Symbolfoto: Juraj Varga/ Pixabay

Seit 25 Jahren ist Mechthild Sünder-Tegtmeyer in der Qualifizierung von OGS-Mitarbeiter:innen tätig. In der Debatte um den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz vermisst die Bergisch Gladbacherin den Blick auf die Kinder und deren Bedürfnisse. Sie appelliert an alle Beteiligten, die gefährlichen Missstände offenzulegen und sich sichtbar für bessere Bedingungen einzusetzen. 

Wir veröffentlichen einen Beitrag von Mechthild Sünder-Tegtmeyer

Gerade blitzt das ansonsten eher ignorierte Thema „OGS“ in den Medien auf. Ausgelöst dadurch, dass ab 2026/27 ein Rechtsanspruch auf einen OGS-Platz besteht. (Im September 2021 ist dies im Bundesrat beschlossen worden, d.h. es gab fünf Jahre Vorbereitungszeit!)

Eltern haben Angst, keine Betreuung für ihre Kinder zu haben, die Stadt hat Angst vor rechtlichen Klagen, die Träger der Offenen Ganztagsschulen haben Angst, nicht genug Betreuungskräfte und Räumlichkeiten zur Verfügung zu haben. 

Alle Bedenken haben ihre Berechtigung und es ist gut, dass über mangelnde OGS-Plätze und teils katastrophale Raumnot und -ausstattung endlich berichtet wird. Was mir in der Debatte jedoch fehlt, aber von größter Bedeutung ist, ist der Blick auf die Kinder und das Betreuungspersonal.

Die Bedürfnisse der Kinder

Werden wir mit der Situation an den Offenen Ganztagsschulen den Entwicklungsbedürfnissen von Grundschulkindern überhaupt gerecht? Riskieren wir mit den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht ohnehin schon, dass Kinder vermehrt mit auffälligem, teils gewaltbereitem Verhalten reagieren auf eine Umwelt, die ihnen nicht gerecht wird? 

Zur Person

Mechthild Sünder-Tegtmeyer ist Lehrerin und freiberufliche Dozentin an verschiedenen Bildungseinrichtungen in Bergisch Gladbach, Leverkusen und Köln.

Seit 25 Jahren ist sie als Dozentin in der Qualifizierung von OGS-Mitarbeiter:innen tätig.

Sie wohnt in Schildgen, ist verheiratet, und hat drei erwachsene Töchter und drei Enkelkinder.

Ihr Alltag ist sowohl zu Hause als auch in der Schule und OGS oft geprägt von der eigenen Überforderung und der Überforderung der Bezugspersonen, von mangelnder Bewegung,  Zeitdruck, Reizüberflutung, inadäquatem Medienkonsum und wachsender gesellschaftlichen Unsicherheit. Statistiken, aber auch Berichte von Menschen, die in Schulen tätig sind, zeigen die Folgen auf. Das besorgt mich zutiefst. 

Mechthild Sünder-Tegtmeyer

Seit Jahren wird in Fachkreisen und Fachliteratur darauf hingewiesen und auf die Folgen eines Systems, das nicht auf die Bedürfnisse von Kindern ausgerichtet ist, aufmerksam gemacht. 

Durch den Rechtsanspruch verschärft sich die ohnehin schon katastrophale Situation noch mehr. Die Kinder haben noch weniger Raum und Räume zur Verfügung, Belastungen durch Lautstärke, wenig Freiraum, Zeitdruck und Reglementierung steigen. 

Auffälliges Verhalten

Darauf reagieren die Kinder und zeigen uns mit ihrem vermehrt auffälligen Verhalten, mit zunehmenden sozial-emotionalen und körperlichen Problemen, dass die von uns gestaltete Umwelt ihnen eher schadet, als dass sie sie fördert.

Wenig Fachpersonal

Pädagogisches Fachpersonal, wie es im Rahmenerlass des Landes NRW empfohlen wird, könnte helfen. Die Realität sieht jedoch folgendermaßen aus: 

Eine intensive, professionelle und stabile Begleitung könnte den Kindern helfen, die schwierige Situation an den Schulen zu kompensieren. Erziehung und eine damit verbundene positive Einflussnahme ist nur durch verlässliche Bezugs- und Beziehungspersonen möglich. 

  • Es gibt an den Offenen Ganztagsschulen kaum oder gar keine pädagogischen Fachkräfte. 
  • Betreuungskräfte, ob mit oder ohne pädagogischer Ausbildung, sind kaum zu finden, da die Rahmenbedingungen abschrecken (mangelnde Bezahlung, Zeitverträge statt Festanstellungen, obligatorische Teilzeitverträge, meist auf 17 Stunden beschränkt, die eine Existenzsicherung nicht möglich machen)
  • Betreuungskräfte haben oftmals mangelnde sprachliche und fachliche Kompetenzen, wodurch pädagogische Einflussnahme erschwert wird. 
  • Durch den anhaltenden Personalmangel sind die Betreuer:innen häufig stark belastet und die Betreuungsarbeit reduziert sich auf Verwahrung und Krisenintervention, wobei pädagogisches Arbeiten kaum möglich ist.
  • Da es keine rechtlichen Qualitätsstandards für die OGS gibt, befinden sich die Mitarbeitenden oftmals in Unsicherheit und Unklarheit. 

