Bevor ein Theaterstück auf die Bühne kommt, passieren viele Dinge – so auch beim neuen Projekt des Jungen Ensembles am Theas Theater. Eva Birkemeier nimmt Sie mit hinter die Kulissen: In einem ganz persönlichen Proben-Tagebuch beschreibt die junge Autorin ebenso liebevoll wie witzig, wie die Jugendtheatergruppe ihr neues Stück entwickelt, das im September aufgeführt wird.

Es ist so weit: Der Tag, dem ich seit Monaten mit einer Mischung aus Nervosität und Vorfreude entgegenfiebere, ist endlich da. Heute fängt die 15. Produktion – meine fünfte – des Jungen Ensembles (JE) an. Auf der einen Seite fühlt es sich so familiär an, als würde ich nach einem monatelangen Urlaub nach Hause kommen. Auf der anderen Seite kommt es mir vor, als stünde ich hier zum ersten Mal.

Wahrscheinlich liebe ich genau das am JE. Ich weiß schon ungefähr, was mich hier erwartet, den Großteil der Mitspielerinnen kenne ich aus vorherigen Projekten, das neue Thema ist bekannt – es wird um Depressionen bei jungen Menschen gehen -, und auch der Ablauf der Erarbeitung wird nicht großartig neu sein. Trotzdem ist es jedes Jahr wieder ein Abenteuer. Neues Thema, neue Menschen, neue Ideen …

Hintergrund: Seit 2009 bringt das Junge Ensemble unter der Leitung von Kristin Trosits Theaterstücke zu aktuellen Jugendthemen auf die Bühne des Theas Theaters. Die Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren erarbeiten die Stücke selbst. Alle Beiträge zum Jungen Ensemble finden Sie hier.

Eva Birkemeier schildert in einer Mini-Serie exklusiv für das Bürgerportal die drei Phasen der aktuellen Produktion: Stück-Entwicklung, Proben und Aufführungen (im September 2022).

So. Genug geschmachtet. Was wir am ersten Tag machen, ist für Außenstehende vergleichsweise unspektakulär: Man trifft seine alten Mitspieler:innen wieder, lernt die neuen bei einigen ersten Theaterübungen kennen und bespricht ein paar allgemeine Dinge zum Ablauf der Produktion.

Ich bin bereit, wieder für einige Monate meine Wochenenden in diesem wunderbaren Wahnsinn zu verbringen!

Erst das Bühnenbild, dann das Stück

Die nächsten Proben drehen sich erst einmal um das Bühnenbild. Ja, wir arbeiten am Bühnenbild, bevor wir unser Stück geschrieben haben. Allerdings schaffen wir natürlich nicht eins zu eins unser fertiges Bühnenbild – das wäre so früh nicht unbedingt praktisch – , doch das Ausprobieren führt uns schon mal an das kreative Arbeiten und das Bühnendenken heran.

Dieses Mal probieren wir viel mit Licht aus. Tatsächlich spielen wir also erst mal eine Weile mit Lampen, Farbfiltern, Prismen, Wasser und allem möglichen herum, um zu gucken, was für Bilder dabei entstehen.

Wenn man von der Straße aus unsere Arbeit durch die Fenster beobachtet, denkt man wahrscheinlich, dass wir alle mächtig einen an der Klatsche haben, aber hey: Aus mit LED-Leisten umwickelten Stäben ein Zelt zu bauen, lässt auch Teenieherzen höher schlagen!

Freie Bahn für das innere Kind

Man verbringt also sechs Stunden – die mir in all den Jahren noch kein einziges Mal lang vorkamen – in einem abgedunkelten Raum, versucht zwischendurch, sein Physikwissen über Interferenz und Lichtbrechung endlich mal praktisch anwenden zu können, und lässt den Rest der Zeit abwechselnd dem inneren Kind und der inneren Künstlerin freie Bahn, sich so auszutoben, wie es in der Schule oder zu Hause kaum möglich ist.

Und das alles auch noch in einer Gruppe von Gleichgesinnten. Von Leuten, die alle irgendwie die ein oder andere Schraube locker haben – wie die meisten Menschen – und nach spätestens einer Probe feststellen, dass das normal und in manchen Situationen sogar wirklich praktisch ist.

Das Thema: Depressionen bei jungen Menschen

Ganz am Ende der vierten Probe steigen wir endlich ins Thema ein. Wir sind ja das Junge Ensemble und schaffen Stücke nach dem Motto „Was die Jugend bewegt, im Theater erfahren!“ – dieses Jahr geht es um Depressionen bei jungen Menschen.

