Henry Ozodinobi ist vor 28 Jahren in Nigeria geboren. Anfang 2021 macht er seine Gesellenprüfung als Metallbauer in Deutschland. Dazwischen liegt eine waghalsige Flucht, um sein Leben zu retten. Aber auch hier ist seine Zukunft ungewiss. Wir haben mit Henry über sein Leben gesprochen – wo liegen die Chancen und Hürden der Integration?

Der Weg nach Europa führte Henry in 2015 über das Mittelmeer. In einem Schlauchboot, mit Platz für 50 Passagiere. Und mit 150 Frauen, Kindern und Männern an Bord völlig überladen. „Gepäck war nicht möglich, um möglichst viele Menschen auf das Boot zu bekommen“, schildert Henry. Erst die dritte Überfahrt gelingt. Vorher sei das Boot zweimal gekentert. „Ich konnte nicht schwimmen. Eine Welle trug mich ans Ufer. Sonst …“. Den Rest des Satzes lässt Henry offen.

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Vorher lebte er sechs Monate in Libyen und wartete auf die Passage nach Europa. Er wurde von Schlepper zu Schlepper weitergereicht, die immer wieder Aufbruch versprachen, aber letztlich nur abkassierten.

Von Italien ging es mit dem Zug und viel Glück nach München. Nach dem Aufnahmeantrag weiter nach Dortmund und Aachen. Vorläufige Endstation: Kürten im Bergischen.

Ausbildung zum Metallbauer

„In Nigeria wollte ich studieren“, meint Henry. Kurz vor dem Start seiner Ausbildung floh er aus dem Land. In Deutschland fehlt eine zweite Fremdsprache, um eine Anerkennung für sein nigerianisches Abitur zu erhalten. Statt Uni also Berufsschule und Meisterbetrieb. Eine Gesetzeshürde. Henry nimmt sie gelassen.

Über ein Praktikum bei der Arbeiterwohlfahrt habe er zum Metallbau gefunden, ein zweites Praktikum schloss sich an. Der Betrieb wollte ihn als Dauerpraktikanten halten. „Das scheint durch Fördergelder recht lukrativ für die Betriebe zu sein. Da haben wir uns aber gegen gewehrt“, meint Klaus Kahle. Er unterstützt ehrenamtlich Geflüchtete aus Afrika. Er hilft bei Behördengängen, bei der Bewältigung des Alltags, hört sich Sorgen an und verbringt viel Freizeit mit „seinen“ Jungs.

Klaus Kahle und Henry Ozodinobi beim Gespräch mit dem Bürgerportal

Ziel war ein Ausbildungsplatz, und den gab es in einem anderen Betrieb per Initiativbewerbung. „Eigentlich wollte mein neuer Chef niemanden einstellen“, erklärt Henry. Aber letztlich hat dieser ihm dann doch eine Chance gegeben. Das war 2017.

Im November 2020 macht er nun seine theoretische Abschlussprüfung, der praktische Teil folgt im Januar 2021. Was wird dann?

Duldung statt Asyl

Sein Asylantrag sei abgelehnt worden, berichtet Henry. Mal wieder eine Hürde. Aber: Da er einen Ausbildungsplatz habe, werde er erst einmal bis zum Abschluss geduldet. „Das nennt man Ausbildungsduldung“, fügt Klaus hinzu: Im Januar 2020 habe die Bundesregierung das so genannte Beschäftigungsduldungsgesetz erlassen. Wer seinen Lebensunterhalt durch Erwerbstätigkeit sichern könne und gut „integriert“ sei, der werde während dieser Zeit in Deutschland geduldet. Selbst bei abgelehntem Asylantrag.

In Henrys Fall bedeutet das: Besteht er die Abschlussprüfung, und findet er einen Job sowie eine Wohnung, dann hat er gute Perspektiven auf eine zunächst befristete Aufenthaltserlaubnis.

Das sind ziemlich viele Voraussetzungen auf einmal. Wieder Hürden? Keineswegs. Für Henry die einzige Chance. Ein Plan B – Rückkehr nach Afrika – sei völlig ausgeschlossen. Er hat sein Leben riskiert, um sein Leben zu retten. Für Henry liegt die Zukunft in Deutschland, auch wenn es schwierig ist.

