Eigentlich ist H.G. Ullmann unser Sonderkorrespondent für die Partnerstadt Herrlisch Raubach. Im Vorfeld der Kommunalwahl beschäftigt er sich in diesem Beitrag nun aber auch mit den politischen Ereignissen in Bergisch Gladbach, ordnet die Bewerber sowie mögliche Konstellationen ein und blickt auf das Ergebnis.

Der kommunale Wahlkampf tritt, vier Wochen vor dem Tag der Urnen, in seine heiße Phase. In Absprache mit dem Wahlleiter hat der städtische Wetterbeauftragte die äußeren Temperaturen entsprechend angepasst. Und tatsächlich wird besonders ein Thema zunehmend hitzig diskutiert: GL’s Verkehrslage, die Mobilitätswende und sogar der ewige Untote, das Stadtautobahn-Projekt über den alten Bahndamm, spukt plötzlich wieder gehörig kontrovers durch die Diskurse. 

Popcorn-Abend mit Prickelfaktor

Der 13.9. wird spannend. Spannend im Blick auf das wohl zweiköpfige Favoritenduell um’s Bürgermeister-Amt, wobei jeder der beiden favorisierten, überall im Stadtbild präsenten Köpfe zugleich symbolisch steht: Für den (zumindest empfundenen / erhofften) „Wechsel“ der Eine, für den (dito) Nichtwechsel, auch „Weiter so“ genannt, der Andere.

Mit dem „Weiter so“ gemeint: Bleibt die CDU (auch unabhängig von der BM-Wahl), wie (und entgegen der jetzigen „Familienaufstellung“ mit ggf. wem) auch immer zuletzt doch in angestammter „Regierungsverantwortung“, oder heißt es für sie dann wirklich – Opposition in GL?

Damit ihr dieser „Mist“ (Müntefering 2004 über die Oppositionsrolle) erspart bliebe, müsste die CDU in ihrer Solokür 2020 mehr Stimmen auf das eigene Konto Buchen, pardon: buchen können als mindestens der Ampelbund zusammen bzw. sogar auf das Wunder der absoluten Mehrheit hoffen (letztmalig 1999 erreicht). Dem aber liegt jetzt so mancher Stein im Wege.

Fast so dramatisch wie beim ESC: GL: Who gets the points … ?

Worin, neben dem Ausgang des Duells der Zwei, eben die weitere Spannung liegt. Im Weiteren auch darin, wie das Kräfteverhältnis innerhalb des (durchaus konfliktlatenten) Ampelbundes ausfallen, wie stark oder schwach die AfD hiesig abschneiden, damit die postelektoral taktische Ratsarithmetik beeinflussen, ob der neu antretend Freien Wählergemeinschaft (FWG) der Ratssprung (wenn in welcher Stärke) gelingen und welchen Einfluss sie dann nehmen wird.

Bei einem Pari zwischen den beiden Großheeren (Schwarze Ritter gegen die Trikoloren) im Rat, könnte just der FWG sogar eine entscheidende Rolle zukommen. Denn eine ratspräsente AfD dürfte nach derzeitig herrschender Maßgabe und getreu des alten Degenhardt-Songs („Spiel nicht …“) zumindest als direkter Partner für keine Seite infrage kommen.

Die Linke hat kurz vor der Wahl und per Machtkampf ihrer Nomenklatura politischen Suizid begangen.

Bliebe noch die Bürgerpartei GL, deren Plakatlogistik ebenso bemerkenswert ist wie ihr, sagen wir: schillerndes Image, wobei ihre ratspolitische „Anschlussfähigkeit“ aus Sicht der Übrigen dem der AfD ähnlich scheint. Wer weiß, vielleicht bildet sich dann ja eine neue Fraktionsgemeinschaft zwischen den eben von Degenhard Besungenen …

Spannend, es wird nicht nur spannend, sondern bleibt es auch nach der Wahl.

