Jörg Schmitter ist Lehrer für Katholische Religion am Nicolaus-Cusanus-Gymnasium. Kein einfacher Job in diesen Tagen. In denen Skandale für Massenaustritte aus der Kirche sorgen. Schmitter nennt weitere Probleme – aber er steht zu seiner Kirche. Im Interview erklärt er, unter welchen Bedingungen Religionsunterricht heute noch funktionieren kann. Und warum Greta Thunberg eine Prophetin ist.

Wir treffen uns zum Gespräch in Herrenstrunden, in der Kirche St. Johannes der Täufer. „Hier bin ich getauft worden und zur Kommunion gegangen, hier haben meine Frau und ich geheiratet, und hier wurden auch unsere Kinder getauft,“ erläutert Jörg Schmitter die Wahl des Ortes.

Schmitter ist 50 Jahre alt, Lehrer für Katholische Religion und Latein sowie stellvertretender Schulleiter am Nicolaus-Cusanus-Gymnasium in Bergisch Gladbach. Der Besuch in der Kirche in Herrenstrunden ist also ein Heimspiel.

Religionslehrer Jörg Schmitter im Gespräch mit Reporter Holger Crump, Foto: Thomas Merkenich

Reisen nach Rom und Assisi hatten ihn dazu gebracht, katholische Theologie für das Lehramt zu studieren: „Auf einem Felsplateau vor einem Kloster habe ich meiner Reisegesellschaft den Sonnengesang von Franz von Assisi vorgelesen. Das hat etwas mit mir gemacht.“ Was genau, das kann er nicht in konkrete Worte fassen. Doch reifte danach der Entschluss, Religionslehrer zu werden.

Imageverlust für „Reli“

„Reli“ – hat das Schulfach mit einer Kirche im Krisenmodus, mit einer Austrittswelle sondergleichen, nicht einen faden Beigeschmack bekommen? „Es gibt tatsächlich Schülerinnen und Schüler, die sagen, bevor ich Philosophie nehmen muss, wähle ich lieber Religion“, entgegnet Schmitter aus dem Schulalltag. Das sei aber in anderen Wahlfächern der Mittel- und Oberstufe genauso.

Auch seine Tochter ringe gerade sehr mit dem Fach. „Es gibt aber ebenso Schülerinnen und Schüler, die wertschätzen, dass im Fach Religion mal ein anderer Blick auf das Leben geworfen wird.“

Dennoch, der Imageverlust der Kirche sei nicht von der Hand zu weisen. „Ja, es gibt einen kritischen Blick auf die Kirche, aufgrund der unsäglichen Missbrauchsfälle, aufgrund der unsäglichen Aufarbeitung,“ sagt Schmitter.

Foto: Thomas Merkenich

Sexualmoral aus der Steinzeit

Schülerinnen und Schüler erlebten ein Zeitalter der sexuellen Vielfalt. „Aus deren Perspektive wirkt die katholische Sexualmoral natürlich aus der Steinzeit. Die sagen uns: Schule lehrt uns, wie wichtig Toleranz ist. Gleichzeitig erleben sie bei der Kirche eine sehr festgefahrene Vorstellung, verknüpft mit moralischem Anspruch.“

Klar, Schülerinnen und Schüler würden nach Halt suchen, seien für Leitplanken dankbar. „Aber man kann ihnen nicht vorgeben, an welcher Stelle sie nun abbiegen müssen“, veranschaulicht Schmitter.

Beim Synodalen Weg, dem Forum von Klerikern und katholischen Laien, scheine sich immerhin in einigen Dingen ein Umdenken anzudeuten. Schmitter formuliert vorsichtig. Es zeige, wie lang der Weg der katholischen Kirche noch ist. Hin zu einem selbstverständlicheren Umgang der Katholischen Kirche mit Diversität, mit Frauenordination, mit der schonungslosen Aufklärung der Missbrauchsfälle.

Brisante Themen im Unterricht

Die Umstände für Religionsunterricht sind nicht einfach. Um welche Themen geht es dann im Schulfach „Reli“? Abseits der Schlagzeilen über das Thema „Kirche“?

