Für diese herausfordernde Zeit empfehlen wir Bücher, die Sie vieles andere vergessen lassen: Ein nachhallender Roman über eine ungewöhnliche Familie, ein abgründiger Krimi und ein Roman über eine unperfekte Welt.

Monika Helfer: Die Bagage.
Carl Hanser Verlag 2020, € 19,00.

Die österreichische Autorin war mit ihrem letzten Buch bereits für den deutschen Buchpreis nominiert. Mit ihrem neuen Roman liefert sie wieder ein Glanzstück von hoher literarischer Qualität ab.

Wie ein Fotoalbum wird eine Familiengeschichte aufgeschlagen mit zum Teil autobiographischen Zügen. Die Geschichte beginnt 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Josef und Maria, die Großeltern der Autorin, leben mit ihren bis dato vier Kindern am Rande eines österreichischen Dorfes in ärmlichen Verhältnissen. Sie werden misstrauisch von allen beäugt und die Bagage genannt.

Dann wird Josef in den Krieg eingezogen und die attraktive Maria bleibt mit ihren Kindern unter der Obhut des Bürgermeisters zurück. Es beginnt eine schwere Zeit für sie. Aber sie hat in ihren Kindern eine große Hilfe, der Älteste (11) kümmert sich um Hof und Vieh und der Zweitälteste (9) wird im Laufe der Jahre so etwas wie der Beschützer und Versorger der Familie.

Nach dem zweiten kurzen Fronturlaub ihres Mannes lernt Maria zufällig den Fremden Georg aus Hannover kennen und verliebt sich wider aller Vernunft. Das Glück ist nur von kurzer Dauer und einige Zeit nach seiner Abreise wird allen im Dorf klar, Maria ist wieder schwanger. Nun wird gemutmaßt und wild spekuliert von wem das Kind denn nun sein könnte.

Hier beginnt die eigentliche Geschichte, die ihre Auswirkungen bis zur Gegenwart hat. Grete, die spätere Mutter der Autorin, wird geboren, von Maria heißgeliebt und von Josef zeitlebens nicht als sein Kind anerkannt, schlimmer noch: Er spricht nicht mit ihr, für ihn existiert sie nicht. Dieses bis in die Gegenwart nicht ganz geklärte Familiengeheimnis beeinflusst mehr oder weniger die nachfolgenden Generationen.

Maria bekommt noch zwei weitere Kinder, also insgesamt sieben. Dabei ist hochinteressant, wie die Kinder ihre frühkindlichen Stellungen innerhalb der Familie ins Erwachsenenleben mit hinübernehmen.

Der Älteste bleibt immer Landwirt und der Zweitälteste der Macher und Organisator. Die älteste Tochter, Katharina, die früh Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister tragen muss, wird zu einer verhärmten Frau. Sie ist es letztendlich, die etwas Licht ins Dunkel der Spekulationen bringt.

Dieses Kaleidoskop von sehr unterschiedlichen komplexen Charakteren hallt noch lange im Leser nach. Erstaunlich, wie es der Autorin gelingt, auf nur 160 Seiten so viel prall gefülltes Leben zu erschaffen. Daraus ist eine ungewöhnliche Familiengeschichte entstanden, intensiv und kraftvoll erzählt. Sehr empfehlenswert.

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erlesen von Sylvia Jongebloed

Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht.
Galiani Verlag 2020, € 20,00.

Mit seinem lang ersehnten neuen Kriminalroman führt der preisgekrönte Autor gleichzeitig ein noch unbekanntes Ermittlerduo, Christian und Ben, ein. Also der perfekte Start für alle, die Wagner noch nicht kennen und ein Muss für alle Fans von Ani, von Schirach, Borrmann und Aichner.

Der fünfjährige Jannis verschwindet quasi unter den Augen seiner Mutter und großen Schwester auf dem Flohmarkt der Schule. Niemand hat etwas Auffälliges gesehen und obwohl die Polizei fast unmittelbar am Ort des Geschehens eintrifft, macht sich zunächst große Ratlosigkeit breit.

Auf dem Video einer Überwachungskamera sieht man Jannis an der Hand eines Mannes. Der Mann ist leider nicht zu identifizieren und so tappen die Ermittler lange im Dunkel. Bis sich Parallelen zu einem ähnlichen, aber ungeklärten Fall in Österreich auftun. Und langsam kommt Bewegung in den Fall.

Nichts ist wie es scheint und niemand ist so wie seine Umwelt ihn empfindet. Der Autor spielt förmlich mit den Wahrnehmungen des Lesers. Obwohl der Täter schon im ersten Kapitel auftritt, sind Identitäten und Zusammenhänge vollkommen unklar. Immer neue Puzzlesteine tauchen auf und gerade, wenn man denkt, dass man die Vorgänge durchschaut, tun sich wieder andere Abgründe auf.