„Black Command auf DEFCON 1“ und die Plakative Offensive

Es ist vor allem die Vorfeld-Kampfansage des Ampelbundes wider die Schwarze Macht zwischen Schlossberg und Strundetal, die dem Vote-Contest 2020 seine Dramatik verleiht. Verdichtet in den beiden Köpfen, die den zwei gegeneinander antretenden Großheeren je ein Gesicht verleihen:

Christian Buchen, spätjugendlich agiler und entsprechend für Modernisierung stehend stattlicher Lordsiegelbewahrer der plötzlich arg bedrängt Schwarzen Herrlichkeit und Frank Stein, der sportlich, teils asketisch wirkende Best Ager und sanfte Revolutionsführer einer Grün-Gelb akzentuierten Rundum-Erneuerung GL’s (samt eher diskret Hellroter Alteinlage).

Die präelektoral ausdrücklich erklärte und zum Sturm auf die Schwarze Bastion GL doppelt entschlossene Dreifaltigkeit  – der Ampelbund will die Mehrheit im Rat für sich und den Schlüssel zum Bürgermeister-Büro für seinen Kandidaten –  hat auf Seiten der CDU (nach dem eigensichernden Abfall ihres langjährig treuen Dieners plötzlich allein zuhaus) wohl höchsten Alarm und jedenfalls eine massive Plakatoffensive im Großformat ausgelöst.

„Die Zwei“ möglichen Gesichter von GL’s (grüner …?) Zukunft

Zugleich eng gebunden an den erkorenen Hoffnungsträger einer gelingenden Verteidigung der offenbar allzu eingewöhnt gewesenen CDU-Domäne GL, Christian Buchen, der dabei als persönlicher Garant für eine sich modernisierende Partei auf Höhe der Zeit und ihrer Themen fungieren soll. Zwar „Weiter so“ (mit der CDU), jedoch ab jetzt besser und noch weiter als nur „so“…

Auffällig allein schon die Präsenz m.o.w. „grün“ konnotierter Themen oder Perspektiven im personalisierten Horizont des CDU-Bewerbers, der rein bildästhetisch zwar und das relativ kunstvoll (beinahe im Stil der nouvelle vague) als kommend alleroberster Souverän GL’s inszeniert wird, aber nur allzugut weiß, dass die Schwarze Thronfolge mehr als nicht gesichert ist.

Ihm zumindest dicht im Nacken wähnt er kaum zu Unrecht den vglw. schlicht, ohne jeden stilistischen Anspruch ganz natürlich portraitierten Ampel-Kontrahenten Frank Stein, der seinerseits mit einer parallelen Themenbreite samt ebenfalls hör- /sichtbar „grünem“ Grundton aufwartet und vor allem die personalisierte Klammer des Ampelbundes bildet.

Tiefenspannung hinter den (unterschiedlich) polierten Oberflächen

Ohne es (mit gutem Grund) direkt auszusprechen, versucht Frank Stein für einen „Wechsel“, einen „neuen Aufbruch“ in Politik und nicht zuletzt der allmächtigen Verwaltung zu stehen. An ihm ist es auch, die in sich so „vielseitige“ Ampel nach außen und eben per diskret vermitteltem „spirit of change“ synchron zu schalten, zugleich die in ihr enthaltene „Altlast“ ein wenig vergessen machen, denn „Wechsel“ und „neuer Aufbruch“ sind, wenn, eben – GrünGelb.

Christian Buchen seinerseits muss den Spagat versuchen, die eher konservative, anspruchsrustikale, gerade hier schwer bewegliche Altwählerschaft nicht zu vergraulen, zugleich das überall wehend „grüne“ Fluidum mit neuer Beweglichkeit aufzunehmen und die CDU empfänglich wie attraktiv zu machen für neue Formen von Bürgerbeteiligung, die offenbar wachsenden Raum im politischen Geschehen einnehmen. Ein Beispiel dafür wäre übrigens auch die daraus hervorgegangene FWG.