#outinchurch sei ein Riesenthema gewesen – das Outing von Mitarbeiter:innen der katholische Kirche als queer, die mit ihrer sexuellen Identität nicht in das traditionelle Bild der Kirche passen. Es habe gezeigt, dass es in der katholischen Kirche auch anders gehe, sagt Schmitter.

„Im Idealfall sollte Religionsunterricht von den Fragen der jungen Menschen ausgehen, aufzeigen, was das Christentum ihnen anbieten kann. Am Ende muss es aber eine Offenheit in der Entscheidung geben. Ich kann da nur Angebote machen“, veranschaulicht Schmitter. „Ich mache keine Glaubensunterweisung!“

Prophetin Thunberg?

Kirche und Religionsunterricht, das lasse sich nur schwer auseinanderhalten. Er nennt die biblischen Propheten als Beispiel: „Die galten als „Wahr-Sager“, aber nicht in dem Sinne, dass sie die Zukunft vorhersagen konnten, sondern dass sie den Mächtigen offen die Wahrheit über ihren Machtmissbrauch vorhielten und gesellschaftliche Missstände anprangerten. Da stelle ich im Unterricht zum Beispiel einen Bezug zu Greta Thunberg her und frage: Ist Greta also eine Prophetin, wenn sie auf die Klimakrise hinweist?“

Der religiöse Kontext mag bei Thunberg fehlen. „Aber hier kann man die Brücke zu einem anderen Kerngedanken des Christentums schlagen. Nämlich dass die Welt als Gottes Schöpfung den Menschen geschenkt ist und sie für dieses Geschenk Verantwortung übernehmen müssen.“ Und da schließe sich wieder der Kreis. Zwischen Kirche, Lebenswirklichkeit der jungen Menschen und Religionsunterricht.

Jörg Schmitter unterrichtet am Nicolaus-Cusanus-Gymnasium Katholische Religion, auch mit aktuellen Themen und stellt Fragen wie: „Ist Greta also eine Prophetin, wenn sie auf die Klimakrise hinweist?“, Foto: Thomas Merkenich

Denken, was man glaubt

Schmitter steht zu seiner katholischen Kirche, mit allen Zweifeln, die er daran hat. Er ist ein streitbarer Geist, der gleichwohl abwägt und Themen von vielen Seiten beleuchtet wissen will.

Auch das Thema Sexualmoral will Schmitter differenziert betrachten. „Das Verbot von außerehelichem Sex mag für junge Menschen überholt klingen. Aber es kann doch auch etwas Positives bieten: Nämlich Verantwortung für mein Gegenüber zu übernehmen, nicht alles dem eigenen Lustgewinn unterzuordnen.“

Gleichwohl teile er dabei nicht alle Positionen der Katholischen Kirche, wie zum Beispiel jene zur Homosexualität oder auch zum Ausschluss verheirateter Männer und aller Frauen vom Weiheamt.

„Die Forderung, dass Priester zölibatär leben müssen, bestand ja nicht von Anfang an in der katholischen Kirche, sondern wurde in einer konkreten geschichtlichen Situation eingeführt. Und da kann man und muss man fragen dürfen, ob diese Ehelosigkeit von Priester heute noch Sinn ergibt. In den orthodoxen Kirchen z. B. müssen nur Bischöfe zölibatär leben – und zwischen diesen und der katholischen Kirche besteht ja sogar – anders als mit den evangelischen Kirchen – Abendmahlgemeinschaft,“ sagt der Religionslehrer.

„Wenn ich eine andere Auffassung habe, dann sage ich das. Und dann begründe ich das auch. Was man glaubt, das muss man auch denken können“, fasst Schmitter zusammen. Diese Leistung müsse auch die Kirche erbringen.

Foto: Thomas Merkenich

Neue Wege in der Pandemie

Differenziert ist auch der Blick auf das Thema Kirche und Pandemie. Ob sich die Kirche nicht allzu sehr in Zurückhaltung geübt hat in den vergangenen zwei Jahren? Wenn es um den Zuspruch angesichts zermürbender Lockdowns und immer neuer Regeln und Einschränkungen ging?

Schmitter überlegt: Für ihn zähle letztlich das, was auf lokaler Ebene geschehen ist.

Hier habe er in der Pandemie viele positive Beispiele erlebt. Wie die Gnadenkirche mit Pfarrer Thomas Werner, der gefragt habe: „Liebe Schule, was braucht Ihr in diesen Zeiten?“ und spontan den Kirchgarten für Begegnungszeiten und Abiturfeierlichkeiten der Schülerinnen und Schüler bereitgestellt habe.

