Wenn nicht genug Personal da ist, müssen Kitas ihre Betreuung einschränken: Mal werden die Öffnungszeiten verkürzt, manchmal sogar ganze Gruppen oder Einrichtungen geschlossen. Foto: Thomas Merkenich

Der Fachkräftemangel führt auch in Bergisch Gladbacher Kitas häufig zu Einschränkungen der Betreuung: Kinder dürfen nur an bestimmten Tagen in den Kindergarten, Eltern müssen sie früher abholen. Aktuelle Zahlen zeigen, dass sich die Situation in Rhein-Berg weiter verschlechtert hat. Das hat nicht nur für die Familien massive Folgen.

Moritz Markowiak ist verzweifelt. Seit Wochen herrscht in der Kita seines fast dreijährigen Sohnes Notbetrieb. Das bedeutet: Er kann nur an ausgewählten Tagen die Kita besuchen und dann auch nur zu verkürzten Zeiten. „Momentan geht unser Sohn im Schnitt nur an zwei oder drei Tagen pro Woche in die Kita“, berichtet Markowiak im Gespräch mit dem Bürgerportal.

„Meine Frau und ich kommen an unsere Grenzen. Ständig müssen wir unsere Jobs hintenanstellen und um die unregelmäßige Betreuung herum organisieren“, sagt Markowiak. Der Ingenieur versucht, so viel wie möglich aus dem Homeoffice zu arbeiten, seine Frau ebenso. Der Familienvater bezeichnet die Situation in der Refrather Kita als „katastrophal“. Mehrere Erzieher:innen hätten die Kita verlassen, dazu kämen Krankheitsfälle. 

Die Refrather Kita ist kein Einzelfall. Vielmehr steht sie exemplarisch für die Situation in vielen Kindertagesstätten, wie eine Anfrage des Bürgerportals bei verschiedenen Bergisch Gladbacher Kita-Trägern ergibt.

Und diese Situation ist auch kein Bergisch Gladbacher Phänomen. Vielmehr herrscht deutschlandweit ein regelrechter Kitanotstand, wie Zahlen des Recherche-Netzwerks Correctiv.Lokal bereits vor einem Jahr deutlich machten

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Kitastrophe: Hälfte der Kindergärten in Rhein-Berg stark überlastet

Eine Recherche von Correctiv und Lokalmedien wie dem Bürgerportal zeigt gravierende Folgen des Personalmangels in Kindertagesstätten auf: Viele Kitas müssen zeitweilig schließen, Erzieher:innen sind überlastet und werden krank, die Kinder leiden. Die Zahlen für den Rheinisch-Bergischen Kreis liegen im NRW-Schnitt, doch offenbar gibt es eine hohe Dunkelziffer. Die Bestandsaufnahme einer Lage, die Correctiv mit „Kitastrophe“ betitelt.

Kitas müssen der zuständigen Aufsichtsbehörde melden, wenn sie den vorgegebenen Personalschlüssel unterschreiten und die vereinbarte Betreuung nicht mehr gewährleisten können – in Bergisch Gladbach und im gesamten Rheinisch-Bergischen Kreis ist diese Behörde der Landschaftsverband Rheinland (LVR)

Kitas in Rhein-Berg melden immer häufiger „erheblichen Personalmangel“

Aktualisierte Zahlen von Correctiv.Lokal zeigen, dass sich die Situation weiter verschärft hat: Die 187 Kitas im Rheinisch-Bergischen Kreis meldeten im Kita-Jahr 2022/23 insgesamt 305-mal „erheblichen Personalmangel“. Im Kita-Jahr 2023/24 waren es mit 629 Meldungen mehr als doppelt so viele. 

Die Einschränkungen können unterschiedlich ausgeprägt sein: Es kann sein, dass die Betreuungszeit reduziert wird, Gruppen zusammengelegt oder geschlossen werden oder dass sogar die ganze Kita vorübergehend schließen muss.

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Kein Personal: AWO-Kita Kunterbunt betreut Kinder nur noch jeden zweiten Tag

Der Mangel bei den Erzieher:innen zeigt massive Auswirkungen: Die Kita Kunterbunt der AWO in der Hans-Zanders-Straße streicht Anfang Februar den Betreuungsumfang auf die Hälfte zusammen. Eltern protestieren scharf: Berufstätige müssen nun ad hoc eine Lösung finden. Der Elternbeirat befürchtet, dass es nur die Spitze des Eisbergs ist – und startet eine Umfrage unter den Eltern.

Die Daten bilden dabei nur eine Mindestanzahl ab: Correctiv.Lokal geht von einer hohen Dunkelziffer aus, da nicht alle Kitas jede Unterschreitung melden. Ein Vergleich zu früheren Jahren ist nicht möglich, weil die Personal-Unterschreitungen erst seit Anfang 2022 erfasst werden. 

Separate Zahlen nur für Bergisch Gladbach erfasst der LVR bisher nicht. Daher umfassen die Daten sämtliche Kitas im Rheinisch-Bergischen Kreis.