Bilder einer Aufstellung

Die zumindest bisher so augenfällig unterschiedliche Art der plakativen bzw. bildlichen Inszenierung beider auch an sich unterschiedlicher „Erscheinungen“ mag u.a. der Tatsache ihrer abweichenden Lebensalter geschuldet sein:

Stein, ein dynamisch schlanker Mittfünfziger, Familienvater, u.a. Marathon laufender „Greyer“, langjährig routinierter, mit genau dieser Kompetenz ausdrücklich werbender Spitzenbeamter der kommunalen Verwaltung und intellektueller „Sozi“ mit Sinn auch für politische Philosophie auf der einen Seite;

Buchen, ein gerade Vierzigjähriger, immer noch jung bzw. nicht untypisch „Junge-Unionesk“ wirkend, zugleich erfolgreicher IT-Consulter und v.a. ein langjährig erfahren, farbübergreifend anerkannt kommunalpolitischer Profi auf der anderen Seite. Es scheint, als wolle seine ins stilisiert Schwarzweiße changierende Bild-Inszenierung den kommenden „Town-Statesman“ sozusagen „plakativ“ vorauszeichnen.

Grün leuchtet (nicht nur) die Ampel

In Christian Buchen und Frank Stein, den jeweils ersten und offensiv personalisierten Herolden einer CDU- oder Ampel-Regentschaft, kulminiert zugleich eine je umfassende Stadt-Programmatik, mit denen die beiden großen Lager diesmal detailreich an die Urnen treten.

Wer in die jeweiligen Fassbock-Accounts der beiden Bürgermeister-Kandidaten schaut, kann allein unter den Photo- und Titelphoto-Galerien das bandbreite Kaleidoskop ihrer bzw. ihrer Lager thematischen Aufstellung abrufen.

Hier finden Sie den Account von Frank Stein, hier den von Christian Buchen.

Viel Raum nehmen bei beiden die Komplexe „Verkehrslage“ / „Mobilitätswende“ und, teils damit verbunden, auch „Klima“ ein, eben jene unweigerlich „grün“ schillernden Themencluster, über die derzeit auch, zumindest im wahrnehmbaren Vordergrund, am häufigsten und kontroversesten diskutiert wird.

„Grün“ ist nicht nur nicht zufällig die erste Ampelfarbe, „grün“ scheint auch die (bisher) vorherrschende Themenfarbe im laufenden Kommunalwahlkampf.

Kollision beim Verkehr oder The „driving“ dead – reloaded

Und manchmal wird aus den bislang beinahe nur graduell anmutend „grünen“ Unterschieden zwischen (Grünem) Ampelbund und Schwarz(grünem) Unicode dann doch eine ausdrückliche, zugleich symbolträchtige Differenz.

So wie es jüngst bei einer Diskussion zwischen Christian Buchen und Frank Stein vor heimischen Wirtschaftsvertretern deutlich wurde. Gipfelnd in der Kontraposition bei einem alten, für viele längst diskret bestattet geschienenen Thema: Dem legendären Bahndamm bzw. der untoten Vision, über ihn einen Innercity-Highway zu bauen (im Jahr 2020 …!).

Also doch noch eine mitten durch’s tiefgrüne Landschaftskontor asphaltschneisende wie emittierende Stadtautobahn für den alternativlos drängend motorisierten Individual- und nicht zuletzt Gütertransport-Verkehr. Oder jetzt endlich den andererseits lang geforderten Rad-Schnellweg, der das quer durch GL gestreckte Beinahe-Biotop nur säuselnd und sanft „aerosol“, also im Geist einer neuen, mobilitätsgewendeten „Verkehrszeit“ durchwehte …

Hier standen sich Stein und Buchen plötzlich erfrischend klar gegenüber.

Das „Spielblatt“ der Kandidaten-Konkurrenz: „Grand mit Vieren“ hin und her

Was davon abgesehen den anstehenden Run auf das Bürgermeister-Amt betrifft: Es blieb eine Weile offen, ob es Drei oder Vier werden sollten, die in das große Turnier um die Bergisch Gladbacher Amtskette starten. Wenn, dann vier Herren, denn eine Dame hatte sich offenbar nirgends gefunden. Schade eigentlich.

