Ein tiefer Blick in die Wahlergebnisse zeigt ein drastisches Bild: CDU und SPD haben in jedem Stimmbezirk verloren, die Grünen haben in jedem dazu gewonnen. In mehr als der Hälfte aller Bezirke sind die Grünen sogar die stärkste Partei. Vereinzelt legte auch die AfD kräftig zu. 

Die Daten zur Europawahl 2019 im Vergleich zur vorhergehenden Europawahl 2014 sind deutlich: In der ganzen Stadt hat die CDU zwar noch eine hauchdünne Mehrheit vor den Grünen, die SPD ist weit abgeschlagen.

Dramatisch wird das Bild, wenn man sich die einzelnen Stadtteile anschaut:

  • Die CDU hat in ganzer Breite verloren. 2014 war sie in 78 Stimmbezirken stärkste Kraft. Davon hat sie 33 verloren – und ist so gesehen nur noch zweite Kraft.
  • Die SPD hat alle Hochburgen verloren. 2014 lag sie immerhin noch in 21 Bezirken vorne, jetzt sind es Null.
  • Die Grünen, die 2014 keinen Stimmbezirk dominierten, hat alles gewonnen, was CDU und SPD preisgegeben haben: In 54 der insgesamt 99 Bezirke haben sie die Mehrheit.

Noch ein Hinweis: Bergisch Gladbach ist in 26 Wahlbezirke aufgeteilt, die jeweils aus zwei bis drei Stimmbezirken und einem Briefwahlbezirk bestehen; zusammen ergeben sich 99 Bezirke, auf die diese Auswertung beruht. Die Briefwahlstimmen lassen sich den Stimmbezirken nicht zuordnen, sondern nur den Wahlbezirken.

Sie können die Daten anhand der Tabelle unten nachvollziehen – und zudem herausfinden, wie die Stimmverhältnisse in Ihrem Stadtteil sind. Über das Suchfeld finden Sie ihren Stadtteil. Gewinne und Verluste der einzelnen Parteien werden deutlich, wenn Sie die Tabelle sortieren:

Ein Klick auf den Spaltenkopf „G/V CDU” zeigt die Rangliste der größten Verluste der CDU, ein Klick auf den Kopf „G/V Grüne” die Liste der größten Erfolge der Grünen. Mit einem zweiten Klick wird die Liste umgekehrt sortiert.

Wenn Sie nicht genau wissen, welches Ihr Stimmbezirk ist, dann hilft diese Karte im Geoportal der Stadt weiter.

Hinweis der Redaktion: Die Tabelle ist sehr lang und breit, aber extrem reich an Informationen. Am besten schauen Sie es sich auf einem größeren Bildschirm an. Der Text geht unter der Tabelle weiter. 

Was geschah in Kippekausen?

Wer so mit der Tabelle herumspielt erkennt, dass sich in Kippekausen, in Paffrath-Süd und auch in Gronau-Ost Dramen für die CDU ereignet haben: hier verlor sie jeweils 16 Prozentpunkte. Auch die SPD verlor in diesen Stadtteilen, die Grünen gewannen bis zu 18 Punkte hinzu und liegen in Refrath zwischen 38 und 41 Prozent.

Die Sonderrolle der Briefwahl

Allerdings: diese Zahlen überzeichnen die Verluste der CDU (und zum Teil der SPD) wahrscheinlich ein Stück weit. Denn die Briefwahl wird für jeden der 26 Wahlbezirke (der aus zwei bis drei Stimmbezirken besteht) zusammen ausgezählt, eine Zuordnung der Stimmen zu den Ortsteilen ist daher nicht möglich.

Gut ein Fünftel der Wahlberechtigten hatte die Briefwahl genutzt. Hier ist die CDU noch relativ stark, baut aber kräftig ab. Vor fünf Jahren erreichte sie noch in zehn Briefwahlbezirken 40 Prozent oder mehr, jetzt ist es keiner mehr.

Die SPD verliert ihre Hochburgen

Besonders brutal verlor die SPD, und das gerade in ihren Hochburgen. In 30 der 99 Bezirke verloren sie mehr als 15 Prozentpunkte. In Lückerath-Süd, Paffrath-Süd, Gronau-West und Lustheide büßte sie 21 Prozentpunkte ein – und gab ihre einstigen Bastionen an die Grünen ab.

Welche Rolle spielt der FNP?

Die Unzufriedenheit der Bürger mit dem Flächennutzungsplan lässt sich an den Teilergebnissen der Wahl nur zum Teil ablesen. Einerseits schwang das Pendel in fast allen Stadtteilen von der CDU zu den Grünen.

Andererseits halten sich die Verluste der CDU zum Beispiel in Nussbaum, wo der Widerstand besonders groß ist, mit einem Minus von „nur” 9 Prozent in Grenzen; dort ist die CDU sogar noch immer stärker als die Grünen.

