Unsere Buchtipps im Februar: Reisen Sie mit der Augsburger Puppenkiste in die Vergangenheit, entdecken Sie beeindruckende dänische Literatur und lassen Sie sich von schönen Erzählungen unterhalten!

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Thomas Hettche: Herzfaden.
Kiepenheuer & Witsch 2020, € 24,00.

Wer kennt sie nicht, diese Insel mit zwei Bergen, regiert von König Alfons dem Viertel vor Zwölften. Dorthin entführt uns der Autor in seinem aktuellen Roman über die Augsburger Puppenkiste. So begibt sich der Leser auf Zeitreise in das Deutschland während des Zweiten Weltkriegs, in die Nachkriegsjahre und die junge Bundesrepublik.

Während einer Aufführung des „Gestiefelten Katers“ verlässt ein zwölfjähriges Mädchen enttäuscht die Vorstellung, weil sie sich dafür viel zu alt findet. Durch eine versteckte Tür gelangt sie hinter die Kulissen. Dort befindet sich ein Lagerraum voller Marionetten, die plötzlich lebendig werden, während sie gleichzeitig auf deren Größe schrumpft. Eine scheinbar übergroße Dame tritt auf. Es ist Hannelore (Hatü) Oehmichen, die ihr nachfolgend ihre Geschichte erzählt.

Hatü, jüngste Tochter von Walter Oehmichen, wächst hinein in eine dunkle Zeit. Als ihr Vater 1943 den Puppenschrein gründet, ist sie zwölf Jahre alt und singt in ihrer Naivität mit Begeisterung Hitler Lieder. Sie rennt verängstigt durch das nach einem Bombenangriff brennende Augsburg, findet aber bei den Erwachsenen keine Antwort auf ihre Fragen.

In diesem Umfeld aus Angst und Grauen einerseits und der kindlichen, naiven Welt der Marionetten andererseits, beginnt sie ihre erste Puppe, den Kasper, zu schnitzen. Dieser macht ihr, während er vor ihren Augen Form annimmt, zunehmend Angst und sie weiß nicht warum. Sein breites Lachen scheint falsch und böse. Erst als Erwachsene erkennt sie den Grund ihres Unwohlseins.

Kunstvoll verwebt der Autor den Zerfall des Deutschen Reiches mit dem Erfolg des Puppentheaters in den Nachkriegsjahren. Einerseits das Grauen des Nazideutschlands und auf der anderen Seite die heile Welt der Puppen und Märchen. Dabei erhebt der Autor niemals den moralischen Zeigefinger. Er dokumentiert lediglich und überlässt es dem Leser, sich dazu eine Meinung zu bilden.

So ist dieses Buch beides: Wunderschön nostalgisch erzählt und zeitkritisch durchleuchtet. Diese scheinbare Diskrepanz und seine wunderbare Sprache machen das Besondere dieses Romans aus. Tauchen Sie ein in die Welt Ihrer Kindheit und machen Sie sich selbst ein Bild!

(Sylvia Jongebloed)

Das Buch finden Sie hier in unserem Onlineshop: Thomas Hettche: Herzfaden (Buch) – bei Buchhandlung Funk oHG

Tove Ditlevsen: Kindheit.
Aufbau Verlag 2021, € 18,00.

Das Bücherjahr 2021 startet mit vielen spannenden Neuerscheinungen, unter anderem mit einer aufregenden literarischen (Wieder-)Entdeckung: 1967 ist dieser schmale, wortgewaltige Roman bereits in Dänemark erschienen. Hierzulande blieb er nahezu unbekannt. 

„Der Kindheit kann man nicht entkommen, sie hängt an einem wie ein Geruch.“

Das Buch erzählt vom Kopenhagener Arbeitermilieu in den 1920er Jahren, vollkommen ohne eine nostalgische Verklärung der Vergangenheit. Nüchtern werden hier die realen Lebensbedingungen eines Mädchens beschrieben, das aus armen Verhältnissen stammt, und das nie so richtig ankommt in seinem Leben.

Die Mutter ist eine negative Figur, die zwischen selbstbewussten Ambitionen, Unzufriedenheit und Ablehnung der Tochter schwankt. Das Verhältnis des Mädchens zu ihr ist ambivalent, gleichermaßen von Zorn und Bewunderung geprägt. Der Vater ist arbeitsloser Sozialdemokrat und ohne Hoffnung auf eine neue Stelle. Er versinkt in Büchern und politischen Theorien und nimmt ansonsten kaum am Leben der Familie teil.

