Bis zu 300 Jahre alt sind die imposanten Esskastanien im Park von Haus Lerbach, ein Drittel der insgesamt 650 Bäume sind älter als 100 Jahre. Zu vielen der ungefähr 50 Bauarten kann der Kulturlandschaftspfleger Michael Müller einiges sagen. Bei einer ersten Baum-Erkundungstour führte er jetzt durch den englischen Landschaftsgarten und machte auch deutlich, wieviel Pflege ein Baum benötigt.
Der Park Haus Lerbach ist bekannt für seine Baumvielfalt. Es sind um die 650 Bäume, 33 Gattungen und 50 Baumarten auf einer Fläche von 26 Hektar. In diesem englischen Landschaftsgarten der späten Epoche (1899-1900) setzen die Bäume farb- und formgebende Akzente, bewirken stimmungsvolle Gartenbilder in harmonischer Einheit mit der Parkarchitektur.
Nach einigen allgemeinen Parkführungen standen jetzt diese Bäume im Fokus, bei einer Baumerkundungstour mit Michael Müller. Der ausgewiesene Baumkenner und Kulturlandschaftspfleger erklärte einem interessierten Publikum anschaulich einzelne Bäume. „Ich freue mich, anderen die Schönheit und Ästhetik von Bäumen näherzubringen, aber auch zu verdeutlichen, was ein Baum an Pflege braucht,“ sagte Müller.
Pflege und Kontinuität sind angesagt. Noch immer ermitteln Baumkontrolleure des Fachbetriebs Sturmberg im Auftrag der neuen Besitzer von Haus und Park Lerbach, welche nachhaltige Pflege- und Schutzmaßnahme jeder einzelne Baum benötigt. Dazu muss jeder Baum einzeln geprüft und erfasst werden – und der Park weiterhin geschlossen bleiben.

Es ist von Vorteil, dass die Baumpfleger den Park von früheren Arbeiten kennen – auch wenn das 30 Jahre zurückliegt. Die Begutachtung hat nun ergeben, dass noch rund 200 Bäume aus der Entstehungszeit um 1900 stammen – wie zum Beispiel die Platane und die Linde am Rande des Parkwalds.
Besonders imposant ist eine Uraltlinde am Rande der Wiese, aus deren Stamm sich acht einzelne Stämme gebildet haben.
Albert Brodersen, der Parkschöpfer, hatte den damaligen barocken Garten in einen englischen Garten umgestaltet. Aus dieser Zeit sind viele Bäume noch vorhanden.
Michael Müller geht davon aus, dass die Esskastanien links zur Eibenallee (Foto ganz oben) sogar noch aus der barocken Zeit stammen – und bis zu 300 Jahre als sind.
Zwei Gartenfreunde in Lerbach: Anna Zanders und Albert Brodersen
Den Park von Haus Lerbach verdankt Bergisch Gladbach vor allem zwei Berlinern: Die „Schloss“-Herrin Anna Zanders und der Gartengestalter Albert Brodersen teilten vor gut 100 Jahren ihre Garten- und Naturliebe und schufen in Bergisch Gladbach ein grünes Refugium, das in seinen Grundzügen nach wie vor erkennbar ist – und mit der Sanierung von Schloss Lerbach wieder zur Blüte gebracht wird.
Im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte werden Bäume krank und anfällig. Auch sie haben eine begrenzte Lebensdauer.
Während der weiter laufenden Untersuchungen, welche Bäume Sicherheitsrisiken bergen, kann der Park nur in Begleitung besucht werden. Zudem sind aufgrund der laufenden Bauarbeiten Bereiche des Parks großräumig gesperrt. Auch beim botanischen Spaziergang konnten einige Bäume daher nur aus der Ferne erkundet werden.


