Der zweite Lockdown erwischt uns in der kalten Jahreszeit und beeinträchtigt das Weihnachtsfest. Ein echter Stresstest für die Psyche, womöglich mit Langzeitfolgen. Welche Erkenntnisse es zu den psychischen Auswirkung der Pandemie gibt, und wie man gut durch die Pandemie kommt, erklärt Privatdozent Dr. Fritz Lehnhardt, Chefarzt für Psychiatrie am Evangelischen Krankenhaus.

Weltweit gibt es Mitte Dezember (Stand 12.12.2020) 69.521.294 Corona-Fälle, 1.582.674 Menschen sind zu dieser Zeit an oder mit Corona gestorben. Für Deutschland betragen die aktuellen Zahlen kurz vor Weihnachten über 1.500.000 Infizierte bei über 27.000 Todesfällen.

Rasanter Verlauf

Die Zahlen zeigen: Die Pandemie hat in 2020 einen rasanten Verlauf genommen. “Dabei ist die Übertragung auf den Menschen zu Beginn noch nicht bekannt gewesen- die Erkenntnis hatte man erst am 20. Januar 2020. 7 Tage später trat bereits der erste Fall in Deutschland auf”, erklärt Fritz Lehnhardt.

Corona könne bei vielen Menschen zu vielfältigen und den Alltag bestimmenden Ängsten und Sorgen führen, sagt der Psychiater. Diese könnten u.a. die eigene Gesundheit oder die von Angehörigen, die Quarantänemaßnahmen, Home Schooling oder den drohenden Jobverlust betreffen. Einen mittlerweile wissenschaftlich nachweisbaren negativen Einfluss hätten zudem der übermäßige Konsum (sozialer) Medien sowie der Wegfall professioneller, psychosozialer Hilfen in der ambulanten Versorgung.

So habe die World Health Organization (WHO) in einer weltweiten Studie zu Covid-19 und Mental Health Services gezeigt, dass durch die Beeinträchtigung psychosozialer Gesundheitsdienste Menschen mit bereits bestehenden psychischen Erkrankungen unverhältnismäßig stark durch die Pandemie betroffen seien.

Die Psychiatrie am Evangelischen Krankenhaus, Foto: EVK

Psychoreaktive Folgen von Covid-19

Die Auswirkungen der Pandemie können eine Reihe auch von psychoreaktiven Folgen nach sich ziehen, erklärt Fritz Lehnhardt, unter anderem:

  • Besonders bei Covid-19 Betroffenen ängstlich-depressive Symptome, Traumafolgesymptome und Angst vor bleibenden Schäden („Long-Covid-Symptom“)
  • Bei psychisch Vorerkrankten Rückfall oder Verstärkung der psychischen Grunderkrankung
  • Die Fehlverarbeitung der Wahrnehmung von Gefahr und der Isolations- und Schutzmaßnahmen durch Leugnung der Realität und das Entstehen von Verschwörungstheorien („Komplexitätsreduktion“)
  • Das Auftreten depressiver Symptome bis hin zu Suizidalität

Studien würden zudem zeigen, dass frühere virale Pandemien auch neurobiologische Folgen gehabt hätten. So würden Entzündungsproteine (Zykotine) Schwindel oder Kopfschmerz verursachen, bis hin zu chronischer Müdigkeit und psychischen Auswirkungen.

Effekte treten lange nach Pandemie auf

Erfahrungen aus früheren Viruspandemien verdeutlichen zudem, dass Angststörungen, Traumafolgestörungen oder depressive Störungen noch Jahre nach einer Pandemie nachweisbar waren. Psychosoziale Gesundheitsdienste könnten daher auch Jahre nach der Pandemie noch verstärkt in Anspruch genommen werden.

Warum ist dies so? Die Pandemie wird von Betroffenen als traumatisches Ereignis angesehen (Krankheit, aber auch die Maßnahmen), die psychische Gesundheit reagiere sensibel auf Isolation oder drohende ökonomische Konsequenzen. Dies führe vor allem zum Anstieg der psychischen Erkrankungen in Risikopopulationen mit psychischer Vorbelastung oder niedrigen sozio-ökonomischen Ressourcen.

