Foto: Philipp J. Bösel

707 unserer Leserinnen und Leser zahlen freiwillig einen monatlichen Beitrag, um die Arbeit der Redaktion zu unterstützen. Damit ermöglichen sie es uns unter anderem, mit Holger Crump einen Kulturreporter zu beschäftigen, der die Kunst- und Kulturszene in Bergisch Gladbach immer wieder in aufwendigen Beiträgen vorstellt, ergänzt durch Fotos von Thomas Merkenich.

Sie sind noch nicht dabei? Unterstützen Sie uns mit einem freiwilligen Abo!

+ Anzeige +

Depressionen bei Kindern und Jugendlichen – die Inszenierung „Lichterfangen“ des Jungen Ensemble am THEAS greift kein einfaches Thema auf. Klare Bilder und wechselnde Perspektiven schaffen gleichwohl den leichten Zugang. Konsequent in der Darstellung liefert das Stück Lösungen und leistet einen Beitrag zur Entstigmatisierung.

„Was geht ab bei Familie Klein?“ Tochter Alma leidet an Depressionen. Und versucht trotz allem ihren Alltag zu stemmen. Mal klappt es, mal geht es schief. Eine Spirale des Wunderns und Verdrängens, des Eingestehens und des Helfens kommt in Gang.

Was die Krankheit für Alma bedeutet, was die Depression mit ihr macht, wie Freunde und Familie reagieren. Davon erzählt die aktuelle Inszenierung „Lichterfangen“ des Jungen Ensemble am THEAS. Depression ist eben auch bei Kindern und Jugendlichen ein Thema.

Foto © Philipp J. Bösel

Lichter fangen, Licht erfangen

Aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet das Stück die Veränderungen der Protagonistin. „Lichterfangen“ wurde von den Schauspielerinnen des Ensembles selbst entwickelt. Anhand von Recherchen, von Gesprächen mit Betroffenen des Vereins Die Kette e.V.

„Der Titel stammt aus einem Gedicht von einer Darstellerin, das in der ersten Probenphase entstanden ist“, erklärt Regisseurin Kristin Trosits.

Kollektiv habe man sich für den Begriff entschieden. Er bietet Interpretationsspielraum: „Je nachdem wie man Lichterfangen liest, ergeben sich passende Gedanken zu unserem Stück.“

Lichterfangen – Das neue Stück des Jungen Ensembles am THEAS
Geeignet ab 12 Jahren

Premiere: Freitag 2. September 20 Uhr, mit einem Grußwort von Schirmherr Frank Stein
Weitere Aufführungen: 3./9./16./17./23./24. September, jeweils 20 Uhr, mit Publikumsgespräch und Gästen im Anschluss
Tickets 15 Euro / ermäßigt 10 Euro
Kartenreservierung unter 02202 9276 5015 oder auf den Webseiten des THEAS

Interessenten für Schulaufführungen oder Begleitworkshops (LICHTERFANGEN PLUS) wenden sich an die Schulkoordinatorin Vera Pilkuhn vera.pilkuhn@theas.de

Gefördert vom NRW-Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport und der Kultur- und Umweltstiftung des Kreissparkasse Köln

Das Thema ist schwer, die Inszenierung kommt gleichwohl leicht daher. Poetry-Slam, Chorgesang, Sprechmusik – die Schauspieler:innen bedienen sich zeitgenössischer Stilmittel der Jugendkultur.

Das schafft Abwechslung, bringt Rhythmus ins Geschehen, transportiert ganz nebenbei das Umfeld der Akteure, bietet Identifikationsmöglichkeiten für die Zuschauer.

Beklemmung auf dem Schulhof

Bühnenbild und Kostüme in schwarz lenken den Fokus auf die Gesichter und geben zugleich die Stimmung vor. Die wird jedoch dank einer gewitzten Lichtinszenierung mit LED-Leisten immer wieder gebrochen.

So kreiert das Ensemble Räume, schafft Perspektiven, lässt eine Situation sinnbildlich auf der Kippe stehen. Mit wenig Mitteln wird viel erzählt – das ist klar und zugänglich.

Szenisch trifft das Ensemble die Situation von Betroffenen ziemlich genau, teils mit pfiffigen Ideen. Etwa wenn Familienhund Mr. Bones in seiner Hütte darüber nachdenkt, warum es heute noch kein Fressen vom jugendlichen Frauchen gab.

Foto © Philipp J. Bösel

Beklemmung macht sich breit, wenn Alma mit „Lächeln, nicken, grüßen“ verzweifelt versucht, die Fassade auf dem Schulhof aufrecht zu erhalten Auch wenn ihr noch so elend ist.

„Du bist so unauffällig, dass es wieder auffällig wird.“ Typische Ängste depressiver Menschen und ihr Umgang damit schaffen einen Zugang zur Krankheit, liefern Erklärungen für scheinbar sonderbare Verhaltensmuster.

Entstigmatisierung

Die Zuschauer erleben Almas Talfahrt hautnah, ausgespart wird nichts, auch nicht das Thema Suizid. Auch da ist „Lichterfangen“ ziemlich konsequent.

Dieser Aspekt wird jedoch auf einer anderen Erzählebene berührt, und liefert letztlich den Anstoß für Almas Hilfe. Lösung ist möglich und wird angeboten, so eine Botschaft des Stücks.

Eva Birkemeyer, eine der Darstellerinnen, hat die Entstehung des Theaterstücks in einem Tagebuch aufgeschrieben, eine dritte Folge erscheint nach den Aufführungen:

„Lichterfangen“ ist nicht nur bewegendes, gut gemachtes Theater, eindrucksvoll entwickelt und inszeniert von den Mitgliedern des Jungen Ensemble. Es leistet zugleich einen wichtigen Beitrag zur Entstigmatisierung von Depression, schafft ein Bewusstsein für die Krankheit, fordert beim Betrachter eine Überprüfung seiner Sichtweisen.

Schulaufführungen ausverkauft

Und das ist ein Prozess, den die Schauspielerinnen in den Proben ebenfalls erlebt haben. „Depression erkennt man nicht sofort“, „ich habe viel dazugelernt“ berichten die Akteure.

Darstellende: Eva Birkemeier, Enni Cramer, Emily Defeu, Line Houtrouw, Mia Kombüchen, Nike Maslic, Viktoria Mudry, Ramiza Murtezi, Juli Oessenich, Celina Richartz

Produktionsassistenz: Ruben Loers
Bühne: Ute Diez
Kostüme: Nadine Gottwald
Regie: Kristin Trosits

Wie wichtig das Thema ist, wird nicht zuletzt am Kartenvorverkauf sichtbar: Die Schulaufführungen, die das THEAS zusätzlich zu den Abendvorstellungen anbietet, sind bereits alle ausverkauft.

Interessierte Schulen können sich jedoch noch für Workshops anmelden, um das Thema gesondert zu behandeln.

image_pdfPDFimage_printDrucken

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.