Der vierte Herr (Iro Hermann, Kandidat der Bürgerpartei GL) stolperte mit dem sozusagen offiziellen Beginn seiner potentiellen Kandidatur (Bestätigung des eingereichten Wahlvorschlags zum Stichtag durch den dafür zuständigen Wahlprüfungs-Ausschuss der Stadt) zunächst über eine relevant scheinende Formalie gleich wieder aus dem Rennen.

Dann kippte der Kreis-Wahlausschuss (die nächsthöhere Instanz) den ohnehin etwas bemüht gewirkt habend „wahlstädtischen“ Ausschluss wieder. Einvernehmlich. Besagter Ausschluss wurde schlussendlich als nicht zureichend juristisch belastbar gesehen (worauf es allein ankommt). Hinter dem „Dritten Mann“ steht also nun wieder der vierte Kandidat für die kommende BM-Wahl.

Allein schon „Der dritte Mann“ kann lange Schatten werfen

Ob nun drei oder vier: Am letztlichen Favoritenstatus der Zwei ändert das wohl nix. Andererseits hätte bereits allein der Dritte im Bunde, Günther Schöpf (AfD), der, wie er selber äußerte, vor allem antrete, um „ein Zeichen zu setzen“, lange Schatten werfen können.

Das wissen wir aus den entsprechenden Filmszenen. Aber Cineastik beiseite: Da für die BM-Wahl doch wieder das Stichwahl-Prinzip gilt, also entweder im ersten (und ggf. einzigen) Wahlgang derjenige mit der absoluten Mehrheit gewinnt oder (falls kein Kandidat die a.M. im ersten Angang schafft) in einem zweiten der mit den meisten Stimmen, kann auch ein nicht favorisierter Kandidat „Heckwellen“-Wirkung haben. Derer zwei noch mehr.

Denn die Stimmen für Nichtfavoriten bzw. Dritt-, Viert-, etc-Platzierte können im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit eines Favoriten verhindern, damit zu einer Stichwahl führen, und bei knappen Verhältnissen können ggf. dann wandernde Stimmen dort den „stechenden“ Ausschlag zwischen den zwei Bestplatzierten geben.

Erträumt von den Einen, gefürchtet von den Anderen: der Doppelschlag

Wir Wähler in GL bekommen für GL zwei Wahlzettel: Einmal für die Parteienwahl, einmal für die Bürgermeister-Wahl. Zweimal eine Stimme. Kombination beliebig.

Beim Ampelbund träumt man vom Doppelschlag: Mehrheit für die „Dreisten Drei“ im Rat, Mehrheit für Frank Stein, noch traumhafter mit absoluter Mehrheit im ersten Ansprung. In der wie noch nie und mit Ansage belagert Schwarzen Feste fürchtet man dieses Szenario mehr als das man vom eigenen Doppelschlag träumte.

Im Limbus Schwarzer Furcht

Diese Furcht ist nicht unbegründet und der Ampelbund eigentlich ein alter (aber meist verschmähter) Hund. Dabei geht es weniger um die Wahlperiode 1989-1994, wo tatsächlich die erste Ampel in GL regierte, samt SPD-BM, der, damals noch ehrenamtlich, von der ampelnden Ratsmehrheit gewählt wurde. Dazu gab´s hier im Bürgerportal eine atmosphärisch dichte, sehr lesenswerte Mini-Monographie jenes Zwischenspiels. 

Denn eigentlich ist es noch „schlimmer“: Bereits 1984 wäre eine rechnerische Ampel wider die CDU möglich gewesen, ebenso 1994 (also nach dem Scheitern der ersten real existiert habenden), dito 2004, 2009, 2014; nur 1999 gelang der CDU noch einmal die absolute Mehrheit.