Michael Müller hatte jedoch vorgesorgt. Zu den Bäumen, die nicht zu sehen waren, präsentierte er Anschauungsmaterial. Manchem fiel es bei schwer, den gebotenen Abstand zu den Bäumen zu wahren. Die Neugierde war groß, sich dem Baum zu nähern.
Die uralte Hängebuche, vom Eingang aus in direktem Blickwinkel, verführte mit ihren tiefhängenden Ästen regelrecht dazu. Diese Buche war früher bei den Kindern als Versteck besonders beliebt, erinnerten sich jetzt einige Parkbesucher:innen.
Lebendige Gartenkunstwerke
Die Teilnehmer:innen erhielten einen eindrucksvollen Einblick, wie im Park akzentuiert Bäume verschiedenster Farbnuancen gepflanzt sind. Das „Gemischte Grün“ (Fachjargon der Landschaftsgärtner) fällt überall im Park auf. Diese Vielfalt an Grüntönen ergibt sich durch diverse Baumarten, Blattform und -farben.
Albert Brodersen nannte es „sorgfältig aufgebaute Gehölzmassen“. Akzentuiertes Pflanzen bedeutet u.a., mit Bäumen weiträumige Rasenflächen in einzelne Gartenräume (-zonen) zu unterteilen.
Dies ist besonders deutlich auf der Wiese links der Eibenallee zu erkennen. Hier grenzen ein Tulpenbaum, ein Ahorn und eine Linde in gerader Linie den Gartenraum dahinter in Richtung ehemaliges Schwimmbad ab. Die Linde pflanzte 2012 eine Hochzeitsgesellschaft und war ursprünglich für diese Baumreihe nicht vorgesehen.
Erkunden Sie mit unserer Panoramatour Schloss Lerbach von innen und außen. Ein Doppelklick öffnet und schließt die volle Ansicht, mit der besten Wirkung auf einem größeren Bildschirm, auf dem Handy im Querformat. Sie können über die blauen Punkte und die Navigation oben verschiedene Perspektiven ansteuern. Sie können die Ansicht drehen, Details heranzoomen. Hinter den roten Symbolen finden Sie Texte, historische und aktuelle Fotos. Manche Infos sind ein wenig versteckt. Die Aufnahmen wurden im Frühjahr 2023 gemacht.
Über die Fundamente des ehemaligen Schwimmbads hinweg führte die Route bei der Führung bis zum Rand des Parkwaldes. Diese Bäume am Horizont bilden einen Rahmen für die gestaltete Landschaft.
Die Blicke in zwei leere Bilderrahmen veranschaulichten, was ein Gartenbild ausmacht. Mit jedem Schritt veränderte sich die perspektivische Betrachtung. Dazu boten die Bäume an diesem Nachmittag eine gute Kulisse.


Fürst Hermann Pückler, dessen Gartenliteratur die beiden Parkschöpfer Anna Zanders und Alber Brodersen kannten, brachte es auf den Punkt: „Die Kunst des Pflanzens von Bäumen besteht darin, sie so anzuordnen, dass sie von verschiedenen Ansichten in immer neuer Konstellation erscheinen, ohne sofort zu merken, dass es die gleichen Bäume sind.“
Das charakteristische im Park Lerbach ist seine Lebendigkeit und Vielfältigkeit. Dazu tragen die aufeinander abgestimmten Bäume maßgeblich bei. In ihrer Farbenvielfalt bewirken Bäume positive Stimmungen. Die Parkbesuchter:innen erlebten, wie düster und melancholisch Nadelgehölze und wie belebend Bäume mit hellem Laub wirken können.
Ein kleiner dunkler Gartenraum vis-a-vis des grünen Pavillons bot ein solch düsteres Schauspiel. Auf dem Weg dorthin am Teichufer wachsen Erlen, die es feucht mögen.
Von hier aus ist der einzige Ginkgo im Park nahe dem Turm gut sichtbar. Man pflanzte ihn seinerzeit bewusst hierhin, um die Einheit von Bauten und Natur zu dokumentieren.

Hinter den Nadelgehölzen mit Lebensbäumen und Douglasien entfaltet sich eine Lichtung. Hier schlängelt sich der Lerbach entlang, von Erlen, Ahorn und, Co im Zickzack flankiert.

Nichts ist dem Zufall überlassen
Man pflanzte seinerzeit auch nach der Symbolik. Bäume als Bedeutungsträger. Linden symbolisieren z. B. Frieden, Spitzahorne Harmonie, Tulpenbäume und Magnolie Anmut und Schönheit. Aus dem Holz des Amberbaumes werden Möbel und Papier gewonnen, möglicherweise eine Anspielung auf die Papierindustrie der Zanders.
Es ist kein Zufall, dass sich am Parkeingang eine Allee mit zehn Eiben befindet, die schnurstracks zum Herrenhaus führt. In vielen Kulturen gilt die Eibe als Baum des Übergangs. Hier ist der Übergang vom Außenbezirk, dem Lerbacher Wald, zum Park gemeint.
Die Eibe ist der einzige Baum im Park, der wie in barocken Gärten üblich auf Form („Topiary“) geschnitten wurde. Heute hat sich die Natur alles zurückerobert und die Kugeln sind nur noch zu erahnen.
Direkt hinter der Brücke an der Auffahrt links zum Herrenhaus begrüßen wie zwei Wächter ein hoher Tulpenbaum und eine Stileiche die Parkbesucher:innen. Eine Teilnehmerin assoziierte spontan das Ehepaar Zanders mit diesen beiden Bäumen. Der große Tulpenbaum sei Anna Zanders und stelle ihr langes Leben dar. Der kleinere Baum sei Richard Zanders, der jung verstarb.
Das Bürgerportal begleitet die Wiedergeburt von Schloss Lerbach und die Wiederherstellung des Parks über die Jahre hinweg. Die Beiträge dazu finden sie unten, hier eine Auswahl der Fotos unseres Fotografen Thomas Merkenich aus den letzten Jahren:










