Rewe Wintgens in der Schlossgalerie setzt zwar auch nostalgische Akzente, aber auch hier gibt es im Normalbetrieb sehr viele Reize. Foto: Helga Niekammer

Für Menschen, die mit lauten und grellen Reizen nur schlecht umgehen können, gibt es bald eine Erleichterung: Der Inklusionsbeirat, zwei Einzelhändlern und die Stadt Bergisch Gladbach setzen die Initiative „Zur Stillen Stunde“ um – und bieten eine reizreduzierte Zeit zum Einkaufen an.

Der alltägliche Einkauf ist in heutiger Zeit von ständiger Reizüberflutung geprägt. Die Beleuchtung ist grell, Musik dudelt im Hintergrund und Mitarbeiter wuseln mit ausladenden Rollcontainern hin und her, um die Regale aufzufüllen. An der Kasse erfasst der Scanner jeden Artikel mit schrillem Piepton und während des Bezahlvorgangs unterhalten sich andere Kunden lautstark.

All dies ist Alltag für die Mehrheitsgesellschaft, aber es gibt auch Menschen, bei denen allein die Vorstellung bereits großen Stress auslöst.

Stille Stunde soll Abhilfe schaffen

Insbesondere für Personen mit Autismus oder andere Personen mit Reizverarbeitungsschwierigkeiten können diese alltäglichen Situationen zur Herausforderung werden.

Deshalb möchte die „Stille Stunde“ den Kundinnen und Kunden eine reizreduzierte Zeit zum Einkaufen anbieten, bei der Augen und Ohren geschont und die Ablenkung im Geschäft minimiert werden soll. Dazu gehört auch, dass in dieser Zeit Assistenzhunde dort, wo es möglich ist, in den Geschäften willkommen sind.

Monika Hiller. Fotos: Thomas Merkenich

„Bergisch Gladbach ist eine der ersten Städte Deutschlands, die dieses Konzept nun ausprobiert. Deshalb sind wir auch froh und dankbar, dass wir einen Einzelhändler und eine Einzelhändlerin für diese Projekt gewinnen konnten. Wir hoffen, dass sich noch weitere Kooperationspartner finden lassen“, erklärt Monika Hiller, Inklusionsbeauftragte der Stadt Bergisch Gladbach.

Edeka Hetzenegger und Rewe Wintgens sind dabei

Konkret beteiligen sich Markus Hetzenegger und Ursula Wintgens mit ihren Lebensmittelmärkten in Sand (EDEKA) und in Bensberg (REWE) in der Schloßstraße an diesem Projekt. „Wir verstehen die Teilnahme an der ‚Stillen Stunde‘ als Signal an die Gesellschaft: Jede und jeder kann mit geringem Aufwand etwas tun, damit sich andere wohler fühlen“, so erläutert es Ursula Wintgens, Inhaberin des REWE-Marktes in der Schlossgalerie in Bensberg.

Das „Schlosslädchen“ von Ursula Wintgens. Foto: Helga Niekammer

„Wir wollen für all unsere Kundinnen und Kunden ein optimales Kauferlebnis bieten und wenn dies mit so einfachen Mitteln möglich ist, wollen wir es probieren“, ergänzt Markus Hetzenegger, Edeka-Händler in Sand.

Die „Stille Stunde“ soll in den Geschäften ab dem 1. März jeden Dienstag zwischen 16 und 18 Uhr stattfinden. In dieser Zeit sind natürlich auch alle anderen Kunden herzlich willkommen.

„Gerade am Anfang werden wahrscheinlich viele Fragen gestellt werden, warum es in den Läden leiser und dunkler ist als sonst, aber wir informieren gerne über die Gründe“, erläutern die beiden Kaufleute. „Auch sind wir für Anregungen und Ideen der Kundinnen und Kunden zur Optimierung der „Stillen“ Stunde offen.

