„Es war einmal“ heißt es im Märchen. „Es wird einmal gewesen sein“ heißt es nun in der Villa Zanders. Die Künstler Jutta Dunkel und Martin Rosswog dokumentieren in der aktuellen Ausstellung die „Zeit“. Und fordern damit den Betrachter zum Nachdenken über dieses immer kostbarer werdende Gut auf.

Auf den ersten Blick prallen in der aktuellen Ausstellung aus der Reihe „Ortstermin“ unterschiedliche künstlerische Positionen aufeinander: Jutta Dunkel mit feinen Buntstiftzeichnungen, Martin Rosswog mit streng-formalen, dokumentarischen Fotografien. Was verbindet die beiden. Was hat die – leider aufgrund des Endes ihres Volontariats scheidende – Kuratorin Nora Riediger dazu bewogen, sie in einer gemeinsamen Ausstellung zu präsentieren?

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Zeit wird doppelt sichtbar

Nun, die Künstler befassen sich mit der „Zeit“. Jutta Dunkel widmet sich z.B. in der Reihe „Erinnerungsräume – Polymorph“ verschiedenen Granatäpfeln und Fürchten, deren Zerfall sie dokumentiert. Dabei lagert sie in langen Produktionszeiträumen Schichten um Schichten an Farbstrichen übereinander und schafft so Werke von ungemeiner Tiefe, Abstraktheit und zugleich morbider Schönheit.

„Fotografien dienten zur Erfassung des Zerfallsprozesses“, schildert Jutta Dunkel den Prozess der Entstehung. So schnell wie die Früchte verdorben seien hätte sie nicht zeichnen können.

Jutta Dunkel, o.T. aus der Serie „Polymorph“, 2017, Buntstiftzeichnung, 29,5 x 21 cm

„Heute sind alle so schnell. Ich setze mit meinen Arbeiten, die in einem teils unbewussten Prozess entstehen, ganz bewusst die Langsamkeit dagegen“, erklärt die Bergisch Gladbacher Künstlerin. Damit passe sie sicher nicht in die Zeit, man werfe ihr zuweilen auch vor mit ihrer Kunst „Zeit zu verschwenden“, merkt sie an.

Das ist gewollt: Zeit wird so doppelt sichtbar – auf der Ebene des Motivs sowie des Mediums. 

Jutta Dunkel, o.T. aus der Serie „Nahverkehr“, 2018, Buntstiftzeichnung, 15 x 10 cm

Arche Noah Bergischer Köpfe

Martin Rosswog ist u.a. mit den „Bergischer Gladbacher Dokumenten“ zu sehen: Portraits historischer Zeitgenossen. Sie werden ergänzt um ein kleines Archiv mit Interviews: Die Personen auf den Fotos berichten darin von ihrem Leben. „Damals musste man schwarz-weiß fotografieren, wenn man Kunst machen wollte“, kommentiert der ehemalige Meisterschüler von Bernd und Hilla Becher die Ästhetik.

Rosswog bewahrt mit seinen Portraits Fragmente der Vergangenheit auf und schickt sie – gleich einer Arche Noah – auf eine spannende Reise in die Zukunft. Entstanden sind die Aufnahmen erst Mitte der 1980er Jahre. Doch wirken sie schon jetzt „wie aus der Zeit gefallen“.

Martin Rosswog, Margarete Zanders, Bergisch Gladbach, 1982, Fotografie aus der Serie „Porträts Gladbacher Bürger“ © Martin Rosswog, VG Bild-Kunst, Bonn, 2020

Spannend auch seine Serie „Siedlungsräume“. Sie dokumentiert Roma-Siedlungen in Rumänien, die für den westlichen Betrachter aus fernen Tagen zu stammen scheinen. Gleichwohl sind sie für deren Bewohner bittere, aktuelle Realität. Sie wird umso drastischer im Kontrast zur sich anschließenden Serie „Phoenixsee“ deutlich: Eine hippe, teure Siedlung in Dortmund für ein solventes Klientel, errichtet auf einem alten Fabrikgelände.

