Symbolbild: Jugendweihebb / Pixabay

Susanne Hillar arbeitet als Coachin mit hochsensiblen Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und ganzen Familien zusammen. Im Interview erzählt sie, wie Eltern ihr betroffenes Kind am besten unterstützen – und so das gesamte Familienleben erleichtern können.

Laura Geyer: Susanne, ist es richtig, dass Hochsensible – Kinder wie Erwachsene – vor allem lernen müssen, sich so zu akzeptieren, wie sie sind?

Susanne Hillar: Genau. Wichtig ist erst einmal, dass die Familie weiß, was los ist, und dass auch das Kind erfährt, dass es hochsensibel ist. Ich erlebe bei Erwachsenen wie bei Kindern, dass es eine große Entlastung ist, das zu verstehen. Je normaler Eltern damit umgehen, desto selbstverständlicher können auch die Kinder das akzeptieren und damit nach außen gehen, ohne sich dafür zu schämen, wie sie sind.

Wenn man als Elternteil selbst hochsensibel ist und damit hadert, sollte man schauen: Was habe ich in meiner Kindheit darüber gelernt – vielleicht, dass ich zu sensibel bin, zu viele Ängste habe oder in irgendeiner Form „zu viel“ bin? Und was davon sitzt vielleicht noch in mir und macht es mir schwer, meine Sensibilität zu akzeptieren?

Da kann es helfen, sich zum Beispiel in einem Coaching mit Mustern aus der eigenen Kindheit oder Familie zu beschäftigen und diese zu verändern. Wenn wir selbst einen guten Umgang damit haben, können wir das unseren Kindern vorleben.

Wie können wir die Kinder dabei unterstützen, ihr Nervensystem zu schützen?

Für hochsensible Kinder ist Selbstwirksamkeit ganz wichtig: Sie sollen lernen, dass sie sich Pausen nehmen und Nein sagen dürfen, wenn sie das Gefühl haben, etwas ist ihnen zu viel. Gleichzeitig sollten Eltern ihrem Kind auch dabei helfen, immer wieder kleine Schritte aus der Komfortzone heraus zu machen.

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Bist du hochsensibel (und weißt es nicht)?

Unsere Autorin erfährt durch ihr Kind, dass sie selbst hochsensibel ist. Obwohl es so weit verbreitet ist, weiß kaum jemand über das Thema Bescheid. Dabei kann es, unerkannt, zu großen Problemen führen. Was ist Hochsensibilität? Wie erkennen Eltern, ob ihr Kind betroffen ist? Und wie gehen sie damit um? Viele Fragen, viele Antworten im großen Überblick.

Dabei dürfen Eltern viel stärker auf ihre Intuition hören und tagesabhängig entscheiden. Wenn ich schon merke, dass mein Kind fast am Anschlag ist, muss ich einen Kindergeburtstag oder eine Familienfeier nicht durchziehen, nur weil wir zugesagt haben. Gleichzeitig hilft es, Belastungen gut zu planen und vorher wie nachher für Erholung zu sorgen. So erlebt das Kind: Ich bin der Überreizung nicht ausgeliefert, sondern kann mitgestalten, was mir guttut.

Hochsensible Kinder verstehen oft sehr viel, wenn man sie mit ins Boot holt.

Was sollten Eltern hochsensibler Kinder vermeiden?

Bestrafung funktioniert bei hochsensiblen Kindern meist nicht gut. Sie verstärkt schnell das Gefühl: Ich bin nicht richtig, so wie ich bin. Viele hinterfragen sich ohnehin die ganze Zeit und glauben schnell, etwas falsch gemacht zu haben.

Besser ist es, ihnen viel zu erklären und sie – sobald sie alt genug sind – in die Gestaltung von Konsequenzen einzubeziehen: Statt etwas von außen überzustülpen, kann man gemeinsam überlegen, was jetzt sinnvoll ist. Hochsensible Kinder verstehen oft sehr viel, wenn man sie mit ins Boot holt.

Mein eigenes Kind ist auch hochsensibel, und bei uns führt diese Strategie dazu, dass es alles ausdiskutieren will und auch Grenzen gerne immer wieder hinterfragt.

Kinder brauchen natürlich Grenzen. Hilfreich kann sein, klar zu unterscheiden: Was ist verhandelbar, und was nicht? Zum Beispiel mit einem Ampelsystem: Rot bedeutet, darüber wird jetzt nicht diskutiert, Grün lässt Spielraum. So bleibt die Grenze klar, aber der Umgang damit wird spielerischer.

Hochsensible Kinder zu begleiten kann herausfordernd sein… Was hilft akut bei einem emotionalen Meltdown?

