Kinderärztin Dr. med Uta Römer. Foto: privat

Vitamin B12 gilt oft als reines „Veganer-Thema“. Tatsächlich kann ein Mangel aber auch Kinder betreffen, die grundsätzlich Fisch, Milchprodukte, Eier oder Fleisch essen. Wie entsteht ein Mangel, woran erkennt man ihn, und wann ist eine Ergänzung sinnvoll? Dr. Uta Römer klärt die wichtigsten Fragen.

Seit dem 15. Mai wird im Neugeborenen-Screening auf vier zusätzliche Erkrankungen getestet. Neu hinzugekommen sind die Untersuchung auf einen erworbenen Vitamin-B12-Mangel sowie Tests auf drei seltene, aber schwere Stoffwechselstörungen: Homocystinurie, Propionazidämie und Methylmalonazidurie. Das nehmen wir zum Anlass, Vitamin B12 genauer anzuschauen.

Was ist Vitamin B12?

Vitamin B12, auch Cobalamin genannt, ist ein wasserlösliches Vitamin. Der Körper braucht es vor allem für zwei Aufgaben: für die Blutbildung und für die Funktion des Nervensystems.

Fehlt Vitamin B12, können im Knochenmark zu große, unreife rote Blutkörperchen entstehen. Man spricht dann von einer megaloblastären Anämie, also einer bestimmten Form der Blutarmut.

Außerdem ist Vitamin B12 wichtig für die sogenannte Myelinschicht. Diese schützende Hülle umgibt die Nervenfasern und sorgt dafür, dass Reize zuverlässig weitergeleitet werden. Gerade bei Babys und Kleinkindern, deren Gehirn und Nervensystem sich besonders schnell entwickeln, ist eine gute Versorgung deshalb wichtig.

Wie gelangt das Vitamin in den Körper?

Vitamin B12 wird nicht von Pflanzen oder Tieren selbst hergestellt, sondern von bestimmten Bakterien und Archaeen. Es gelangt in tierische Lebensmittel, weil diese Mikroorganismen im Verdauungstrakt vieler Tiere vorkommen oder weil Tiere Vitamin B12 über Futter, Bodenbestandteile oder Ergänzungen aufnehmen und es anschließend in Gewebe, Milch oder Eiern gespeichert wird.

Für den Alltag gibt es für uns damit zwei verlässliche Quellen: tierische Lebensmittel wie Fisch, Fleisch, Eier und Milchprodukte sowie geeignete Vitamin-B12-Präparate oder angereicherte Produkte, zum Beispiel manche Pflanzendrinks. Beide Wege können den Bedarf decken, wenn sie richtig umgesetzt werden.

Auf vermeintlich „natürliche“ pflanzliche B12-Quellen wie fermentierte Lebensmittel sollte man sich dagegen nicht verlassen. Ihre Wirksamkeit im menschlichen Stoffwechsel ist nicht ausreichend gesichert.

Wie viel Vitamin B12 brauchen Kinder?

Der Bedarf hängt vom Alter ab. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung gibt folgende Schätzwerte für eine angemessene Zufuhr an:

AlterVitamin B12 pro Tag
Säuglinge 0 bis unter 4 Monate0,5 µg
Säuglinge 4 bis unter 12 Monate1,4 µg
Kinder 1 bis unter 4 Jahre1,5 µg
Kinder 4 bis unter 7 Jahre2,0 µg
Kinder 7 bis unter 10 Jahre2,5 µg
Kinder 10 bis unter 13 Jahre3,5 µg
Jugendliche ab 13 Jahren4,0 µg

Ab 13 Jahren entspricht der empfohlene Wert dem Erwachsenenwert.

Welche Lebensmittel liefern Vitamin B12?

Vitamin-B12-reiche Lebensmittel sind ein Baustein einer ausgewogenen Ernährung. Obst, Gemüse, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte liefern zwar kein Vitamin B12, sind aber trotzdem wichtig, weil sie viele andere Nährstoffe und Ballaststoffe enthalten.

Gute Vitamin-B12-Quellen sind:

  • Hering: ca. 7 µg pro 100 g
  • Lachs: ca. 3 µg pro 100 g
  • Rindfleisch: ca. 2 bis 5 µg pro 100 g
  • Hartkäse, zum Beispiel Emmentaler oder Bergkäse: ca. 2 bis 3 µg pro 100 g
  • Ein Hühnerei: etwa 1 µg
  • Milch, Joghurt und Quark: ca. 0,4 bis 0,8 µg pro 100 g
  • Rinderleber: 70 bis 80 µg pro 100 g, wird in Familien aber eher selten gegessen

Für Kinder mit Mischkost gilt als einfache Orientierung: Wer regelmäßig Milchprodukte isst, ein- bis zweimal pro Woche Fisch bekommt und gelegentlich Eier oder kleine Portionen Fleisch isst, ist meist gut versorgt.

Bei vegetarischer oder veganer Ernährung braucht es eine gezielte Ergänzung oder regelmäßig verlässlich angereicherte Lebensmittel. Pflanzendrinks aus Hafer, Soja oder Mandeln enthalten von Natur aus kein Vitamin B12. Viele Produkte sind aber angereichert. Ein Blick auf die Zutatenliste lohnt sich.

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.

Warum kann auch bei Mischkost ein Mangel entstehen?

In den meisten Familien mit Mischkost ist die Vitamin-B12-Versorgung gut. Trotzdem zeigen europäische Untersuchungen, dass auch unter Kindern mit Mischkost ein kleiner Teil deutlich erniedrigte oder grenzwertige B12-Spiegel hat. Das ist kein Grund zur Sorge für alle Familien, aber ein Hinweis: Mischkost schützt nicht automatisch in jeder Situation.