Eine Sonderrolle spielt der Neuborner Busch, wo Krüger ein Verwaltungsgebäude spielen will. Im Bezirk 21/1 verlor die CDU zwar nur drei Prozentpunkte, die SPD aber 21. Auch hier räumten die Grünen mit jetzt 32 Prozent ab.

Ein starkes Ergebnis für die AfD

Bemerkswert auch die Entwicklung in Heidkamp-Ost (Wahlbezirk 12/3). Hier, gegenüber dem Neuborner Busch und neben dem Flüchtlingscamp Lückerath verloren SPD und CDU gleich heftig, aber neben den Grünen gewann auch die AfD deutlich dazu. Mit einem Plus von 10,7 Prozent liegt sie dort jetzt bei 15,Prozent – ihr mit großem Abstand höchstes Ergebnis in der Stadt.

Wir haben unsere Auswertung der Daten noch nicht abgeschlossen. Aber beschäftigen Sie sich selbst mal mit den Zahlen, über Hinweise, Kommentare und Stellungnahmen würden wir uns freuen.

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Eva Gerhardus, Ko-Vorsitzende der Grünen Bergisch Gladbach: Uwe Pakendorf, Kandidat und Kreisvorsitzender der CDU Rhein-Berg: Andreas Ebert, Ortsvorsitzender der SPD: Annina Frangenberg, Kandidatin der FDP:

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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2 Kommentare

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  1. Auch von meiner Seite Danke für die schnelle und intensive Berichterstattung und Ihren unermüdlichen Einsatz, liebes In-GL-Team!

    Die Zahlen interpretiert sicherlich jeder anders. In einigen Punkten gehe ich da mit den hier geschilderten Überlegungen konform, in einigen wenigen möchte ich eine andere Interpretation anregen:

    -FNP: Ich glaube, dass die FNP-Diskussion symbolisch für das “Aufwachen” der Bürger ist bezüglich der Klima-Thematik. Der Umgang mit den Sorgen der Bürger seitens CDU und SPD war schon bemerkenswert ignorant in diesem Verfahren. So wurden 2.300 Eingaben bei der 2. Runde des FNP schlicht weg ignoriert und zerredet, anstatt die Sorgen der Bürger ernst zu nehmen. Es wurden den BI’s verweigert in den Ausschüssen ihre Bedenken und Analysen vorzutragen und somit musste sich der Rat der Stadt Bergisch Gladbach auf die – nennen wir es mal “zielgerichteten Interpretationen” eines für den FNP beauftragten Büros Post Welters verlassen, ohne die lokale Schwarm-Intelligenz zu nutzen.

    Der Stadtrat und speziell die Damen und Herren der CDU und SPD haben zum Glück noch mal eine Chance aufgrund eines Verfahrensfehlers (!!!), über die Neubeantragung des FNP abzustimmen. Sie täten gut daran, den schon 2014 dokumentierten Bürgerwillen (Freiraumkonzept und integriertes Stadtentwicklungskonzept wurden mit Bürgerbeteiligung erstellt und zeigen in eine völlig andere Richtung, als was mit dem FNP erreicht werden soll…) ernst zu nehmen und das Verfahren so lange auszusetzen, bis die Stadtverwaltung ihre Aufgabe endlich ernst nimmt und die Eingaben der Bürger nicht zerredet sondern mit einfließen lässt. Sonst sehe ich für die Kommunalwahlen hier noch heftigere Ergebnisse kommen…

    Nussbaum: Nussbaum und Paffrath sind traditionell schwarz. Hier gibt es hohe persönliche Verwebungen zwischen den lokalen Vertretern der Politik (1. stellvertretender Bürgermeister, Ortsvorstand usw.), der Wirtschaft, Vereinen und den Bürgern. Möglicherweise haben auch die Bürger missinterpretiert, dass die CDU beide Teile der Wiese auf Prio 3 gesetzt haben: das heißt NICHT, dass die Wiese nicht bebaut wird, es sollen nur andere Flächen zuerst geprüft werden. Sind diese nicht zu bebauen oder nur unter hohen Schwierigkeiten, rücken die Prio3-Flächen sofort nach… Das heißt, dass eine Zerstörung dieser Frischluftentstehungszone schon in wenigen Jahren möglich ist, nach wie vor!!

    Heidkamp und die AfD: ich will jetzt keinen sozialen Brennpunkt heraufdiskutieren, aber es gibt hier relativ viele ehemalige Sozialbauten, relativ günstigen Wohnraum und damit auch eher die Wahrscheinlichkeit, dass Anwohner nicht unbedingt zu den finanzkräftigsten der Stadt gehören. Möglicherweise hat das eine Rolle gespielt? Falls ja, dann sollte hier intensiv dran gearbeitet werden. Auf jeden Fall ist es ungewöhnlich, wenn ein Stadtteil so rausragt aus den Ergebnissen der anderen Stadtteile, weswegen man sicherlich dort mal reinschauen sollte. Möglicherweise waren es auch “nur” unzufriedene CDU-Wähler, die halt sich der AfD näher fühlten als den Grünen und auch hier der CDU einen “Denkzettel” verpassen wollten – wer weiß. Das müsste man im Gespräch herausfinden. Doch wie findet man diese Wähler?

