Symbolbild: Pexels/Serg Alesenko

Unsere Autorin erfährt durch ihr Kind, dass sie selbst hochsensibel ist – so wie bis zu 20 Prozent der Bevölkerung. Obwohl es so weit verbreitet ist, weiß kaum jemand über das Thema Bescheid. Dabei kann es, unerkannt, zu großen Problemen führen. Was ist Hochsensibilität? Wie erkennen Eltern, ob ihr Kind betroffen ist? Und wie gehen sie damit um? Viele Fragen, viele Antworten im großen Überblick.

Mein Kind war 14 Monate alt, wir waren zur U6 beim Kinderarzt. Der Arzt beobachtete den Kleinen, der seine Augen überall hatte, auf jedes Geräusch, jeden Reiz reagierte. „Das scheint mir in Richtung Hochsensibilität zu gehen“, sagte er.

Da hatte ich ihm noch gar nicht erzählt, dass mein Sohn jeden Tag, nachdem wir ihn aus der Kindertagespflege abholten, erstmal eine halbe Stunde schrie. Dass er furchtbar schlecht schlief und in lauten Umgebungen komplett überdrehte.

Zurück zu Hause fing ich an zu lesen. Stieß auf einen Test, mit dem Eltern herausfinden können, ob ihr Kind vielleicht hochsensibel ist (hier geht es zum Test). Die Antwort war eindeutig. Mehr zum Spaß machte ich anschließend auch den Test für Erwachsene – und fiel aus allen Wolken: Ich hatte fast alle Fragen mit „Ja“ markiert.

Es ist kein kleines Randphänomen.

Wieso hatte ich noch nie von Hochsensibilität gehört? Bereits seit den 1990er-Jahren ist bekannt, dass Sensibilität ein Persönlichkeitsmerkmal ist, das bei vielen Menschen durchschnittlich, bei manchen niedriger und bei einigen besonders hoch ausgeprägt ist. (Vergleichbar mit anderen menschlichen Eigenschaften wie Intro- oder Extroversion.)

Und es ist kein kleines Randphänomen: „15 bis 20 Prozent der Bevölkerung sind hochsensibel“, sagt Beate Gräf, Internistin und Hausärztin in Schildgen sowie ganzheitliche Coachin für Hochsensibilität.

Was ist Hochsensibilität?

Gräf beschreibt Hochsensibilität als „nicht pathologische Neurodivergenz“. Neurodivergenz bedeutet, dass das Gehirn Informationen anders verarbeitet als der Durchschnitt. Das Thema ist derzeit viel in der Öffentlichkeit, allerdings vor allem in Form von Diagnosen wie ADHS oder Autismus-Spektrum-Störungen.

Diese betreffen je nach Studie jeweils nur einen kleineren Teil der Bevölkerung: ADHS etwa 2,5 bis 5 Prozent, Autismus rund 1 Prozent.

Wenn man sich nicht vor der Überreizung schützt – weil man vielleicht überhaupt nichts davon weiß –, „öffnet sich ein Tor zur Psychosomatik“.

Beate Gräf

Auch Hochsensibilität ist eine Abweichung von der durchschnittlichen neurologischen Verarbeitung, aber sie ist keine Krankheit. Fun Fact am Rande: Auch im Tierreich existiert Hochsensibilität, in der gleichen Verteilung und mit ganz ähnlichen „Symptomen“.

Die Gehirne Hochsensibler haben weniger stark ausgeprägte Filter als die anderer Menschen. Daher nehmen sie sämtliche Reize viel intensiver wahr – Geräusche, Gerüche, aber auch Stimmungen im Raum und Emotionen, eigene wie die anderer.

Das führt dazu, dass das Nervensystem schnell überlastet wird. Wenn man sich nicht vor der Überreizung schützt – weil man vielleicht überhaupt nichts davon weiß –, „öffnet sich ein Tor zur Psychosomatik“, sagt Beate Gräf: Magen-Darm-Erkrankungen, Herzprobleme, Verspannungen, Kopfschmerzen, Migräne, sogar Depressionen und Autoimmunerkrankungen können sich entwickeln, wenn das Nervensystem dauerhaft überreizt ist.

Hochsensibilität birgt auch ein enormes Potenzial.

Wenn das nicht Grund genug ist, mehr über das Thema zu sprechen. Insbesondere mit Blick auf die Kinder, damit es bei ihnen erst gar nicht zu psychosomatischen Erkrankungen und anderen Problemen kommt.

Problematisch ist eigentlich nur, dass Hochsensibilität so wenig bekannt ist und Betroffene versuchen, sich an den Gesellschaftsdurchschnitt anzupassen – was mit ihrem ausgeprägten Nervensystem aber oft nicht gut funktioniert.

„Hochsensibilität birgt auch ein enormes Potenzial“, sagt Beate Gräf. Und dieses Potenzial lässt sich schon bei Kindern beobachten: ein hohes Maß an Empathie und Kreativität, großer Wissensdurst, ausgeprägte Intuition, tiefe Emotionen und Gedanken.

