Spätsommerlektüre: Ein preisgekrönter Roman über indigene Zeitgeschichte, ein psychologisch ausgefeilter literarischer Krimi und ein Roman über komplexe Freundschaften.

Louise Erdrich: Der Nachtwächter.
Aufbau 2021 € 24,00.

Die amerikanische Autorin mit deutschen und indigenen Wurzeln erhielt für ihren aktuellen Roman den Pulitzerpreis 2021 für Belletristik. Sie erzählt hier die Geschichte ihres Großvaters, der sich in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts wider jegliche Erfolgsaussichten gegen den Kongress der Vereinigten Staaten gestellt hatte.

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Im Jahre 1953 im ländlichen North Dakota: Thomas Wazhashk, Vorsitzender des Stammesrates der Chippewa, ist Nachtwächter in einer Lagersteinfabrik am Rande der Turtle Mountain Indian Reservation. In den Zeiten zwischen den Kontrollgängen geht er seinen Amtsgeschäften nach. Zu Anfang geht es noch um die Elektrifizierung der noch unerschlossenen Region, um Straßenbau usw. Aber dann nehmen die Probleme eine existenzielle Bedrohung an. 

Das bereits in den Vierzigerjahren von der US-Regierung entwickelte Terminationsgesetz sollte noch im selben Jahr umgesetzt werden. Dieses hatte zum Ziel, alle Indianerreservate aufzuheben, in dessen Folge dann alle Privilegien sowie der Schutz des Reservates wegfielen. Die indianische Bevölkerung würde quasi in einen boden- und schutzlosen Raum fallen. Arbeitslosigkeit und Armut wären die Folgen.

Um es nicht so weit kommen zu lassen, verfasst Thomas eine Petition nach der anderen, sammelt mit dem Stammesvorstand Unterschriften und entsendet eine Delegation in das nächstgelegene zuständige Office. Nach langen, zunächst erfolglosen Bemühungen erhalten sie die Chance, vor den Kongress zu treten und ihren Standpunkt zu vertreten. Können sie das Ruder noch umreißen? 

In diese hochinteressanten geschichtlichen Fakten ist eine illustre Zahl von Personen eingebettet, die nicht minder eindrucksvoll sind. Der Leser lernt viel über die Gebräuche und Probleme der Chippewa kennen und taucht in eine faszinierende fremde Welt ein. Es ist ein buntes und lebendiges Buch, literarisch auf hohem Niveau, mit viel Empathie für die Menschen, und von einer sehr klugen und sympathischen Autorin geschrieben. Das Highlight in diesem Sommer!

(Sylvia Jongebloed)

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Friedrich Ani: Letzte Ehre.
Suhrkamp 2021, € 22,00.

Der mehrfach preisgekrönte Krimi-, Drehbuch- und Jugendbuch-Autor hat mit „Letzte Ehre“ wieder ein kriminalistisches Meisterstück auf hohem literarischem Niveau geschaffen.

Ein scheinbarer Routinefall führt die Oberkommissarin Fariza Nasri in einen Sumpf von Verbrechen, die ein ungeahntes Ausmaß annehmen. In München wird die siebzehnjährige Finja nach einer Party im Haus des Freundes ihrer Mutter vermisst. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt, es gibt weder Zeugen noch Anhaltspunkte. Nachdem zuerst der Freund der Mutter als Hauptverdächtiger erscheint, tauchen im Laufe der Ermittlungen immer mehr Spuren auf, die zu anderen bisher ungeklärten Verbrechen führen.

Die Geschichte nimmt an Fahrt auf und führt immer weiter in tiefe menschliche Abgründe. So sieht sich die Kommissarin plötzlich vor der Aufgabe, drei Verbrechen gleichzeitig aufklären zu müssen, bei denen immer wieder ein und derselbe Name auftaucht. Fast zeitgleich wird ihre beste Freundin zu Hause überfallen und so schwer misshandelt, dass sie ins Koma fällt.

