Ein englischer Roman entführt uns in die 1930er Jahre, eine französische Polizistin nimmt uns mit zu einem alten ungelösten Fall, und mit zwei Frauen reisen wir durch die Bretagne und die Normandie. 

Jane Gardam: Mädchen auf den Felsen. 
Hanser 2022, € 22,00.

Die unvergleichliche Jane Gardam hat schon mit ihrem Debüt ein kleines Meisterwerk geschaffen. Endlich liegt es auch in der deutschen Übersetzung vor. Obwohl schon 1978 erschienen, ist es zeitlos und thematisch nach wie vor hochaktuell.

England 1930er Jahre: Die achtjährige Margret macht gerade schwere Zeiten durch. Nach der Geburt ihres kleinen Bruders dreht sich alles um ihn. Ihre Mutter hat deshalb ein schlechtes Gewissen und erlaubt ihr, einmal in der Woche mit dem neuen Hausmädchen Lydia einen Ausflug zu machen. An diesem Mittwoch, es ist ein heißer Sommertag, fahren sie mit dem Zug Richtung Küste.

Während eines Spazierganges entdecken sie mitten in einem Park ein riesiges altes Landhaus mit merkwürdigen Bewohnern. Es ist nicht nur ein Altersheim für alte Künstler, sondern beherbergt auch eine psychiatrische Station. Hier kreuzen sich nun Gegenwart und Vergangenheit, viele Konflikte haben hier ihren Ursprung, brechen erneut auf und werden in Rückblenden erzählt.

Margret, die Hauptperson dieses Romans, wächst in einer sehr religiösen Mittelschichtfamilie auf. Dem strenggläubigen Vater kann durchaus Sektierertum unterstellt werden. Er führt ein eisernes Regime, in dem Bigotterie und Heuchelei an der Tagesordnung sind.  Am Ende der Geschichte wird er selbst zum Opfer seiner eigenen Ansprüche, was nicht einer gewissen Ironie und Tragik entbehrt. Der Mutter, die ursprünglich eine andere Lebensplanung hatte, bietet sich die Möglichkeit, ihr bisheriges Leben  noch einmal kritisch zu überdenken.

Lydia, das äußerst lebensfrohe Hausmädchen, steht im totalen Gegensatz zum übrigen Haushalt und tut das ihrige dazu, das Leben der Familie gehörig auf den Kopf bzw. infrage zu stellen. Margret erwächst aus diesem Sommer gestärkt und selbstbewusst, aber auch mit Blessuren und tragischen Erfahrungen.

Ein Roman, der in einem ruhigen Fahrwasser beginnt, dann aber deutlich an Fahrt aufnimmt und geschickt an der Spannungsschraube dreht bis zum dramatischen Ende. Die feine Figurenzeichnung gepaart mit stimmungsvollen Landschaftsbeschreibungen sind ein Lesegenuss und meisterlich umgesetzt. Vordergründig ein Gesellschaftsroman, der in einer Zeit des Umbruchs zwischen zwei Weltkriegen spielt, werden sowohl mit feiner Ironie als auch tiefgründig zeitlose und existentielle Fragen des menschlichen Lebens behandelt.

Very british, very well-made, ganz große Erzählkunst!

(Sylvia Jongebloed)

Das Buch in unserem Onlineshop

Olivier Norek: Das versunkene Dorf.
Blessing 2022, € 18,00.

Der Franzose Norek mischt schon seit einigen Jahren in der obersten Krimiliga seines Heimatlandes mit. Hier bei uns ist er eine wahre Entdeckung. Auch in seinem zweiten auf Deutsch erschienenen Krimi fließen seine eigenen Erfahrungen als ehemaliger Polizeibeamter mit ein.  

Paris: Die ambitionierte Chefin der Drogenermittlung, Noémi Castain, erleidet während eines Polizeieinsatzes schwere Verletzungen. So ist eine Hälfte ihres Gesichts entstellt, und die seelischen Blessuren sind enorm. Für immer gezeichnet, ändert sich ihr Leben von einem Tag auf den anderen.

Das hat nicht nur Folgen für ihr Privatleben, sondern weitet sich auch auf ihre Arbeit aus. Ihre Vorgesetzten trauen ihr keinen vollen Arbeitseinsatz mehr zu und wollen sie loswerden. Sie schieben sie vorerst unter vorgeschobenen Begründungen in die Provinz ab.  

Avalone, Südfrankreich: Der Schritt von der pulsierenden Metropole ins Dorfleben erweist sich zunächst als äußerst frustrierend und Castain fühlt sich vollkommen überqualifiziert. Dann wird in einem Plastikfass eine verweste Kinderleiche aus dem Stausee des Dorfes geborgen. Jetzt ist Castain gefordert.

