Pandemien werden uns auch künftig bedrohen. Deswegen müssen wir über eine „neue Normalität“ nachdenken. Und die Chancen für Veränderung ergreifen, auch in unserem kleinen Kosmos Bergisch Gladbach.

Die „alte Normalität“ war nicht „normal“. Und eine Rückkehr dorthin kann auch niemand ernsthaft wollen: Dramatischer Verlust an Artenvielfalt, rücksichtloser Umgang mit der Natur, soziale Verwerfungen, marode Bildungseinrichtungen, verschlafene Digitalisierung, eine ungepflegte Infrastruktur, verstopfte Straßen, partiell hohe Luftbelastung. 

Der Glaube an Wachstum ohne Rücksicht auf Ressourcen, auf Natur und Klima dürfte bei vielen Menschen einer Suche nach Wegen aus der Gefahr gewichen sein. Das ist die Chance für Veränderung.

In der aktuellen Diskussion über Wirtschaft und Konjunktur drohen existenzielle Themen wie Klimawandel und Schonung der Natur ins Hintertreffen zu geraten.

Die von allen Seiten empfohlene Suche nach der Schönheit der Heimat offenbart den Traum von einer heilen Welt, die es so schon lange nicht mehr gibt. Die absterbenden Baumkronen alter Laubbäume und die vielen toten, brandgefährlichen Nadelhölzer sind nicht mehr zu übersehen. 

Unübersehbar: Die Folgen der Klimaveränderung

Das Ende der Behäbigkeit

Das Nachdenken über ein Leben noch während und nach Corona wird zur Pflicht. Denn das Virus hat schonungslos die Schwächen vieler Bereiche auch in unserem kleinen Kosmos Bergisch Gladbach offengelegt.

Der Schub der bisher rückständigen Digitalisierung in Schulen und Verwaltung wird viele aus ihrer Behäbigkeit reißen. Es muss etwas passieren, trotz der zu erwartenden knappen Kassen.

Neue Ideen und neues Handeln: Neuer Bürgermeister und neuer Stadtrat

Am 13. September werden wir mit der Wahl eines neuen Bürgermeisters und Stadtrates über die Politik und die Mentalität in dieser Stadt und die Führung der Verwaltung der kommenden fünf Jahre abstimmen. Eine Chance zu einer Weichenstellung in die Zukunft.

Der Wahlkampf ruht nicht, darf er auch nicht. Die positiven Erfahrungen aus der Krise bieten Kandidaten und Parteien die große Chance, auf tradierte Formen des Wahlkampfs zu verzichten.

Die Kandidaten können digital mit ihren Webseiten, Chatrooms und Foren eine Diskussion für ein besseres Bergisch Gladbach auch unter und mit den Bürgerinnen und Bürgern in Gang setzen. Der Verzicht auf schwach besuchte Versammlungen mit einigen Anhängern, ein paar Gegnern und wenigen interessierten Wählerinnen und Wähler dürfte leicht fallen. 

Es braucht sicher ein paar Plakate in der Öffentlichkeit, um Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren. Auf Plakate ohne differenzierte politische Aussage sollte besser verzichtet werden.

Das Bürgerportal – Forum für Kandidaten, Bürgerinnen und Bürger

Bei dieser Wahl sind engagierte lokale Medien wie das Bürgerportal ein geeignetes Forum für eine öffentliche Diskussion. Sie werden eine wesentliche Rolle spielen.

Für uns Wählerinnen und Wähler bietet sich die Chance, den Kandidaten für Bürgermeisteramt und für Stadtrat digital viele konkrete Fragen zu stellen und konkrete Antworten zu verlangen. Wir wünschen uns klare, fundierte, präzise Aussagen.

Nur ein Beispiel: Seit vielen Jahren wissen wir Bescheid über die unhaltbaren Zustände von Schultoiletten – alle unter der Regie der Stadt. Wann wird in welcher Schule der Zustand grundlegend geändert?

Hier sind auch und gerade Schüler und Eltern gefragt, zu bohren und klare Forderungen aufzustellen. Die konkreten Antworten der Kandidaten werden uns zeigen, wie ernst es der Politik mit dem Wohl der Kinder („unsere Zukunft!“) ist. 

In der Bergisch Gladbacher Politik müssen sich Prioritäten ändern. Einige Anregungen:

  • Wann wird es genügend Kitaplätze für alle Kinder geben?
  • Wie halten Sie es mit der Bevorzugung des Autos und der Benachteiligung aller anderen Verkehrsteilnehmer in unserer Stadt? 
  • Wie wäre es – bis auf wenige Ausnahmen – mit Tempo 30 in ganz Bergisch Gladbach? 
  • Werden Forderungen nach Klimaneutralität bei allen neuen Bauten konsequent umgesetzt? 
  • Kommt der Rückbau von asphaltierten Flächen zugunsten von Bienenweiden?
Kurzer Radweg: Wann kommt die Umsetzung zukunftsfähiger Verkehrskonzepte?

