Schülerinnen und Schüler des AMG führen Maxim Gorkis "Kinder der Sonne" auf. Fotos: AMG

Der Literaturkurs des Albertus-Magnus-Gymnasiums bringt Maxim Gorki auf die Theaterbühne. Das Stück entstand zur Zeit der ersten russischen Revolution. Unter der Regie von Daniel Klisch setzt das Ensemble mit dieser Inszenierung einen ganz eigenen Akzent. Die Arbeiterrevolte bleibt aus.

Wir veröffentlichen einen Beitrag des Albertus-Magnus-Gymnasiums

Als die Zuschauer die Aula betreten, sind einige Figuren bereits da. Manche reagieren auf das hereinkommende Publikum, andere scheinen ganz bei sich zu sein. Etwas ist offenbar schon im Gange, bevor das eigentliche Spiel beginnt. Man betritt keinen Bühnenraum, man gerät unversehens in eine Situation hinein, so dass sich die Grenze zwischen Fiktion und Realität auflöst.

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Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ entstand 1905, im Jahr der ersten russischen Revolution. Das Stück zeigt eine Gruppe von Intellektuellen, die sich vom Volk und der sozialen Wirklichkeit entfremdet hat.

Während draußen die soziale Ordnung zu zerbrechen beginnt und die Arbeiter den Sturz des Zaren-Regimes herbeisehnen, reflektieren sie, umgeben von Bücherstapeln, über Kunst, Wissenschaft und den vernunftbegabten Menschen. Sie sprechen von Freiheit und verlieren zugleich den Blick für die Wirklichkeit. Draußen gerät die Welt aus den Fugen, drinnen erfreut man sich an Glasperlenspielen.

Gleichzeitigkeit der Katastrophen

Die Inszenierung des AMG-Literaturkurses übernimmt diese Grundkonstellation nahezu unverändert. Der Schluss setzt jedoch einen anderen Akzent. Gorkis Drama endet im Ausbruch der Gewalt. Am AMG bleibt die Arbeiterrevolte aus. Am Ende stehen die Arbeiter vor verschlossenem Vorhang und hämmern gegen ihn an. Nur unten bleibt ein schmaler Spalt. Dahinter pulsiert eine rote Glut, als läge unter der Bühne ein Vulkan, dessen Ausbruch längst begonnen hat. Die Bewohner des Salons bleiben drinnen.

Wovor die Arbeiter fliehen wollen, wird anhand einer Montage von Fernsehnachrichten sichtbar: Bilder der Klimazerstörung, von Krieg, Flucht, Armut und politischen wie moralischen Krisen unserer Gegenwart. Nicht die Revolution bedroht die „Kinder der Sonne“, sondern die Gleichzeitigkeit all jener Katastrophen, von denen jeder weiß, ohne dass etwas aus diesem Wissen folgen würde. Die Revolution hat den Bühnenraum verlassen und ist zur Nachricht geworden.

Theaterstücke sind Zeitkapseln. Sie bewahren nicht nur Geschichten auf, sondern auch die Missstände, Obsessionen, Denkmuster, Illusionen und Dummheiten ihrer Zeit. Gerade deshalb lassen sie sich immer wieder neu lesen.

Das geschieht auch auf der Bühne des AMG, wo das Personal der vorrevolutionären russischen Gesellschaft in Erscheinung tritt: der weltabgewandte Wissenschaftler Páwel (Luis Schliwka), die melancholische Kassandra Lisa (Asya Bicer), die unterkühlte Humanistin Jeléna (Sarah Braun), der verliebte Künstler Wágin (Maximilian Pieske), der skrupellose Neureiche (Johannes Farnschäder als Wygrusow), der in Liebesangelegenheiten Verschmähte (Emilia Köster als Bóris Tschepurnoi), dazu Dienstboten, eine Kinderfrau und schließlich der aggressive Pöbel.

Reduzierter Bühnenraum

Sie bewegen sich in einem reduzierten Bühnenraum, der gleichwohl sprechend eingerichtet ist: ein weißes, rechtwinkliges Sofa, eine Staffelei, eine Küchenzeile, die zugleich Chemielabor und Bar ist und den reichlich konsumierten Weiß- und Rotwein bereithält.

Unter der Bühne, hinter transparenten Vorhängen, wird unablässig gearbeitet. Man hört Hämmern und Reparieren, sieht aber nur Schatten. Unter ihren Füßen arbeitet eine Welt, die sie kaum wahrnehmen. Hörbar ist sie zumeist als fernes Klopfen – ein Geräusch, das besonders auffällt, wenn es verstummt. 

Selbst bei ihren teils aggressiven, teils resignierten Auftritten sind die Arbeiter anwesend und abwesend zugleich: unverzichtbar für den Betrieb dieser Welt und doch aus dem Blickfeld derjenigen verschwunden, die von ihrer Arbeit leben. 

Die „Kinder der Sonne“ zeichnen sich vor allem durch ihre betriebsame Geschwätzigkeit aus. Sie diskutieren unentwegt, reflektieren, analysieren – und verlieren dabei die Welt aus dem Blick. Die gesellschaftlichen Verwerfungen nehmen sie kaum wahr. Das rückt Gorkis Stück nah an unsere Gegenwart.

