Freuen Sie sich auch über die steigende Zahl von Bildern mit unserem Bürgermeister in den örtlichen Medien? Mal mit Kindern, dann mit Bienen, mit Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtlern, Sport- und anderen Vereinen, Jubilaren und Einweihungen, Firmenchefs und Verbandsvertretern, im Karneval und mit anderen Politikern, bei kulturellen Ereignissen? Kniend, sitzend, stehend?

Vor einigen Wochen sah ich in einer hiesigen Tageszeitung drei Fotos direkt nebeneinander: Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler erhielten jeder eine Auszeichnung. Überreicht vom ersten Bürger unserer Stadt. Also musste er dreimal mit ins Bild.

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Diese Auszeichnungen sind natürlich sehr wichtige Veranstaltungen, dienen sie doch der Anerkennung ehrenamtlicher Arbeit für die Gemeinschaft. Und die Zahl der zu ehrenden Bürgerinnen und Bürger wird steigen, wenn die Stadt sich stärker auf die Ehrenamtlichen verlässt. Aber daneben gibt es die vielen Ereignisse, bei denen ein Auftritt des Bürgermeisters bisher erwartet wird. Aber dürfen wir das erwarten? Ganz sicher nicht.

Als besorgter Bürger muss man Angst um die Gesundheit des Hauptdarstellers haben: Das Amt eines ersten Bürgers einer aufstrebenden kleinen Großstadt ist ein harter Job. Denn neben der Wahrnehmung dieser vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen muss die Stadt ja auch noch ein wenig verwaltet, müssen kühne Zukunftsvisionen gedacht, vielleicht sogar verwirklicht und komplizierte Vertragswerke ausgehandelt werden. Da bekommen selbst Topmanager einen Herzkasper. Und in einer wachsenden Stadt heißt das für die Zukunft: Termine, Termine, Termine.

Gibt es andere, bessere Lösungen?

Aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen ist zu hören, dass die Arbeitsgruppe „Gegen Stress in der Verwaltung“ eine geniale wie einfache und kostengünstige Lösung zur Entlastung diskutiert: Der Bürgermeister als lebensgroße Figur. Gedruckt auf Recyclingkarton.

Jeder kennt diese Figuren als stumme Verkäufer aus dem Drogerie- oder Baumarkt: Lebensgroß, farbig, in allen erdenklichen Posen. Mit wechselnden Gesichtsausdrücken. Aktuelle Fotos mit wechselnden Anzügen und Krawatten. Mit einladenden Gesten, ernst oder heiter. In voller Größe. Kniend, sitzend, stehend. Geeignet für die unterschiedlichsten Events – vom Kindergeburtstag bis zur Karnevalssitzung. Die Lösung ist so kostengünstig, dass bald auch die stellvertretenden Bürgermeisterinnen und Bürgermeister drankommen können.

Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Kein Bürgermeister muss noch – außer zu den wichtigsten Veranstaltungen natürlich – irgendwo hinfahren. Weniger Stickoxyde, weniger Feinstaub, weniger Stress.

Die stummen Hauptdarsteller können kostenlos bei allen städtischen Einrichtungen mit den entsprechenden Redetexten ausgeliehen werden. Die so beglückten Bürgerinnen und Bürger machen auf ihrer Veranstaltung mit den täuschend echten Drucken die beliebten Halbkreisfotos selber, stellen ihre besten Selfies ins Netz, mailen sie den Medien.

Die Arbeitsgruppe hat auch ökologisch gedacht: Der „Bürgermeister“ kann – falls er für weitere Veranstaltungen nicht mehr gebraucht wird – nach dem Einsatz zurückgegeben oder aber rückstandsfrei geschreddert und kompostiert werden. Die Vordenker planen sogar schon die Zukunft: Für das Wahljahr 2020 wird an lebensechten dreidimensionalen Figuren – dann kostengünstig mit 3D-Druckern möglich – gearbeitet. Mit passender Kleidung. Kniend, sitzend, stehend. Wahlweise auf Rädern.

Falls es nicht zur Wiederwahl kommen sollte, wird die dann nutzlose 3D-Figur im Ratssaal aufgestellt. So haben auch nachfolgende Generationen immer noch etwas von den früheren Bürgermeisterinnen oder Bürgermeistern – in der „Gladbacher Glyptothek“.

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Reiner Thor

ist ein freier bergischer Autor. Er widmet sich den kleinen und großen Themen, die vielen Menschen unter den Nägeln brennen: Pro bonum, contra malum. Parallel arbeitet er an einem großen Sittenroman seiner Heimatgemeinde. Hinter dem Pseudonym steckt (natürlich) Klaus Hansen.

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1 Kommentar

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  1. Erst dachte ich an einen verspäteten Aprilscherz….Aber beim zweiten Nachdenken finde ich dies ein durchaus sinnvolle Idee. Bürgernaähe ist ja schön und gut aber manchmal frage ich mich schon, ob es notwendig ist das der Bürgermeister bei jeder Eröffnung, Einweihung, Preisüberreichung persönlich anwesend sein muss! Ersten gibt es ja auch noch Stellvertreter und -innen und zweitens gibt es ja doch bestimmt wichtigeres zu tun, oder?

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BC%C3%9Faugust

    Vielleicht mag unser Bürgermeister sich aber auch gerne selbst in der Zeitung sehen?