Ideen für die künftige Normalität dieser Stadt

Natürlich sind auch wir Bürgerinnen und Bürger gefragt. Denn was macht ein lebens- und liebenswertes Gemeinwesen aus? Wie sieht eine Stadtgesellschaft aus, der sich die Chance bietet, von den kleinen Karos wegzukommen. Die innovativ und kreativ ist, Perspektiven und Visionen (ja, Visionen) entwickelt? 

Wir Bürgerinnen und Bürger haben die große Chance in dieser Zeit des Umbruchs, uns einzumischen, um die Idee von einer anderen Stadt zu diskutieren. Eine Stadt mit einem starken sozialen Engagement, mit Nachbarschaftshilfe und Solidarität. 

Was können wir aus der Krise für die Zukunft retten? Die uns von Corona bescherte Ausnahmesituation hat auch viel Positives gezeigt:

  • Die verordnete Entschleunigung brachte ein verändertes Verkehrsverhalten, weniger Fahrten, bessere Luft, weniger Stress: Es kann also auch behutsamer zugehen. 
  • Viele Menschen erleben eine entspannte Freundlichkeit und  viele von uns üben mehr Gelassenheit. 
  • Der Verzicht auf die kleinen Egoismen der Geiz-ist-geil-Mentalität zeigten Rücksichtnahme, Respekt, Solidarität.
Völkerverbindende Kunst und Kultur – Werbung für eine Kulturveranstaltung in unserer Partnerstadt Joinville-le-Pont

Eine Chance für Kunst und Kultur in einer veränderten Welt

Es wird höchste Zeit, den vernachlässigten Stellenwert von Kunst und Kultur, von Künstlerinnen und Künstler für die Bedeutung dieser Stadt zu erkennen und entsprechend zu fördern.

Corona hat das technokratisch kalte Wort von der „Systemrelevanz“ in den Vordergrund gestellt. Die (über)lebenswichtige Kunst und Kultur gehörten anfangs (auch bundesweit) nicht zu dieser Kategorie, die Bundesliga schon. 

Das Engagement für die in der Krise gebeutelten Künstlerinnen und Künstler lohnt sich, denn die Chance, Kunst und Kultur aufzuwerten, hat mehrere Vorteile:

  • Sie sind künftig eine bedeutende feste Größe dieser Stadt.
  • Identität und Zusammenhalt der Stadtgesellschaft werden gefördert.
  • Die Stadt gewinnt an kultureller Bedeutung. Der Verweis auf das schöne bergische Grün reicht nicht aus.
  • Und vor allem: Künstlerinnen und Künstlern wird in einer Notsituation geholfen.

Das Bürgerportal bietet Kreativen mit seinem KulturKurier in der Krise ein Forum. Zur Förderung von Kunst und Kultur gehört aber auch – gerade in Zeiten knapper Kassen – das Engagement der Politik mit einer intensiven Werbung für mehr Mäzene und Sponsoren.

Privates Geld gibt es ganz sicher in dieser Stadt im Speckgürtel von Köln. Das ist eine große Chance für Politiker, sich um diese Stadt verdient zu machen.

Richard David Precht schreibt in seinem Buch „Jäger, Hirten, Kritiker – eine Utopie für die digitale Gesellschaft”, was die Gesellschaft braucht: 

„…ein Ziel, ein positives Bild, das hilft, Handlungsnotwendigkeiten zu erkennen. Nur konkrete Visionen geben der Politik eine Agenda an die Hand, was sie fordern und fördern soll“.

Auch wenn sich nicht alles sofort umsetzen lässt – Prechts Schlussfolgerung ist tröstlich:

„Ein Optimist jedoch, dessen Erwartungen sich nicht erfüllen, hat allemal ein sinnvolleres Leben geführt als ein Pessimist, der sich bestätigt sieht. Pessimismus ist keine Lösung!”

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Klaus Hansen

ist Fotograf, Designer und Kommunikationsberater.

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2 Kommentare

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  1. Vielen Dank für diesen guten und absolut zutreffenden Text.
    Ich hoffe das die jetztige Situation ein Impuls dafür ist,
    das man doch keine Waldgebiete für Gewerbeflächen rodet
    und außerdem die Idee einer Schnellstraße auf dem Bahndamm endgültig verwirft.

    Gruß und bleibt gesund !