707 unserer Leserinnen und Leser zahlen freiwillig einen monatlichen Beitrag, um die Arbeit der Redaktion zu unterstützen. Damit ermöglichen sie es uns unter anderem, mit Holger Crump einen Kulturreporter zu beschäftigen, der die Kunst- und Kulturszene in Bergisch Gladbach immer wieder in aufwendigen Beiträgen vorstellt, ergänzt durch Fotos von Thomas Merkenich.

Sie sind noch nicht dabei? Unterstützen Sie uns mit einem freiwilligen Abo!

Mit einer umjubelten Premiere flatterte die Fledermaus-Operette am Donnerstag in den Bergischen Nachthimmel. Das Team um Tanja Heesen (Regie) und Roman Salyutov (Dirigent) servierte im fast ausverkauften Bergischen Löwen eine saftig-bunte und hochmusikalisch Inszenierung. Drei weitere Aufführungen stehen an.

 „Karneval für die Augen“ hatte Tanja Heesen versprochen, und damit die Messlatte für ein Event im Rheinland reichlich hochgelegt. Heraus kam Karneval für alle Sinne. Mit einem Ensemble, das sich in bester Spiellaune zeigte. Im Orchestergraben, bei Solisten, Chor und Ballett.

Die gut-bürgerliche Stube im ersten Akt ist – wie so oft – Dreh- und Angelpunkt amoröser Verwicklungen.

Tanz auf der Titanic

Die Fledermaus: Das ist beschwingtes Musiktheater aus der Feder des Walzerkönigs Johann Strauß. Und eine der bekanntesten Operetten überhaupt. Der Plott ein Intrigenspiel des Adels, eine Racheaktion für ergangene Schmach.

Da geht es um Gesellschaft als Luftnummer, die beim Tanz auf der Titanic mit Karacho Richtung Eisberg schippert. Champagnertief die Gewässer, in denen man gerade noch so die Kurve bekommt.

Die Fledermaus – Operette von Johann Strauss

Notar Dr. Falke will sich an von Eisenstein rächen. Dieser hatte ihn nach einer durchzechten Nacht im Fledermauskostüm durch die Gassen der Stadt irren lassen. Falke bringt Eisenstein dazu, den Antritt einer kurzen Gefängnisstrafe zu verschieben, um am Abend den Ball des Prinzen Orlofsky zu besuchen. 

Dort trifft Eisenstein auf seine verkleidete Dienstmagd Adele sowie seine Frau Rosalinde. Eisenstein erkennt beide nicht und flirtet heftig mit den Damen. Am Ende rückt er ins Gefängnis ein und trifft dort auf Gesangslehrer Alfred, den Verehrer seiner Frau. Alfred war beim Stelldichein mit Rosalinde erwischt worden und hatte statt Eisenstein die Haft angetreten. 

Die Masken fallen, die Fistanöllchen werden offenbar. Eisenstein ist blamiert, Falkes fulminant geplante Rache gelungen.

Goldene Zwanziger

Zur Inszenierung: Tanja Heesen hat das Stück grob in die Goldenen Zwanziger verlegt. Einer Epoche zwischen den Kriegen, mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen. Ähnlich jener Zeit, in der die Fledermaus entstanden ist – die Uraufführung erfolgte 1874, kurz nach einem Börsenkrach.

Noch an drei Tagen ist das sinnlich-turbulente Vexierspiel im Bergischen Löwen zu sehen: 27. bis 29. Mai, jeweils 18 Uhr. Es gibt noch Restkarten! Infos in unseren KulturTipps.

Der Ball im zweiten Akt wird so zum Schaulaufen im stilechten Charleston-Kostüm, mit viel Schwarz und Gold und Glitzer. Mit unerfülltem Verlangen, das als burlesque Versuchung über den Köpfen schaukelt.

Sie können jedes Foto mit einem Klick groß stellen. Das Handy bitte quer halten.