Gefahr einer zweiten Pandemie psychischer Erkrankungen

Experten sprechen daher auch von der Gefahr einer zweiten Pandemie psychischer Folgeerscheinungen.

“Qualitativ konnte dies schon bei vergleichsweise kleineren Virus-Pandemien wie z.B. der SARS-Pandemie in 2002/2003 festgestellt werden. Auch hier kam es zu langanhaltenden, erhöhten psychischen Belastungen. Lange Quarantäne, Einkommenseinbußen oder Alltagseinschränkungen wirkten verstärkend, wohingegen klare Informationen und soziale Unterstützung abmildernd wirkten”, macht Lehnhardt deutlich.

Der Facharzt verweist zudem auf Studien, in denen die psychische Gesundheit von Menschen vor und während der aktuellen Corona-Pandemie verglichen wird (Prä-Post-Studien). Hier konnten Wissenschaftler in den USA dreifach erhöhte Werte für Depression in Corona-Zeiten messen. “Das sind Werte, die sind belastbar”, sagt Lehnhardt. Studien in Deutschland würden den Trend bestätigen. Bei Covid-19 Betroffenen und Mitarbeitern im Gesundheitssystem fanden sich besonders hohe Werte von Depression und Angstsymptomen. 

Plädiert in der Covid-19 Panedmie für die Berücksichtigung der psychischen Gesundheit im Krisenmanagement: PD Dr. Fritz Lehnhardt vom EVK Bergisch Gladbach

Untersuchung von Persönlichkeitsmerkmalen

Interessant: Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim habe in einer aktuellen Studie Persönlichkeitsmerkmale analysiert, die Einfluss auf das psychische Befinden während der Pandemie hätten. Merkmale, die schützen würden, seien vor allem:

  • Alter und hohes Bildungsniveau
  • Gewissenhaftigkeit, Optimismus, geringe Grübelneigung oder hohe Selbstwirksamkeitserwartung

Negative Einflüsse hätten vor allem Merkmale wie Angst um die Gesundheit Nahestehender und negative Auswirkungen auf die familiäre Situation, Belastungen durch die Ausgangsbeschränkungen sowie vermehrter Substanzkonsum.

“Diese Persönlichkeitsmerkmale haben einen hohen Einfluss darauf, wie Menschen auf die Pandemie psychisch reagieren”, so Lehnhardt. “Die Resilienz zu stärken, das ist eine der zentralen Aufgaben, um die Gesellschaft gut durch die Pandemie zu bringen.”

Einfluss von Alter und Medienkonsum

Ein spannendes Ergebnis betrifft Psyche und Pandemie mit Blick auf das Alter: So habe eine aktuelle Helmholtz-Studie herausgefunden, dass jüngere Menschen das Stresserleben, Depression und Ängste durch Corona wesentlich stärker wahrnehmen würden als ältere Menschen, obwohl letztere zur Risikopopulation gehören würden.

Depression und Angst würden übrigens auch mit der Häufigkeit und Dauer des Medienkonsums zusammenhängen. Warum dies so sei, wisse die Forschung noch nicht Die Zunahme der Ängste würde jedoch relativ stark durch die Wahl der Informationsquelle bestimmt werden. Wer sich zum Beispiel beim Robert Koch Institut informiere, zeige diesen Zusammenhang weniger als bei Social Media wie Facebook oder ähnlichen Foren, erklärt Lehnhardt.

Folgen der Corona-Angst

Die Angst vor Corona könne eine Reihe von Folgen nach sich ziehen, meint Fritz Lehnhardt:

  • Angst beeinflusse unser Denken, Fühlen und Handeln (zu starke gedankliche Beschäftigung mit der Pandemie, übertriebene Angst vor Infektion) und kann zu Depressionen führen
  • Angst könne gesellschaftlich oder individuell schädliche Verhaltensweisen anstoßen, wie z.B. Hamsterkäufe oder Suchtverhalten
  • Angst vor einer Infektion in der Arztpraxis oder im Krankenhaus erhöhe die Gefahr, professionelle medizinische Hilfe zu spät in Anspruch zu nehmen
  • Angst könne ansteckend wirken und z.B. von Eltern auf Kinder übertragen werden
  • Angst werde durch Quarantäne und Isolation verstärkt
  • Angst könne aber auch funktionales Verhalten fördern und die Einhaltung von Regeln verstärken (z.B. AHA-Regeln)

