Foto: Gute Botschafter GmbH

Das Pflegekonzept der Evangelischen Altenpflege am Quirlsberg fordert von Angehörigen und Mitarbeitenden besonderen Einsatz und viel Verständnis. Die Bewohner dürfen weitestgehend tun, was sie mögen, was auch schon mal auf Unverständnis stößt. Das Haus plant Angehörigenabende, wenn die Corona-Situation es zulässt.

Den Bewohnerinnen und Bewohnern im Haus Quirlsberg der Evangelischen Altenpflege Bergisch Gladbach geht es richtig gut. Wenn sie mögen, dürfen sie den ganzen Tag im Schlafanzug herumlaufen, auch mit den Fingern essen und Gegenstände, die ihnen nicht gehören, kurzfristig an sich nehmen.

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„Unsere dementen Bewohnerinnen und Bewohner dürfen alles tun, solange sie sich selbst oder andere nicht gefährden“, beschreibt Gloria Lück, stellvertretende Leitung des Wohnbereichs 3, das Konzept des Hauses.

Für die Bewohner bringt das viele Freiheiten mit sich, bei den Angehörigen löst manche Situation zunächst Unverständnis aus und die Mitarbeitenden der Altenpflege sind gefordert, wenn es heißt, sich empathisch den dementen Bewohnern zu widmen, sich täglich auf veränderte Situationen einzulassen und sich auch viel Zeit für Gespräche mit Angehörigen zu nehmen.

Ein Beispiel aus der Praxis

Nennen wir die Bewohnerin in folgendem realen Beispiel Monika Mustermann: Weil sie davon ausgeht, dass alles rund um ihr Zimmer so wie früher „ihr Zuhause“ ist, wo sie das Sagen hat, schlägt sie eines Morgens mit einem lauten Knall ein Flurfenster zu. Sie versteht nicht, warum das Fenster zum Lüften geöffnet ist. Monika ist wütend und energiegeladen.

Ihr nun in dieser Situation erklären zu wollen, was es mit dem Fenster auf sich hat, bringt nichts, weiß Gloria Lück aus Erfahrung. Stattdessen wechselt sie die Anrede vom üblichen Sie plus Nachname jetzt zum Du plus Monika, streicht über ihren Arm und geht mit ihr ins hauseigene „Café“, wo sich die alte Dame wieder beruhigt.

„Die dementen Menschen tun das, was für sie in der aktuellen Situation passt“, erklärt Lück, „sie leben ganz in ihrer eigenen Welt.“ Der gesellschaftlichen Norm könne das in einzelnen Fällen durchaus widersprechen.

In der Tat wird Einrichtungsleiterin Christina Schulte-Mantel regelmäßig von Angehörigen gefragt, warum denn der Vater in einem schmutzigen Hemd herumläuft. Der Vorwurf: Die Einrichtung mache es sich viel zu einfach.

Dem hält Schulte-Mantel das besondere Konzept der Evangelischen Altenpflege entgegen, das gerade einen sehr hohen Einsatz der Pflegekräfte im Umgang mit den Bewohnerinnen und Bewohnern fordert und ihnen gleichzeitig ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Autonomie lässt. Im konkreten Fall bedeutet es, den alten Herren eben nicht zum Wäschewechseln aufzufordern, wenn er sich in seinem verkleckerten Hemd richtig wohlfühlt.

Das Pflegekonzept und seine Umsetzung im Alltag wird bei Angehörigenabenden vermittelt, die wieder angeboten werden sollen, sobald es die Corona-Situation zulässt.   

Bis dahin haben die Mitarbeitenden der Altenpflege viel zu erklären. Rund 1,5 Stunden dauerte jüngst ein Gespräch mit den Angehörigen eines Mannes, der im Quirlsberg sein neues Quartier bezog.

Was machen Pflegekräfte, wenn er nachts nicht schlafen kann und herumläuft, kann er hier malen, können wir ihn besuchen, wann wir wollen und wie verabschiede ich mich richtig von ihm, waren nur einige der vielen Fragen, die Martina Dominick, Fachkraft aus dem Bereich des Sozialen Dienstes, geduldig beantwortete.

„Die Ehefrau weinte und hat gesagt, nach 57 Ehejahren müsse sie ihren Mann jetzt zum ersten Mal alleine lassen.“ Doch nicht für lange Zeit, denn auf dem Quirlsberg dürfen die Angehörigen jeden Tag vorbeikommen und mit ihren Ehemännern und -frauen, Vätern und Müttern, Omas und Opas so viel unternehmen wie sie möchten.

Ein großes Thema ist die Situation, wenn plötzlich die eigene Mutter ihre Tochter nicht mehr erkennt und sagt: „Wer sind Sie?“. Gloria Lück bereitet die Angehörigen hierauf vor und gibt praktische Tipps, wie zu reagieren ist.

Alle Beschäftigten einbezogen

Bei der Umsetzung des Pflegekonzepts müssen alle Beschäftigten mitmachen, damit es klappt. Noch einmal Monika Mustermann: Als sie den Mann von der Haustechnik entdeckte, wie er dabei war ihr WC zu reparieren, wollte sie ihn hochkant hinauswerfen. „Das geht gar nicht.“

Also warb Gloria Lück beim Haustechniker um Verständnis, bat ihn das Zimmer zu verlassen, zog sich mit Frau Mustermann ins Café zurück und sagte unterdessen dem Handwerker Bescheid, nun doch bitte in kürzester Zeit die Reparatur durchzuführen. Was auch innerhalb von 15 Minuten gelang.

 Die Begriffe „meins“ und „deins“ werden von den Bewohnerinnen und Bewohnern neu gedeutet. „Eigentum im üblichen Sinne gibt es bei uns nicht“, erklärt Christina Schulte-Mantel und Gloria Lück nennt ein Beispiel: Hat sich ein Bewohner in ein „fremdes“ Bett gelegt, reagiert der eigentliche Zimmerbewohner in den meisten Fällen recht tolerant. Entweder sitzt er dann im Sessel und schaut dem anderen beim Schlafen zu – oder legt sich gleich daneben. „Wir greifen erst ein, wenn sich einer beschwert“, so Lück.

 

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1 Kommentar

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  1. Zum Schluss musste ich herzhaft lachen. Ein schönes Bericht über ein menschenwürdiges Konzept, das großen Einsatz erfordert. Wünschten wir nicht alle, dass man uns im Alter so begegnet?