Nicht weil es den Klimawandel oder geopolitische Krisen vorwegnähme, sondern weil seine Figuren für eine Haltung stehen: Sie verfügen über Wissen, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen. Die Welt erscheint ihnen nicht als Handlungsraum, sondern als Gegenstand des Gesprächs. Die Zukunft erscheint nicht gestaltbar, sondern als Abfolge von Ereignissen, die sich allenfalls kommentieren lassen. Aus dieser Erfahrung erwächst eine Form der Selbstbezogenheit, die aus Gleichgültigkeit entsteht.

Stück mit Gegenwartsbezügen

Daniel Klischs Inszenierung vermeidet die Fallen vieler Aktualisierungen traditionsreicher Stoffe. Er macht aus Gorkis Stück weder ein pädagogisches Agitationstheater noch ein Moralpräparat. Die Gegenwartsbezüge lassen sich aus dem Dargebotenen ableiten, ohne dass sie zelebriert werden.

Vor allem über die Bildsprache, die mit Typisierungen arbeitet. Die Arbeiter treten zunächst schwarz gekleidet auf, als bedrohliche Schatten ihrer selbst. Später tragen einige Jogginghosen, Stirnbänder und rote Hemden, bewegen sich mit ausladenden Gesten und zur Schau gestellter körperlicher Präsenz.

Dem gegenüber stehen die „Kinder der Sonne“, deren Kostüme ihre gesellschaftlichen Rollen markieren. Lisa erinnert in ihrem weißen Kleid an die Reinheit und zunehmende Entrücktheit Ophelias, Páwels unentschiedene Pastelltöne unterstreichen seine weltabgewandte Haltung, Jelénas schwarze Weste wirkt wie ein Zeichen kühler Distanz und Kontrolliertheit, Melánijas Pelz steht für Wohlstand und sinnliche Selbstgewissheit. Psychologische Feinzeichnung ist hier weniger wichtig als Erkennbarkeit.

Darsteller:innen beeindrucken

Bemerkenswert ist auch die Leistung des Ensembles. Die Darsteller begegnen ihren Figuren mit sichtbarer Lust am Spiel. Die Dialoge wirken beiläufig, im Ausdruck dem Jargon und Tonfall der Darsteller angepasst, ohne beliebig zu werden. Gelegentliche Unsicherheit oder Fahrigkeit gibt sich als zeitgemäß aktualisierte Natürlichkeit zu erkennen, nicht als mangelnde Genauigkeit. Die komisch wirkenden Szenen bleiben leichtfüßig und geraten nie ins Boulevardhafte.

Maßgeblichen Anteil daran hat Daniel Klischs Regiekonzept, das er gemeinsam mit seinem Ensemble entwickelt hat. Videoprojektionen erweitern den Bühnenraum und kommentieren das in Teilen von Geschlechterklischees geprägte Bühnengeschehen – etwa die Verführung junger Frauen durch Männer, die sie mit Drogen gefügig machen.

Blick für unterschiedliche Milieus

Musikalische Einspielungen wie „We get the Work done“ übernehmen gelegentlich die Funktion eines ironisch verklingenden Voice-overs. Einzelne Männerrollen sind mit jungen Frauen besetzt, ohne dass daraus ein aufdringlicher Kommentar zur Genderpolitik würde. Zugleich schärft die Inszenierung den Blick für die unterschiedlichen sozialen Milieus, für die Unterdrückung der Frauen in der Ober- und Unterschicht und ebenso für den Narzissmus der gebildeten Männer, die sich in Wissenschaft, Kunst und ihren erotischen Obsessionen verlieren.

Wenn Páwel sich dem Publikum zuwendet und mit Pathos erklärt: „Nur in der Welt des Verstandes ist der Mensch frei“, wirkt das weder wie eine aus der Zeit gefallene Verklärung des Rationalismus noch wie die Karikatur eines weltfremden Intellektuellen. Eher stellt sich unwillkürlich die Frage, wer diese Menschen heute sind. Wer spricht in unserer Gegenwart mit derselben Gewissheit von Vernunft und Fortschritt, während die Krisen immer unübersichtlicher werden?

Soziale Wirklichkeit bleibt vor der Tür

Bezeichnend ist, dass die Inszenierung eine eindeutige Antwort verweigert. Das infernalische Glühen unter dem geschlossenen Bühnenvorhang, die Nachrichtenmontage und das Hämmern der als Silhouetten sichtbaren Arbeiter gegen den geschlossenen Vorhang erzeugen ein eindrucksvolles Bild.

Sie ersetzen nicht die existentielle Bedrohung, die Gorkis Original entfaltet. Dort dringt die soziale Wirklichkeit in den geschützten Raum der Privilegierten ein. Hier bleibt sie vor der Tür. Das ist ein raffinierter Regieeinfall, der dem Gorki-Finale einen Teil seiner plakativen Wucht nimmt, ohne beliebig zu werden. Die Katastrophe, die Selbstzerstörung des Menschen und seiner Lebenswelt, wird symbolisch sichtbar und in ihrer Abgründigkeit erfahrbar.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieser Inszenierung. Die „Kinder der Sonne“ leben heute nicht mehr in Unkenntnis der Welt. Sie leben mit ihr, umgeben von Bildern ihrer Krisen, ohne dass daraus notwendig Handeln folgt. Man verlässt den Abend deshalb nicht mit der Frage, ob Gorkis „Kinder der Sonne“ die politische Brisanz und moralischen Abgründe ihrer Zeit verkannt haben. Sondern mit der weit unangenehmeren Frage, ob sie aufgehört haben, uns fremd zu sein.

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