Margret Schopka zeigt die Ausstellung „Lyrische Verschmelzung“ in der Galerie Schröder und Dörr. Foto: Holger Crump

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Blüten und Blätter, Asche und Kaffeesatz, Gaze und Teppichboden – so vielfältig wie die Ausgangsstoffe sind auch die Werkgattungen, in denen die Malerin Margret Schopka zuhause ist. Die Ausstellung „Lyrische Verschmelzung“ in der Galerie Schröder und Dörr bietet einen guten Überblick über ihr Oeuvre, das sie selbst mit Poesie und Vergänglichkeit überschreibt. Die Schau überrascht mit einer zentralen Erkenntnis.

„Sammeln und gehen, das hat viel mit meiner Arbeit zu tun“, erklärt Margret Schopka. Die in Hamburg geborene Malerin hat ein Atelier in der Grube Weiß. Gleichwohl ist sie oft in Island unterwegs, dem Heimatland ihres Mannes.

Das Land, die Geografie, das Licht, Naturmaterialien wie Sand, Vulkanasche und Pflanzen gehören zu ihren Inspirationsquelle. Sie sind Ausgangspunkte für Buchprojekte, Collagen aus Foto und Malerei, amorphe Objekte, Land-Art.

Exponat als Momentaufnahme

Schopka ist äußerst vielschichtig in ihren Arbeiten. Verweist auf Poesie und Vergänglichkeit als Bezugspunkte ihres Oeuvres. Verweigert den Exponaten durch stete Überarbeitung gerne die finale Form, entwickelt intuitiv weiter, das Exponat ist oft nur eine Momentaufnahme.

Konsequent setzt sie auf ephemere Kunst: Vergängliche Arbeiten wie Ornamente aus Sand, die sie in situ – vor Ort – spontan entwickelt und als Fotoprojekte oder Künstlerbücher festhält.

„Lyrische Verschmelzung“
Bilder und Objekte von Margret Schopka
Galerie Schröder und Dörr,
bis 21. Januar 2023
(vom 24.12. bis 9.1. geschlossen)
Dienstag bis Freitag 14 bis 18.30 Uhr
Samstag 11 bis 14 Uhr
Wingertsheide 59, Refrath
Tel: 0 22 04 – 6 41 70
schroeder-doerr@netcologne.de
www.margretschopka.de

Ihre aktuelle Ausstellung in der Galerie Schröder und Dörr bietet einen guten Überblick über die verschiedenen Werkgattungen, in denen die Künstlerin zuhause ist. Sie offenbaren Schopkas Lust an der Intuition, an der Inspiration durch die Natur, an der Freude bei der Verarbeitung von Fundstücken.

Blatt aus der Serie „Telefonbuch-Herbarium“, Foto: Margret Schopka

Inspiration Island

Wie in der Serie Telefonbuch-Herbarium: Alte Telefonbücher, die ihr von einer 94-jährigen Dame überlassen wurden. Darin fand sie gepresste Blumen, die Schopka mit Farbe und Typografie auf dem Blatt inszentiert. Die Vergänglichkeit ist im Ausgangsmaterial bereits angelegt, sie kombiniert die Botanische Arche Noah mit zufällig ausgewählten Adressaten des Buches. Das hat seinen Stellenwert als Navigator durch eine Gesellschaft längst eingebüßt und dem Digitalen Platz eingeräumt.

Lichtbild.IS entwickelte Schopka aus Unmengen von Fotos, die sie während ihrer Aufenthalte in Island macht. Kombiniert mit Leinwand und Malerei, welche die Künstlerin Schicht um Schicht aufträgt. Den Jahrmillionen an Erdgeschichte setzt sie den nicht endenwollenden, künstlerischen Schaffensprozess entgegen.

„In Island lebe ich quasi inmitten meines Exponats“, berichtet sie von ihren Aufenthalten auf dem zehn Quadratkilometer großen Stück Erde, das sie in einer kleinen Hütte mit ihrem Mann bewohnt. Karg und mit wenig Komfort. Ein Leben, dem sie Tag und Nacht immer neue Facetten abzuringen vermag.