Fremdenfeindlichkeit

Mit den neuen Konzepten zur Integration scheint all dies indes wenig zu tun zu haben. Noch vor kurzem machte Tayfun Keltek, Vorsitzender des Landesintegrationsrates in NRW, hier in GL deutlich was Integration für ihn bedeute: „Kein reiner Appell: Du musst Dich integrieren”.

Man müsse vielmehr auf die Potentiale der Menschen setzen und diese nutzen. Henrys Erfahrungen mit Integration klingen jedoch eher nach der Erfüllung eines Pflichtenheftes. Was er für Potentiale in unsere Gesellschaft einbringen könne, danach hat ihn scheinbar niemand gefragt.

Ob er Fremdenfeindlichkeit in Deutschland wahrnehme? Henry zögert, um dann doch zu berichten. Auf der Arbeit fragte eine Bauherrin seine Kollegen: „Gehört der auch zu Ihnen?“ Eine weitere Bauherrin unterstellte, er werde nach dem Ende seiner Ausbildung sicher in sein Land zurückkehren um dort ein Geschäft zu eröffnen. Henry faltet die Hände: „Bitte, bitte nicht heiraten und keine Kinder kriegen“ ahmt er die Frau nach und schiebt gleich eine Erklärung hinterher.

Vielleicht seien das Menschen, die nicht so oft Kontakt mit Afrikanern haben, erklärt er. „Für mich ist das offener Rassismus“ wendet Klaus ein. Henry meint: „Wegen zwei oder drei solcher Menschen will ich mich nicht schlecht hier fühlen“. Und er mache schließlich auch positive Erfahrungen.

Neue Heimat?

Wie sehr sich Henry hier überhaupt schon heimisch fühlt, ist schwer einzuschätzen. Er treffe sich mit seiner Community aus Nigeria und Klaus. Begegnungs-Cafés im Rahmen der Integrationshilfe sind nicht seine Welt. An Deutschland schätze er, dass man die Möglichkeit zur Auswahl aus vielen Berufen habe und diese auch tatsächlich erlernen könne. Dass seine Ausbildung bezahlt werde sei keine Selbstverständlichkeit. In Nigeria müssten Azubis im Kfz-Gewerbe ihre Ausbildung aus eigener Tasche bezahlen.

Deutliche Kritik üben beide, Henry und Klaus, an aus ihrer Sicht teils willkürlichen Entscheidungen der Ausländerbehörden. Sie berichten von Geflüchteten, die sich wie Henry in Ausbildung befanden und deren Arbeitserlaubnis entzogen worden sei. Fehlende Anerkennung von behördlichen Unterlagen sei der Hintergrund gewesen.

„Das ist nicht im Sinne der Integration, wenn ich von heute auf morgen meinen Job verliere“, meint Henry, und ergänzt: „Wo ist die Logik? Wer arbeitet bringt dem Land Geld, wer nicht arbeitet kostet Geld. Und die Motivation derer, die arbeiten wollen, wird so deutlich gesenkt!“

Klare Worte von Henry, der ansonsten viele Dankesworte findet für Klaus, die Hilfsorganisationen, seinen Ausbildungsbetrieb und vieles mehr. Henrys Geschichte zeigt: Es gibt viele Hürden für Integration, über deren Sinn und Unsinn man streiten kann. Es gibt aber auch Chancen. Ohne den eisernen Willen der Betroffenen scheint es jedoch sehr schwer zu sein.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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2 Kommentare

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  1. Irgendwie hätte es den Hinweis auf die AFD nicht bedurft….
    Die Kleingeistigkeit dieser Fragestellungen spricht für sich.

  2. Ich finde es gut das Migranten wie Henry sich hier integrieren und durch Arbeit und Fleiß ihren Beitrag in der Gesellschaft leisten.

    3 Fragen die ich aber habe wurden in dem Artikel nicht erwähnt.

    Warum ist Henry aus Nigeria geflohen?
    Woher hatte er das Geld um 3 mal Schlepper zu bezahlen?
    Werden solch motivierte Fachkräfte wie Henry nicht in Nigeria gebraucht um sein Land voran zu bringen?

    ### Hinweis der Redaktion ###

    Günther Schöpf ist Spitzenkandidat der AfD bei der Kommunalwahl am 13. September.