Der Bruder ist das wichtigere und von der Mutter geliebtere Kind, und so läuft die Ich-Erzählerin, die offenbar viele Züge der Autorin trägt, immer nur nebenbei mit und wächst auf in einer rauen Welt. Ihre Rettung findet sie in Büchern, zu denen sie als Mädchen nur erschwerten Zugang hat.

Im Zeitraffer beschreibt der Roman Szenen der Kindheit, die sich zunehmend auf der Straße abspielt. Dort trifft sie auf eine Vielzahl von unterschiedlichen Menschen, deren Schicksale das Geschehen zu einem historisch präzisen Gesellschaftsportrait abrunden.

Ein dicht und präzise erzähltes Erinnerungswerk, das auf klare Sprache und knackige literarische Stilmittel setzt. Schnell entwickelt es einen düsteren Sog, der seine Leser*innen schnell gefangen nimmt.

In ihrem Heimatland Dänemark wird Ditlevsen verehrt wie kaum eine andere Autorin. In der internationalen Literaturszene vergleicht man sie mit Annie Ernaux, Lucia Berlin und Rachel Cusk.

Umso erstaunlicher, dass man sie bei uns kaum kennt und umso schöner, dass ihre autobiografische Trilogie mit „Kindheit“ als erstem Teil nun endlich bei uns einen fröhlichen Hype erfährt. Die erste Auflage war nur wenige Tage nach Erscheinen bereits vergriffen, und das will was heißen. Teil 2 und 3 erscheinen Mitte Februar. Die neue Übersetzung macht viel Lust auf diese Trilogie. Danke, Aufbau Verlag!

(Birgit Lingmann)

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Elke Heidenreich: Männer in Kamelhaarmänteln.
Hanser 2020, € 22,00.

„Kleider machen Leute“ heißt es so schön, und sie stehen im Fokus dieses äußerst unterhaltsamen aktuellen Erzählbandes der hochgelobten Autorin.  

Um Missverständnissen vorzubeugen, dies ist kein Modebuch! Vielmehr geht es immer um den Menschen hinter der Kleidung. Sozusagen nach Farben sortiert, werden die unterschiedlichsten Geschichten erzählt. Lustige, melancholische, traurige, aber auch liebevolle Erinnerungen, teilweise autobiografisch angehaucht, nehmen hier Gestalt an.

So verbirgt sich hinter dem profanen Kapitelnamen „Pantoffeln“ eine zarte, anrührende Liebesgeschichte. In „Söckchen“ geht es um die Liebe zum ersten Kind und woran man den Charakter eines Mannes erkennt. Köstlich auch das Kapitel „Anfänge“, das von einer Zeit handelt, in der Mädchen keine langen Hosen tragen durften, sondern nur Röcke und Kleider. Einige der Leser werden sich an diese Zeiten noch gut erinnern können (einschließlich der Rezensentin!).

Sogenannte Belohnungskleidungsstücke wie z.B. in der „Der Hut“, den sich die Autorin kauft, nachdem sie ihr erstes Buchmanuskript verschickt hat, werden thematisiert. Weiterhin taucht Entzauberungskleidung auf wie z.B. im Kapitel „Goldknöpfe“. Hier trifft die Ich-Erzählerin zufällig ihre alte Jugendliebe wieder. Ein gemeinsamer Opernabend endet aufgrund eines modischen Accessoires in einem Desaster.

Auch eine berühmte Malerin mit ihren berüchtigt farbenfrohen Kleidern taucht gleich zweimal auf. Einmal auf dem Cover, vor ihrem verheerenden Unfall, trug Frida Kahlo gerne Herrenanzüge, alles sehr reduziert. Später, als sie permanent unter großen Schmerzen litt, waren es diese farbenprächtigen, voluminösen Gewänder, die sie bevorzugte, sozusagen als Gegenpol. Eines der schönsten Kapitel in diesem Buch wird dieser Ausnahmekünstlerin in „Fridas Kleider“ gewidmet.

Der Autorin ist wieder ein toller Erzählband gelungen, hintergründig, psychologisch, amüsant, sehr unterhaltsam und von einer großen sprachlichen Eleganz. Schöpfen sie selbst aus diesem Füllhorn bunter Geschichten!

(Sylvia Jongebloed)

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Viel Spaß beim Lesen.

Ihre Birgit Lingmann und Pia Patt

Birgit Lingmann und Pia Patt führen die Buchhandlung Funk

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Lingmann (geborene Jongebloed) bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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