Wie doch diese Gartenbilder die Phantasie beflügeln und positive Stimmungen wecken. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie Bäume auf markante Aussichten, z. B. auf Brücken, Parkbauten, Wegabzweigungen oder Eingänge verweisen.
Eine Teilnehmerin der Führung lobt die Ruhe, die diese majestätischen Baumgiganten ausstrahlen: „Ich habe Respekt vor diesen alten Bäumen, die bereits alles erlebt haben. Dies gibt mir Trost und Hoffnung“. Ein anderer ergänzt: „Es war wundervoll, zauberhaft nach 40 Jahren wieder im Park sein zu können.“
Zeitzeugen berichten: Schloss Lerbach, wie es früher war
Unsere Autorin Annette Voigt führt Gruppen durch den geschlossenen Park von Schloss Lerbach und erfährt dabei viele Geschichten aus der Vergangenheit. Vom Feuerwerk am Teich, Picknicks im Park, dem Schwimmbad am Rondell oder dem Shuttleservice mit Hubschraubern. Hier kommen neun Zeitzeugen zu Wort.
Lebendige Park- und Kulturgeschichte
Michael Müller wählte Bäume aus, die einen guten Einblick in die ursprüngliche Gestaltung dieses englischen Landschaftsgartens bieten, u.a. Solitärbäume wie die beliebte Esskastanie, die wie eine Skulptur als Blickfang fungiert.
Bäume in Gruppen „Clumps“ sind asymmetrisch in unterschiedlichen Abständen angeordnet, um die Monotonie des Rasens aufzulockern. Auch exotische Bäume, u.a. Ginkgo, Douglasie, Amberbaum oder Tulpenbaum zählten zu seinem Repertoire.
Für die Parkschöpfer war es wichtig ihren Park für die Nachwelt zu erhalten. Da passten Bäume, die Kraft, Stärke und Ausdauer assoziieren, gut ins Gestaltungskonzept. Kastanien, Eichen, Douglasien oder Ginkgo sind solche Bäume.
Viele Bäume haben jedoch ihre Kraft eingebüßt, wie die kränkelnde Rosskastanie mit lichter Krone an der Auffahrt zum Herrenhaus oder die abgestorbene Eibe, versteckt im Kreis von Lebensbaum und Douglasie.


Douglasie und Eibe. Fotos: Annette Voig, Steffi Krampe-Koppenhagen
Park der Zukunft
Bäume unterliegen dem Wandel der Natur und leiden unter dem Klimawandel. Sie verändern, wenn sie nicht regelmäßig zurückgeschnitten werden, ihre Proportionen, werden höher, nehmen an Volumen zu, bilden dichtere Kronen. Die Bäume machen sich dann gegenseitig den Platz zum Wachsen streitig. Sie wachsen hoch und streben dem Licht entgegen.
Die Besucher:innen konnten dies an der Platane und der Linde am Parkwald beobachten. Die Linde verkümmert im Schatten der großen Platane und bleibt klein, während sich die Platane daneben immens ausbreitet. Dieses unkontrollierte Wachsen hat zur Folge, dass sich ursprüngliche Erscheinungsbilder der Gartenanlage verändert haben.
Wie der Lerbacher Park wieder glänzen soll
Der britische Gartendesigner Pip Morrison und die Landschaftsarchitektin Andrea Lechte haben die Herausforderung angenommen, den verwilderten Park von Haus Lerbach zurück zur alten Pracht zu verhelfen, eng am historischen Vorbild und mit behutsamen Eingriffen. Im Gespräch erläutern sie erstmals, was genau geplant ist. Und welche Entdeckung sie gemacht haben.
Viele Bäume im Park leiden unter den aktuellen Witterungsverhältnissen. Die Bäume der Zukunft sind daher klimaresistent. Für die bevorstehende Nachpflanzung sind Bäume geplant, die gut mit Hitze, Trockenheit und Starkregen zurechtkommen werden. Im Park Haus Lerbach sollen es voraussichtlich u.a. Rhododendron, Magnolien, Traubeneichen, Edelkastanien, europäische Eichen, Lavendel-Weiden, gewöhnlicher Schneeball, Schwarz-Erlen oder Steineiche sein.
Albert Brodersen ist aktueller denn je. Er stellte bereits um 1910 fest, dass die sorgsame Rücksichtnahme auf vorhandene Bäume die Voraussetzung für die gute Wirkung von Haus und Park sei. Das Naturdenkmal, der Park, lebt von und mit seinen Bäumen und hat trotz ungebändigter Natur und Klimawandel nichts an Ausstrahlungskraft verloren.
„Ich wollte den Bäumen im Park mehr Aufmerksamkeit verleihen, die ihnen meines Erachtens lange Zeit fehlte“, sagte Michael Müller zum Abschluss.


Wenn Bäume erzählen könnten, dann vielleicht auch etwas zu dem 80-jährigen Geburtstag des Landes NRW. Denn unsere Stadt hat dazu nichts zu erzählen, nichts zu erinnern und nichts zu feiern. Schade eigentlich.