Wem könnte man diese Frage besser stellen als Baljit Sunda – Empowerment-Coachin, gelernte Pädagogin und Sozialarbeiterin? Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zu stärken. Im Interview erzählt sie, was stark sein eigentlich bedeutet und wie wir es schaffen, das unseren Kindern mitzugeben. Was richtiges Loben damit zu tun hat und warum wir als Eltern unbedingt für uns selbst sorgen müssen, um Kinder wirklich stark zu machen, lest ihr hier. Ach ja, und wieso es manchmal hilft, mit einem Kissen gegen das Bett zu schlagen.

Baljit, wir wollen darüber sprechen, wie man seine Kinder stärken kann. Was bedeutet das überhaupt, stark zu sein?
Für mich bedeutet stark sein, sich die Erlaubnis zu geben, man selbst zu sein. Zu sich und seiner Meinung zu stehen, sich selbst und anderen Fehler zu vergeben. In der Lage zu sein, sich selbst zu stärken, mit seinen Gefühlen umzugehen und gut zu sich zu sein.

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Und warum ist das wichtig?
Wenn man nicht stark ist, fühlt man sich oft ohnmächtig, hilflos, als ob das Leben einen hin und her schubsen würde. Stärke ist DAS Werkzeug für Freiheit. Wenn ich stark bin, habe ich nicht das Gefühl, dass mir das Leben passiert. Ich kann aktiv und positiv mit den Herausforderungen des Lebens umgehen und an ihnen wachsen.

Empowerment-Coachin Baljit Sunda. Foto: Thomas Merkenich

Wie schafft man es, sein Kind stark zu machen?
Kinder zu stärken ist gar nicht so schwer! Jedes Kind, jeder Mensch ist einzigartig. Es geht eigentlich nur darum, seine individuellen Stärken zu erkennen und zu fördern, anstatt es in eine bestimmte Richtung zu drängen. Also: Stärken stärken!

Leider denken wir oft, dass Kinder so und so zu sein haben. Ich zum Beispiel war ein schüchternes, aber super soziales Kind. Von den Lehrern habe ich immer nur gehört: Baljit ist so still, Baljit redet nicht. Da hatte ich das Gefühl, mit mir stimmt was nicht.

Ein Kind ist ein fertiger Mensch. Es geht darum, ihn zu entdecken.

Und wie erkenne ich, welche individuellen Stärken mein Kind hat?
Das coolste Werkzeug und ganz einfach: Beobachte dein Kind. Ein Kind ist ein fertiger Mensch. Es geht darum, ihn zu entdecken und auch ihm dabei zu helfen, sich selbst zu entdecken. Wie ist dein Kind? Ist es kreativ, sozial, strukturiert? Liebt es Musik? Klettern?

Wir schauen oft nur auf das, was Kinder tun und sagen dann zum Beispiel, das hast du gut gemacht, oder das war blöd. Das hilft leider überhaupt nicht dabei, die Selbst-Bildung zu stärken.

Symbolbild: Pexels

Aber kann Lob Kinder nicht auch stärken?
Auf jeden Fall – wenn man ein paar Sachen beachtet. Kinder zeigen ja oftmals stolz, was sie fabriziert haben, und fordern dann auch Lob ein. Das kann man natürlich als Eltern geben, aber man sollte nicht immer alles in den Himmel loben.

Im Idealfall möchte man, dass das Kind ein realistisches, optimistisches Selbstbild entwickelt. Wenn jede Kritzelei mit Picasso verglichen wird, kann das Kind im Extremfall sogar von der Bestätigung von außen abhängig wird und gar nicht mehr aus eigenem Antrieb handeln.

Sag deinem Kind immer wieder „Ich sehe dich so, wie du bist. Und du bist wundervoll.“

Außerdem: Wenn man als Kind nur für das gelobt wird, was man tut, denkt man, man müsse immer etwas tun, also etwas leisten, um wertvoll zu sein. Ich selbst habe lange gedacht, dass Leistung Liebe bedeutet. Das ist ein fataler Glaube, der mich auch heute noch teilweise blockiert.

Das klingt, als könnte man viel falsch machen, ohne es böse zu meinen …
Bitte keine Panik! Es geht nicht darum, alles perfekt zu machen, das ist überhaupt nicht möglich. Also keine Angst vor Fehlern, die gehören dazu. Du hast als Elternteil ein gutes Gespür, probier dich aus.