Wenn das Kind mitten in einem Meltdown steckt, bringt es nichts, mit dem Verstand dazwischenzugehen. Das gilt übrigens für alle, nicht nur für Hochsensible. Das Nervensystem ist dann am Anschlag, da kann man noch so viel erklären – es kommt in dem Moment nicht an.

Was macht die Wut meines Kindes mit mir? 

Was oft hilft, ist Bewegung. Viele Kinder sind in einem Meltdown im „Fight-Flight-Freeze“-Modus. Deshalb kann es sinnvoll sein, mit dem Kind den Raum zu verlassen, die Situation zu wechseln oder sonst irgendwie Bewegung reinzubringen, sofern das möglich ist.

Gleichzeitig dürfen Eltern auch auf sich selbst schauen: Was macht die Wut meines Kindes mit mir? Kann ich sie aushalten, oder habe ich gelernt, dass Wut etwas Schlimmes ist? Und was hilft mir, in diesem Moment etwas ruhiger zu bleiben? Dabei geht es nicht darum, immer perfekt reguliert zu sein, dieser Anspruch macht nur zusätzlichen Druck. Wichtig ist vielmehr zu merken: Was brauche ich gerade, damit ich wieder für mein Kind da sein kann?

Symbolbild: Саша Лазарев / Pexels

Häufig schlafen hochsensible Kinder schlecht – und ihre Eltern infolgedessen auch. Das macht die Nerven auf beiden Seiten oft noch dünner. Warum fällt diesen Kindern das Schlafen so schwer?

Ja, Schlaf ist ein ganz großes Thema. Wenn eigentlich alles zur Ruhe kommen sollte, beginnt bei vielen Hochsensiblen das Gedankenkarussell. Sie gehen den Tag noch einmal durch, fragen sich vielleicht: Wo habe ich etwas falsch gemacht? Was hätte ich anders machen können?

Gleichzeitig beschäftigen sie schon die Dinge, die am nächsten Tag oder in der weiteren Zukunft anstehen, etwa eine Klassenfahrt. Deshalb können sie oft schlecht einschlafen. Häufig verarbeiten die Kinder auch Ängste im Schlaf und haben entsprechend Albträume.

Was können Eltern tun, um das Schlafen zu erleichtern?

Das Nervensystem tagsüber entlasten, damit die Kinder abends und nachts besser zur Ruhe kommen. Das kann übrigens auch Meltdowns und Wutanfällen vorbeugen – die entstehen manchmal einfach, weil die aufgestaute Energie irgendwo hinmuss.

Wir tragen viele Ängste, Gefühle und alte Erfahrungen nicht nur im Verstand, sondern vor allem im Körper.

Da kann man schauen, was dem Kind hilft: Reguliert es sich beim Malen? Oder braucht es Bewegung, vielleicht sogar Kampfsport, ein Kissen zum Draufhauen, Tanzen oder Ausschütteln? Wichtig sind außerdem regelmäßige Ruheinseln tagsüber und Abendroutinen. Auch EFT vor dem Schlafengehen kann eine Möglichkeit sein.

Was ist EFT?

EFT steht für „Emotional Freedom Technique“. Das ist eine ganz sanfte Klopfmethode, bei der bestimmte Punkte am Körper beklopft werden, die auch aus Akupressur und Akupunktur bekannt sind. Dabei spricht man meistens beruhigend mit sich oder dem Kind. Das kann helfen, das Nervensystem zu beruhigen und mit Ängsten oder Stress umzugehen.

Ich arbeite sehr gerne damit, weil wir viele Ängste, Gefühle und alte Erfahrungen nicht nur im Verstand, sondern vor allem im Körper tragen. Selbst wenn wir unsere Muster verstehen, heißt das noch nicht, dass wir sie verändern können. Beim EFT nimmt man deshalb den Körper mit und schaut zum Beispiel: Wo spüre ich das gerade? Die Methode kann man schon mit kleinen Kindern anwenden und auch als Elternteil selbst erlernen – für sich und für das Kind.

Das klingt toll. Nichtsdestotrotz wird es mit hochsensiblen Kindern immer wieder herausfordernde Situationen geben, zum Beispiel, wenn große Veränderungen anstehen wie die Eingewöhnung in der Kita oder die Einschulung. Wie können Eltern ihr Kind bei solchen Übergängen unterstützen?

Ganz wichtig ist, alle Ängste und Sorgen ernst zu nehmen, die das Kind bei so einem Übergang hat. Also wirklich darüber zu sprechen und gemeinsam zu schauen: Wie wahrscheinlich ist das, wovor du Angst hast? Und was könnten wir tun, wenn es tatsächlich passiert?