So, das steht jetzt erstmal im Raum. Jeder wusste, dass es kommt, und dennoch ist es irgendwie merkwürdig. Alle Mitglieder des JE haben verschiedene Erfahrungen mit dem Thema, manche hatten bisher kaum etwas damit zu tun, andere werden aus verschiedensten Gründen täglich damit konfrontiert.

Statt das Thema allerdings unnötig mit Samthandschuhen anzufassen, drumherumzureden oder sich vom düsteren Schleier, der diese ach so mysteriöse Erkrankung umgibt, runterziehen zu lassen, wird erstmal dafür gesorgt, dass wir alle zumindest einen ungefähren Plan haben, worum es bei diesen Depressionen so geht.

Nachdem wir also mit Hilfe einer Geschichte, die sich – zumindest aus meiner uralten Sicht – eher an Jüngere richtet, ganz sacht und relativ unbeschadet ins Thema eingestiegen sind, geht es am nächsten Morgen mit Gesprächen mit Betroffenen weiter.

Zwei Betroffene berichten von ihrer Krankheit

Wir haben zwei Menschen zu Besuch, die selbst mit Depressionen leben. Zuerst erklären sie uns eine Menge. Als es dann zum Fragenstellen übergeht, merkt man echt, dass es schwer ist, über das Thema zu sprechen. Nicht nur für die Betroffenen, die beeindruckend offen sind, auch wenn an manchen Stellen die richtigen Worte schlichtweg nicht zu existieren scheinen. Auch mir und den anderen JE-lerinnen fällt es schwer, Fragen zu stellen.

Zum einen geben mir gerade völlig Fremde einen so intimen Einblick in ihr Leben, und ich will nicht mit der Tür ins Haus fallen, da man ja im Alltag doch eher selten auf andere Menschen zugeht und fragt, ob sie schon mal Suizidgedanken hatten oder mir der Einfachheit halber einfach mal ihre gesamte Lebensgeschichte samt Höhepunkten und tiefsten Abgründen erzählen könnten.

Ja, man will es erfahren – in dem Moment ja auch wirklich zu Recherchezwecken – , doch man will weder sensationsgeil wirken noch irgendwen in eine unangenehme Situation bringen.

Zum anderen ist es aber auch eine Menge zu verarbeiten. Depressionen sind eine für nicht-Betroffene wirklich schwer nachzuvollziehende Krankheit. Da erfährt man teilweise heftige Dinge, über die man erstmal nachdenken muss, und am liebsten würde man stundenlang über jeden einzelnen Aspekt reden, bis man ihn weitestgehend erfassen kann.

Depression hat viele Gesichter

Trotz aller Überforderung gehen wir mit einer Menge neuem Wissen aus dem Gespräch: Wir haben gelernt, dass es eigentlich nie „einen festen Auslöser“ für Depressionen gibt, sondern dass es sich meistens um ein komplexes Zusammenspiel neurobiologischer, genetischer und psychosozialer Faktoren handelt, die zu der Erkrankung führen.

Jede:r Depressive erlebt verschiedene Symptome und geht anders damit um. Manche Menschen haben lange Downphasen, andere haben abwechselnd extreme Tief- und Hochphasen. Manche Menschen können in einer Gesprächstherapie am besten lernen, mit ihrer Depression umzugehen, andere brauchen medikamentöse Unterstützung, und wieder anderen hilft vielleicht ein vollkommen anderer Ansatz.

Dieses eine Wort „Depressionen“, das die meisten Laien einfach mit einer düster-traurigen Stimmung gleichsetzen, hat wirklich unglaublich viele Gesichter. Dem Thema in einem circa 80-minütigen Stück also ansatzweise gerecht zu werden scheint erstmal unmöglich, doch wie ich das JE kenne, werden wir das schaffen!

Mein Favorit: Schreibaufgaben

Mit den neuen Einblicken und ersten – wenn auch noch sehr vagen – Ideen, was nun im Stück vorkommen soll, kommen wir zu meinem persönlichen Lieblingsteil jeder Produktion: Wir erhalten die ersten Schreibaufgaben!

Zu Anfang sind die Schreibaufgaben bei uns immer eher frei und nicht konkret auf das Theaterstück ausgerichtet, doch das heißt nicht, dass sie überflüssig sind. Meistens wird aus jedem Ergebnis irgendein Aspekt übernommen oder weitergeführt, und selbst wenn nicht: Dann hat man eine Idee ausprobiert und sich schon mal in das kreative Schreiben eingearbeitet.