Ihr untrüglicher Instinkt lässt sie einen fünfundzwanzig Jahre alten Fall wieder neu aufrollen, sehr zum Unmut der Einwohner. Damals wurde das alte Dorf im Stausee geflutet und ein neues Avalone erbaut. Kurz bevor die letzten Häuser untergingen, verschwanden drei etwa zehnjährige Kinder. Der Fall wurde nie gelöst.

Ein DNA-Abgleich beweist, das es sich bei der gefundenen Leiche um eines dieser Kinder handelt. Castain verbeißt sich mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit in den Fall, läuft gegen eine Wand des Schweigens und begibt sich in große Gefahr.

Der Originaltitel „Surface“ (Oberfläche) sagt schon viel über das Buch aus. Immer mehr versunkene Details drängen an die Oberfläche und schaffen eine faszinierend gruselige Grundatmosphäre. Als Gegenpol steht eine äußerst komplexe Figurenzeichnung des Hauptcharakters. Eine einst starke Frau, die droht sich selbst zu verlieren, aber gegen ihre Traumata ankämpft und langsam wieder an die Oberfläche kommt, das ist gekonnt dargestellt.

Spannend, anspruchsvoll, psychologisch ausgefeilt und mitreißend. Ein Buch, in das man versinkt und irgendwann wieder auftaucht, enttäuscht, dass es schon zu Ende ist, doch mit der Hoffnung auf eine baldige Fortsetzung!

(Sylvia Jongebloed)

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Fanny André: Zwei am Meer. 
Dumont 2022, € 22,00.

Lust auf Urlaub am Meer? Dann begleiten Sie uns durch die Seiten dieses Buches zu den Sehnsuchtsorten vieler deutscher Urlauber. Auf einem Roadtrip lernen wir viele bekannte und auch neue Seiten der Bretagne und Normandie kennen.

Camille und Isabelle treffen sich nach Jahren auf der Beerdigung ihres Sohnes bzw. Ex-Mannes wieder. Sofort stellt sich die alte Vertrautheit und Sympathie wieder ein. Beide haben vieles hinter sich gelassen und stehen an der Schwelle zu grundlegenden Veränderungen in ihrem Leben.

Die achtzigjährige Camille möchte, nachdem sie Ehemann und Sohn verloren hat, jetzt endlich sich selbst an die erste Stelle in ihrem Leben stellen. Die Mittvierzigerin Isabelle will sich nach einem Burnout und dem Verlust ihrer Arbeitsstelle wieder neu erfinden und die depressive Phase hinter sich lassen. Auf Vorschlag von Isabelle machen sich beide zusammen auf die Reise durch die jeweilige Heimat der anderen.     

Die beiden ungleichen Frauen lernen ganz neue Seiten an sich selbst und an der jeweils anderen kennen. Alte Vorurteile gegenüber den beiden Regionen werden über Bord geworfen und vieles erscheint in einem anderen Licht. Orte voller Erinnerungen werden wieder aufgesucht und bekommen einen neuen Glanz.

So wird ein Ausflug nach Giverny zu den Gärten Monets zu einem Schlüsselerlebnis für die Protagonistinnen und zu einem Farbrausch und Dufterlebnis sondergleichen für uns Leser*innen. Auf einer Obstplantage gesellen sie sich zu den anderen Pflückern, helfen mit, lassen sich einfach nur fallen und genießen den Tag. Über all dem schwebt in der Ferne das altbekannte Chanson „La Mer“ und rundet das maritime Feeling ab.

Die Autorin driftet dabei nie ins Kitschige ab. Die Geschichte kommt nicht nur ohne die üblichen Frankreich-Klischees aus, sondern regt auch zum Innehalten und Reflektieren über das Leben im allgemeinen an. Ein Wohlfühlbuch mit Tiefgang an den richtigen Stellen, voller Atmosphäre sowieso sympathischen Charakteren.

Für Frankreich-Kenner und solche, die es werden wollen, ein gleichermaßen inspirierendes und unterhaltsames Buch, das den diesjährigen Sommer nicht nur abrundet, sondern auch neue Impulse schafft. Dazu braucht es nur noch einen kühlen Weißwein, Meeresfrüchte und die passende Musik: La Mer …..  

(Sylvia Jongebloed)

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Viel Spaß beim Lesen,

Ihre Birgit Lingmann und Pia Patt

Pia Patt und Birgit Lingmann führen die Buchhandlung Funk

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Lingmann (geborene Jongebloed) bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Buchhandlung Funk

Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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