Schutz vor psychischen Erkrankungen in der Pandemie

Fritz Lehnhardt verweist auf eine Reihe von Maßnahmen, die z.B. durch die WHO empfohlen werden, um trotz Pandemie psychisch gesund zu bleiben:

  • Aufrechterhaltung von Routinen: Tagesstruktur erhalten, z.B. Aufstehen, sich um die Wohnung kümmern, Einkaufen
  • gesunder, aktiver Lebensstil: wenig Alkohol, gesunde Ernährung, Achtsamkeit im Alltag
  • Orientierung an bisher erfolgreichen Bewältigungsstrategien: Gespräche oder Telefonate mit Freunden, Sport und andere Hobbies
  • Keine schädlichen Bewältigungsstrategien: Substanzkonsum oder Medienkonsum im Auge behalten
  • Unterdrückung negativer Emotionen vermeiden: offen darüber sprechen
  • Information bewusst aus seriösen Quellen beziehen  
  • Soziale Unterstützung durch das private Umfeld: geben und (an)nehmen
  • Bei Fortbestehen von psychischen Warnsymptomen wie starkes Grübeln, Schlafstörungen oder übertriebene Ängste: Aufsuchen professioneller Unterstützung
Substanzkonsum gehört zu den schädlichen Bewältigungsstrategien in der pandemie, Foto: Janek Szymanowski auf Pixabay

Das Fazit von Fritz Lehnhardt: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den psychischen Auswirkungen der Corona-Pandemie seien zwar noch vorläufig, die Auswirkungen der zweiten Corona-Welle noch nicht abzusehen. Sowohl Covid-19 als auch die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wirken jedoch als Auslöser für die Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit in der Gesamtbevölkerung. Diese Auswirkungen seien mittlerweile auch wissenschaftlich nachweisbar, beträfen aber vor allem jüngere Patienten und Menschen mit niedrigerem sozio-ökonomischen Status, wie auch Menschen in Gesundheitsberufen und mit psychischen Vorerkrankungen in besonderem Maße.

Psychische Gesundheit im Krisenmanagement berücksichtigen

Sein eindringlicher Appell: “Vor dem Hintergrund des beispiellosen Ausmaßes der Covid-19 Pandemie ist die Berücksichtigung der psychischen Gesundheit im Krisenmanagement ein höchst dringlicher Aspekt.” Daher sei die frühzeitige Förderung psychosozialer Gesundheitsdienste zur Prävention und Früherkennung / -behandlung von Risikogruppen für psychische Folgeerscheinungen notwendig. “Inklusive der Nachsorge durch z.B. Post-Covid-Ambulanzen”, schließt Lehnhardt.

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Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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2 Kommentare

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  1. Gute Medien sorgen für Orientierung und Sicherheit. Aber selbst dort hilft Selbstdisziplin: am besten sich auf ein, zwei oder drei vertrauenswürdige Medien (wir hätten da ein paar Tipps) konzentrieren und nicht jede Stunde jeder Nachricht hinterherlaufen.

  2. “Depression und Angst würden übrigens auch mit der Häufigkeit und Dauer des Medienkonsums zusammenhängen. Warum dies so sei, wisse die Forschung noch nicht”.

    Ach? Die Forschung weiß das tatsächlich nicht? Vielleicht weil man durch Medienkonsum – also den Versuch, eine Meinung und einen Standpunkt zu finden – dermaßen verunsichert und konfus im Kopf wird, dass man den Eindruck bekommt, die Medien hätten einzig und allein den Auftrag, das Volk bis zum Wahnsinn zu verwirren? Dass man den Eindruck bekommt, man müsse sich vor Medien genau so schützen, wie vor Covid 19?

    Könnte man in der Psychiatrie und in der Forschung mal drüber nachdenken.