Von 2009 an wäre Ampels Gelingen dabei abhängig geblieben vom Verhalten weiterer, im Rat vertretener Kleinparteien, die mit allerdings sehr unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit auch die CDU-Herrschaft hätten stützen können.

Das Ende des Schwarzen Machiavell in GL

Mit Ausnahme von 1999 also (wo’s per nochmal erlangt absoluter Mehrheit unnötig blieb) gelang es der CDU nach allen Wahlen seit den ersten (und ziemlich unglamourös gescheiterten) Ampel-Festspielen, sich einen getreuen Diener zur Sicherung der eigenen Hausmacht zu engagieren, meist die willige FDP, beim letztvergangenen Mal dann die SPD (deren Vertreter seinerzeit den GroKop-Vertrag auch noch als eigenes „Meisterstück“ feierten, einem „Meisterstück“, um dessentwillen sie damals sogar den eigenen BM-Kandidaten auf- und ins Leere laufen ließen).

Auch in der nun endenden Ratsperiode hätte eine Ampel durchaus gegen die CDU aufkommen können: Mit 28 zu 26 + 1 (Bürgermeister) Stimmen, allerdings im Weiteren abhängig vom Verhalten der gleichstark rechten wie linken Flanke und der beiden Einzelkämpfer zur Linken und zur Rechten.

Aber es bedurfte erst der Schockwelle einer kommunal indirekten Wahlexplosion, um die wie einbetoniert geschienene SPD in den plötzlich rasanten Ampelmove zu schleudern und so das eherne Prinzip patriarchal Schwarzer Herrschaftssicherung mit Ansage gefährlich zu gefährden. 

Das Wahlbeben oder Wozu GL’s Wähler fähig sind    

Denn wie weit GL’s Wähler tatsächlich zu gehen bereit sind, zeigte das hiesige Ergebnis der vergangenen EU-Wahlen, von den Einen als lang ragend drohender Schatten gefürchtet, von den Anderen als immer noch nachwirkendes Leuchten erhofft.

So standen große Teile des politischen Bergisch Gladbach nach dem 26.Mai 2019 (Tag der Europa-Wahl) unter Schock (vor Freude die Einen, vor Schrecken die Anderen):

Grün mit nur etwas über einem Punkt hinter Schwarz fast gleichauf; starke Verluste bei der CDU, noch stärkere bei der SDP; kommunal herunter gebrochen auch noch massive Wahlbezirksverluste der CDU, kompletter Wahlbezirksverlust der SPD, dafür Grün zweitstärkster Wahlbezirksgewinner. Und das in GL!

Wer zuerst da ist, den belohnen die – Grünen. 

Natürlich sind EU- keine Kommunalwahlen, und was bei letzterer vor allem dazukommt, ist Präsenz und Stimmgewicht der meist gut vor Ort vernetzten Wahlbezirkskandidaten, namentlich derer von CDU und SPD.

Aber das EU-Wahlergebnis entsprach seinerzeit dem parallel dramatischen, vor allem für die SPD fatalen Bundestrend, und die hiesige Lokal-Filiale durfte immerhin fürchten, nach der nächsten Kommunalwahl „Draußen vor der Tür“ eines SchwarzGrünen (oder gar GrünSchwarzen) Bündnisses zu stehen.

Ob die CDU derlei auch wollte (bzw. sich zu entsprechender Bewegung gedrängt fühlte), aber hier bloß zu langsam oder sich ihrer Sache doch zu trügerisch sicher war, wissen wir nicht. Den „grünen Kranz“ bekam jedenfalls die auf einmal unerwartet flotte SPD. 

Mittlerweile ist die „Grüne Riesenwelle“ von damals wieder etwas abgeflacht, aber trotz der zwischenzeitlich (fast) alles auf den Kopf und wieder zurück stellenden „Corona-Festspiele“ mit unbekanntem Script und wechselnden Regieanweisungen, trotzdem sind weder die Grünen noch vor allem die klassisch grünen oder „grün“ konnotierten Themen in´s Bedeutunglose gerutscht. Eher im Gegenteil. 

