

„Sind Sie schon lange hier?“, fragt eine Frau. Karl-Heinz Moersch lacht. „Seit zwei Jahren.“ Die Frau staunt. Sie habe erst vor ein paar Tagen den Tipp bekommen, dass es am hinteren Ende der Hauptstraße ein süßes Café geben soll: die Genussecke.

Im Frühjahr 2016 haben Moersch und seine Frau Anita das Geschäft übernommen und alles eigenhändig renoviert. „Ich bin hier schön öfter dran vorbeigelaufen“, sagt die Frau, „aber ich dachte immer, das sei ein Laden mit Antiquitäten oder so.“ Stimmt auch, irgendwie.

Die Genussecke ist ein Café, aber auch ein Geschäft für Feinkost, Deko, Geschenkartikel. „Mit unserem gemischten Konzept haben manche Ur-Gladbacher Schwierigkeiten“, sagt Karl-Heinz Moersch.

Viele kämen irgendwann rein und sagten, sie hätten das Ganze eine Weile von außen betrachtet. Jetzt wollten sie doch mal sehen, was sich hinter dem bunt bestückten Schaufenster verberge.

Wer die Genussecke betritt, sieht erst einmal viel Weiß, durchbrochen von Pastellfarben. Wandvertäfelungen, Regale und Tische, deren weißer Anstrich das Holz durchschimmern lässt, kitschig-schöne Kronleuchter, Kissen und Decken mit Blümchenmuster. Eine Mischung aus Landhausstil, Shabby Chic und moderner Romantik.

Anita Moersch begrüßt jede Kundin und jeden Kunden mit einem strahlenden Lächeln und heißt sie oder ihn herzlich willkommen. Sucht man etwas Bestimmtes, kommt Moersch zu Hilfe, führt durch den Laden, macht Vorschläge.

Darf es ein Schal sein, eine Badepraline, Erdbeer-Nudeln, eine besondere Lakritzsorte, „Bergische Pflastersteine“ aus Schokolade oder vielleicht ein Damenschuh, gefüllt mit Cassis-Orange-Aperitif?

Die Glaskanister zum Selberzapfen – natürlich nicht nur in den Damenschuh – füllen ein ganzes Regal. Die Auswahl ist riesig: Essige, Öle, Liköre in allen Geschmacksrichtungen.

Dieses Regal ist sozusagen der Ursprung der Genussecke. Vor 20 Jahren waren die Moerschs zum ersten Mal in einem Weinkeller an der Mosel. Dort gab es ebendiese Essige, Öle und Liköre aus dem Fass, und die Moerschs sagten sich, halb im Spaß: Das machen wir auch irgendwann.

Anita Moersch war damals Pflegemutter, ihr Mann hatte eine Firma im Bereich Raumtrennung und Sonnenschutz. Dann ging die Firma pleite, Anita Moersch gab zeitgleich ihren Job auf. Das „Irgendwann“ war gekommen.

2012 eröffneten sie ihr erstes Geschäft für Feinkost und Deko in Bergisch Gladbach. Ein Jahr später folgte ein zweites. 2016 suchten sie einen größeren Laden, in dem sie auch Kaffee ausschenken konnten ­– und fanden die Genussecke. „Damit haben wir uns einen alten Traum erfüllt“, sagt Karl-Heinz Moersch.

Der Café-Betrieb wuchs mit der Nachfrage

Wer den Laden einmal betreten hat, kommt meistens wieder. So wie Rosalinde Hansen: „Ich muss hierhin“, schaltet sich die Dame am Nebentisch ein. Drei- bis viermal die Woche kommt sie aus Bensberg, wo sie nach über 40 Jahren in der Innenstadt hingezogen ist.

„Die Moerschs sind sehr gastfreundlich, und sie geben unheimlich viel“, erzählt Hansen. Wenn sie etwas Größeres kauft, bringt Karl-Heinz Moersch es ihr persönlich nach Hause. Abgesehen davon ist es Hansen wichtig, kleine Läden zu unterstützen.

Anita Moersch bestätigt: Die Unterstützung ist notwendig. Gerade der Verkauf von Dekoartikeln wird durch das Internet mit seinen Billigangeboten immer schwieriger.

Meistens kommt Hansen aber nur, um einen Kaffee zu trinken. So wie viele Gladbacher, die sich einmal in die Genussecke verirrt haben.

Mit der wachsenden Nachfrage wuchs auch der Café-Betrieb. Die Moerschs schufen kleine Sitzecken, stellten ein paar Tische und Stühle vor die Tür ­– und richteten im Hinterhof ein verstecktes Gartencafé ein. „Unsere kleine Oase“, sagt Karl-Heinz Moersch.

Seine Kunden sagten ihm, dass es in Gladbach zu wenige Cafés gebe, erzählt Moersch. Vor allem Cafés mit Angeboten für Allergiker oder Veganer: In der Genussecke gibt es laktosefreie und Soja-Milch, ab und zu auch vegane und/oder glutenfreie Süßigkeiten. Alles selbst gebacken.

Der Kaffee ist auch etwas Besonderes. Sowohl die brasilianische als auch die indische Sorte kommen direkt von der Farm über den Röster nach Bergisch Gladbach. „Direct Trade“ nennt sich das und ist noch näher am Erzeuger dran als „Fair Trade“.