Oder die Schulgottesdienste, die gemeinsam mit Seelsorgern der evangelischen Kirchengemeinde Heilsbrunnen und von St. Laurentius und Religionsgruppen vorbereitet und aufgezeichnet wurden: „Die haben wir dann im Rahmen des Unterrichtes angeschaut und die Links bereitgestellt, damit die Familien die Gottesdienste auch zu Hause schauen konnten.“

St. Johannes der Täufer in Herrenstrunden gehört zur Pfarrei St. Joseph und St. Antonius in Bergisch Gladbach, Foto: Thomas Merkenich

Solidarität mit den Einsamen

Und die adventliche Musik vom Dach des EVK-Rundbaus in der Stadtmitte. Oder die große Messe im Stadion, die sich zum Streitpunkt entwickelte und letztlich doch weiter bestehen wird.

„Die Kirche hat in der Pandemie neue Wege gefunden, um auf die Menschen zuzugehen.“ Und auch die vorübergehende Schließung der Kirchen während des Lockdowns sei wichtig gewesen, argumentiert Schmitter: „Es war ein Akt der Solidarität, mit jenen Menschen im Theater, auf den Bühnen und anderswo, die in ihrer Berufsausübung eingeschränkt waren.“

Das habe etwas von Zölibat gehabt. „Im eigentlichen Sinne des Wortes: Nämlich Solidarität mit jenen, die ebenfalls und ungewollt alleine sind.“

Viele Gründe für Austritte

Dennoch: Die Menschen stehen Schlange bei den Amtsgerichten, um aus der katholischen Kirche auszutreten. Was sind die Gründe? Der sexuelle Missbrauch, der Machtmissbrauch, die unvollkommene Aufarbeitung der Gräueltaten in der Kirche, der Umgang mit den Finanzmitteln – das treibe die Austritte voran, analysiert Schmitter.

Je entwickelter eine Gesellschaft, desto eher kommt es zu Austritten? Dieser These kann der Lehrer jedoch nicht viel abgewinnen. „Schauen Sie in die USA, dort funktioniert die Gleichung nicht. Sie mag für Teile von Mitteleuropa stimmen, ist aber letztlich zu einfach gedacht.“

Die Kirche in Herrenstrunden wird auch als Kulturkirche genutzt. Foto: Thomas Merkenich

Chancen für die Kirche

Auch hier gebe es Armut, wie er als Schulleiter immer wieder erleben müsse. Wenn sich zum Beispiel Familien einfach keine digitalen Endgeräte für den Unterricht leisten könnten.

„In der These schwingt viel Materialismus mit. Die Taschen voller Geld: Verleiht das dem Leben einen Sinn?“ fragt er provokant. Oder gebe es nicht etwas, das darüber hinausweist? „Das soll keine billige Jenseitsvertröstung sein. Die Frage ist einfach: Was könnte als Ansporn dienen, im Hier und Jetzt etwas besser zu machen?“ Kirche könne da Antworten liefern, das sieht er als Chance.

Und Kirche müsse ein Zuhause bieten. Er habe dies genau an diesem Ort des Interviews, in der Kirche in Herrenstrunden, noch erfahren dürfen. Seit Generationen sei das Leben seiner Familie mit dieser Kirche verknüpft.

Dieses Behüten durch die Kirche sei in einer individualisierten Gesellschaft mit ihrem Anspruch an Flexibilität natürlich nicht einfach zu bewerkstelligen. „Da suchen sich die Menschen auf dem Markt der Möglichkeiten einfach andere Dinge heraus. Kirche muss sich darauf einstellen. Sie muss sich darauf einstellen, heimatlosen Menschen wieder Obdach im ursprünglichen Sinne zu geben.“

Schmitter im Gespräch mit Reporter Holger Crump, Foto: Thomas Merkenich

Kleines Fach, große Fragen

Man könne dies auch Spiritualität nennen, welche die Kirche wiederbeleben sollte. Spiritualität erlebe heute ja vor allem mit Schlagworten wie Yoga oder Achtsamkeit einen regelrechten Boom.

