Überall wird der Asphalt aufgebrochen, gewühlt und gebaut. Dabei handelt es sich nicht um schlechte Koordination oder Willkür. Sondern um eine ausgefieselte Strategie: Bergisch Gladbach will die erstbeste Stadt mit ruhendem Verkehr werden. Eine sinnvolle und zukunftweisende Strategie, urteilt unser Autor.

Schöner glatter Asphalt passt nicht zu Bergisch Gladbach. Deswegen wird schöner glatter Asphalt nach kurzer Zeit wieder aufgerissen und später durch irgendeine Asphaltmischung aufgefüllt und eingeebnet. Zurück bleiben Vertiefungen und Baken. Diese, zum Schutz vor Unfällen aufgestellt, stehen häufig noch längere Zeit nach Abschluss der Arbeiten in der Gegend herum.

Überall in Bergisch Gladbach wird in der Erde gewühlt. Anwohner besonders betroffener Straßen leiden unter den Baustellen. Manche halten die vielen Aufbrüche nur für schlechte Baustellen-Koordination, andere glauben an Willkür.

Kann das sein? Ist das wirklich so? Handelt es sich nicht in Wahrheit eher um eine ausgefieselte Strategie, Bergisch Gladbach ein besonderes Alleinstellungsmerkmal zu verschaffen, die Stadt noch berühmter zu machen als sie ohnehin schon ist?

Nachhaltigkeit ist das Wort der Saison. Nachhaltigkeit steht vor dem Durchbruch in vielen Kommunen. Als einer der kleinsten Großstädte will Bergisch Gladbach hier mitmischen, will die erstbeste Stadt mit ruhendem Verkehr werden. Eine sinnvolle und zukunftweisende Strategie.

Gas-, Wasser-, Strom- und Breitbandkabel sind immer gern gesehen.

Wie aus gewöhnlich gut informierten Kreisen zu erfahren ist, hat die Angst vor Bürgern und Wählern die städtische Politik und Verwaltung zu Kreativität gezwungen. Deswegen hat man sich Rat bei internationalen Beratern geholt. Ausgeheckt wurde eine ganz neue Strategie, die Proteste klein hält und vielleicht eher Akzeptanz („Reparaturen müssen halt sein“) erwarten lässt.

Die Empfehlung der Berater: So, wie man Fischen im Aquarium löffelweise das Wasser entzieht, um sie an ein Leben in Trockenheit an Land zu gewöhnen, so sollen sehr subtil durch immer neue Baustellen Tempo und Zunahme im Straßenverkehr gedrosselt werden.

Der endgültige Zusammenbruch des ständig wachsenden Verkehrs soll durch diese paradox anmutende Intervention verhindert werden. Weil immer mehr Autofahrer*innen aufgeben und ihre Gefährten stehen lassen.

In Laurentius- und Odenthaler Straße ist das zukunftweisende Verkehrsberuhigungsprogramm gestartet worden

Fällige Reparaturen vieler Straßen, Geh- und Radwege können für diese Verkehrsberuhigung genau so genutzt werden wie Arbeiten am Gas-, Wasser-, Strom- und Breitbandkabelnetz. Die Verantwortlichen nehmen, um den entschleunigten Verkehr durchzusetzen, sogar das schlechte Image des misslungenen Baustellen-Managements in Kauf.

Was früher „Gehweg“ hieß, signalisiert heute „Geh weg!“

Die nächste Stufe wird schon vorbereitet: Bei der Verwirklichung des Mobilitätskonzeptes müssen breitere Radwege oder Radstreifen angelegt werden. Damit brechen schwere Zeiten für Autofahrer an.

Denn es fallen peu á peu Parkplätze und Fahrbahnen weg. Allein dieser Gedanke führt schon jetzt bei vielen Menschen zu Schnappatmung („wat interessiert misch de Umwelt, wenn isch fahre kann un ne Parkplätz hän“).

Es brechen neue Zeiten an und mit ihnen die Baumwurzeln in der Hauptstraße die schönen grauen Betonsteine auf.

Aus einer geheim gehaltenen Befragung ist bekannt, dass selbst Alteingesessene hier ihre Zelte abbrechen möchten, weil sie ihre Freiheit gefährdet sehen. Jetzt sind natürlich Psychologen und Psychiater gefordert.

Das neue Wahrzeichen unserer Stadt: Die rot-weiße Bake.

Eine Stadt im Aufbruch: In Erwartung weiterer Baustellen werde ich in Miet-Baken investieren. Es könnte sich rechnen.

Weitere Beiträge von Reiner Thor:

Wie ein Herzkasper vermieden werden kann

In Bergisch Gladbach liegt uns die Kunst zu Füßen

Störfaktoren: Wir sind mit dem Radl da …

Auf den Hund gekommen

Ausgezeichnet: Mein Hut, der hat vier Ecken …

.

Reiner Thor

ist ein freier bergischer Autor. Er widmet sich den kleinen und großen Themen, die vielen Menschen unter den Nägeln brennen: Pro bonum, contra malum. Parallel arbeitet er an einem großen Sittenroman seiner Heimatgemeinde. Hinter dem Pseudonym steckt (natürlich) Klaus Hansen.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

9 Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Genialer Bericht, es „muß was dran sein“…, hoffentlich liest das die „geballte Verantwortlichkeit“ bevor dort weiter von „(unbezahlbaren) Stadthäusern und anderen „Spinnereien“ geträumt wird….

  2. Psychologen meinten schon immer, man solle nicht an seinen Schwächen arbeiten sondern seine Stärken besonders unterstützen. Das nimmt die Stadtverwaltung wohl sehr ernst. Richtig planen zum Wohl der Bevölkerung konnte sie noch nie, darum lässt sie das lieber und stärkt weiter ihre Inkompetenz.

    Es wundert allerdings, dass der Chef das ausnahmsweise mal so sieht wie seine Wähler. Daran etwas zu ändern hatte er bisher nicht den Wunsch und wird das auch bis zu seinem Ausscheiden sicher nicht mehr wollen.

  3. Wohne in der Laurentiusstrasse
    Hoffe die Baustelle am Anfang der Strasse bleibt immer ,
    jetzt können wir schlafen
    Sonst brettern hier große LKW und Fahrzeuge hier durch.
    In 5MIN bis 30Stück ,wenn sie lesen könnten Zone 30 würden wir uns freuen.

  4. Gute Reise! Wir bleiben, denn uns gefällt es in Bergisch Gladbach. Trotz der Baustellen und ein paar anderer Ärgernisse. Unter dem Strich gesehen leben wir hier doch sehr gut. Die Lokalpatrioten in der Redaktion

    PS. Die Kriminalität wächst nicht, im Gegenteil. Aber diese Debatte hatten wir an anderer Stelle ja schon ausführlich geführt.

  5. Aha, entschleunigen? Weniger Parkplätze? Beim Obi nur noch 2h parken? Leute, das werden zu aller erst die Einzelhändler und Geschäfte in der Stadt merken. Die Stadt verkommt immer mehr durch beschissene Straßen, die behinderten Baustellen wo niemand arbeitet… Kriminalität wächst, jeder Verdächtige hat ein Messer. Wir wollen hier weg und werden das auch tun. Das ist nicht mehr GL. Kollaps-GL ist das!

  6. Wer zahlt eigentlich die immensen Kosten für diese Schildbürger Streiche. etwa unsere Stadtplaner? Die müssen ja eine verdammt gut gefüllte Portokasse haben.
    Das ist tatsächlich eine Stadt im Aufbruch im wahrsten Sinn des Wortes.