Schüler:innen, die zuhause kein angemessenes Lernumfeld haben, dürfen seit dieser Woche dem Distanzunterricht wieder in den Räumen der Schule folgen. So soll laut Schulministerium die Chancengleichheit gewahrt werden. Wir haben nachgefragt: Die Schulen berichten teils von Problemen bei der Betreuung, unzureichender Ausstattung mit Breitband, zu kurzfristigen Infos durch das Ministerium. Eine Schule setzt aber schon lange auf das Konzept „Study-Hall“.

„Erweitertes Angebot für alle Klassen und Jahrgangsstufen“ so lautet das Angebot, welches in der neuesten Schulmail des NRW-Schulministeriums erwähnt wurde. „Ab dem 1. Februar 2021 erhalten Schülerinnen und Schüler aller Klassen und Jahrgangsstufen (1 bis 13), die das Angebot des Distanzunterrichtes im häuslichen Umfeld ohne Begleitung nicht zielgerichtet wahrnehmen können, zur Wahrung der Chancengerechtigkeit die Möglichkeit, in der Schule am Distanzunterricht teilzunehmen.“

Es werde Eltern oder volljährigen Schüler:innen angeboten, die Annahme sei freiwillig, initiiert werden könne es nicht. Der Umfang des Angebotes richte sich nach dem Umfang des regulären Unterrichtsbetriebes, so die Vorgabe der Schulmail.

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Entlastung der Familien

Schulleiter Frank Bäcker vom DBG (bei der Aktion Buddeln für Breitband): „Study-Halls können Familien entlasten“

So neu scheint dies indes gar nicht zu sein, zumindest nicht in Heidkamp. „Wir am DBG haben bereits im ersten Lockdown das sogenannte „Study-Hall-“ oder Lernraum-Konzept angeboten“, erzählt Frank Bäcker, Schulleiter am DBG. In den Räumen der Cafeteria gebe es Internetzugang sowie Zugang zur Bibliothek und einem weiteren Coworking-Raum. iPads stünden zur Ausleihe bereit, Aufsichten würden bei Fragen helfen.

Aktuell werde der Service noch nicht genutzt, das das Angebot erst seit Montag laufe, so Bäcker. Vieleicht laufe auch der Digitalunterricht mittlerweile zuhause besser. Aber dies könne sich ändern, wenn klar sei wie es nach dem 14. Februar weitergehe. Bäcker meint: „Eigentlich halten wir genau dieses Study-Hall-Konzept für eine gute Möglichkeit, auch Familien zu entlasten und die Situation zu Hause vielleicht etwas zu verbessern.“

Späterer Start wegen Personalmangel

Am Berufskolleg Kaufmännische Schulen (BKSB) habe man 10 Kameras und Mikros angeschafft und in zwei „Study Halls“ verteilt, berichtet Schulleiterin Nicole Schuffert. Da Endgeräte zur Ausleihe noch nicht vorhanden seien, habe man diese Hardware aus dem Schulbudget besorgt.

Nicole Schuffert startet am BKSB mit dem Distanzunterricht in der Schule voraussichtlich am 4. Februar 2021

„Das Problem ist die Betreuung der Schüler:innen“, verdeutlicht die Pädagogin. Gemäß Erlass müsste nicht-pädagogisches Personal zur Betreuung eingesetzt werden. „Dieses Personal haben wir nicht, nur einen Sozialarbeiter. Derzeit arbeiten wir an einer Lösung, damit unser Angebot am 4. Februar 2021 starten kann.“

Die Lehrer selbst könnten nicht aus der Schule heraus unterrichten, da das WLAN am BKSB zu instabil sei. Sonst würden diese den Distanzunterricht in den Klassen betreuen.

Gute Infrastruktur im Neubau

Die Otto-Hahn-Realschule spricht von einer Notbetreuung, einer Ausnahme. Das Angebot des Distanzunterrichts in der Schule werde in geringem Umfang in den Klassenstufen 5 bis 7 wahrgenommen, erklärt Schulleiter Felix Bertenrath.