Schmitter will dies seinen Schüler:innen vermitteln. „So bereiten wir Schulgottesdienst in den Religionsgruppen vor oder gestalten in der Oberstufe sogenannte Tage religiöser Orientierung, während der sich die Schülerinnen und Schüler in einem gewissen Rahmen, aber sehr selbstbestimmt mit existenziellen Fragen auseinandersetzen und auch an spirituellen Angeboten teilnehmen.“

Religionsunterricht – das hat für ihn aber auch einen diakonischen Aspekt. Und packt mit seinen Schülerinnen und Schüler alljährlich zur Adventszeit Geschenke für die Wohltätigkeitsorganisation Die Tafel. Das habe sich fest etabliert, gehöre mittlerweile einfach dazu.

Auch das hat Platz bei Jörg Schmitter im Religionsunterricht. Dem kleinen Fach für die großen Fragen.


Über den Religionsunterricht hat sich Jörg Schmitter auch im Podcast mit den „Glaubensdenkern“ unterhalten:

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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8 Kommentare

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  1. Liebes Pseudonym aka Drucker,
    ich stichele, weil ich ein grundsätzliches Problem damit habe, dass Menschen nicht mit offenem Visier diskutieren und sich hinter Fakenamen verstecken, statt erkennbar hinter ihren Argumenten zu stehen.

    Ich verzichte darauf, jetzt in einen Google-Wettbewerb um den besten Kronzeugen einzusteigen. Zumal diese Versuche, den kirchlichen Missbrauch zu quantifizieren, nicht weiter helfen. Jeder Fall ist einer zu viel. Und die Dunkelziffer soll ja auch enorm sein. Noch mal zum Zölibat. Der Sexualtrieb dürfte neben dem Selbsterhaltungstrieb der stärkste Impuls sein, der Menschen antreibt. Dem Selbsterhaltungstrieb ist weltweit über alle Kulturen hinweg das Recht auf Notwehr zugeordnet. Ganz im Gegensatz dazu wurde und wird der Sexualtrieb in vielen Kulturen diskriminiert, wobei sich die Katholische Kirche vermutlich den Spitzenplatz erobert hat. Diese Religion nimmt sich also das Recht, ihren geweihten Untertanen die Ausübung des dominanten Sexualtriebs zu verbieten. Dass jemand auf die Idee kommen könnte, das nicht als problematisch anzusehen, übersteigt meine Vorstellungskraft. Dass ein Großteil dieser Zwangsopfer in den Gemeinden „Seelsorge“ betreibt und damit Zugang zu Familien mit Kindern, Kinder- und Jugendgruppen ist eine Tatsache. Und vermutlich ist es auch eine Tatsache, dass die gequälten Seelen mit Sexverbot ihren Träumen und Phantasien ausgeliefert sind und viele der Versuchung erliegen, die sexuelle Nähe zu denen suchen, die für sie erreichbar und verführbar sind. Das Ergebnis und seine skandalöse institutionelle Aufarbeitung ist wirklich täglich in den Medien zu besichtigen.
    Das ist ungefähr das, was ich ausdrücken wollte.

  2. Ich habe Herrn Schmitter als engagierten Lehrer kennen gelernt, der nicht einfach stur nach offizieller Lehrmeinung unterrichtet, sondern Platz für Diskussion lässt.
    Er gibt seinen SchülerInnen das Gefühl, dass Sie auch mit einer von der Kirchenlehre abweichenden Meinung bei ihm gehört und ernst genommen werden (egal in welcher Altersstufe). Selbst wenn er sich dafür sicher oft auf dünnes Eis bzgl. seiner Zulassung als Lehrer für kath. Religion begibt.
    Er ermutigt seine SchülerInnen tatsächlich, selbst zu denken und tut nicht nur so.
    Vielen Dank dafür!