Die Bohnen werden handverlesen, die Röstung erfolgt für 17 bis 20 Minuten bei rund 200 Grad Celsius. Zum Vergleich: Die industrielle Kaffeeröstung dauert etwa zwei bis sieben Minuten bei durchschnittlich 600 Grad. Säuren und Bitterstoffe bleiben im Gegensatz zur schonenden Röstung im Kaffee.

Alles, was man sieht, kann man auch kaufen

Das Geschmackserlebnis aus der Genussecke können die KundInnen direkt mit nach Hause nehmen: Wie alles im Laden gibt es den Kaffee auch zu kaufen. Alles? Karl-Heinz Moersch lacht. „Ja, wenn jemand die Bank haben will, auf der Sie sitzen, müssen Sie sich einen anderen Platz suchen.“

Tatsächlich, überall finden sich Preisschilder. An den bunt gemischten Tischen und Stühlen, an den Lampen, Leuchtern, sogar unter dem Tablett, auf dem Anita Moersch den Kaffee serviert. Deswegen kann es vorkommen, dass die Genussecke beim zweiten Besuch anders aussieht als beim ersten.

Genau das macht auch den Charme des Geschäfts aus: Die Genussecke ist nicht durchgeplant und strukturiert, sondern nach Gefühl improvisiert. Immer wieder aufs Neue. Die Leidenschaft, die die Moerschs in dieses Projekt stecken, spürt man als KundIn.

Und man spürt auch die Harmonie zwischen den Betreibern. Sie nennen sich gegenseitig „Schatz“, ergänzen sich mit ihren jeweiligen Stärken. Er übernimmt als gelernter Einzelhandelskaufmann den Papierkram, sie bewirtet die Gäste und kümmert sich um die Einrichtung. „Meine Frau ist unheimlich begabt, was Farben und Deko angeht“, sagt Moersch liebevoll, „ein Naturtalent.“

Statt kühler Perfektion und professioneller Distanz bietet die Genussecke eine familiäre Atmosphäre. Wenn Stammkunden hereinkommen, umarmen sie die Betreiber, man duzt sich.

„Uns ist es sehr wichtig, das Persönliche rüberzubringen“, sagt ihr Mann. „Von unserer Art und von unseren Produkten her wollen wir anders sein als andere.“ So wählen die Moerschs etwa bewusst Lieferanten, die man nicht überall findet. Anita Moersch: „Wir sind immer auf der Suche nach dem Besonderen, auch nach besonderen Produkten.“

Dazu passt letzten Endes auch die Lage der Genussecke in der ruhigen Hälfte der Hauptstraße, zwischen Markt und Forum. Diese Seite der Fußgängerzone sei familiärer, individueller, sagt Anita Moersch.

Eine junge Frau am Nachbartisch meldet sich zu Wort, erzählt, dass sie zum ersten Mal in Bergisch Gladbach sei und einen Ort gesucht habe, an dem sie ihr Kind füttern könnte. „Nachdem ich den Marktplatz überquert hatte, war alles viel ruhiger. Davor war ich total gestresst.“

Anita Moersch nickt. „Ich würde nicht rüber wollen.“ Ihr Mann legt den Kopf schräg. Ihm gefällt es hier auch besser, aber der geringe Kundenlauf sei schon ein Problem fürs Geschäft. Zumal allein das gemischte Konzept schon eine Herausforderung darstelle.

Die Zukunft: Hochzeiten und brasilianische Snacks

Auf die Frage, ob sie daran denken, das Konzept zu ändern, schüttelt Anita Moersch vehement den Kopf. „Das geht nicht. Das wären nicht wir. Wir machen das ja nicht nur für unsere Kunden, sondern auch für unsere Seele.“

Worüber die Moerschs nachdenken, ist die zusätzliche Aufnahme von Veranstaltungen. Montags, am Ruhetag, könnten Geburtstage, Hochzeiten, Jubiläen in der Genussecke über die Bühne gehen. Klein und gemütlich.

Und noch etwas verrät Anita Moersch: Vielleicht gibt es demnächst zum brasilianischen Kaffee auch brasilianische Snacks.

Die Frau, die am Anfang gefragt hatte, wie lange es das Geschäft schon gebe, staunt und sagt: „Das ist ja wirklich ein etwas anderes Café.“

Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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8 Kommentare

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  1. Immer wieder gerne verzehre ich dort meinen Lakritz Latte!!! Der Geheimtipp für den Gaumen.

  2. Danke für den Tipp! Das hört sich äußerst interessant an und ist für Bergisch Gladbach sicher eine feine, kleine Perle, die die Stadt reicher und attraktiver macht. Bei nächster Gelegenheit schauen wir rein. Versprochen!

  3. Das kann ich nur bestätigen, ein süßes Cafe mit Herz und Seele, vielen tollen Dekoartikeln und köstlichen Leckereien

  4. Ich kann das nur bestätigen. Ein tolles Geschäft mit harmonischer Atmosphäre. Ein Besuch lohnt sich immer.

  5. Ja, ist knuffig da. Hab schon manches Leckerchen als Präsent gekauft und auch schon mit BamBam im Hinterhof gesessen. Komplett eingezäunt, und der Reporterhund durfte dort frei laufen, weil grad kein anderer Hund da war.