Die Stadt selbst führt erst seit dem aktuellen Kindergarten-Jahr – also seit 1. August – eine Statistik: Demnach wurden dem Jugendamt in diesem Zeitraum 52 Fälle gemeldet, in denen die Betreuungszeiten eingeschränkt werden mussten. Die Einschränkungen dauerten von einem Tag bis hin zu zwei Wochen. Zur Einordnung: In Bergisch Gladbach gibt es 70 Kitas. 

Eltern, Kinder und Erzieher:innen leiden unter den Folgen

Soweit die nackten Zahlen. Doch jede Einschränkung hat konkrete Folgen – vor allem für die Kinder und deren Familien: „Die Kinder leiden massiv unter diesen untragbaren Umständen“, berichtet Moritz Markowiak. „Mein Sohn will manchmal schon gar nicht mehr in die Kita. An anderen Tagen, wenn er zu Hause bleiben muss, vermisst er seine Freunde.“ Ein Wechselbad der Gefühle für den fast dreijährigen Jungen. 

Und offenbar auch für die Eltern. „Ich sehe immer häufiger, wie gestresste Eltern ihren Frust zu Unrecht an den verbliebenen Mitarbeitern auslassen. Alle stehen unter einem wahnsinnigen Druck“, sagt Markowia. Er betont, dass die Erzieher:innen der Kita „alle ihren Job mit viel Herzblut und Engagement machen“. 

Uns interessieren Ihre Erfahrungen mit Kitas in Bergisch Gladbach – aus Elternsicht, aber auch aus Sicht der Erzieher:innen und anderen Menschen, die in einer Kita arbeiten: Und wir freuen uns auch über positive Erfahrungen und Anekdoten: Was läuft richtig gut? Melden Sie sich gern per E-Mail: k.stolzenbach@in-gl.de

Doch der Personalmangel hat auch Folgen für die Menschen, die in den Kitas arbeiten:  „Die Mitarbeitenden sind am Rande ihrer Kräfte“, berichtet die Leitung einer Caritas-Kita. Viele seien frustriert und verbittert, „weil ihr unermüdlicher Einsatz“ nicht wahrgenommen werde – im Gegenteil: Manche Familien „werden zunehmend ungehaltener und suchen die Schuld an der Situation bei den Kitas und den Mitarbeitenden. Es bilden sich Fronten. Die Motivation sinkt, gefühlt befinden wir uns in einer Abwärtsspirale“.

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Catrin Rind ist Erzieherin und stellvertretende Einrichtungsleiterin des Katholischen Familienzentrums St. Marien. Im Gespräch erzählt sie, wie die wenigen Kita-Plätze auf sehr viele Bewerbungen verteilt werden und wie man bei der Anmeldung am besten vorgeht. Sie berichtet aus ihrer Arbeit, in der Überbelastung und Unterbezahlungen aufeinandertreffen und so zum Personalmangel beitragen.

Da die Stadt selbst keine Kitas unterhält, liegen ihr nach eigener Aussage keine Daten darüber vor, wie viele Stellen in Bergisch Gladbacher Kitas aktuell unbesetzt sind. Caritas, Arbeiterwohlfahrt (Awo) und das Deutsche Rote Kreuz (DRK) berichten auf Nachfrage von etlichen unbesetzten Stellen sowohl bei Fachkräften als auch bei Ergänzungskräften. Dazu kommen vor allem in der kalten Jahreszeit Ausfälle durch Infektwellen.

So gehen die Träger mit dem Personalmangel um

„Die aktuelle personelle Situation beschreiben alle Einrichtungsleitungen als sehr belastet“, sagt Raphaela Hänsch, Sprecherin des Caritas-Vorstandes Rhein-Berg, mit. 

Sowohl die Caritas als auch die Awo haben für die einzelnen Kitas individuelle und mit den Elternräten besprochene Notfallpläne entwickelt. Dazu könne gehören, die Betreuungszeiten zu kürzen oder phasenweise die Kinder nur an drei oder vier Tagen in der Woche zu betreuen. Zusätzlich müsse „von Tag zu Tag und von Woche zu Woche“ geprüft werden, wie viel Personal verfügbar ist. 

Träger von Kitas und OGS protestieren: Die Freie Wohlfahrtspflege ruft für Mittwoch, 13. November, zu einer Demonstration vor dem Düsseldorfer Landtag auf, um gegen die Sparpläne der NRW-Landesregierung zu protestieren. In der Freien Wohlfahrtspflege haben sich unter anderem Arbeiterwohlfahrt (Awo), Caritas, der Paritätische und das Deutsche Rote Kreuz zusammengeschlossen. Sie fordert eine auskömmliche Finanzierung und stärkere Unterstützung sozialer Einrichtungen.

Das DRK hat in einer seiner Bergisch Gladbacher Kitas nicht alle verfügbaren Plätze belegt, weil sich die Personalnot dort schon zu Beginn des Kita-Jahres abgezeichnet hatte. Zudem werde mit Arbeitszeitkonto gearbeitet: Je nach Krankenstand und Personallage arbeiten die Mitarbeitenden „mal mehr, mal weniger“, teilt das DRK mit.

Bei hohem Krankenstand setze man auf die „Kooperation der Eltern bitten darum, sofern möglich die Kinder zu Hause zu betreuen oder früher abzuholen“. Erst im letzten Schritt würden an einzelnen Tagen die Betriebszeiten gekürzt.

ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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