Ein schlankes Bühnenbild verleiht dem ganzen Tiefe und unterstreicht die Verortung im Schloss Bensberg. Eine der vielen kölsch-rheinländischen Zitate in Text, Bild und Ton, die für Lacher im Publikum sorgen.

Psychische Untiefen

Aufblasbare Utensilien wie große Schwäne und Canapé stehen sinnbildlich für die pralle Selbstgefälligkeit der Protagonisten, die kurz vor dem Platzen stehen. So wie die beiden luftgefüllten Tyrannosaurus Rex, die munter auf der Party und im Gefängnis mitmischen.

Einst waren sie die größten Lebewesen der Erde – quasi der Adel der Fauna. Und doch verschwanden sie mit einem Federstreich vom Erdboden. Mit Akzenten wie diesen hebt sich die Inszenierung von einer reinen, amüsanten Nummernrevue ab.

Substanz erlangt das Stück aber auch durch das Ausloten psychischer Untiefen: Wie das frustrierte Liebesleben des Gefängnisdirektor Frank, der sein Glück mit einer Gummipuppe sucht und es später im Schrank seines Büros findet.

Rollwagen als Gefängnis: Im Knast offenbart sich das Zellen- und Seelen-Leben.

Andreas Drescher treibt die Figur im verschwitzten Trenchcoat mit Wiener Schmäh und angeklatschtem Scheitel wunderbar auf die Spitze.

Genial der schwarze „Falke“ (oder die Fledermaus?), die als Alter Ego den rachsüchtigen Dr. Falke (galant-intrigant Andreas Elias Post) umrundet und schöne Stimmungsbilder liefert: Etwa wenn der Stiefel des Falken auf dem Rücken des Racheopfers Eisenstein landet.

Der Ingrimm als düster schreitende Chimäre im unverholenen Zorn gefangen – da wabert das Unheil durch die Reihen der sich feiernden und Konversation betreibenden Equippe.

Leidenschaft als Quell allen Übels

Dieser Schwere setzt das Stück eine wunderbare Leichtigkeit entgegen. Mit Charakteren wie Tenor Alfred, gespielt von Marco Antonio Rivera, eine Entdeckung! Mexikanisch-feurig, mit kaum zu stoppendem Belcanto, bringt er Liebe und Leidenschaft als Quell allen Übels sinnlich und mit wunderbarem Spiel auf den Punkt.

Oder Gefängniswärter Frosch, besetzt mit dem „Klimpermännche“ Thomas Cüpper. Er entwickelt einen Moment des Innehaltens, blickt mit Sehnsucht in die ferne Heimat, herzerwärmend, zum mitsingen. Und wenn er mit Verweis auf Schwiegermütter eine „Schicksalsgemeinschaft“ heraufbeschwört, schließt sich schnell der Kreis zur überdrehten Partygesellschaft der Fledermaus.

Nicht zu vergessen Advokat Dr. Blind (Lars Conrad) als Harry Potter-Verschnitt. Ein herzerfrischender Seitenhieb auf die Juristerei, die eben nicht immer alles herbeizaubern kann. Ein ironischer Kommentar, aktueller denn je.

Hörens- und sehenswerte Besetzung

Die Proben ließen es bereits erwarten: Die Besetzung der Operette ist stimmgewaltig. Vor allem Madeline Cain als Rosaline und Ronja Weyhenmeyer in der Figur der Adele überzeugen mit feinem Timbre, großer Bandbreite im Ausdruck und kraftvoller Dynamik. Ebenso wie Karla Bytnarova, die in der Hosenrolle des Prinzen Orlofsky als dominanter Gastgeber reüssiert.