Tausend Blüten

Kleister, Vulkanasche, Kaffeesatz und Blätter entwickelt Margret Schopka in den titelgebenden Arbeiten „Lyrische Verschmelzung“ zu Stücken, die sich jeder Kategorisierung entziehen. Gemälde, Skulptur, Objekt, auf Gaze gearbeitet – das lässt sich kaum fassen, ist Haut, Rinde, Waldboden und Vulkanlandschaft zugleich. Sie sprengt die Grenze von Flora und Fauna, von Gestern und Morgen, friert den Augenblick ein.

Hintersinnig das Werk „Ewige Hochzeitsreise“ – Rosen auf Watte gebettet, als Symbol von Reinheit, Ewigkeit, Liebe, aber auch von verkappten Dornen, die im weichen Blütenteppich lauern. Ein Werk im Dialog mit ihren Wandteppichen:

„Die Millefleurs-Wandteppiche der Renaissance haben mich zu den Tausendblüten-Teppichen inspiriert“, erklärt Schopka, die zu den stärksten Arbeiten der Ausstellung gehören. Die Wandteppiche seien ein Symbol der Macht gewesen, als wärmender Wandbehang zugleich aber auch ein kostbarer und luxuriöser Behelf in den kalten Behausungen vergangener Jahrhunderte.

Exponat aus der Reihe der Tausendblüten-Teppiche, Foto: Holger Crump

„Du bist das Bruchstück einer Erde, die Dich einen Augenblick begleitet“ lautet der Text, den Schopka mit Seegras auf einen Teppich gesetzt hat. Sie zitiert damit einen befreundeten isländischen Dichter, der die Zeilen seiner verstorbenen Frau widmet.

Spuren der Zeit

Den aufgeschäumten Trägerstoff der beiden ausgestellten Teppiche hat sie nach und nach freigelegt, entwickelt so eine eigene Leinwand mit Patina, überarbeitet sie mit Farbe, frischen Blüten, Kleister. Und formt einen neuen, mächtigen Gobelin, den sie wie ein Tagebuch mit Spuren der Zeit versieht.

In der Serie „Vom Winde verweht“ treibt sie das Prinzip ephemerer Kunst auf die Spitze – fotografiert Tischdecken im Spiel des Windes, der stetig auf Island bläst. Und hinterfragt so das Wesen des Augenblicks, das Wesen der Zeit. Eine lyrische Parabel für die Vergänglichkeit.

Das wird auch in den Künstlerbüchern deutlich, die Schopka in der Ausstellung zeigt. Land-Art: Asche oder Mehl auf isländischem Schnee zu Ornamenten angeordnet, der Witterung ausgesetzt. Oder Kaffeebesuche: Arabeske auf Bistrotischen, die sie mit Spitzendecken und Kaffeesatz arrangiert und nach der Fotodokumentation wieder vernichtet. Oder die Strickstücke: Arbeiten aus Wolle, nachgelegt aus Sand und Asche, inspiriert aus isländischer Landschaft.

Künstlerbücher von MArgret Schopka, Foto: Holger Crump

Erlösung

Ja, es gibt viel an Poesie und Vergänglichkeit zu entdecken im Werk von Margret Schopka. Aber man muss sich den Arbeiten gar nicht konzeptionell nähern. Ihre sanfte Wucht entfalten sie alleine schon durch Offenheit und Neugier, durch den Blick für das Detail, die Bereitschaft sich vom teils morbiden Charme der Arbeiten entführen zu lassen.

Und Margret Schopka gelingt zugleich eine wohltuende Leistung: Indem sie den Augenblick inszeniert, die Permanenz gegen die Vergänglichkeit austauscht, erlöst sie uns auf angenehme Weise vom Fetisch des Besitzes.

Und betont im Zeitalter der omnipräsenten Verfügbarkeit von Konsumgütern den besonderen Stellenwert der langsam verblassenden Erinnerung.


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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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1 Kommentar

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  1. Und erneut ein exzellentes, einfühlsames, wahrlich gekonntes journalistisches Porträt von Holger Crump – diesmal über eine inspirierende Künstlerin, deren berührende, sensible Arbeiten mich bei einem Kurzbesuch ihres Offenen Ateliers in der Grube Weiß sofort verzaubert haben.
    Danke an beide – Sprach-Künstler und Objekt-Poetin – für diesen KUNST-Genuss!