Hochsensible Menschen haben meist einen hohen Gerechtigkeitssinn, werden von Musik stark bewegt.

Woran erkennen Eltern hochsensible Kinder?

„Hochsensible Kinder sind meistens sehr wortgewandt, klug, machen sich viele Gedanken und stellen Fragen, wo man manchmal denkt: Du bist fünf, wo kommt das gerade her?“ Susanne Hillar lacht. Die Kölnerin ist Coachin für Hochsensibilität und transgenerationales Trauma, sie arbeitet mit hochsensiblen Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und ganzen Familien.

Woran Eltern sonst noch erkennen, dass ihr Kind vielleicht hochsensibel ist? „Ich habe oft Eltern in der Begleitung, die sagen: Eigentlich war das schon ganz früh klar, weil das Kind oder sogar schon das Baby sehr reizempfindlich war. Ich hatte nur noch keinen Begriff dafür,“ erläutert Hillar.

Bei Kindern führt die Überreizung häufig zu „Meltdowns“. Kurzfristige Planänderungen, aber auch größere Übergänge und Änderungen – Kita-Eingewöhnung, Einschulung, Klassenfahrt – sind herausfordernd. Weil sich hochsensible Kinder viele Gedanken machen, sind sie in der Regel eher vorsichtig, trauen sich nicht an neue Dinge heran, entwickeln Ängste.

Ganz viel läuft nicht so, wie man es geplant hat, weil da ein hochsensibles Nervensystem ist, das nicht funktionieren möchte.

Susanne Hillar

Hillar betont, dass nicht alle Eigenschaften auf alle Hochsensiblen zutreffen. Es gebe auch hochsensible „Rampensäue“ – „wenn man davon ausgeht, dass jeder fünfte Mensch hochsensibel ist, kann man sich ja vorstellen, wie unterschiedlich die alle sind.“

Mein Kind zum Beispiel, inzwischen fast sechs Jahre alt, ist sehr extrovertiert, spricht mit jedem, hat Wutanfälle, zu denen mir alles einfällt außer das Wort „sensibel“, und würde von anderen vermutlich als eher lautes Kind beschrieben. Zu verstehen, dass das seine Reaktion auf Überreizung ist, hat gedauert.

Gleichzeitig treffen viele andere typische Merkmale auf ihn zu, er ist vorsichtig, hochempathisch, unheimlich wortgewandt, sprüht vor Kreativität, macht sich für sein Alter unglaubliche Gedanken, tut sich schwer mit Veränderungen. Dass er im Sommer eingeschult wird, merken wir als Familie (und auch seine Kita) seit Monaten.

Herausforderungen und Chancen für Eltern

Der Alltag mit einem hochsensiblen Kind ist herausfordernd. „Ganz viel läuft da eben nicht so, wie man es geplant hat, weil da ein hochsensibles Nervensystem ist, das nicht funktionieren möchte“, sagt Susanne Hillar. Eltern müssen viele Gefühle begleiten, schauen, wie das kindliche Nervensystem zwischendurch entlastet werden kann, um nicht zu überreizen.

Sie versteht es aber auch als Chance: „Ich nenne Hochsensible gerne das Alarmsystem unserer Gesellschaft, weil wir sehr früh sehr viel wahrnehmen, und das gilt natürlich auch im Familiensystem.“

Es kann vorkommen, dass ein hochsensibles Kind zum Beispiel Bauchschmerzen bekommt, weil der Vater eigentlich trauern müsste, aber seine Gefühle unterdrückt. Eltern eines sensiblen Kindes zu sein, zwingt sie also fast ein bisschen dazu, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, was ja nun wirklich niemandem schaden kann.

Hillar findet: „Es kann eine große Chance für die Familie sein, mehr miteinander in Verbindung zu kommen.“

Ich habe verstanden, dass ich nicht „zu empfindlich“ bin, sondern tatsächlich ein empfindsameres Nervensystem habe als andere Menschen.

Laura geyer

Für mich bedeutete der Hinweis auf die Hochsensibilität meines Kindes auch zu erkennen, dass ich selbst hochsensibel bin. Das ist kein Zufall – Hochsensibilität ist vermutlich zumindest teilweise vererbbar, die Forschung dazu ist noch jung.

Diese Erkenntnis wiederum war für mich unglaublich hilfreich und heilsam. Ich habe verstanden, dass ich nicht „zu empfindlich“ bin, sondern tatsächlich ein empfindsameres Nervensystem habe als andere Menschen. Dass ich auf dieses Nervensystem besser aufpassen und mir Strategien suchen muss, damit es mir gut geht.

Ich habe gelernt, dass das nicht bedeutet, dass mit mir etwas nicht stimmt. Und dass genau das das Wichtigste ist, was ich meinem Kind mitgeben muss.

