Sehr viele Hände haben ineinander gegriffen, damit Stadtverwaltung, Feuerwehr und DRK einen Hallenkomplex in Hand innerhalb weniger Stunden zu einer voll ausgestatteten Erstaufnahme und Notunterkunft für Flüchtlinge aus der Ukraine verwandeln konnten. Wir haben uns die Arbeiten und das Ergebnis angeschaut.

Das ehemalige Zählerlager der Belkaw an der Hermann-Löns-Straße besteht aus drei miteinander verbundene Hallen und zwei Bürotrakte, verfügt über Strom, Licht, Heizung und Sanitäranlagen – und stand bis gestern komplett leer. Ein Glücksfall zu richtigen Zeit, berichtete Feuerwehrchef Jörg Köhler beim Ortstermin.

Denn die erste Notunterkunft an der Saaler Mühle ist bereits voll – und zwei Busse mit rund 100 weiteren Flüchtlingen seien gerade auf dem Weg nach Bergisch Gladbach.

Damit diese Menschen nicht auf der Straße stehen, griffen am Samstag sehr viele Hände ineinander.

Ein Trupp der Feuerwehr war noch in der Nacht nach Thüringen gefahren und hatte dort einen größeren Posten an Betten aufgekauft. Freiwillige und hauptamtliche Kräfte der Feuerwehr errichten mit Trennwänden in der Halle einzelne Zimmer, Mitarbeiter:innen des DRK installieren ein Registrierungssystem, die medizinische Versorgung, Küche und Spielecke.

Und im Hintergrund sind sehr viele mehr beteiligt. „Es gibt in der gesamten Verwaltung kaum jemanden, der nicht mit der Aufnahme der Menschen aus der Ukraine beschäftigt ist“, berichtet Kämmerer Thore Eggert, der auch für die Feuerwehr zuständig ist und den städtischen Krisenstab (SAE) leitet

Hinweis der Redaktion: Sie können diesen Text auch auf Ukrainisch und vielen anderen Sprachen abrufen, über die Sprachauswahl oben links.

In einer ersten Ausbaustufe sollen hier rund 200 Menschen unterkommen können. In Zimmern, die zunächst mit maximal vier oder fünf Personen belegt werden können. Ob und wie lange das reicht, weiß im Moment niemand, berichtet Eggert.

Künftig dient die Herman-Löns-Halle auch als offizielle Erstaufnahmestelle der Stadt Bergisch Gladbach.

Thore Eggert ist Kämmerer der Stadt Bergisch Gladbach, aber auch für die Feuerwehr zuständig und Leiter des Krisenstabs. Foto: Thomas Merkenich

Rund 500 Geflüchtete aus der Ukraine befinden sich bereits in Bergisch Gladbach, heute Abend könnten es schon 600 sein. Einen exakten Überblick hat die Stadt nicht, da rund die Hälfte der Menschen privat untergekommen sind (und womöglich auch einige mehr), andere bereits weitergereist sind.

Die Stadt hatte zunächst an den Otto-Hahn-Schulen ehemalige Schulcontainer in eine Notunterkunft verwandelt, mit inzwischen maximal 150 Plätzen, die weitgehend belegt sind. Darüber hinaus arbeitet die Hochbauabteilung der Stadt daran, die ehemalige Containerunterkunft auf dem Carpark-Gelände in Lückerath wieder in Betrieb zu nehmen; das kann aber noch bis Ostern dauern.

An der Hermann-Löns-Straße hat das DRK hat im Auftrag der Stadt den Betrieb der Einrichtung übernommen und setzt dafür ein neunköpfiges Team ein, von der Leitung über Sozialarbeiter:innen und Küchenhelfern bis zur Kinderbetreuung ein.

Steffen Schmidt hat schon in den Jahren nach 2015 in der Versorgung der Flüchtlinge gearbeitet, er leitet das DRK-Team in der Herman-Löns-Halle. Foto: Thomas Merkenich

Dabei greife das Team auf seine Erfahrungen aus den Jahren 2015 folgende zurück, berichtet Steffen Schmidt, der die Einrichtung leitet. Aber es sei auch wieder ganz anders – denn dieses Mal seien sehr viel mehr Kinder unter den Flüchtlingen.

Die Neuankömmlinge werden in der Hermann-Löns-Halle zunächst in einem ersten Wartebereich begrüßt, dann folgt ein Coronatest. Zudem gibt es einen ersten medizinischen Check – zum Beispiel auf Verletzungen, Bedarf an wichtigen Medikamenten und auch auf ansteckende Krankheiten, berichtet Schmidt. Dafür steht an diesem Wochenende durchgehend ein Arzt zur Verfügung.