Vielleicht hilft dir ja der eine oder andere Tipp dabei, was Neues zu versuchen. Zum Beispiel der: Sag deinem Kind immer wieder „Ich sehe dich so, wie du bist. Und du bist wundervoll.“

„Ich sehe dich so, wie du bist“? Verstehen Kinder das?
Das kann man natürlich konkretisieren. Als Pädagogin hatte ich immer wieder mit Kracherkindern zu tun, so genannten „Problemkindern“. Als ich neu in eine Gruppe kam, gab es da ein Kind, das immer an allem schuld war. Ich habe das Kind beobachtet, nennen wir es Max.

Eine kleine Challenge für jedes Elternteil: Lobe dein Kind mal 30 Sekunden lang.

Ich habe Wutausbrüche gesehen, Schlägereien. Aber ich habe auch noch was anderes gesehen. Ich bin zu ihm hingegangen und habe ihm genau das gesagt, was ich gesehen habe: „Ich bin fasziniert, wie du es schaffst zu erkennen, wenn es einem anderen Kind in der Gruppe nicht gut geht, und wie du dann sogar noch dafür sorgst, dass das Kind wieder lacht.“ Max hat gegrinst bis sonst wohin. So habe ich einen Zugang zu ihm gefunden.

Eine kleine Challenge für jedes Elternteil: Lobe dein Kind mal 30 Sekunden lang. Und guck, was das mit eurer Beziehung macht. Manchmal ist stärken so einfach.

Hübsche Mädchen, starke Jungs? Symbolbild: Pexels

Insbesondere Mädchen werden ja gern von klein auf für ihr Aussehen gelobt, Jungs wiederum eher für ihre Stärke oder ihr tolles Bauen. Was macht das mit Kindern?
Das führt dazu, dass Mädchen sich wahrscheinlich über ihr Äußeres definieren werden und Jungen denken, dass sie nur was wert sind, wenn sie stark sind und so weiter. Wenn ich das alles aber gar nicht bin, wenn ich ein anderer Typ bin und nicht in das gesellschaftliche Bild von Mädchen und Jungen passe, kann das enormen inneren Druck und das Gefühl von Wertlosigkeit erzeugen.

Und was bedeutet überhaupt „starke Jungs“? Ist Weinen stark oder schwach? Wer definiert das? Willst du, dass dein Sohn seine Gefühle unterdrückt und seine Aggression gegen sich oder andere richtet? Willst du, dass deine Tochter ein Leben lang denkt, sie ist nichts wert, weil sie nicht dem Schönheitsideal entspricht? Möchte man, dass sein Kind so begrenzt denkt?

Sich über das Aussehen zu definieren, hat mich in viele tiefe Täler gedrängt.

Ich habe selbst erfahren müssen, was es bedeutet, übers Äußere definiert zu werden. In der Punjabi-Kultur, aus der meine Eltern kommen, ist das Ideal Bollywood-like: Frauen sollen dünn sein, hell, hübsch.

Eine Situation habe ich krass in Erinnerung. Es war ein Sonntag, wir kamen gerade vom Tempel und trafen eine Bekannte. Sie schaute meine Schwester an und sagte zu ihr: „Du bist aber dünn, deine Haut ist so hell, du siehst so gut aus.“ Dann sah sie mich an und sagte nur knapp: „Du auch.“ Ich wusste, dass das nicht ehrlich war. Das hat mein kleines Kinderherz gebrochen.

Sich über das Aussehen zu definieren, hat mich in viele tiefe Täler gedrängt. Ich habe lange gedacht, ich bin dick, hässlich, ich muss mich verstecken, bis in eine Essstörung hinein. Das wünsche ich keinem Kind.

Wie reagiert man denn als Eltern auf solche oder andere Selbstzweifel des Kindes?
Der erste Schritt ist immer, die Gefühle des Kindes anzunehmen anstatt sie wegzureden. Dem Kind schnell raushelfen zu wollen, indem man zum Beispiel sagt, „das brauchst du doch nicht, ich glaube an dich“, hilft in dem Moment nicht, wo das Kind emotional mitten drin ist. Stattdessen kann man fragen: Woran zweifelst du? Wie fühlt sich das an?

Dann kann man mit den Gefühlen arbeiten. Vielleicht nimmst du ein Kuscheltier in die Hand, atmest zusammen mit dem Kind. Andere Kinder brauchen eher Bewegung. Das ist ein bisschen Trial and Error, auch hier hilft beobachten. Und fragen – Kinder wissen in der Regel sehr viel, wir trauen ihnen oft nur zu wenig zu.

Allerdings klappt das mit dem Fragen nicht unbedingt, während das Kind in der Emotion ist. Besser danach, fürs nächste Mal.