  3. Vorbemerkung: Glaubensfreiheit ist ein hohes Gut, das ich ohne Wenn und Aber verteidige.

    Alle Religionen befinden sich seit ihrer Grüdung durch vermutlich charismatische Menschen auf einem Rückzugsgefecht. Ausgehend von primitiven Belohnungs- und Bestrafungsmodellen versucht man bis heute, die Menschen in Angst zu versetzen, um denen zu gehorchen, die sich anmaßen, nicht demokratisch legitimierte Macht über viele Millionen Menschen auszuüben. Dieses Rückzugesgefecht bezieht sich u.a. auf die Erkenntnisse der Naturwissenschaften, auf die Abnahme des Bedürfnisses mystischer Welterklärungen wie auch dem Wunsch der meisten Menschen nach demokratischer Teilhabe. Die Katholische Kirche hat diesen letzten Punkt bis heute erfolgreich abgewehrt und durch das Dogma der angeblichen Unfehlbarkeit der Päpste stabilisiert. Der katholische Papst bezieht seine Legitimation aus der Wahl durch überwiegend uralte Kardinäle, die von den Päpsten ernannt werden. Entsprechend weltfremd ist die Politik dieser Leute, insbesondere wenn es um Moral, vor allem Sexualmoral geht. Man muss sich das immer wieder ins Gedächtnis rufen: Katholische Sexualmoral wird von alten Männern definiert, die eigentlich nie sexuelle Erfahrungen sammeln durften und wenn doch, dann illegal auf bekannte Weise. Die im Rahmen des „Synodalen Weges“ formulierten Fortschritte stellen das eben beschriebene nicht grundsätzlich in Frage, weil sich die geforderten Reformen im Wesentlichen auf das sog. „nicht geweihte“ Personal beziehen. Die Forderung nach Abschaffung des Zölibats, als wahrscheinliche Mitursache der massenhaften Missbrauchsfälle, ist in Kenntnis der sicheren Erfolglosigkeit zurückhaltend.

    Jemand der sich der Institution Katholische Kirche verpflichtet fühlt wie Herr Schmitter, weiß das alles und nimmt es in Kauf.
    Er nimmt es nicht nur in Kauf, er verteidigt einen wesentlichen Punkt sogar ausdrücklich, nämlich das „Verbot von außerehelichem Sex“. Welche Wirkung hat eine solche Haltung auf die unzähligen Unverheirateten, was bedeutet es, diese nichtehelichen Lebensmodelle als sündhaft zu verteufeln, wie weltfremd ist die Erwartung, junge Menschen würden sich ernsthaft mit solchen Vorstellungen identifizieren?

    So lange angeblich fortschrittliche Vertreter und Verteidiger der Kirche das Gesamtpaket unlegitimierte Macht von Päpsten und Kardinälen, Machtmissbrauch, Frauenfeindlichkeit, verkorkste Altmänner-Sexualmoral u.v.m. akzeptieren, haben sie nicht verdient, ernst genommen zu werden.

    1. „des Zölibats, als wahrscheinliche Mitursache der massenhaften Missbrauchsfälle“

      Das klingt hübsch scheinplausibel, konnte bislang aber nie nachgewiesen werden. Im Gegenteil: Laut Kriminalstatistik fand und findet der weit überwiegende Teil der sexualisierten Gewalthandlungen gegen Kinder innerhalb der Familie statt, wo vom Zölibat weit und breit nichts zu sehen ist.

      Dass sich der Zölibat aus anderen Gründen überholt hat, ist ein Thema für sich.

      1. Liebes Pseudonym oder heißen sie so?
        da die Zahl der Familien in Deutschland ca. 1000 Mal größer ist als die der katholischen Priester, ist ihre Aussage wenig hilfreich.
        Außerdem vertraue ich eher als ihnen dem renommierten Kirchenhistoriker Hubert Wolf , der im Deutschlandfunk sagte: „Denn der Zölibat ist Teil eines Systems. Und der Zölibat ist ein Risikofaktor für den Missbrauch. Deshalb darf man das Thema nicht länger aussitzen oder in einer Entschuldigungsrhethorik vertuschen. Sondern, es muss grundsätzlich dieses Problem, das Systemproblem, angegangen werden – und zwar im Interesse der Opfer.“

      2. „Liebes Pseudonym“

        Argumente statt Sticheleien, bitte.

        „da die Zahl der Familien in Deutschland ca. 1000 Mal größer ist als die der katholischen Priester, ist ihre Aussage wenig hilfreich.“

        Das ist ein Irrtum. Wenn der Zölibat auch nur ansatzweise so kritisch wäre, wie gerne dargestellt, müssten Missbrauchstaten durch Verheiratete die absolute Ausnahme sein. Die Kriminalstatistik spricht da eine andere Sprache.