Kollektive Erinnerung

Hier wird Zeit noch auf einer anderen Ebene deutlich: In der rumänischen Siedlung ist die Zeit mit ihrer Jahrhunderte alten Architektur nahezu stehen geblieben. Die aus dem Boden gestampfte Phoenixsee-Siedlung wird indes kaum mehrere Generationen überstehen. Dafür huldigen Architektur und Interieur offenkundig zu sehr dem schnelllebigen Zeitgeist. Es wird deutlich: Was nicht bleibt, wird nicht erinnert werden.

Solche Bezüge herzustellen, dass ist die große Leistung dieser Ausstellung rund um das Thema Zeit. Dass Erinnerungen oft auch ortsbezogen sind, wird in dem Raum „Erinnerungsorte“ deutlich. Martin Rosswohl dokumentiert ländlich-traditionelle Wohnräume, oft die altbekannte Wohnküche mit tickender Uhr und Emaille-Ofen.

Schnell wird klar: Diese Wohnumgebungen „sind gewesen“, rufen aber vieles im Betrachter in Erinnerung. Hier macht sich in einer Art kollektiver Erinnerung schnell Sehnsucht und Melancholie breit.

Das Wesen der Zeit

Jutta Dunkel zeigt im Raum “Erinnungsorte” hingegen die fast ein wenig photorealistisch anmutende Serie „Heimkehr, geträumt“ : Sensible Zeichnungen ihres leerstehenden Elternhauses, die angesichts der offenkundig abwesenden Bewohner umso eindringlicher die Erinnerung an vergangene Tage heraufbeschwören. Ein intimer Blick, den die Künstlerin mit dem Betrachter teilt.

Kunstmuseum Villa Zanders
“Es wird einmal gewesen sein” Jutta Dunkel – Martin Rosswog
in der Reihe Ortstermin
29.08.2020 bis 22.11.2020
Weitere Informationen zur Ausstellung unter diesem Link

Es ist das Wesen der Zeit: Alles wird einmal gewesen sein. Was bleibt ist die Erinnerung. Die Erinnerung – ob physisch oder psychisch – ist vielleicht die einzige Möglichkeit, der Zeit ein wenig von ihrer gnadenlosen Vergänglichkeit abzuringen.

In der Reihe Ortstermin, die im Zweijahresrhythmus Künstler der Region in der Villa Zanders vorstellt, geht die Schau mithin existentiellen Fragen nach. Warum erinnern wir uns? Wie erinnern wir uns? Warum drängt sich die Vergangenheit in die Gegenwart? Wie prägt die Zeit unsere Räume, die Menschen oder die Natur?

Was braucht es zum erinnern?

Es wird einmal gewesen sein – der Titel der Ausstellung lädt auch zum umgekehrten Gedankenspiel ein: Was wird nicht gewesen und damit vergessen sein? Angesichts einer Gesellschaft, die täglich Milliarden von Daten produziert, eine nicht unerhebliche Frage: Was braucht es überhaupt zum erinnern?

Eigentlich müsste die Ausstellung angesichts dieser Themenkomplexe zutiefst traurig und deprimierend sein: Erinnerung setzt Vergangenheit voraus, da ist man schnell beim Thema Tod und Vergänglichkeit.

So entfalten manche Bereiche der Ausstellung, wie z.B. die „Erinnerungsorte“, eine phänomenale Wucht. Der Einblick in fremde Räume wirft den Betrachter auf sich selbst zurück und fordert ihn auf, sich „im positivsten Sinne mit „Zeit“ und dem Leben im Hier und Jetzt auseinanderzusetzen“, wie es im Begleittext zur Ausstellung heißt.

Ob es gelingt, liegt am Betrachter. Denn die Erinnerung ist zutiefst subjektiv und damit losgelöst von den Impulsen, welche diese Ausstellung in phänomenaler Weise aussendet. Vielleicht bleibt eine heitere Gelassenheit zurück, geprägt durch die Erkenntnis: Die Zeit lässt sich nicht aufhalten.

Jutta Dunkel, o.T. aus der Serie „Heimkehr, geträumt“, 2017, Buntstiftzeichnung, 20 x 20 cm

Aufmacherbild: Martin Rosswog, Hof Willi Müller in Scheller, Lindlar, 1991, Fotografie aus der Serie „Bergische Interieurs“ © Martin Rosswog, VG Bild-Kunst, Bonn, 2020

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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