Es ist auch einfach wahnsinnig faszinierend zu sehen, wie wir JE-lerinnen dieselbe Aufgabenstellung vollkommen unterschiedlich angehen. Bei der allerersten Aufgabe dieser Produktion sollen wir einen Text, einen Song, ein Gedicht oder Ähnliches zu unserem persönlichen Verhältnis zu Licht schreiben. Am Ende gleicht kein Ergebnis dem anderen, und wir haben bereits zehn absolut coole Umsetzungen.

Jetzt geht es richtig los

Unsere Produktionen sind jedoch nie so eingeteilt, dass man sich eine ganze Probe lang nur mit einer Sache beschäftigt. Wir schreiben also nicht sechs Stunden am Stück, nein. Es ist immer eine Mischung aus Schauspielübungen und -training, Schreibaufgaben und neuen Anregungen und Informationen zum Thema.

Und ab diesem Punkt, an dem wirklich alle Aspekte, die das Theaterspielen ausmachen, in jeder Probe stecken, weiß man, dass es jetzt so richtig, richtig losgeht.

Kreative Hoch-Zeit: die ultimative Freiheit

In den nächsten Proben erreichen wir vor allem im schreibtechnischen Bereich wahrscheinlich die kreative Hoch-Zeit. Zu allem gibt es Aufgaben, und plötzlich macht man innerhalb einer Probe gigantische Fortschritte, was die Stückerarbeitung angeht.

Morgens haben wir noch nicht mehr als das Thema, nachmittags haben wir bereits unsere Erzählperspektive und den groben Verlauf der Geschichte geplant und werden mit der Aufgabe, bestimmte Figuren zu erschaffen, nach Hause geschickt.

Man kann Außenstehenden eigentlich kaum erklären, wie es ist, so kreativ zu arbeiten. Sämtliche Denkblockaden, die zumindest mich im Alltag ganz gerne mal einschränken und auch Aufgaben wie dieses Tagebuch schwerer machen, als sie sein müssten, lösen sich im Theas irgendwie ganz von selbst.

„Ich bin ein Stromzaun, also piss mich nicht an“

Es ist, als würde der Nebel im Gehirn, der einen manchmal nicht mal auf das eigene Sprachzentrum zugreifen lässt, einfach verschwinden. Die Ideen fließen nur so aufs Papier, und auf lyrische Meisterwerke wie die Verse „Ich bin ein Stromzaun, also piss mich nicht an“, die hier entstehen, bin ich wirklich stolz – aber keine Sorge, wir bringen hier auch wesentlich poetischere Dinge zustande.

Es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl, ungehindert schaffen zu können. Und das ist wohl das, was ich am Theater so magisch finde: Es ist ein Ort des Schaffens, der ultimativen Freiheit.

Klar, man hat gewisse Vorgaben, doch die kommen einem in keinster Weise einschränkend vor, sondern sind viel mehr eine Hilfe, um die kreative Energie gebündelt zu bekommen. Gerade durch die Vielfältigkeit der Aufgaben ist man bei uns in einem Zustand konstanter Inspiration.

Kein Richtig oder Falsch

Man muss sich auch keine Sorgen machen. Bei uns gibt es kein Richtig oder Falsch. Ja, es gibt Ideen, die geeignet sind, und Ideen, die eher ungeeignet sind oder die sich einfach nicht mit unseren Plänen für das Stück vereinen lassen. Aber grundlegend ist keine Aufgabe umsonst oder schlecht bearbeitet worden.

Bei uns gibt es selbstverständlich Kritik, doch trotzdem – oder gerade deswegen – sind alle Ergebnisse wertvoll, weswegen man innerhalb weniger Proben auch ein Stück weit seine Scham oder Unsicherheit verliert, die einen ansonsten daran hindern würden, die Dinge so auszuprobieren, wie man sie sich vorstellt.

Natürlich habe ich gerade wieder eine Menge über die kreative Arbeit geschmachtet, doch meines Erachtens habe ich noch nicht ansatzweise genug erwähnt, wie geil diese Phase ist, in der wir unser Stück erarbeiten!

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Eva Birkemeier

Ich bin Eva Birkemeier, 18 Jahre alt und seit 2018 leidenschaftlicher Theaterer im Jungen Ensemble des THEAS Theaters. Meine Freizeit habe ich schon immer mit kreativen Dingen - primär dem Schreiben - verbracht und im Jungen Ensemble habe ich einen Ort gefunden, an dem ich dieses Hobby mit anderen teilen...

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