Das DRK Rhein-Berg ist dringend auf der Suche nach qualifiziertem Fachpersonal, im sozialen und medizinischen Bereich, aber auch für Küche und Versorgung.

Die Stadt sucht weitere beheizbare Gewerbehallen ab 800 Quadrametern. Angebote für die private Unterbringung nimmt die Stadt gerne an – allerdings sollte es hier eine Perspektive von wenigstens sechs Monaten geben.

Angebote können an die zentrale Kontaktstelle per Mail an ukraine@stadt-gl.de gerichtet werden.

In einer weiteren Station werden die Flüchtlinge vom DRK für die Stadt registriert. Ob und in welchem Umfang diese Daten dann später für die Anmeldung bei der Ausländerbehörde genutzt werden kann gehöre zu den vielen Fragen, die noch geklärt werden müssen, sagt Eggert.

Danach können die Neuankömmlinge ihre „Zimmer“ in einem angrenzenden Hallentrakt beziehen. Sie bestehen aus Zellen von etwa 18 Quadratmetern und sind mit Betten sowie Spinden weitgehend vollgestellt. Sie sollen möglichst mit Familien belegt werden, und als Rückzugsraum dienen.

Im nächsten Hallenbereich befindet sich ein großzügiger Aufenthaltsraum, mit der Essensausgabe, Bierbänken und einer ersten provisorischen Spielecke.

„Hier war zuletzt eine Holzwerkstatt untergebracht, gestern noch alles voller Staub“, berichtet Köhler. Innerhalb von zehn Minuten sei ein Reinigungsunternehmen gefunden worden, nach wenigen Stunden war die Halle blitzblank.

Hintergrund: Wie helfen? Wo informieren?

Bei Sachspenden verweist die Stadt auf die einschlägigen Initiativen und Organisationen in den Stadtteilen. Für den unkomplizierte Austausch von Sachspenden gibt es u.a. die Facebook-Gruppe „Ukraine Hilfe in GL“. Stadt und die Betreiber bitten dringend, keine Sachspenden zu den Unterkünften zu bringen, auch ehrenamtliche Hilfe soll über die Kontaktstelle (s.u.) angeboten werden.

Die Hilfsorganisationen um Geldspenden, weil damit sehr viel effektiver geholfen werden könne. Geprüfte Spendenempfänger finden Sie hier. Lokale Spenden-Aktionen und Aufrufe listen wir hier auf.

Die zentrale Kontaktstelle der Stadt Bergisch Gladbach für alle Belange der Ukraine-Hilfe ist zu erreichen telefonisch unter 02202 14-2929 und 14-2928 sowie per Mail: ukraine@stadt-gl.de.

Alle Infoquellen, Anlaufstellen und Kontakte listen wir hier auf.

Der ganze Komplex ist gut beleuchtet, die Feuerwehr hat überall Rauchmelder installiert, es gibt überall Steckdosen und auch ein gutes W-Lan. Das DRK verfügt über gute Kontakte zu den ehrenamtlichen Initiativen und wird dort die Hilfe aktiv anfragen, die in den kommenden Tagen und Wochen benötigt werden. Etwas bei der Begleitung, dem Sprachunterricht und vielem mehr.

Jörg Köhler, Leiter der Feuerwehr Bergisch Gladbach. Foto: Thomas Merkenich

Noch herrscht in den Hallen eine konzentrierte Betriebsamkeit, die Feuerwehr ist mit ihrer Ausbildungsabteilung, der hauptamtlichen Wache und vielen Ehrenamtlern im Einsatz. „Egal ob Firmen, Dienstleister, die Stadtverwaltung oder unsere eigenen Leute – jeder packt an und macht alles möglich“, berichtet Feuerwehr-Chef Köhler.

Pläne für eine Aufstockung der Einrichtung gibt es natürlich längst, mehr Betten und für den Notfall auch Pritschen werden eingelagert. „Wir werden alle Menschen aufnehmen“, betont Dezernent Eggert. Allerdings werde auch Bergisch Gladbach irgendwann an seine Grenzen kommen – denn die Stadt muss ja auch die Folgeaufgaben bewältigen können.

Dass die Menschen rasch in ihre Heimat zurückkehren können, darauf setzt im Moment niemand große Hoffnung. „Das ist eine weitere Marathon-Aufgabe“, sagt Eggert.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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