Wo der „Grüne Punkt“ im trialen System der Ampel steht 

Übrigens ist ein Blick auf die Reihung der kleinen Farbpunkte auf allen ampelnden Werbemedien interessant (sie entspricht auch der Reihung der Parteienlogos, wo sie auftreten): Grün – Gelb – Hellrot (Grüne – FDP – SPD). 

Hier drückt sich, von der wohl erwartet (oder von Manchen gefürchtet …) Grünen Spitzenposition abgesehen, mutmaßlich nicht der vollständig gemutmaßte Zieleinlauf am 13.9. nach 1800 aus (obwohl das noch der Mega-Kracher wäre), sondern es geht um eben jenen „offiziell“ nur so verhalten ausdrücklich propagierten „Wechsel“:

Die Ampel von einst heute (fast) umgekehrt

Der Ampelbund scheint ein wesentlich „Grün“ geprägtes, gerade im Ursprung von der Hoffnung auf den nochmalig „Grünen Highfly“ genährtes Projekt, sein gemeinsamer Kandidat ein v.a. „Grün“ adaptabler Kopf.

Daneben steht „Gelb“ für moderne Effizienz-Reformen v.a. in Verwaltung und Bildung oder auch jeder Art Projektmanagement. „Divide“ heißt hier v.a. die den präelektoralen Ampelfrieden beherrschende Devise.

Hellrot indes scheint als drittgepunktet „soziale Kraft“ im Ganzen beinahe unauffällig, als ob v.a. die sechs oder mindestens fünf Jahre verlässlichen Dienstes an Schwarzer Seite vergessen machen wollend (beim „Flächennutzungsplan“ etwa und in asphaltierter Unbedingtheit bis zuletzt in Treue fest).

Broken „Wind of Change“ 

Deshalb können auch weder der Ampelbund im Ganzen noch der gemeinsame BM-Kandidat schnittiger in eine direkte Attacke gehen, denn viele würden sich vermutlich wundern, wenn sie bei der allzu feurigen Ode an „Wechsel“ und „neuen Aufbruch“ nicht wenige Sänger erblickten, die gerade noch das fixierende Hohelied der „Großen Kooperation“ zwischen CDU und SPD intoniert bzw. eben selber und führend der Administration angehört hatten, die sie nun abzulösen trachten. 

Auch das BM-Duell im Windschutz

Im Windschutz auch das bürgermeisterliche Favoriten-Duell: Denn beide Top-Kandidaten sind immerhin als Aspiranten auf das Amt neu, d.h. kein Newcomer tritt mit entsprechend kritischer Verve gegen den Amtsinhaber (mit Amtsbonus oder –malus) an. Wie in dem Sinne eine „Bilanzwahl“, also mit Lutz Urbach als Verteidiger der Amtskette, ausgehen bzw. dann ausgegangen sein würde, werden wir nie erfahren.

Zugleich sind aber beide Kandidaten per  „Vorleben“ sozusagen tragende Säulen der jetzt endenden Administration und Ratskonstellation gewesen: Der eine als (SPD)-Stadtkämmerer und zweiter Mann der Verwaltung, der andere als Ausschussvorsitzender und (CDU-)Fraktionsgewicht. 

Aus diesem Winkel betrachtet treten im „Vierer-Blatt“ sozusagen zwei (hiesig bekannte) Polit-Profis gegen zwei (hiesig m.o.w. unbekannte) Laien an. Was grundsätzlich nichts heißen muss, denn es gibt nur formale Voraussetzungen für eine Kandidatur, d.h. kein Kandidat muss über einschlägige Vorkenntnisse verfügen. Über seinen Erfolg / Nichterfolg entscheidet allein das Wählervotum. 