Jeder kommt hier zu Wort. Opfer, Familie, Täter und natürlich vor allem die beiden Ermittler. In kurzen Kapiteln erzählt der Autor multiperspektivisch, bleibt dabei seiner ihm eigenen Tonlage immer treu und schafft so die Verbindung zwischen den Personen. Es geht um die dunkelsten Abgründe im Menschen, um Missbrauch und Pädophilie.

Ein Buch rasant wie ein Thriller, tiefgründig wie ein Psychogramm, aber viel mehr als ein Kriminalroman. Wagner bleibt sich auch mit diesem Titel treu. Er ist der Literat und Poet unter den deutschen Krimiautoren.

Seine Sprache und sein Realismus machen seine Geschichten noch eindringlicher. Das Abgründige frisst sich noch mehr in die Seele des Lesers und lässt ihn teils schaudernd, teils sprachlos zurück. Ein Buch, das einen nicht wieder loslässt wie alle seine Bücher. Unbedingt und ganz dringend lesenswert.

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erlesen von Sylvia Jongebloed

Milena Agus: Eine fast perfekte Welt.
dtv 2020, € 20,00.

In ihrem neuen Roman geht die Bestsellerautorin der Frage nach, wie man sein Glück findet in einer Welt, die nicht perfekt ist und ob das überhaupt möglich ist.

Diese Frage stellt sich zumindest Ester, die in ihrer Heimat Sardinien inmitten ihrer Großfamilie sehr unglücklich ist. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs sehnt sie die Rückkehr ihres Verlobten herbei und wird enttäuscht.

Äußerlich und innerlich verändert kommt er traumatisiert zurück. Die Werte, für die er vor dem Krieg stand, haben sich verändert, aber sie selbst ist die Gleiche geblieben.

In dieser schwierigen Ausgangslage sucht er zunächst Arbeit auf dem Festland in Genua, um ein Polster für die Heirat zu erwirtschaften. Jahr um Jahr vergeht, sie sehen sich sporadisch und schreiben sich.

Die Unzufriedenheit Esters wächst und jeder ihrer Briefe an ihn endet mit dem Satz „Wie schafft man es bloß, an einem solchen Ort (Sardinien) zu leben“. Oder es entstehen Gedanken in ihrem Kopf wie „Am meisten liebte sie ihn, wenn er nicht bei ihr war“.

Irgendwann heiraten sie und sie zieht zu ihm nach Genua, der ersehnten Stadt. Obwohl er versucht, ihr alles Recht zu machen, werden sie nicht glücklich. Sie, die ewig Unzufriedene, findet auch in dieser Stadt nicht das von ihr Erhoffte.

Erst als sie schwanger wird und ein gesundes Mädchen, Felicita, zur Welt bringt, findet sie einen Ansatz von Glück und Erfüllung. Aber auch das hält nicht ewig an. Sie will wieder fort aus der inzwischen verhassten Stadt und die Familie zieht zurück nach Sardinien.

Felicita, inzwischen eine junge Frau, geht ihren ganz eigenen Weg. Sie, die sich selbst als pummelige Frau in einem schlanken Körper bezeichnet, hat ein ganz anderes Naturell als ihre Mutter. Sie schafft es, langfristig Glück und Befriedigung im Kleinen zu finden, ein hart erkämpftes Glück zwar, aber dafür von Dauer.

Ihr Sohn Gregorio wiederum wagt den Schritt, als Musiker nach Amerika zu gehen und hier schließt sich der Kreis. Auch er findet nicht das, wonach er sucht. Und wieder fällt der Satz: Wie schafft man es bloß, an einem solchen Ort zu leben.

Birgit Jongebloed und Pia Patt führen die Buchhandlung Funk

Den Leser beschleicht zwischendurch das Gefühl, die zugleich karge und ungewöhnliche Landschaft Sardiniens spiegelt sich in den sehr sperrigen Charakteren wider.

Und das Fazit? Es gibt keine perfekte Welt – weder auf Sardinien, noch auf dem Festland oder gar in New York. Die Welt ist, wie sie ist.

Das alles beschreibt die Autorin mit poetischen Worten, voll Wärme für ihre Figuren und durchaus mit Humor und setzt gleichzeitig ihrer sardischen Heimat ein Denkmal, bevor sie durch den boomenden Tourismus ihre Einmaligkeit verliert. Ein Buch wie ein gereifter, herber Rotwein. Sehr zu empfehlen.

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erlesen von Sylvia Jongebloed

Viel Spaß beim Lesen.

Ihre Birgit Jongebloed und Pia Patt

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Jongebloed bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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