Die Besetzung
Gabriel von Eisenstein, Rentier: Michael Sablotny
Rosalinde, seine Frau: Madeline Caine
Frank, Gefängnisdirektor: Andreas Drescher
Prinz Orlofsky: Karla Bytnarova
Frosch: Thomas Cüpper
Alfred, der Gesangslehrer: Marco Antonio Riviera
Dr. Falke, Notar: Andreas Elias Post / Lars Conrad
Dr. Blind, Advokat: Lars Conrad / Andreas Elias Post
Adele, Rosalindes Kammerjungfer: Ronja Weyhenmeyer
Ida, Adeles Schwester: Silke Weisheit

Auch schauspielerisch fügt sich das Ensemble zu einer harmonischen Truppe zusammen. Nicht zuletzt mit Hans Michael Sablotny als Gabriel von Eisenstein, gewichtig im Auftritt, und doch so leicht zu verführen.

Exzellent auf der Schauspielbühne vor allem das Geschwister-Duo Adele (Weyhenmeyer) und Ida (Silke Weisheit), die sich mit ihrem lässig-gehässigen Miteinander durch die Intrigen tuscheln und die Szenerie mit herzerfrischenden Einwürfen („Wann jibbet wat zu essen?“) aufmischen.

Es wienert und walzert

Keine Operette ohne Chor: Dieser treibt vor allem die Finalpassagen im zweiten und dritten Akt mit Wucht nach vorne, beherrscht aber auch die leisen Töne exakt und transportiert in der wunderbar inszenierten „Kerzenszene“ zur Dämmerung viel an Emotionen.

Roman Salyutov bringt die Partitur mit dem über 40-köpfigen Bergisch Gladbach Sinfonieorchester sauber und transparent im Klang auf den Punkt. Dass die Streicher den Job ob ihrer Qualität meistern würden, das war anzunehmen. Aber auch das Blech, die Holzbläser und das Schlagwerk untermauern den Soundtrack zum Singspiel mit großem musikalischem Gespür.

Markant die Ouvertüre, die als Solostück auf Konzertpodien zu hören ist. Insofern keine leichte Übung. Mit Wiener Schmiss kommt die Polka „Unter Donner und Blitz“ daher. Bei der Balletteinlage walzert und wienert es ordentlich im Orchestergraben. Man hätte sich gleichwohl mehr Raum für die Tänzer:innen gewünscht.

Tanja Heesen und Roman Salyutov

Ein großer Spaß

Die Bergische Fledermaus: Die Inszenierung ist ein großer Spaß. Modern aber nicht entschlackt und karg, verleiht sie dem Werk zusätzliche Tiefe, die dem aufmerksamen Betrachter ein Plus an Entdeckungen bietet. All dies klangvoll, prächtig, ohne in überzuckerten Schwulst zu verfallen. Gleichwohl: Etwas mehr Textverständnis in den Gesangspassagen wäre das i-Tüpfelchen.

Nach Don Giovanni war dies die zweite Produktion des Musiktheater Rhein-Berg. Vielleicht steht das Fledermaus-Wochenende für den Beginn einer Tradition, regelmäßig großes Musiktheater auf die hiesigen Bühnen zu bringen. Getragen von noch mehr Schultern.

Alle Fotos zum Thema

Die bergische Fledermaus in 3 Aufzügen und 33 Fotos

Die Inszenierung der Operette „Die Fledermaus“ im Bergischen Löwen bietet großartige Musik – aber auch den versprochenen „Karneval für die Augen“. Zur Erinnerung für alle, die im Theater waren, und als Anreiz, noch schnell Karten zu kaufen, zeigt Thomas Merkenich einige Momente aus den drei Aufzügen.


„Die Fledermaus“
Operette in drei Aufzügen von Johann Strauß
26. bis 29. Mai 2022, jeweils 18 Uhr, zwei Pausen
Bürgerhaus Bergischer Löwe
Restkarten an der Theaterkasse (28,70 bis 45,20 Euro)

Musikalische Leitung: Roman Salyutov
Regie/Chorleitung: Tanja Heesen
Choreographie: Yvonne Fuchs
Korrepititor: Norbert Brochhagen 
Bühnenbild: Gisela Werner, Philipp Henneke
Kostüme: Renate Lehmenkühler
Assistenz: Brigitte Brons, Heide Heesen

image_pdfPDFimage_printDrucken

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.