        Die Ursache für sexualisierte Gewalt ist eher strukturell: Sie findet vor allem da statt, wo ein nicht öffentlich kontrollierter Kontakt zwischen Personen mit starkem Machtgefälle besteht. Der Unterschied zwischen Vorfällen in kirchlicher Umgebung und denen in Familien, Sportvereinen oder Bildungseinrichtungen liegt darin, dass die Kirchen als moralische Instanzen auftreten und deshalb derartige Taten in besonders krassem Widerspruch zum eigenen Anspruch der Institutionen und zu ihren Forderungen an andere stehen.

        „dem renommierten Kirchenhistoriker Hubert Wolf“

        Herr Wolf kann wohl kaum eine derartige Steilvorlage für eins seiner Lieblingsthemen ignorieren. Er stellt allerdings an anderer Stelle selbst fest, dass der Zölibat nicht die Ursache des Missbrauchs sei.
        https://www.katholisch.de/artikel/22338-kirchenhistoriker-wolf-aufhebung-des-pflichtzoelibats-geboten
        Die Bezeichnung als Risikofaktor ist hingegen eine sehr preiswert zu treffende Aussage, da dieser Riskofaktor in seiner Wirkung nicht bezifferbar ist.

        Das gleiche Medium, das Wolf zu Wort kommen lässt, berichtet übrigens auch über die einschlägigen Aussagen des Sexualwissenschaftlers Peer Briken (der in diesem Punkt fachlich sattelfester sein dürfte als ein Kirchenhistoriker) und zitiert ihn: „Solche simplifizierenden Aussagen zu Kausalzusammenhängen lassen sich wissenschaftlich nahezu nie belegen“.

        Besonders gefestigt ist der behauptete Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch also offensichtlich bei weitem nicht.

    2. Lieber Herr Schneider, zur Erläuterung bezogen auf das Thema Nr. 1 „außerehelicher Sex“.

      Ich bin nicht so weltfremd anzunehmen, dass gerade die älteren Jugendlichen, die ich unterrichte, nicht schon erste Erfahrung mit ihrer Sexualität gesammelt hätten. Und vielleicht kommt das in der – durchaus gebotenen Kürze – des Interviews nicht klar heraus. Ich nehme mir nicht das recht heraus, da moralische Urteile zu fällen.

      Worum es mir geht, ist das Thema Verantwortung – für sich selbst und vor allem für den anderen. Und das kann bedeuten, dass man auf die erste sexuelle Erfahrung oder auch den ersten Sex in einer sich neu anbahnenden Beziehung vielleicht noch einmal etwas länger wartet, sich Zeit lässt, statt sofort nur den Lustgewinn im Auge zu haben.

      Ich bin kein Verfechter der Vorgabe, Mann und Frau müssten bis zu einer Ehe warten, um ihre Sexualität auszuleben. Das wäre – ich wiederhole mich – weltfremd.

      Und ja – da stimme ich mit der Morallehre meiner Kirche nicht überein. Es handelt sich vielmehr um den von mir beschriebenen Fall: Ich stelle einen Ausschnitt aus der Lehrer der katholischen Kirche dar, das muss ich im Religionsunterricht. An dieser Stelle – an vielen anderen übrigens nicht – habe ich eine abweichenden Meinung – aus aus meiner Sicht guten Gründen. Und meine Meinung und die Gründe dafür sage ich dann meinen Schülerinnen und Schülern auch und begebe mich in den argumentativen Streit.

      Und wenn Sie den Text genau gelesen habe, dann müssten Sie auch verstanden haben, dass mir nichts ferner liegt als nichteheliche Lebensmodelle als sündhaft zu verteufeln.

      Mein Angebot: Gerne können wir uns einmal zusammensetzen und die vielen kritischen Punkte, die Sie benennen, sachlich ausdiskutieren. Vielleicht gelingt es Ihnen dann auch, mich ein wenig ernstzunehmen.

      Herzliche Grüße,
      Jörg Schmitter

      1. Lieber Herr Schmitter,
        gerne nehme ich Ihr Gesprächsangebot an.
        Ich werde dem Bürgerportal eine Mail zur Weiterleitung an Sie schicken.
        Freundliche Grüße
        Hartmut Schneider