Gut ist auch immer, sich selbst zu fragen: Wie gehe ich eigentlich mit Selbstzweifeln um? Was lebe ich meinem Kind vor?

Kannst du selbst mit deinen Emotionen umgehen? Nein? Dann hast du einen Job zu erledigen.

Ich glaube, viele heutige Erwachsene und Eltern haben aber selbst gar nicht gelernt, mit Selbstzweifeln umzugehen, mit Wut, Angst, Traurigkeit, weil diese Gefühle teilweise bis heute als „negativ“ angesehen und eher unterdrückt werden. Wie können wir das dann unseren Kindern beibringen?
Wenn du dir wünschst, dass dein Kind lernt, gut mit seinen Emotionen umzugehen, musst du dich auf jeden Fall fragen: Kannst du es selbst? Nein? Dann hast du einen Job zu erledigen.

Kinder spüren es, wenn ihre Eltern traurig oder wütend sind. Wenn du das versteckst, lernen sie auch, diese Gefühle zu unterdrücken. Wir als Erwachsene müssen nicht immer die „Starken“ sein, immer eine Lösung haben. Im Gegenteil: Wir müssen uns verletzlich zeigen, damit Kinder lernen, das dürfen sie auch. Wir müssen unseren Kindern beibringen, Mensch sein zu dürfen, mit allen Emotionen, die dazugehören. Das ist wahre Stärke!

Du musst das nicht perfekt beherrschen. Du kannst das mit und von deinem Kind lernen und gemeinsam mit ihm wachsen.

Ganz ehrlich: Gerade, was den Umgang mit Gefühlen angeht, müssten wir eigentlich mehr von den Kindern lernen als ihnen beizubringen. Kinder lassen ihre Wut einfach raus, und drei Minuten später sind sie wieder total entspannt.


Im Newsletter „GL Familie“ berichten wir einmal im Monat über alle lokale Themen, die für Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder in Bergisch Gladbach wichtig und/oder interessant sind. Es gibt jeweils einen Schwerpunkt, einen Familienrat, Empfehlungen und viele (Flohmarkt-)Termine. Sie können den Newsletter hier kostenlos bestellen.


Wie gehst du persönlich heute mit Selbstzweifeln mit?
Wenn ich im Selbstzweifel bin, ist auch bei mir der erste Schritt, das anzuerkennen und zuzulassen. Im zweiten Schritt frage ich mich: Was löst das in mir aus, wie fühle ich mich? Wenn es zum Beispiel Wut ist, die ich fühle, dann fühle ich die einfach einen Moment.

Dabei hilft mir persönlich Musik. Ich habe ein Lied, das ich in solchen Momenten gerne anmache, meine „Aggro-Musik“. Die geht drei, vier Minuten. Dazu tanze ich, oder ich hau ein Kissen gegen mein Bett, um die Wut rauszulassen. Dann fühle ich richtig, wie es in mir drin weicher und entspannter wird.

Versuch mal, länger als vier Minuten mit einem Kissen gegen das Bett zu schlagen. Das hältst du gar nicht durch

Während man in so einem Gefühl drin steckt, hat man gar keinen Zugang zum Gehirn, Kinder genauso wenig wie Erwachsene. Wenn die Emotion abgeklungen ist, ist man wieder in der Ratio. Dann kann man vernünftig entscheiden, wie man mit dem Selbstzweifel umgeht, wer einem eventuell dabei helfen könnte.


Einladung

Workshop: Selbstfürsorge für Eltern

GL Familie lädt zusammen mit Empowerment-Coachin Baljit Sunda zum kostenlosen Workshop ein: „Selbstfürsorge im Alltag zwischen Kind und Beruf“, darum soll es am Abend des 13. Juni gehen. Selbstfürsorge ist ganz und gar nicht egoistisch, sondern im Gegenteil gerade für Eltern enorm wichtig. Warum? Lest selbst. Und meldet euch an.

Dieser ganze Prozess dauert übrigens manchmal nur ein paar Minuten, höchstens mal eine Stunde. Man denkt ja immer, wenn wir die Emotionen zulassen, werden die uns tagelang, wochenlang lähmen. Aber versuch mal, länger als vier Minuten mit einem Kissen gegen das Bett zu schlagen. Das hältst du gar nicht durch. Irgendwann musst du lachen, die Emotion verändert sich. Das kann man übrigens auch super mit Kindern machen.

