Privatdozent Dr. med. Fritz-Georg Lehnhardt, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach. © Foto: EVK

Corona wirkt sich unterschiedlich auf die psychische Gesundheit aus. Wer über genügend Resilienz verfügt, wer einen guten Schutzmechanismus gegen Stressauslöser hat, der kommt besser durch die Krise. Fritz-Georg Lehnhardt, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Evangelischen Krankenhaus erklärt, wie man seine Resilienz mit einfachen Mitteln stärken kann.

Warum spielt der Begriff Resilienz in der Corona-Pandemie eine Rolle?
Dr. Lehnhardt: Die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf unseren Lebensalltag ist für uns alle eine fortdauernde Herausforderung. Ängste vor der eigenen Covid-19 Erkrankung oder die unserer Angehörigen, die allgegenwärtige Medienpräsenz des Themas, das Auf und Ab von hoffnungsvollen und deprimierenden Nachrichten, die nicht enden wollenden Veränderungen unseres Lebensalltags und der Stress durch die Fortdauer eines familiären Ausnahmezustandes durch Home Office und Home Schooling – all diese Belastungen betreffen die allermeisten von uns. Und doch zeigen mittlerweile viele wissenschaftliche Studien, dass es offenbar große Unterschiede in den individuellen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit hierbei gibt.

Woran liegt das?
Dr. Lehnhardt: Als ein Erklärungsmodell hat die Corona-Pandemie den in der Psychologie lange und gut bekannten Begriff „Resilienz“ zu einer neuen Aktualität und Bekanntheit verholfen.

Und was bedeutet der Begriff genau?
Dr. Lehnhardt: Gemeint damit ist ein natürlicher psychischer Schutzmechanismus gegenüber Widrigkeiten und Stressoren unseres Alltags – das heißt, Resilienz schützt uns vor stressbedingten psychischen Erkrankungen, wie z.B. Depressionen oder Angsterkrankungen. Neben den Alltagsstressoren zählen auch Traumata, schwierige soziale Lebensumstände, herausfordernde Lebensübergänge und körperliche Erkrankungen dazu. Während oder nach stressvollen Lebenssituationen bedeutet Resilienz, die psychische Gesundheit aufrechtzuerhalten oder rasch wiederherzustellen zu können.

Was macht die Corona-Pandemie mit unserer Psyche?
Dr. Lehnhardt: Als „Kollateralschaden“ der Corona-Pandemie haben psychische Folgeerkrankungen seit Beginn der Pandemie stark zugenommen. Auch in den Medien hat das Thema zunehmende Aufmerksamkeit bekommen. In der groß angelegten NAKO-Gesundheitsstudie hat sich gezeigt, dass sich die psychische Belastung in der deutschen Bevölkerung über alle Altersgruppen hinweg verstärkt hat, besonders deutlich aber in der jüngeren Altersgruppe und bei (jüngeren) Frauen. Das hat die viel zitierte COPSY-Studie zu den Kindern und Jugendlichen in Deutschland eindrucksvoll bestätigt – hier wiesen ein Drittel aller Kinder psychische Belastungen auf.

Und wie kann Resilienz auf diese Corona-Belastungen einwirken?
Dr. Lehnhardt: Früher ist man davon ausgegangen, dass Resilienz ein gegebenes, eher starres Vermögen ist, mit Stressoren positiv umzugehen. Neuere, wissenschaftlich begründete Konzeptvorstellungen verstehen Resilienz jedoch als einen lebenslangen, dynamischen Lern- und Entwicklungsprozess, der trainierbar ist. In einem „dynamischen Anpassungsprozess“ auf die psychischen Stressoren spielen individuelle Persönlichkeitseigenschaften und soziale Umweltfaktoren ganz entscheidende Rollen. Die Uniklinik Mainz untersucht zusammen mit dem Leibniz-Institut für Resilienzforschung diese sogenannten Resilienzfaktoren in Bezug auf die Corona-Pandemie.

Was kann man sich unter Resilienzfaktoren genau vorstellen?
Dr. Lehnhardt: Als Resilienzfaktoren gilt z.B. ein gesunder Optimismus, das bedeutet die eigene Wahrnehmung von Hoffnung und Zuversicht. Ganz aktuell kann die eigene Bewertung, dass die dritte Welle gebrochen scheint und durch die Fortschritte bei den Impfquoten nun endlich „Licht am Ende des Tunnels“ zu sehen ist, ein Beispiel dafür sein. Der Rückgriff auf früher erfolgreiche Problemlösestrategien („Coping“), ein positiver Bewertungsstil und die positive Selbstwirksamkeitserwartung, mit den Belastungen gut umgehen zu können, werden ebenfalls als wichtige Resilienzfaktoren verstanden. Förderlich für die Resilienz sind aber auch äußere Faktoren, wie die Wahrnehmung von sozialer Unterstützung oder eine abgesicherte finanzielle Situation.

Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach, © Foto: EVK

Kann man selber etwas tun, um seine eigene Resilienz zu stärken?
Dr. Lehnhardt: Strukturierte resilienzfördernde Interventionen sind psychologische Trainingsansätze, die auch webbasiert angeboten werden können. Zum Beispiel können hierbei ganz bewusst belastende Lebensereignisse kognitiv umbewertet und damit positiver besetzt werden. Dadurch kann subjektives Stresserleben reduziert werden.

Die Anwendung von Entspannungsverfahren und andere Techniken des Stressmanagements kann diesen Effekt noch zusätzlich verstärken. Gemeinsam führt das zu einer Abmilderung der „neurophysiologischen“ Stressantwort, das also der Reaktion des Gehirns auf Stress – und das fördert die Resilienz gegenüber der Entwicklung von psychischer Belastung!

Und gibt es auch ganz einfache Maßnahmen, die meine psychische Gesundheit stärken können?
Dr. Lehnhardt: Körperlich und geistige Aktivierung in Verbindung mit gesunder Ernährung und einer geregelten Tagesstruktur sind basale, aber damit auch ganz wichtige Grundlagen. Eine bewusste Filterung der Corona-Informationsflut ist genauso wichtig, um den kontinuierlichen Corona-Stress zu reduzieren. Hier sollte deutlich mehr auf zuverlässige Quellen und weniger auf „Social Media“ Inhalte zurückgegriffen werden.

Über die eigenen Gefühle von Angst und Unsicherheit mit vertrauten Personen sprechen und als vorübergehenden Zustand akzeptieren, kann ebenfalls hilfreich sein. Bei Auftreten von hartnäckigen Schlafstörungen, vermehrten Grübeln oder alltagseinschränkenden Ängsten und Vermeidung von früher noch angstfrei erlebten Situationen ist es aber ratsam, frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.

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