Von Neuseeland nach Bergisch Gladbach

Die Idee und Umsetzung der „Stillen Stunde“ stammt aus Neuseeland und geht auf eine Angestellte einer Supermarktkette und Mutter eines autistischen Kindes zurück. Denn sobald sie mit Ihrem Kind einkaufen ging, begann es an zu schreien. Nach einem Gespräch mit ihrem Vorgesetzten und verschiedenen Tests in den Geschäften wurde die „Stille Stunde“ dort 2018 eingeführt.

Grund für die Einführung war, dass Menschen, die mit Autismus leben, oft an einer Reizüberflutung leiden, da sie sämtliche Eindrücke ihrer Umgebung nicht filtern können und somit schnell mit der Situation überfordert sind.

In der Schweiz wird die „Stille Stunde“ ebenfalls seit Kurzem getestet und wird dort immer beliebter, da die Ruhe beim Einkaufen von vielen Menschen einfach nur als wohltuend empfunden wird. In Deutschland wird dieses Projekt in vielen Kommunen interessiert beobachtet und nun in Bergisch Gladbach auch umgesetzt.

Pressestelle Stadt BGL

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10 Kommentare

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  1. Früher gab es auch mal eine mittagsruhe, wunderbar !!! Und abends war um 22.00 nachtruhe angesagt, also schluss mit hämmern und schreien.Oder eine sperrstunde, da hatte das gebrüll und die sauferei im gastgarten mal ein ende. Lang ists her….warum eigentlich ?

  2. Ein hoffentlich bald von vielen Händlern nachzuahmendes Konzept!
    Gerade dieses Radio- oder seichte Musikgedudel geht mir auf die Nerven und treibt mich des öfteren aus bestimmten Läden.
    Vielen Dank Frau Hiller für die Initiative!

  3. Ist es nicht eigentlich selbstverständlich, dass…
    – nur unbedingt erforderliche Durchsagen erfolgen?
    – so viele Kassen geöffnet sind, dass nur kurze Wartezeiten entstehen?
    – Unterhaltungen in der Öffentlichkeit nur in der Lautstärke erfolgen, dass die Beteiligten einander gerade so verstehen?
    – niemandem Musik aufgedrängt wird?
    Immerhin erfreulich, dass in zwei Geschäfte ein Stück Anstand zurückkehrt…!

  4. Super!!! Endlich hört das Gedudel auf, hoffentlich auch das Handy-Geklingel und Geplapper. Ich hoffe, daß der Versuch erfolgreich ist und es dann dauerhaft umgesetzt wird. Wünschen würde ich mir dann eine Stunde am Vormittag/Mittag und eine Stunde am frühen Abend. Schon jetzt herzlichen Dank an Frau Wintgens und Herrn Hetzenegger.
    Marit M. aus Bensberg

  5. Eine hervorragende Idee, die sicher nicht nur Menschen mit Reizverarbeitungsproblemen anspricht. Von daher wäre auch eine „stille Woche“ sehr angenehm, die dann jede Woche stattfinden dürfte. Allein das Abstellen der in einer Reihe von Supermärkten nervig vor sich hin dudelnden Fahrstuhlmusik oder des geistlosen Geplappers von „Einkaufsradios“ wäre ein echter Segen.

    Denn eins ist klar: Auch wenn nur ein kleiner Teil der Kunden mit spontanen Abwehrbekundungen auf diese akustische Umweltverschmutzung reagiert, sorgt sie bei vielen anderen für unterschwelligen Stress, der auch nicht gesund sein kann.

  6. Grundsätzlich eine gute Idee, dass man diesen Personen solche Einkaufsmöglichkeiten anbietet. Ob die Zeit dienstags zwischen 16 und 18 Uhr gut ausgewählt ist wird sich zeigen. Ich hätte eher eine Zeit in den Abendstunden erwartet.

  7. Das ist ja mal eine tolle Idee! Ich bin ganz gespannt, wie es angenommen wird und ob es sich durchsetzen wird! Ich finde es auch wunderbar, dass wir mit Hetzeneggers und U. Wintgens so innovative Einzelhändler hier in Gladbach haben! Da kann Einkaufen tatsächlich wieder Spaß machen.