Was passiert, wenn man die Emotionen unterdrückt?
Das ist ungefähr so, als würdest du versuchen, einen mit Luft gefüllten Ball unter Wasser zu halten. Das kostet unheimlich viel Kraft und zieht die ganze Zeit Energie von dir ab. Und irgendwann ploppt der Ball doch aus dem Wasser raus, meistens ziemlich unkontrolliert.

Die Autorin Nora Imlau hat in einer Kolumne geschrieben, wie sie gelernt hat, dass ihre Wut ihr etwas sagen will – nämlich, dass ihr Kind gerade ihre Grenze überschreitet. Das war für mich ein Aha-Moment, ich habe mich darin total wiedererkannt. Das habe ich mit meinem Dreieinhalbjährigen besprochen, und seither rasseln wir deutlich seltener aneinander.
Siehst du, du hast deine Emotionen zugelassen und kommuniziert, und das hat sofort eure Beziehung verändert. Wie toll!

Es ist wichtig, ein Kind nicht in seinem Sein zu kritisieren, sondern in seinem Verhalten.

Du hast in dem Moment auch etwas instinktiv ganz richtig gemacht: Es ist wichtig, ein Kind nicht in seinem Sein zu kritisieren, sondern in seinem Verhalten. Also nicht sagen: Du machst mich wütend, sondern, wie in deinem Fall: Es macht mich wütend, dass du gerade meine Grenze überschreitest. So entkoppelt man die Kritik von der Person.

Und jetzt stell dir mal eine Welt vor, in der jeder seine Emotionen spürt, zulässt und kommuniziert, was er oder sie in dem Moment braucht.

Das klingt ziemlich traumhaft.
Ja! Das schafft ganz viel Verbindung zwischen den Menschen. Und wir können dazu beitragen, indem wir selbst lernen, mit unseren Emotionen umzugehen und es unseren Kindern so fast schon automatisch beibringen. Denn Kinder lernen vor allem durch das, was du machst, weniger durch das, was du sagst.

Stärke ist DAS Werkzeug für Freiheit.

Wieso ist das oft so schwierig, sich in der Hinsicht selbst zu verändern?
Je gestresster wir sind, desto unbewusster sind wir, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir in alte Muster aus unserer Kindheit fallen. Die geben uns Sicherheit. Du hast in dem Moment, wo du gestresst bist, keinen Zugriff auf dein Bewusstsein – das hatten wir ja eben schon.

Es ist deshalb wichtig zu lernen, auch und gerade in Stress-Momenten Achtsamkeit reinzubringen, um aus alten Mustern rauszukommen.

Je mehr Kraft du hast, je besser du für dich selbst sorgst, desto mehr bewusste Entscheidungen kannst du treffen. Wie schon am Anfang gesagt: Stärke ist DAS Werkzeug für Freiheit. Das gilt auch für dich. Und wenn es dir gut geht, geht es auch deinem Kind gut.

Genau darüber wollen wir in unserem Eltern-Workshop am 13. Juni 2024 (bereits vorbei!) reden: „Selbstfürsorge im Alltag zwischen Kind und Beruf“. Mehr Infos dazu gibt es hier. Jetzt erst einmal vielen Dank fürs Gespräch, und ich freue mich auf den Abend mit dir als Coachin!
Danke dir, ich freue mich auch!


Zur person: baljit sunda

Menschen in GL: Die Schillernde

Wer ihre Geschichte hört glaubt kaum, dass Baljit Sunda erst 29 Jahre alt ist. Sie hat bereits einen weiten Weg hinter sich: von der Hauptschule auf die Realschule aufs Berufskolleg; Ausbildung, Abitur, Studium. Mit Mitte 20 leitete sie eine OGS. Dann kam Corona, und Baljit Sunda fragte sich: Wovon träume ich eigentlich? Sie machte sich selbstständig – als Speakerin und Empowerment-Coach für Jugendliche, pädagogische Fachkräfte und Eltern. Was das mit ihrer Geschichte zu tun hat und wieso sie kein…

des Bürgerportals. Kontakt: info@in-gl.de

Eine Antwort auf “Wie können wir unsere Kinder stärken?”

  1. Wie können wir unsere Kinder stark machen?

    Indem wir sie Schritt für Schritt in die Eigenverantwortung entlassen.

    Am Schultor einer Grundschule in Bensberg hing ein Schild:
    “Ab hier kann ihr Kind alleine”
    Ein Armutszeugnis.

    Kinder wollen und müssen sich entwickeln, ständig in Watte gepackt funktioniert das nicht.
    Risikoeinschätzung: muss man als Kind lernen und da können auch Kinder von Kindern lernen.

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