Ronja Radt hat sich zur Anlagenmechanikerin bei Verbert ausbilden lassen. Foto: Thomas Merkenich

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt ist unübersichtlich, aber ein Trend wird nach Angaben der Arbeitsagentur noch deutlicher: Die Unternehmen melden erneut weniger Ausbildungsstellen – obwohl sie fast alle mit dem Fachkräftemangel kämpfen. Dabei konnte das Handwerk mehr Verträge abschließen, bei Industrie, Handel und Dienstleistungen waren es deutlich weniger.

Eigentlich sieht die Lage für Unternehmen auf dem Ausbildungsmarkt nicht schlecht aus: Immerhin 808 junge Frauen und Männer haben in den vergangenen Monaten im Rheinisch-Bergischen Kreis aktiv nach einer Ausbildungsstelle oder einem dualen Studium gesucht. Sogar 1240 haben in der Berufsberatung Interesse gezeigt, gut 17 Prozent mehr als im Vorjahr, teilte die Agentur für Arbeit am Dienstag bei ihrer Zwischenbilanz gemeinsam mit Handwerkskammer und IHK mit.

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Auf der anderen Seite haben die Unternehmen in Rhein-Berg aber bislang nur 586 Ausbildungs- und duale Studienplätze gemeldet, knapp 20 Prozent weniger als im Vorjahr. Damit kamen auf jede gemeldete Stelle rechnerisch etwas mehr als zwei Interessent:innen.

Hintergrund: Statistische Verzerrung

Laut Agentur für Arbeit weist die Statistik aktuell rund sechs Prozent Ausbildungsstellen zu wenig aus. Dies entspreche für die Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach ca. 140 Stellen. Hintergrund seien veränderte Prozesse in Fachverfahren der BA. Diese müssten noch in die statistische Erhebung integriert werden, das wird im Sommer abgeschlossen. Die BA überprüfe und vereinfache Prozesse, um Angebote für Arbeitgebende und Unternehmen zu verbessern und bürokratischen Aufwand zu reduzieren. 

Und dennoch blieben – laut Statistik der Arbeitsagentur – 406 Ausbildungs- und duale Studienplätze unbesetzt, nur in 180 Fällen passten demnach Angebot und Nachfrage zusammen.

Für Nicole Jordy, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach, ist das der Anlass für einen deutlichen Appell an die Unternehmen: „Fachkräfte fallen nicht vom Himmel – sie müssen ausgebildet werden. Daher ist ein Rückzug aus diesem Bereich keine Option!“

Bekanntlich klagen viele Unternehmen bereits jetzt darüber, dass sie ihre ausgeschriebenen Stellen nicht besetzt bekommen. Dieses Problem, warnt Jordy erneut, werde sich in drei bis fünf Jahren, wenn der geburtenstärkste Jahrgang in den Ruhestand eintritt, weiter verstärken. „Bilden Sie aus – für die Zukunft der Jugendlichen, der deutschen Wirtschaft und der Ihres eigenen Unternehmens“, fordert Jordy.

Handwerk sieht gute Chancen für Jugendliche 

Das Handwerk in Rhein-Berg, Leverkusen und Oberberg zieht zum Stichtag März 2026 eine positive Zwischenbilanz – in diesem Bereich wurden 15,6 Prozent mehr Ausbildungsverträge als im Vorjahr unterzeichnet. „Natürlich ist immer Luft nach oben, heißt: Es gibt noch viele freie Ausbildungsplätze in allen Handwerksberufen,“ sagt Marucs Otto, der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bergisches Land.

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Allein unter Männern: Ronja wird Anlagenmechanikerin

Das Handwerk ist noch immer sehr männerlastig. Das gilt für bestimmte Branchen umso mehr. Ronja Radt aus Bergisch Gladbach hat sich davon nicht abschrecken lassen und macht eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin für Sanitär, Heizung und Klimatechnik. Die 17-Jährige hat dabei ihre Begeisterung für Heizungsanlagen entdeckt. Im Betrieb und in ihrer Klasse ist sie die einzige Frau.

Auch im Handwerk sei die Zahl der freien Ausbildungsplätze höher als die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber. Als Grund nannte Otto zum einen die geburtenschwachen Jahrgänge, zum anderen das Berufswahlverhalten. Nach wie vor fehle beispielsweise häufig an Gymnasien die Offenheit dafür, nach dem Abitur eine Ausbildung im Handwerk zu absolvieren. Dabei biete gerade das Handwerk Perspektiven, Sicherheit und Stabilität.

Stelle für „passgenaue Besetzung“ eingerichtet

Im Handwerk – aber nicht nur dort, – ist die passgenaue Besetzung offener Ausbildungsstellen ein zentrales Problem, erläuterte Otto: Ausbildungsplätze bleiben offen und gleichzeitig einige Bewerber:innen unversorgt.

Berufsorientierung, persönliche Begleitung und frühzeitige Praktikumserfahrungen im Handwerk spielten daher eine entscheidende Rolle, um Angebot und Nachfrage besser zusammenzubringen. Daher habe die Kreishandwerkerschaft die Projektstelle „Passgenaue Besetzung“ eingerichtet (gefördert durch das Bundeswirtschaftsministerium): Die Beratungskraft besucht die Betriebe, berät und ermittelt den Bedarf an Auszubildenden, erstellt das Anforderungsprofil und sucht nach potenziellen Auszubildenden. 

IHK Köln stellt Initiativen und Programme vor

Die IHK Köln hat bis Ende März 1.475 neue Ausbildungsverträge in knapp 200 Berufen aus Industrie, Handel und Dienstleistung registriert. Diese Zahl liege um 12,2 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresstichtags. „Die aktuellen Eintragungszahlen sind kein Grund zur übermäßigen Sorge“, erklärt Johannes Juszczak, Leiter Vertragsmanagement und Bildungshotline der IHK Köln. „Es zeigt sich zunehmend, dass viele Ausbildungsverträge erst später abgeschlossen werden. Zudem haben zahlreiche Unternehmen ihre Suche nach passenden Auszubildenden noch nicht beendet – vielfach läuft diese bis in den Sommer hinein.“ 

Gleichzeitig stoßen Informationsveranstaltungen und Ausbildungsbörsen weiterhin auf großes Interesse. „Unsere Angebote im Frühjahr sind regelmäßig sehr gut besucht,“ so Juszczak. Die Nachfrage der Jugendlichen trifft dabei auf viele freie Ausbildungsplätzen in allen Regionen des IHK-Bezirks. 

Noch ist das Jahr nicht gelaufen

Arbeitsagentur-Chefin Jordy betont, dass noch etwas Zeit ist bis zum Ausbildungsbeginn. Der Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit nehme weitere Angebote an Ausbildungsstellen gerne auf und suche passende Bewerberinnen und Bewerber. 

Bei der IHK Köln steht die Ausbildungsstellenvermittlung Betrieben und Jugendlichen unter passgenau@koeln.ihk.de zur Verfügung. Einen Überblick über die zahlreichen Angebote und Instrumente im Ausbildungsmarketing bietet zudem die Website der IHK Köln.

 

 

des Bürgerportals. Kontakt: info@in-gl.de

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