    Alles in Allem zeigt sich für mich folgendes Bild:

    CDU verliert wegen fortlaufender Ignoranz den Bürgern gegenüber, sowohl auf Bundes- als auch auf Landes- und Kommunalebene und weil wirtschaftliche Aspekte ausschließlich die Politik bestimmen, anstatt auch soziale und Umweltthemen konsequent durchzusetzen

    SPD verliert wegen Profillosigkeit auf allen Ebenen. Sie konnten sich in keiner GroKo wirklich durchsetzen und haben einige ihrer Ziele aus den Augen verloren. Es fehlt das “Alpha-Tier” in der Partei, das dieser wieder ein Gesicht gibt. Frau Nahles kann hier leider nicht überzeugen.

    GRÜNE gewinnen aufgrund Protestwahl der Bürger, aufgrund des Verhaltens und der Äußerungen der GroKo zu Hambacher Forst, Kohlekraftwerken, Dieselskandal, FNP, usw. usw. usw. und weil sie geschlossen am Bürgerwillen Klimaschutz arbeiten. Der Bürger hatte es wohl satt, dass dies von den anderen Parteien nicht ernst genug genommen wird.

    LINKE stagniert (leichte Verluste), da sie in Bergisch Gladbach keiner ernst nimmt. Das ist manchmal schade, da sie durchaus gute Vertreter haben, die nah am Bürger sind. Als “SED-nachfolge-Partei” steht es aber nicht gut genug um den Ruf… Das Engagement gerade auch für den Klimaschutz haben die Bürger offensichtlich nicht intensiv genug wahr genommen.

    FDP stagniert (OK – leichte Gewinne, aber nicht wirklich signifikant…), da es nicht genug Unternehmer gibt, die sie wählen könnten… Denn wer ausschließlich Politik für Unternehmer macht, hat halt nur eine kleine Zielgruppe… Auch hier siehe FNP-Diskussion: Mehr Industriegebiete, Umwelt egal, Klima-Schutz egal, Hauptsache mehr Flächen für Firmen! So nicht, Herr Krell…

    AfD stagniert (nur geringfügige Gewinne), da es eben keine Europa-Partei ist (Brexit/Dexit Diskussion). Zudem haben sie bis auf “Raus aus Europa und zurück zur DM” keine wirklichen Pläne. Keine soziale Strategie, keine Klima-Schutz-Ziele – nichts, was aktuell den Bürger wirklich bewegt. Das Asylbewerber Thema hat sich weitestgehend erledigt, die Container werden abgebaut und die wenigen Menschen die gekommen sind sind größtenteils unsichtbar in der Masse der Bergisch Gladbacher aufgegangen. Wenn man nur ein Thema hat, verliert man halt 100% wenn dieses weg fällt…

    Der Rest läuft unter “ferner liefen”…

    Ich bin gespannt, ob sich die lokale GroKo aus der Verantwortung für das Ergebnis weiterhin versucht rauszureden oder ob man endlich Verantwortung übernimmt und den Bürger wieder in das Zentrum der Politik stellt. Die Quittung gibt es sonst sicherlich 2020 bei den Kommunalwahlen. Die Zeit läuft, an ihren Taten werden wir sie messen…

  2. Vielen Dank für die Analyse, die ich weitestgehend unterschreiben würde. In “Lückerath” (für mich sind das immer noch nur drei Straßen und kein Stadtteil, aber das wäre ein Thema für die Kommunalwahl…) gibt es aber nicht nur die Diskussion um den Neuborner Busch (dort stärker in Stimmbezirk 21-1, denn dieser liegt in unmittelbarer Nähe). Nein, “Lückerath” liegt durchgehend an der geplanten innerstädtischen “Ortsumgehung” aka Bahndammtrasse. Und in dieser Diskussion sieht sich die SPD ja führend, da muss man sich über eine ablehnende Haltung der Bevölkerung nicht wundern.

    Nach meiner Einschätzung spielen aber kommunalpolitische Erwägungen nur eine untergeordnete Rolle, was ja bei einer Wahl zum Europäischen Parlament auch nicht ganz verkehrt ist. Wichtiger dürfte die von Greta Thunberg angestoßene Bewegung sein, was sich ja auch an den Stimmverhältnissen der jungen Wähler deutlich abbildet. Die Gewinne und Verluste in einzelnen Stimmbezirken hängen dann eben auch an der Zusammensetzung der jeweiligen Bevölkerung (Demografie). Ferner ist es auch kein Novum, dass die Parteien einer großen Koalition im Laufe der Zeit an Zustimmung verlieren.

    Nichtsdestotrotz freue ich mich schon auf die Kommunalwahl, es wird spannend!