Ein häufiger Grund sind lange Phasen sehr wählerischen Essens. Manche Kinder lehnen über Wochen oder Monate Fleisch, Fisch und Eier ab und essen überwiegend Brot, Nudeln, Obst oder einzelne Lieblingslebensmittel. Wenn gleichzeitig kaum Milchprodukte gegessen werden, kann die B12-Zufuhr zu niedrig werden.

Bei Säuglingen spielt außerdem die Versorgung der Mutter eine wichtige Rolle. Stillende Mütter können auch bei Mischkost einen niedrigen B12-Spiegel haben, etwa nach mehreren dicht aufeinanderfolgenden Schwangerschaften, bei chronischen Magen-Darm-Erkrankungen oder bei langfristiger Einnahme bestimmter Magensäureblocker. Der Säugling ist dann über die Muttermilch, die nicht genug B12 enthält, ebenfalls gefährdet.

Auch Erkrankungen können die Aufnahme stören. Dazu gehören zum Beispiel Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, eine unerkannte Zöliakie oder seltene Erkrankungen der Magenschleimhaut. In solchen Fällen reicht eine gute Ernährung manchmal nicht aus, weil das Vitamin im Darm nicht ausreichend aufgenommen wird.

Woran erkennt man einen Vitamin-B12-Mangel?

Ein Vitamin-B12-Mangel entwickelt sich oft langsam. Die Beschwerden sind anfangs unspezifisch und können leicht übersehen werden.

Bei Säuglingen und Kleinkindern können Trinkschwäche, schlechtes Gedeihen, ungewöhnliche Schlaffheit, Reizbarkeit oder eine verzögerte motorische Entwicklung auffallen. Wenn ein Kind bereits erlernte Fähigkeiten wieder verliert, ist das immer ein Warnzeichen und sollte rasch abgeklärt werden.

Bei Schulkindern und Jugendlichen zeigen sich eher anhaltende Müdigkeit, Blässe, Konzentrationsprobleme, ein Leistungsknick oder manchmal eine glatte, brennende Zunge. Bei länger bestehendem Mangel kann Kribbeln in Händen oder Füßen auftreten. Das kann ein Hinweis darauf sein, dass auch die Nerven betroffen sind.

Wenn solche Beschwerden länger bestehen oder mehrere Zeichen zusammenkommen, lässt sich der Vitamin-B12-Status mit einer Blutuntersuchung gut beurteilen.

Wann ist eine Ergänzung sinnvoll?

Nicht jedes Kind braucht ein Vitamin-B12-Präparat. Sinnvoll oder notwendig ist eine Ergänzung vor allem in bestimmten Situationen.

Dazu gehören eine vegane Ernährung, häufig auch eine vegetarische Ernährung, ein im Labor nachgewiesener Mangel, chronische Aufnahmestörungen wie Morbus Crohn oder Zöliakie sowie Säuglinge stillender Mütter mit niedrigem B12-Spiegel.

Auch bei Kindern, die über Monate sehr einseitig essen, oder bei passenden Beschwerden wie unerklärlicher Müdigkeit, schlechtem Wachstum oder Entwicklungsauffälligkeiten kann eine Ergänzung sinnvoll sein. Vorher sollte aber geprüft werden, ob tatsächlich ein Mangel besteht und welche Dosierung passt.

Die meisten Kinder können Vitamin B12 gut als Tropfen oder Tabletten einnehmen. Spritzen sind nur selten nötig, zum Beispiel bei klaren Aufnahmestörungen. Die passende Form und Dosis sollte altersgerecht gewählt und in der Kinder- und Jugendarztpraxis besprochen werden.

Was bringt das neue Neugeborenen-Screening?

Ein unerkannter Vitamin-B12-Mangel beim Säugling kann zu Blutarmut und vor allem zu Entwicklungsstörungen des Nervensystems führen. Wird er früh erkannt, lässt er sich in vielen Fällen gut und folgenlos behandeln.

Das neue Screening hilft, betroffene Kinder früher zu finden, bevor deutliche und unwiderrufliche Beschwerden auftreten, die sonst häufig erst nach Monaten erkannt werden können. Bei erworbenem Mangel reicht häufig eine zeitlich begrenzte Ergänzung. Bei seltenen angeborenen Stoffwechselstörungen kann eine dauerhafte Behandlung nötig sein. Auch dann gilt: Je früher die Diagnose gestellt wird, desto besser sind die Aussichten.

Fazit

Vitamin B12 ist wichtig für Blutbildung, Nerven und Entwicklung. Meist lässt sich der Bedarf gut über tierische Lebensmittel oder eine passende Ergänzung decken. Ein Mangel kann aber entstehen, wenn Kinder lange sehr einseitig essen, wenn stillende Mütter selbst zu wenig B12 haben oder wenn der Darm das Vitamin nicht gut aufnimmt. Bei anhaltender Müdigkeit, schlechtem Gedeihen oder Entwicklungsauffälligkeiten sprechen Sie uns gern an.

Wir wünschen Ihnen und Ihren Kindern eine schöne, sonnige Zeit!

Ihre Dr. Uta Römer und Praxisteam

Weitere Informationen finden Sie unter anderem bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, dem Bundesinstitut für Risikobewertung, der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Hier geht es zur Webseite meiner Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendmedizinin Refrath.


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Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Sie hat eine Praxis in Refrath.

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