Aus all den geschilderten Faktoren ergibt sich ein Zustand, der besorgniserregend ist und in allen Richtungen große Probleme bereits jetzt mit sich bringt – und in Zukunft noch verstärkt bringen wird.

Rückschritte statt Fortschritte

Ein Umdenken von Seiten der Stadt und des Landes ist dringend notwendig, um unseren Kindern gerecht zu werden und das pädagogische Personal abzusichern. Diese Verantwortung lässt sich nicht auf Wohlfahrtsverbände, Gemeinden und Fördervereine abwälzen.

Seit 25 Jahren bin ich als Dozentin in der Qualifizierung von OGS-Mitarbeiter:innen tätig, somit seit der Einführung der OGS. Ich erlebe also hautnah, wie sich die Situation der Kinder, der Betreuer:innen und der allgemeinen Rahmenbedingungen in der OGS verändert haben. Ich bin zutiefst beunruhigt, dass eher Rückschritte als Fortschritte zu verzeichnen sind. 

Hochmotivierte OGS-Beschäftigte

Ich erlebe zum großen Teil hochmotivierte OGS-Mitarbeiter:innen in meinen Seminaren und bin oft beeindruckt, wie liebevoll und einsatzbereit sie den OGS-Alltag versuchen zu gestalten. Und gleichzeitig erfahre ich, wie sie an ihre Belastungsgrenze stoßen und verzweifelt sind. Um das System aufrecht zu erhalten, müssen sich die Arbeitsbedingungen verändern.

Die Kinder sind heutzutage einen hohen Anteil ihres Alltags in Schule und OGS. Es prägt sie und wird zu ihrer Realität. Wir stehen in der Verantwortung, diese Realität bestmöglich zu gestalten, damit die Kinder die Möglichkeit haben, sich optimal in ihrer Ganzheit entwickeln zu können zu achtsamen, selbstsicheren, wertschätzenden, kreativen, freien Menschen. 

Qualitätsstandards für OGS

Dies ist nicht nur für jedes einzelne Kind und dessen Persönlichkeitsentwicklung wichtig, sondern wir brauchen selbst- und gemeinschaftsbewusste heranwachsende Menschen, damit diese in der Zukunft für uns und unser Zusammenleben gut sorgen. Es sind die Kinder von heute, die unsere Zukunft gestalten werden. Es ist wert, sich für sie und ihre Bildung und Erziehung einzusetzen!

Daher geht mein Appell an alle Beteiligten, an die Eltern und Großeltern, an OGS- und Schulmitarbeiter:innen, an die Kinder und an alle Ehrenamtler in dem Bereich, die Missstände offenzulegen und sich für bessere Bedingungen sichtbar einzusetzen. 

Vor allem wende ich mich aber an die Politiker unserer Städte und des Landes: Es ist höchste Zeit, den Fokus auf unsere Bildungseinrichtungen zu legen und Qualitätsstandards für Offene Ganztagsschulen zu erstellen und einzuhalten, um für eine gute Zukunft für uns alle zu sorgen. Jetzt!

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  1. Ich habe von 2007 – 2016 selber an verschiedenen OGS´sen gearbeitet (von Gruppen bis Einrichtungsleitung) und kann nur bestätigen, dass sich bereits damals jährlich die Rahmenbedingungen für Mitarbeiter und die Kinder jährlich verschlechtert hat: überfüllte Gruppe, unzulängliche Gruppenräume, fehlende Mensaplätze, kaum Bewerbungen auf offene Stellen, geringer Stellenanteil mäßige Bezahlung,…

    Dagegen standen hohe Anmeldezahlen und die Anspruchshaltung der Eltern, ihr Kind individuell zu betreuen und auf alle Extra-Wünsche einzugehen. So kann Ganztagsbetreuung nicht gelingen! Wenn gute Qualität gewünscht ist, müssen sich die Rahmenbedingungen gravierend ändern, sonst reicht es nur zur Verwahrung der Kinder und nicht zu Förderung.

    1. oOOhh Ja.
      in dem Bereich war ich auch mal tätig .. u.a.
      unterirdische Bezahlung,
      überfüllte Räume.. alles was Sie geschrieben haben
      Alles lange schon bekannt — soviel zum “warte – Modus”, müssen wir mal schauen, mal prüfen, mal nen Stuhlkreis machen, mal diskutieren, mal ne Auswertung schreiben lassen bla bla aaaaa

      traurig