Fariza verbeißt sich zunehmend in ihre Nachforschungen und in den Fall ihrer Freundin, der nicht in ihren Aufgabenbereich gehört. Sie ist mit Leib und Seele Polizistin und besonders bekannt und berüchtigt für ihre Verhörtaktik. Mit viel Zeit und Einfühlungsvermögen denkt sie sich in die Verdächtigen ein.

Ihr hohes Unrechtsbewusstsein lässt sie nach der Arbeit schlecht abschalten und hat zu einem kleinen Alkoholproblem geführt. Nichtsdestotrotz macht sie sich wie besessen an die Aufklärung der Fälle, die alle in einem Strudel von Gewalt gegen Frauen und Kindern enden.

Ani hat mit Fazira einen Ausnahmecharakter geschaffen. Eine psychologisch ausgefeilte Figurenzeichnung bis in die Nebendarsteller hinein zeichnet diesen Kriminalroman besonders aus. Die eher lakonische Sprache und das Verzichten von sensationshungriger Gewaltdarstellung heizt die Spannung zusätzlich an und spielt mit der Phantasie des Lesers.

So ist dem Autor wieder ein literarischer Krimi der Extraklasse gelungen, der sich auch als Psychogramm einer kleinbürgerlichen Gesellschaft verstehen lässt. Ein Buch, das lange nachhallt und sich in den Kopf des Lesers einbrennt.

(Sylvia Jongebloed)

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Cynthia DˋAprix Sweeney: Unter Freunden.
Klett-Cotta 2021, € 22,00.

Die amerikanische Bestsellerautorin ist durch ihre erfolgreiche Familiengeschichte „Das Nest“ bekannt geworden. In ihrem zweiten Roman stehen wieder menschliche Beziehungen im Mittelpunkt. 

Die beiden Protagonistinnen Flora und Margot sind Freundinnen seit Beginn ihrer Karrieren als junge aufstrebende Schauspielerinnen in New York. Wobei Margot ziemlich schnell auf der Karriereleiter aufsteigt und Flora sich zunächst mit Nebenrollen zufriedengeben muss.

Bei der Aufführung eines Shakespeare-Stückes erleidet ein Kollege einen Herzinfarkt. David, ein Arzt aus dem Publikum eilt zu Hilfe, lernt Margot kennen und sie werden ein Paar. Flora wiederum trifft auf Julian, ebenfalls Schauspieler und ein Bekannter von Margot. Auch sie beginnen eine Beziehung, die allerdings durch wiederholte Trennungen und Versöhnungen strapaziert wird.

Beide Paare bleiben Freunde. Als Margot und David aus beruflichen Gründen nach Los Angeles ziehen, folgen Flora und Julian mit ihrer Tochter Ruby bald nach. Hier geht es den beiden letzteren beruflich und finanziell deutlich besser als in Big Apple.

Der Star unter ihnen bleibt Margot, die inzwischen zur Galionsfigur einer erfolgreichen Serie avanciert ist. Sie liebt Ruby über alles, verwöhnt sie und ihre Mutter mit Geschenken, was dieser nicht immer gefällt. Das scheint der einzige kleine Wermutstropfen in diesem heilen Beziehungsgeflecht zu sein. Doch dann findet Flora einen Tag vor dem Highschool-Abschluss ihrer Tochter durch Zufall einen Ring, der für immer alles verändern und die Beziehungen dieser beiden Paare zueinander total auf den Kopf stellen wird. 

Mit feiner Charakterzeichnung skizziert die Autorin vier total unterschiedliche Menschen. Verwoben in einer komplexen Handlung wird ihr Schicksal aus verschiedenen Perspektiven dargestellt. Rückblenden setzen ein Puzzleteil zum anderen, vervollständigen so das Gesamtbild und erhöhen die Dramatik. Bis zum Schluss fiebert man mit ihnen mit.

Der flüssige Schreibstil ist literarisch ambitioniert und lässt mit Spannung das nächste Buch dieser hoffnungsvollen Autorin erwarten. Gepflegte Unterhaltung! 

(Sylvia Jongebloed)

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Viel Spaß beim Lesen.

Ihre Birgit Lingmann und Pia Patt

Pia Patt und Birgit Lingmann führen die Buchhandlung Funk

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Lingmann (geborene Jongebloed) bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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