Die einzig wirklich Neuen (leider) ohne eigenen BM-Kandidat

Alle bei der Wahl am 13.9. antretenden Parteien / Parteienbündnisse können übrigens, neben ihren Wahlprogrammen, auch anhand ihrer jeweiligen Performances und Positionierungen während der endenden Legislatur betrachtet werden (die heutige MitteRechts trat 2014 als AfD an). Alle, wirklich alle?

Nein, bis auf die 2020 neu antretende FWG (Freie Wählergemeinschaft), sozusagen die zur Ratsbewerberin gewordene Bürgerbeteiligung, hervorgegangen eben aus Bürgerbeteiligung und Bürgerprotest im Zuge der Aufstellung des „Flächennutzungsplans“, einem Königsthema kommunaler Politik.

Die FWG kann, wie gesagt, sollte sie den Ratssprung schaffen, zu einem interessanten Faktor bei idealerweise „beweglichen“ Verhältnissen werden. Interessant, weil sie außerhalb aller bisher geübten „Politmechaniken“ und Player-Konfigurationen steht.  Und zugleich für die stadtratliche Stamm-Hausgemeinschaft die einzig anschlussfähige Truppe sein dürfte.

Das große Rätsel zwischen Bühnenrampe und Backstage

Aber wie ticken wir Wähler in GL nun wirklich – in der am 13.9. zuletzt ausschlaggebenden Mehrheit? Welche Themen bewegen uns wirklich – also in der oft unsichtbar bleibenden Tiefe des Raumes, sprich hinter den derzeit zumindest vordergründig primär scheinenden, teils auf die Straße getragenen und eher „grün“ schillernden Großfeldern wie „Mobilitätswende“ / „Klimaschutz“ etc.? Oder entspricht hier der vernehmliche „Vordergrund“ dem stillen „Hintergrund“?

Was ist in dem Zusammenhang bspw. mit den zehntausenden individuell motorisiert (bleiben müssenden / bleiben wollenden) Verkehrsteilnehmern / Betroffenen und ihrer Sicht etwa auf die „Verkehrslage“ und ggf. weiter restriktive Maßnahmen?

Die Antwort wartet in den Urnen

Welche Rolle spielt ferner, neben der unmittelbar kommunalen Ebene, die berechtigterweise einen hohen Stellenwert einzunehmen scheint, welche Rolle spielt das sozusagen politische „Allgemeinklima“ samt entsprechender Effekte oder „Affekte“ bis in das kleine Wahllokal hier vor Ort? Werden die „coronaischen Glaubenskriege“ bis in den konkretesten Raum der Demokratie durchschlagen?

Und gibt es, wieder direkt auf GL geschaut, eine hiesige Lust auf den „Wechsel“, einen „neuen Aufbruch“, was immer darunter verstanden und mit wem immer derlei verbunden wird? Steht der Mehrheit Wille auf „Grün“ für die Ampel oder sähen die Meisten doch lieber … also wenn „Schwarz“ dann in einem natürlich zukunftsfreudigen und nicht ganz ungrün melierten Sinne …? 

Nichts lehrreicher als sich zu irren – Wahlprognose …

Vor einiger Zeit machte ein Kommentator hier im Bürgerportal den Vorschlag, eine Art Wahltoto auszuschreiben, das ging, glaube ich, so:

  • BM-Wahl (nur ein Wahlgang – Reihenfolge / ggf. absolute Mehrheit für wen? Oder Stichwahl – Ausgang?)
  • Stimmstärke / Reihenfolge Parteien
  • „Koalitionopoly“ (auch jenseits von Ampel gegen Schwarz. Man weiß ja nie …)

Ich selber habe nicht die geringste Ahnung, wie die Balken am Abend des 13.9. aussehen werden und schon Schwierigkeiten, jenseits rein persönlicher Wunschvorstellungen, einen für realistisch oder wahrscheinlich gehaltenen Toto-Tipp abzugeben. Desto spannender wird es. Vor allem, wenn man selber vorher im Wahllokal war oder seinen Brief aufgegeben hat.