Je mehr das Kind weiß, desto weniger muss es sich ausmalen, was alles schiefgehen könnte.

Ich hatte zum Beispiel eine Klientin, die beim Übergang auf die weiterführende Schule große Angst davor hatte, allein mit dem Bus zu fahren. Eine ihrer Sorgen war, dass der Bus umkippt. Das klingt für Erwachsene vielleicht sehr unwahrscheinlich, aber für das Kind ist diese Angst in dem Moment real. Dann hilft es, nicht zu sagen: „Ach, das passiert schon nicht“, sondern die Sorge durchzugehen und zu überlegen, was dann wäre und wer helfen könnte.

Außerdem kann man ganz praktisch schauen, was das Kind braucht, damit der Übergang leichter wird: vorher den Schulweg gehen, den Klassenraum, den Pausenhof oder die Toiletten anschauen, schon einmal mit der Lehrerin oder dem Lehrer sprechen. Je mehr das Kind weiß, desto weniger muss es sich ausmalen, was alles schiefgehen könnte.

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.

Am Ende geht es darum, dass das Kind merkt: Meine Sorgen werden ernst genommen, ich übertreibe nicht, und wir werden eine Lösung finden. Das hilft ihm auch, der eigenen Wahrnehmung mehr zu vertrauen. Genau daran arbeite ich auch mit ganz vielen Kindern im Coaching. 

Viele hochsensible Kinder neigen schon früh zu Perfektionismus. Wie können Eltern ihnen helfen, damit umzugehen?

Da geht es vor allem darum, das Selbstvertrauen und die Selbstannahme des Kindes zu stärken: Ich bin okay, so wie ich bin, und ich darf mir selbst vertrauen. Je mehr ein Kind sich selbst annehmen kann, desto weniger Druck entsteht durch den Perfektionismus.

Es geht darum, das Gefühl zu verinnerlichen: Ich bin auch dann okay, wenn nicht alles perfekt ist.

Denn Perfektionismus ist nicht grundsätzlich schlecht. Er kann dazu führen, dass man genau arbeitet, Fehler sieht und weiß, wann etwas gut ist. Entscheidend ist nur, dass er einen nicht bestimmt. Das Kind darf lernen zu unterscheiden: Brauche ich meinen Perfektionismus gerade, oder ist er kontraproduktiv? Muss es wirklich perfekt sein, oder sind auch 90 Prozent in Ordnung?

Das lässt sich über den Verstand allein oft nur schwer lösen. Es geht vielmehr darum, das Gefühl zu verinnerlichen: Ich bin auch dann okay, wenn nicht alles perfekt ist.

Das Ding ist nur, dass diese Überzeugung oft ganz tief sitzt und wir mit dem Verstand und gutem Zureden nicht weiterkommen. Hier ist es wichtig, den Körper mit auf die Reise zu nehmen und uns auch transgenerationale Familienmuster anzuschauen, um wirklich eine nachhaltige Veränderung zu erzielen. 

Jetzt ging es sehr viel um Probleme und Herausforderungen. Magst du zum Schluss noch einmal sagen, warum es auch ganz toll ist, Eltern eines hochsensiblen Kindes zu sein?

Die Kinder sind sehr empathisch und sehr kreativ. Sie fühlen sehr viel und sehr tief. Meistens sind sie sehr wortgewandt, klug, witzig und machen sich viele Gedanken. Sie setzen sich für andere ein, wenn sie etwas ungerecht finden. Und sie zwingen uns ein bisschen dazu, uns als Eltern mit uns selbst auseinanderzusetzen – und sorgen so dafür, dass wir als ganze Familie mehr miteinander in Verbindung kommen.


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ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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  1. Sehr schön geschriebener Artikel, aber was mir immer fehlt, ist der Hinweis auf Neurodivergenz. Ich weiss, dass sich für viele “Hochsensibilität” besser als Z.B. Autismus anhört. Aber diese Sensibilität ist meistens (einige Forscher vermuten sogar immer) Teil von etwas Größerem.

    Da ich selber erst mit über 40 Jahren meine Autismus (um genau zu sein AuDHD also Autismus mit ADHS) Diagnose bekommen habe, fühlt sich das für mich immer wie unterlasse Hilfeleistung an. Allerdings hätten mit diese Tipps und Ratschläge als Kind und Jugendliche sehr geholfen.

    Und im Endeffekt ist das “Label” egal, solange man endlich seinem Nervensystem entsprechend behandelt wird und das Umfeld sich darauf einlassen kann. Von daher ist das ein guter Einstieg.