Folgen unerkannter Hochsensibilität

Denn das Schlimmste daran, dass Hochsensibilität so wenig bekannt und gesellschaftlich akzeptiert ist, ist, dass Betroffene schon als Kinder lernen: Ich bin nicht gut so, wie ich bin. Ich bin zu empfindlich, zu feinfühlig, zu ängstlich. Ich muss mich anpassen, damit es niemand merkt.

Wir versuchen alles so perfekt wie möglich zu machen, damit niemandem auffällt, dass mit uns eigentlich was nicht stimmt.

Susanne Hillar

„Wir wollen zur Mehrheit dazugehören“, sagt Beate Gräf, „das ist evolutionär bedingt: Früher wäre der Ausschluss aus der Gruppe unser Tod gewesen. Also werden wie zu Chamäleons, die sich überanpassen und die Gefühle anderer besser spüren als ihre eigenen.“

Susanne Hillar ergänzt: „Wir versuchen alles so perfekt wie möglich zu machen, damit niemandem auffällt, dass mit uns eigentlich was nicht stimmt.“

Hochsensible Kinder werden also häufig sehr perfektionistisch, machen sich viel Druck in der Schule, was enorm viel Energie raubt und zu psychosomatischen Erkrankungen führen kann.

Gleichzeitig, sagt Beate Gräf, können sie sich aber oft schlecht konzentrieren, weil sie so viel um sich herum wahrnehmen, und werden dann mit ADHS fehldiagnostiziert. Bekommen Medikamente, die sie eigentlich nicht brauchen, und die ganzen Stigmatisierungen, die mit dieser Diagnose einhergehen. Obwohl sie eigentlich nur ein überreiztes Nervensystem haben.

Und was hilft?

Der erste und wichtigste Schritt ist, wie so oft, die Erkenntnis. Und zwar der Eltern, aber auch der Kinder selbst. Susanne Hillar sagt: „Man kann ganz viel tun, wenn die Kinder wissen, was mit ihnen los ist, und lernen, wie sie besser auf sich aufpassen können.“

Beate Gräf spricht davon, einen eigenen „Selbst-Wert“ zu entwickeln: Ja, man ist anders als andere, aber das ist okay – und in vielerlei Hinsicht auch ganz positiv. All das kann man Kindern schon früh mitgeben. Und dann kann man „von der Verurteilung in die Entwicklung“ kommen.

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.

Was das einzelne Kind braucht, um sein Nervensystem zu entlasten und sich selbst zu regulieren, ist individuell sehr unterschiedlich. Gräf empfiehlt, viel mit den Kindern zusammenzuarbeiten, die oft viele Ideen in sich tragen würden.

Ein paar Impulse von den beiden Expertinnen:

  • Atemübungen
  • Yoga
  • in die Natur gehen
  • lieber weniger Aktivitäten neben Kita/Schule
  • Kreativität ausleben
  • die Klopftechnik „Emotional Freedom Technique“
  • bei akuter Reizüberflutung aus der Situation rausgehen, in der Schule zum Beispiel auf die Toilette

Mehr dazu im Interview mit Susanne Hillar.

Wenn ein hochsensibles Kind lernt, sich selbst zu akzeptieren, zu spüren, wann es ihm zu viel wird, und weiß, welche Strategien ihm dann helfen, kann es „super durchs Leben kommen“, sagt Susanne Hillar – „ohne sich permanent anzupassen“.

Sie empfiehlt Eltern, sich frühzeitig Hilfe zu suchen – wenn sie selbst hochsensibel sind, vielleicht sogar schon vor der Familiengründung. Oder dann, wenn sie einfach mit jemandem sprechen und überlegen möchten, was in ihrer individuellen Situation helfen könnte. „Ich sehe das als Abkürzung: Natürlich kann man sich auch selbst in das Thema einarbeiten, aber warum nicht jemanden aufsuchen, der sich schon lange damit beschäftigt?“

Angebote für Hochsensible in GL und Umgebung:

Selbsthilfegruppe für erwachsene Betroffene und Interessierte in GL: Die Treffen finden jeweils am zweiten Donnerstag im Monat um 19 Uhr in der Selbsthilfe-Kontaktstelle in Bergisch Gladbach statt. Mehr Infos und Anmeldung: Webseite mit Kontaktmöglichkeiten

Elterntreff in Burscheid: Der Elterntreff findet in kleinen Gruppen, je nach Bedarf mit oder ohne Kinder, im Haus des Kinderschutzbundes statt. Mehr Infos, Termine und Anmeldung: Webseite

Dr. Beate Gräf bietet in ihrer Praxis in Schildgen ganzheitliches Coaching für Hochsensible. Außerdem Elternabende, digitale Inhalte und Workshops für Eltern sowie Fortbildungen zu Hochsensibilität für Bildungseinrichtungen. Mehr Infos: Webseite

Susanne Hillar bietet Coaching für hochsensible Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Familien in Köln-Nippes oder online. Außerdem einmal monatlich einen kostenlosen „Elternabend“ per Zoom und einen Videokurs für Eltern. Mehr Infos: Webseite


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ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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