H-G. Ullmann

ist gebührend ratloser Bürger, gelegentlicher Zaungast am Spielfeldrand, findet interessante Gespräche ohne Scheuklappen inspirierend und bewahrt sich den Reiz (manchmal auch fassungslosen) Staunens als Mittel geistiger Ausgeglichenheit.

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3 Kommentare

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  1. O Mann o Mann Ha G Ull Mann, eine Exegese städtischen Politikgeschehens, ein „typischer Ullmann“, wenn ich das so sagen darf und Danke dafür. Es ruft Erinnerungen wach, die man schon fast auf der falschen Seite verbucht hätte.

    Aus meiner Feder wäre es in der Kürze des Textes wahrscheinlich nicht hingekommen, auch in der Wortgewalt und Interpretation sehr viel schlichter, profaner, trockener, auch ungenauer vielleicht. Die Zuordnung der Verantwortung für FNP, Innenverdichtung, Brachflächen, Verkehrswende, Zukauf Zanders, Bahndamm, Stadthaus, Wachstum im Grünen, Status Digitalisierung….yni, die ist bei den Mehrheitsverhältnissen für mich eindeutig.

    Vielleicht wäre mir in der Zusammenfassung sogar eine Kurzform gelungen, die meinen ständigen Interventionen und meinem Demokratieverständnis gerecht würde. Möglich so:

    „Kein weiter so“. Auf die Agenda des neuen Bürgermeisters gehören Klimaschutz, Mobilität, Digitalisierung, auf die ersten Plätze, das ist Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung pur. Die Bürgerbeteiligung ist das Korrektiv für die Veränderung in Politik und Verwaltung.
    Kein Aufbau neuer Lernkurven für alte Probleme.

    Wissen und Können in Verbindung mit tiefgreifender Verwaltungserfahrung und fundierten juristischen Kenntnissen sind die Voraussetzungen für das Gelingen des „Change-Projektes“.

    Auch wenn es in manchen Stadtteilen ganz besonders schwer fällt, Um-Buchen, von den vielen guten Möglichkeiten die Beste wählen, unseren lebens- und themenerfahrenen ehemaligen Kämmerer Frank Stein.

    Damit Frank Stein dann die „Orientierung“ behält und zielstrebig „changed“ in Politik und Verwaltung, auch auf einer gesunden Mehrheit und Zustimmung von den sich bietenden hervorragenden Optionen, zwischen den zwei Besten wählen, Bündnis 90/Die Grünen oder FWG Freie Wählergemeinschaft, damit die Richtung stimmt.

    Eine risikofreie „rosige Zukunft“, wie manch stimmungsaufhellendes Wahlplakat Hoffnung macht, die wird es nicht geben, auch Corona lässt grüßen.
    Arbeitsreiche Veränderung pur, die schon. Deshalb Anzug aus und Blaumann an, es geht in den Maschinenraum.

    Die „Grundfeste der Kommunalordnung“ werden in fünf Jahren nicht aus den Angeln gehoben, aber eine Richtungsänderung mit der notwendigen Geschwindigkeit zum Aufholen, die kann diese Konstellation sehr gut gewährleisten. Schaun wir mal.

  2. …und jetzt das bitte noch mal in einfacher Sprache! ;-))
    Klangvoll zur lesen aber etwas viele geklammerte Sätze und viel unnötige Abkürzungen. Am meisten Verwirrung schaffte “a. M.” Soll aus dem Kontext wohl absolute Mehrheit bedeuten; ist aber richtigerweise “andere Meinung”.

  3. uff, geschafft, ich bin durch;-) Mein lieber (Ull)Mann, das ist ja Literatur, und die Stadt-Polit-Historie auch noch mit drin ! Sie haben ja jochenmalmsheimerische Wortgewalt. Also ehrlich, ich stehe ja auf so was, und ich ver-stehe auch, welchen Spaß Sie beim Schreiben hatten ! Vielen Dank , ich werd’s weitergeben, wobei ich schätze: den meistens ist’s zu intelektuell. intellektuell?? Super!