„Das WLAN im neuen Gebäude funktioniert bestens, die Schüler:innen bringen Laptops mit, einige Leihgeräte stehen auch zur Verfügung“ so seine erste Bilanz.

Adäquate Betreuung schwierig

Am NCG nehmen derzeit zwei Schüler:innen das Präsenz-Angebot wahr. Die Betreuung sei schwierig, da man nicht über genug nicht-schulisches Personal verfüge, erklärt Jörg Schmitter, stellvertretender Schulleiter am NCG.

Lehrer:innen, welche die Betreuung übernehmen würden, fehlten dann bei den Videokonferenzen. Die Lösung: „Eine mittlerweile pensionierte Kollegin unterstützt die Betreuung zusätzlich an einigen Tagen in der Woche nach entsprechender Erlaubnis durch die Stadt ehrenamtlich“, so Schmitter.

Das NCG führt Videokonferenzen u.a. in Präsenz-Distanz-Räumen durch

Das Angebot in der Schulmail kam relativ spät, so dass die organisatorischen Vorarbeiten erst gestern hätten beginnen können. „Über das zusätzliche Angebot werden die Eltern im Laufe der nächsten Tage informiert,“ berichtet Schmitter.

Für die Fortsetzung des Unterrichts appelliert Schmitter: „Aus unserer Sicht braucht es für die Zeit ab dem 14. Februar 2021 klarere Vorgaben, wie ein solches zusätzliches Angebot organisatorisch geleistet werden soll. Außerdem benötigen alle Schulen einen irgendwie gearteten längerfristigen Fahrplan für die nächsten Wochen, in dem erkennbar wird, wie der Unterricht bis zu den Osterferien gestaltet werden soll.“

In diesem Zusammenhang fordert er auch klare Regelungen zur Erbringung der Leistungsnachweise, nicht zuletzt im Abiturjahrgang.

Präsenzschüler weichen Kontaktregeln auf

Am Gymnasium Herkenrath würden die Kinder im schulischen Distanzunterricht über nicht-schulisches Personal sowie von der Katholischen Jugend-Agentur (KJA) betreut, berichten Schulleiter Dieter Müller und seine Stellvertreterin Romina Matthes. Probleme gebe es vor allem mit Präsenzschülern. Diese würden die Kontaktregeln aufweichen.

Hinzu kämen technische Probleme mit dem Breitband: „Aufgrund der mangelhaften digitalen Anbindung an einen Breitbandanschluss ist eine solche Betreuung, v.a. im Hinblick auf Videokonferenzen, an unserer Schule kaum bzw. nur in Einzelfällen möglich. Alles andere schafft unsere Datenleitung nicht“, schildern Müller und Matthes. Dabei sei das Gymnasium als digitale Schule ausgezeichnet worden – mit einem Internet-Hausanschluss.

Man hoffe auf eine baldige Rückkehr der Schüler:innen, zumindest der Abschlussklassen: „Sowohl für den Lernprozess, aber auch vor allem für das soziale Miteinander.“

Grundschulen ohnehin in Notbetreuung

Für die Grundschulen ist das Angebot keine Neuigkeit. Sie befinden sich seit dem zweiten Lockdown ohnehin in der Notbetreuung und unterstützen Kinder in der Schule. Die geschilderten Probleme mit fehlender Hardware und mangelhafter Breitbandanbindung überschatten aber auch in dieser Schulform die Hilfestellungen.

Keine konkreten Zahlen

Konkrete Zahlen, wie viele Schüler:innen den Distanzunterricht in der Schule nutzen, gibt es beim NRW-Schulministerium auf Anfrage noch nicht. „Die Schulen bieten diese Möglichkeit für eine überschaubare Zahl von Schülerinnen und Schüler an“, sagte Schul- und Bildungsministerin Yvonne Gebauer in diesem Zusammenhang.

Die Strategie laute: In die Schulen zurzeit so wenige Schüler:innen wie möglich, zur Sicherung der Bildungschancen so viele wie nötig.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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