Das Handwerk bietet eine Vielzahl von Ausbildungsberufen, vom Steinmetz bis zum Anlagenbauer. Foto: Thomas Merkenich

Handwerkskammer, IHK Köln und die Agentur für Arbeit ziehen ein positives Fazit zum Ausbildungsjahr: Das Vor-Corona-Niveau ist zwar in der Regel immer noch nicht erreicht, aber entgegen der Lage in ganz NRW gibt es in Rhein-Berg deutlich mehr Bewerber:innen als Ausbildungsplätze. Dennoch sind auch hier noch viele Plätze unbesetzt – und Jugendliche auf der Suche.

Im Rheinisch-Bergischen Kreis trafen in diesem Jahr 1109 Berufsausbildungsstellen auf 1413 gemeldete Ausbildungssuchende. Beide Zahlen haben sich um rund drei Prozent gegenüber dem Vorjahr erhöht, berichtete Pascal Sahlmen, Geschäftsführer Operativ der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach, bei der Bilanz des Ausbildungsjahrs. Der Überschuss an Bewerber:innen sei damit nahezu unverändert.

Trotz dieses rechnerischen Mangels an Ausbildungsstellen seien 141 Stellen zur Zeit noch nicht besetzt und gleichzeitig 146 Suchende noch unversorgt, sagt Sahlmen. Angebot und Nachfrage passen häufig nicht zusammen: Zum Beispiel gibt es in der Fachinformatik 31 Bewerber auf 23 Stellen, in anderen Branchen ist das Verhältnis umgekehrt.

„Hier Jugendliche und Unternehmen gut zusammen zu bringen ist eine große Aufgabe, die wir mit unseren Netzwerkpartnern – allen voran den Kammern – weiter voranbringen wollen,“ betont Sahlmen. Aus diesem Grund versuche man auch Plätze im Umland zu vermitteln, soweit dies möglich ist. Damit die Bewerber:innen überhaupt wissen in welchen Bereichen ihre Interessen liegen, legt die Agentur für Arbeit großen Wert auf ihre eigene Berufsberatung.

„Wir können es uns nicht mehr leisten, auch nur einen Jugendlichen zu verlieren,“ sagt Sahlmen. Daher müsse man alles versuchen, damit keiner ohne Ausbildungsplatz bleibe. Deshalb ruft Sahlmen die jungen Leute auf, sich auch jetzt noch zu bewerben. Obwohl das neue Ausbildungsjahr schon beginnt könnten weiterhin Stellen besetzt werden.

Zukunftsträchtige Berufe im Handwerk

Den generell positiven Trend bestätigt die Kreishandwerkerschaft Bergisches Land. Im Vergleich zum letzten Jahr seien neun Prozent mehr Lehrverträge im Kreis Rhein-Berg abgeschlossen worden, sagt der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Marcus Otto.

Marcus Otto, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft

Ob die verstärkte Werbung der vergangenen Monate erfolgreich war, werde sich jedoch erst im nächsten Ausbildungsjahr zeigen. „Wir sind sehr optimistisch, dass die Bemühungen unserer Betriebe zusammen mit uns im nächsten Jahr weiter gute bis sehr gute Früchte tragen werden“, sagt Otto.

Berufe mit Zukunftsperspektive, die sich zum Beispiel mit dem Klimaschutz, der Energiewende oder der Digitalisierung befassen, gehörten zu den deutlichen Gewinnern dieses Jahr. Dazu zählten vor allem die Anlagenmechaniker:innen für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik und auch die Elektroniker:innen. Die Zahlen der abgeschlossenen Ausbildungsverträge seien in diesen Berufen wie eine kleine Rakete nach oben geschossen, mit einem Plus von bis zu 20 Prozent.

Nur die bislang im Kreis sehr starke KfZ-Branche habe einen leichten Rückgang vermeldet. Hier betont Otto besonders, dass kleine Betriebe nicht in der Lage seien, das Risiko der Einstellung eines oder einer Auszubildenden zu tragen. Dafür fehlten Unternehmen die Planungssicherheit. Daher appelliert Otto: „Auch wenn die wirtschaftliche Lage gerade schwierig und ungewiss ist, als Handwerk sind wir gut aufgestellt! Wir können in der dualen Ausbildung im Handwerk mit Qualität punkten!“

IHK Köln sieht deutliche Trendwende

Die IHK Köln hatte im vergangenen Jahr einen unerwarteten und starken Abfall neuer Ausbildungsverträge in Rhein-Berg gemeldet. Denn glich sie in diesem Jahr jedoch mit einem Plus von 10,7 Prozent aus, betonte Carsten Berg, Leiter des Bereichs Ausbildung der IHK. Mit jetzt 579 Ausbildungsverträgen mache sich das verstärkte Werben der Unternehmen um Auszubildenden bezahlt, betonte Berg.

Auch Berg wirbt für die Chancen, die sich durch eine Ausbildung ergeben: „Wer unbedingt die Berechtigung zum Studium an einer FH haben möchte, kann sich das gleichzeitig mit einer Berufsausbildung erarbeiten, spart viel Zeit und verdient dabei auch noch Geld.“ Somit sieht er eine vielversprechende Option für viele potenzielle Bewerber:innen.

Die Eltern der jungen Leute spielen bei der Berufsorientierung eine zentrale Rolle, betonte Berg. Man müsse mit ihnen im Dialog stehen, damit sie den Kindern nahebringen, dass eine Ausbildung eine gute Option ist. Keiner sei näher dran an den Kindern als die Eltern, weshalb ihr Einfluss nicht unterschätzt werden dürfe.

Digitale Infoabende der Agentur für Arbeit

Die Agentur richtet sich direkt an Eltern, deren Kind kurz vor dem Schulabschluss steht, und bietet Informationen über passende Ausbildungs- oder duale Studienplätze. Vom 13. bis zum 25. November können die Eltern dabei mit Unternehmen ins Gespräch kommen. Jeden Abend präsentieren sich verschiedene Branchen und dazu passende Ausbildungsbetriebe. Mehr Infos

Praktika sieht Berg als weitere wichtige Möglichkeit, um Betriebe und deren Aufgaben kennenzulernen. Zu diesem Zweck betreibt die IHK das „Projekt Ausbildungsberater“. Auszubildende im ersten oder zweiten Jahr der Ausbildung werden geschult und gehen anschließend in Schulklassen, um den Schüler:innen ihren Beruf näher zu bringen.

Das lange warten auf den Friseurtermin

Trotz der eigentlich positiven Nachrichten und Zahlen ist die Lage auf dem Ausbildungsmarkt alles andere als einfach. Einige Berufsfelder sind zwar gut abgedeckt, andere dagegen sind es nicht.

Es sei zum Beispiel nicht wünschenswert, drei Wochen auf einen Friseurtermin warten zu müssen, weil diese restlos ausgebucht seien, sagt Otto. Wo es vor 25 Jahren 60 Auszubildende im Friseurhandwerk alleine im Kreis gab, seien es heute nur 30 bis 35 in Leverkusen, Rhein-Berg und Oberberg zusammen.

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